Supply-Chain-Resilienz und digitale Transformation Lieferketten: Nach der Krise ist vor der Krise

Ein Gastbeitrag von Maximilian Kissel*

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Eine Krise jagt die nächste: Kaum erholt sich die Wirtschaft von der Corona-Pandemie, schon bekommt sie die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs zu spüren. Das zieht wiederum massive Folgen für produzierende Unternehmen nach sich. Neben steigenden Energiepreisen und mangelnden Rohstoffen machen ihnen Lieferkettenprobleme zu schaffen.

Eine produktzentrische Strategie erhöht die Resilienz von Unternehmen und bereitet sie auf künftige Krisen besser vor.
Eine produktzentrische Strategie erhöht die Resilienz von Unternehmen und bereitet sie auf künftige Krisen besser vor.
(Bild: Halfpoint - stock.adobe.com)

In der Vergangenheit haben Unternehmen oftmals auf Just-in-Time-Produktion umgestellt und können deshalb nicht auf Lagerbestände zurückgreifen. Material- und Produktionsfluss sind exakt aufeinander abgestimmt, sodass Rohstoffe und Komponenten genau zu dem Zeitpunkt geliefert werden, wenn man sie in der Produktion braucht. Das reduziert zwar Kosten, macht Unternehmen aber auch verwundbar, wenn es einmal zu Problemen in der Lieferkette kommt.

Zusätzlich sind durch Single Sourcing hohe Abhängigkeiten entstanden. Das zunehmend unberechenbare Geschäftsumfeld erfordert eine grundsätzlich neue Herangehensweise, um Lieferkettenprobleme künftig zu vermeiden. Dabei umfasst Supply-Chain-Resilienz zwei Aspekte: Einerseits das Risiko unterbrochener Lieferketten zu reduzieren und andererseits auch in schwierigen Situationen lieferfähig zu bleiben.

Lieferketten-Transparenz vorausgesetzt

Resilienz und Lieferfähigkeit beginnt mit der Transparenz über sämtliche Abhängigkeiten im Produktportfolio – bestenfalls mit Hilfe einer Lösung, die diese übersichtlich in einer Cloud-Anwendung darstellt. So sehen Entscheider auf einen Blick, welche Kernkomponenten, Kernprodukte und Kernkunden besonders von einzelnen Lieferanten abhängen. Sie können schnell erkennen, welche Auswirkungen der Ausfall eines oder mehrerer Lieferanten hätte oder im konkreten Fall wirklich hat. Außerdem können sie priorisierte Probleme identifizieren, Maßnahmen definieren, Aufgaben verteilen sowie komplexe Entscheidungen kollaborativ treffen und umsetzen.

Technische Grundlage dafür bildet ein Enterprise Digital Twin, der aus ERP- und anderen verfügbaren Daten errechnet wird. Dieses Modell klassifiziert das gesamte Produktportfolio in Kerngeschäft, strategisches Nebengeschäft und Portfolioballast. Unternehmen können den Enterprise Digital Twin auf komplexe Muster durchsuchen, Ereignisse simulieren und verschiedene Szenarien abwägen. Das ermöglicht es ihnen, die strategisch besten Maßnahmen auswählen. Sie können ihre Lieferkette langfristig resilienter machen, ihr Portfolio optimieren und Kosten reduzieren. So kommen sie nicht nur schneller aus der Krise, sondern fördern auch künftigen Geschäftserfolg.

Lieferantenbasis stabilisieren

Auch ihre Lieferantenbasis sollten Unternehmen einmal genau unter die Lupe nehmen. Wie sicher sind die Zulieferer aufgestellt und wie hoch ist das Ausfallrisiko? Wie steht es um finanzielle Stabilität, Lieferperformance, Lieferqualität und Preis-Leistungsverhältnis? Wie stabil ist zum Beispiel die politische Lage in der Region des Lieferanten? Gibt es klare Verhältnisse in der Unternehmensführung? Auch die Größe spielt eine Rolle, denn sehr kleine Lieferanten haben eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit. Bringt man solche Informationen mit einer Product-Mining-Lösung zusammen, lässt sich die Kritikalität und die Auswirkung eines Lieferausfalls auf einzelne Produkte und Kunden auswerten.

