Wertschöpfungskette Der Digitale Produktpass als Motor der Kreislaufwirtschaft

Ein Gastbeitrag von Ricky Thiermann* 4 min Lesedauer

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Recycling und Second-Life-Konzepte setzen verlässliche Daten zu Produkten voraus. Der Digitale Produktpass schafft dafür eine verbindliche Grundlage. Ab 2027 wird er Schritt für Schritt eingeführt.

Der digitale Produktpass begleitet Produkte von der Herstellung bis zum Recycling und legt damit das Fundament für eine echte Kreislaufwirtschaft.(Bild: ©  Day Of Victory Stu. - stock.adobe.com)
Der digitale Produktpass begleitet Produkte von der Herstellung bis zum Recycling und legt damit das Fundament für eine echte Kreislaufwirtschaft.
(Bild: © Day Of Victory Stu. - stock.adobe.com)

In einigen Jahren erreichen in Europa Millionen Fahrbatterien von Elektroautos und E-Bussen das Ende ihrer Erstnutzung. Damit rücken Recycling- und Second-Life-Konzepte in den Blick. Denn die Batterien besitzen auch weiterhin einen erheblichen Restwert. Sie lassen sich als stationäre Energiespeicher nutzen oder als Ressource für neue Batterien. Dafür sind allerdings verlässliche Informationen notwendig, zum Beispiel über die Herkunft der Rohstoffe, die chemische Zusammensetzung, die bisherigen Ladezyklen sowie Angaben zu Wartung und Reparatur. Ohne diese Daten keine Kreislaufwirtschaft. Genau hier setzt der Digitale Produktpass (DPP) an.

Er dokumentiert den gesamten Lebenszyklus eines Produkts und nennt Herstellerangaben, Produktionsort, Seriennummer sowie Modellbezeichnung. Hinzu kommen Informationen zur Materialzusammensetzung, zu kritischen Rohstoffen, zu Recyclinganteilen und zum CO₂-Fußabdruck. Reparatur- und Demontagehinweise unterstützen Werkstätten und Recyclingunternehmen. Die Hersteller können bei Bedarf dynamische Daten ergänzen, etwa Nutzungsprofile oder Zustandskennzahlen. Dadurch wird der DPP die zentrale, aber unsichtbare Infrastruktur, die Akteure entlang der Wertschöpfungskette verbindet. Ab Februar 2027 ist er verpflichtend für Batterien. Danach wird er schrittweise für weitere Produktgruppen eingeführt. Unternehmen sollten sich bereits jetzt auf den DPP vorbereiten.

Digitale Identität für den Datenzugriff

Am Beispiel von Fahrbatterien zeigt sich, wie der Ansatz in der Praxis funktioniert. Jede Batterie erhält beim Hersteller eine eindeutige digitale Identität und einen Aufkleber mit einem QR-Code. Darüber lässt sich ein strukturierter Datensatz abrufen, der alle notwendigen Produkt-, Lebenszyklus- und Zustandsdaten enthält. Betreiber von E-Busflotten können zum Beispiel entscheiden, ob eine Batterie im Fahrzeug verbleibt, in eine stationäre Anwendung wechselt oder dem Recycling zugeführt wird. Damit werden Second-Life-Konzepte planbar, weil der tatsächliche Zustand dokumentiert ist. Gleichzeitig entsteht Transparenz für Aufsichtsbehörden und Partner entlang der Wertschöpfungskette.

Ein wichtiges Merkmal des DPP ist die rollenbasierte Zugriffssteuerung, denn nicht jede Information ist für jede Zielgruppe geeignet. Grundlegende Nachhaltigkeitsdaten sind allen Verbrauchern frei zugänglich. Sensible Angaben, etwa zu Lieferanten oder Rezepturen, bleiben geschützten Nutzergruppen vorbehalten. Technisch basieren diese Informationen auf strukturierten, maschinenlesbaren Datensätzen, die klar definierten Datenmodellen folgen. Für einen Hersteller ist der Produktpass eine Erweiterung der bestehenden Datenarchitektur. Eine spezialisierte Plattform wie von Spherity bietet Schnittstellen zu bestehenden ERP-, Qualitäts- und Produktionssystemen. Alle Produktdaten werden automatisch übernommen und aktualisiert und stehen somit nach dem Aufruf des QR-Codes direkt zur Verfügung.