Neben klassischen Kriterien zur Lieferantenbewertung sollten resilienzrelevante Themen in die Analyse einfließen: Wie wichtig sind diese Lieferanten für den eigenen Erfolg? In welchem Umsatzvolumen werden dort Komponenten bezogen – aber viel wichtiger – wie viel des eigenen Umsatzes hängt an diesen Komponenten? Wenn von risikobehafteten Partnern erhebliche Umsätze abhängen, ist es empfehlenswert, zur Sicherheit zusätzliche oder alternative Quellen aufzutun. Dabei sollte man allerdings darauf achten, dass sich diese in verschiedenen geographischen Regionen befinden, damit sie nicht gleichzeitig von Naturkatastrophen oder politischen Krisen betroffen sind.

Außerdem sollten Unternehmen prüfen, in welchen Mengen sie Kernkomponenten bei einem Lieferanten bestellen. Denn wenn es einmal zu Lieferengpässen kommt, wird dieser seine wichtigen Kunden priorisieren. Daher kann es sinnvoll sein, mehrere ähnliche Kleinaufträge bei einem Lieferanten zu bündeln, um dort an Relevanz zu gewinnen.

Komplexität im Produktportfolio herausnehmen

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Resilienz besteht zudem darin, die breite Angriffsfläche in großen Produktportfolios zu reduzieren. In vielen Unternehmen ist die Zahl der Produkte, Varianten und Komponenten über die Jahre hinweg auf ein riesiges Geflecht angewachsen. Hinzu kommt eine große Menge an Ersatzteilen für Produkte, die schon seit Langem nicht mehr im Programm sind. Je komplexer das Portfolio, desto größer ist das Risiko, dass es zu Problemen in der Lieferkette kommt. Die Verkleinerung der Angriffsfläche bedeutet zuerst einmal, das Programm zu bereinigen und dessen Komplexität zu reduzieren. Dazu gehört zum einen, dass man unnötige Bauteilvarianten eliminiert und relevante Bauteile Schritt für Schritt standardisiert.

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Zum anderen sollten Unternehmen Produkte und Komponenten, die sie nicht mehr benötigen, ausphasen. Das macht das Portfolio übersichtlicher und reduziert Kosten. Auch hier kann ein Enterprise Digital Twin helfen: Er identifiziert strategisch wichtige Komponenten, Produkte und Kunden. So wird ausgeschlossen, dass versehentlich Zweige abgeschnitten werden, deren Fehlen sich später schmerzlich bemerkbar macht.

Product Mining als Basis digitaler Transformation

Produktzentrische Datenanalysen sind nicht nur wichtig für eine stabile Lieferkette, sie bilden auch die Grundlage für eine erfolgreiche digitale Transformation. Oftmals legten Unternehmen in der Vergangenheit ihren Fokus auf die Optimierung der Prozesse. Sinnvoll wäre es jedoch, vor dem „Wie“ das „Was“ zu klären. Nicht, dass man Prozesse für letztendlich überflüssige Produkte unter die Lupe nimmt und mit den knappen Ressourcen obsolete Technologien und Prozesse optimiert.

Dabei geht es bei den Ansätzen Product Mining und Process Mining um Mittel und Zweck. Das Produkt ist der Zweck der unternehmerischen Tätigkeit: Mit ihm generieren Unternehmen Kundennutzen und verdienen Geld. Die Prozesse sind das Mittel, um dorthin zu kommen.

Wenn man große Entscheidungen zunächst an den Produkten trifft, dann wird es im Anschluss viel einfacher, die Prozesse zu optimieren, weil manches vielleicht gar nicht mehr gemacht werden muss. Die Produkte sind daher nicht nur der zentrale Hebel für resiliente Lieferketten, sondern auch für eine erfolgreiche digitale Transformation und nachhaltigen Unternehmenserfolg.

* Über den Autor
Dr.-Ing. Maximilian Kissel ist Mitgründer, Geschäftsführer und CGO der Soley GmbH. Er hat an der TU München Maschinenwesen studiert und promoviert. In seiner Dissertation „Mustererkennung in komplexen Produktportfolios“ legte er den Grundstein für die Unternehmensgründung von Soley. Als Chief Growth Officer treibt er Wachstumsthemen und den Ausbau strategischer Partnerschaften voran.

Bildquelle: Soley

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