Regulatorischer Rahmen mit strategischem Potenzial

Der Digitale Produktpass ist mehr als ein digitales Werkzeug, er ist Teil einer umfassenden europäischen Nachhaltigkeitsstrategie. Mit der EU-Batterieverordnung wird der digitale Batteriepass ab Februar 2027 zunächst für bestimmte Batterietypen verpflichtend. Parallel erweitert die Ökodesign-Verordnung ESPR (Ecodesign for Sustainable Products Regulation) den Ansatz auf weitere Produktgruppen, unter anderem Textilien, Möbel, Stahl, Aluminium und Elektronik. Es geht der EU darum, isolierte Informationen zu Produkten nicht länger auf eine Vielzahl von PDFs, Tabellen oder Portalen zu verteilen. Stattdessen bildet der Produktpass einen einheitlichen Zugriffspunkt pro Produkt.

Er hat darüber hinaus strategische Perspektiven. So lassen sich beispielsweise automatisierte Berichte für Behörden direkt aus den DPP-Daten erzeugen. Gleichzeitig entsteht eine Grundlage für neue Serviceangebote, etwa die vorausschauende Wartung auf Basis der aktuellen Zustandsdaten. Notwendige Reparaturen können transparent dokumentiert werden. Es sind sogar neue Geschäftsmodelle denkbar, etwa datenbasierte Marktplätze für gebrauchte Komponenten. Recyclingunternehmen erhalten präzise Angaben zur Materialzusammensetzung und Anweisungen für die Demontage der Produkte. Die Hersteller wiederum gewinnen Informationen über Nutzungsmuster und können in der Folge Konstruktion und Materialwahl optimieren. Daran wird deutlich, dass in der Kreislaufwirtschaft ein Produktlebenszyklus nicht mit dem Verkauf endet, sondern ebenfalls Nutzung, Weiterverwendung und Verwertung umfasst.

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Herausforderungen bei der Einführung

Die Einführung eines digitalen Produktpasses erfordert eine gründliche Vorbereitung. In vielen Unternehmen sind produktrelevante Informationen auf zahlreiche Systeme verteilt. Die Daten liegen in ERP-Anwendungen, Qualitätsdatenbanken oder Lieferantenportalen. Hinzu kommen Dokumente in unterschiedlichen Formaten. Um einen belastbaren Produktpass zu erstellen, müssen diese Datenquellen identifiziert, konsolidiert und harmonisiert werden. Anschließend sollten die Unternehmen ihre Datenmodelle vereinheitlichen und die Verantwortlichkeiten für die Aktualisierung klar festlegen.

Doch die Umsetzung des DPP bleibt anspruchsvoll. Die Digitalisierungsgrade der Unternehmen sind nicht in jeder Branche gleich. So sind beispielsweise die Automobil- und Elektronikindustrie komplexe Datenflüsse gewohnt. Andere Sektoren wie etwa die Möbelindustrie müssen hierfür zunächst grundlegende Prozesse aufbauen.

Unternehmen, die frühzeitig in Datenqualität, Systemintegration und organisatorische Klarheit investieren, schaffen damit Planungssicherheit. Der digitale Produktpass verleiht ihren Produkten ein digitales Gedächtnis. Das stärkt die Steuerungsfähigkeit entlang globaler Lieferketten und wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Der Digitale Produktpass verbindet regulatorische Anforderungen mit technologischer Infrastruktur und bildet damit das Fundament einer datengetriebenen Kreislaufwirtschaft.


* Der Autor Ricky Thiermann ist Leiter des Produktmanagements bei Spherity und Experte für digitale Produktpässe (DPPs), dezentrale Identitäten und europäische digitale Vertrauensinfrastrukturen. Seine Produktstrategie legt den Schwerpunkt auf den digitalen Produktpass (DPP), Self-Sovereign Identity (SSI) und Datenräume, die im Einklang mit EU-Vorschriften stehen. Daneben ist er am European Business Wallet-Ökosystem EUBW sowie der Catena-X-Expertengruppe beteiligt. In seiner Arbeit verbindet er regulatorische Anforderungen, Standardisierungsbemühungen und skalierbare Produktlösungen.

Bildquelle: Spherity

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