Agile Entwicklungsmethoden

Bimodale IT als Digitalisierungsbeschleuniger

| Autor / Redakteur: Jan Webering* / Florian Karlstetter

Von außen nach innen: So funktioniert die digitale Transformation.
Von außen nach innen: So funktioniert die digitale Transformation. (Bild: gemeinfrei (Burst / Unsplash) / Unsplash)

Immer wieder scheitern Digitalisierungsversuche, die eine umfassende Modernisierung der Firmenkultur, der Prozesse sowie der grundlegenden IT-Infrastruktur erzwingen wollen. Insbesondere bei komplexen Organisationsstrukturen ist es weitaus erfolgsversprechender, die digitale Erneuerung am Frontend zu beginnen, in erfolgreichen Projekten agile Arbeitsweisen zu implementieren und so die Unternehmens-DNA nachhaltig zu verändern.

Digitalisierung bietet Organisationen zahlreiche Möglichkeiten, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern – angefangen bei einer verbesserten Kommunikation durch Collaboration-Tools über Effizienz- und Produktivitätssteigerungen bis hin zur Erschließung komplett neuer Geschäftsfelder. Soweit die Theorie – denn in der Praxis sehen sich Entscheidungsträger regelmäßig mit großen – teilweise sogar unüberwindbaren – Herausforderungen konfrontiert. Ob Deutsche Bank, Lidl oder der Otto-Konzern: Die Liste an Unternehmen, deren digitale Großprojekte aufgrund ausufernder Komplexität und Kostenexplosionen gescheitert sind oder eingestellt wurden, ist lang.

Dass die genannten Beispiele keine Ausnahmefälle sind, zeigt eine aktuelle repräsentative etventure-Studie (PDF). Den Ergebnissen zufolge sehen sich lediglich 42 Prozent der befragten Teilnehmer als „sehr gut“ oder „gut“ auf die digitale Transformation vorbereitet. Insgesamt stellen die 2.000 Führungskräfte aus deutschen Unternehmen mit einem Mindestumsatz von jährlich 250 Millionen Euro dem Wirtschaftsstandort Deutschland bei der Digitalisierung nur die Note „3,3“ aus. Als größte Hindernisse in ihren eigenen Verantwortungsbereichen nennen sie den Kampf gegen bestehende Strukturen (58 Prozent) sowie die fehlende Erfahrung mit nutzerzentriertem Vorgehen (51 Prozent).

Kundenfokus als Antrieb

Eine radikale Fokussierung auf Nutzer ist heute von herausragender Bedeutung, da sich die Erwartungshaltung von Verbrauchern und Mitarbeitern an digitale Services durch Angebote von Unternehmen wie Netflix, Spotify oder Amazon grundlegend verändert hat. Optisch ansprechende und einfach zu bedienende Interfaces werden inzwischen als Standard angesehen und Kunden erwarten sie von ihrer Versicherung genauso wie von ihrem Energieversorger oder ihrer Bank. Auch bei unternehmensinternen Lösungen gilt: Die Akzeptanz durch potenzielle User ist der Schlüssel zum Erfolg. Auf Anwendungen wird dann gerne zurückgegriffen, wenn ihre Schnittstellen selbsterklärend sind, sie Abläufe bestmöglich unterstützen und sie ohne Verzögerungen und effizient zum gewünschten Ziel führen.

Insbesondere traditionelle Betriebe mit einer historisch gewachsenen IT-Infrastruktur, deren Umfang und Komplexität stetig mit den betrieblichen Anforderungen gewachsen ist, stehen hier jedoch vor Schwierigkeiten. Der Grund: Damit User Interfaces auf Daten in den Kernsystemen zugreifen können, müssen sie sich an die dort vorhandenen Strukturen und Vorgaben anpassen. Die (Alt-)Systeme im Backend sind jedoch in erster Linie auf Stabilität und Sicherheit ausgerichtet, um einen reibungslosen Ablauf des alltäglichen Geschäfts sowie die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen zu garantieren. Um diese Aufgaben zu erfüllen, spiegeln sie oftmals komplexe interne Prozesse und organisatorische Abhängigkeiten wider. Sie flexibel und fortwährend auf neue Technologien und Kundenerwartungen anzupassen, ist mindestens mit extrem hohem Aufwand verbunden. Selbst wenn die Umsetzung solch umfassender Projekte gelingt, sind die dabei entwickelten Lösungen viel zu oft schon längst wieder überholt und somit unbrauchbar, bevor sie überhaupt Verwendung finden.

Bimodale IT als Digitalisierungsbeschleuniger

Einen belastbaren Lösungsansatz, der die agile Entwicklung moderner User Interfaces unterstützt, haben die Marktforscher von Gartner bereits im Jahr 2014 präsentiert. Ihr Modell einer „bimodalen IT“, auch „IT der zwei Geschwindigkeiten genannt“, beschreibt die Eigenschaften und Aufgaben des Frontends als flexibles und schnelles Pendant zum stabilen und langsamen Backend. Die jeweiligen Aufgaben sind klar unterteilt: Das Backend zeichnet verantwortlich für Serverkontinuität, Kostenoptimierung und Effizienz des eigenen Unternehmens, das Frontend dient der Implementierung von Innovationen und muss sich schnell und unkompliziert an sich stetig verändernde Gegebenheiten anpassen. Wenn beide IT-Elemente die ihnen zugedachten Aufgaben erfüllen, ist sowohl technologisch als auch organisatorisch die Möglichkeit gegeben, unterschiedliche und sich stetig weiterentwickelnde Anforderungen zu erfüllen.

Um beispielsweise Web-Interfaces oder Apps von der restlichen IT-Infrastruktur im Unternehmen zu entkoppeln, braucht es eine Technologie wie die von Sevenval entwickelte Middleware couper.io. Diese separate Kommunikationsschicht extrahiert über exakt passende Schnittstellen sämtliche benötigte Informationen und Funktionen aus dem Backend und übermittelt sie an die Benutzerschnittstellen. Die sowohl Stabilität als auch Zuverlässigkeit gewährleistenden Systeme bleiben dabei unangetastet, so dass neue Frontend-Lösungen entkoppelt, dynamisch und schnell entstehen können.

Ein weiterer Vorteil: Die neuen User-Interfaces lassen sich in zeitlich überschaubaren Phasen mit begleitenden Anwendertests entwickeln. Durch diese Herangehensweise können im Entstehungsprozess immer wieder Teilergebnisse präsentiert und bei Bedarf die Zielbilder auf Basis der Ergebnisse neu justiert werden. Teure Change Requests, die in klassischen Projekten im Wasserfallmodell nicht unüblich sind, werden somit vermieden. Zudem ist sichergestellt, dass das Endresultat tatsächlich den Bedürfnissen der Anwender entspricht.

Iteratives Vorgehen verändert Mindset

Um sowohl die neue IT-Architektur als auch die mit ihr einhergehenden agilen Arbeitsweisen nachhaltig zu verankern, empfiehlt sich die Realisierung der neuen Lösungen in gemischten Entwicklerteams, die sich aus Developern des Kunden und Dienstleisters zusammensetzen. Zwar erfordert das transparente Vorgehen nach dem Trial-and-Error-Prinzip in traditionellen Unternehmen ein grundlegendes Umdenken. Dafür sorgen erste greifbare Teilerfolge, die zeitnah präsentiert und verprobt werden können, für eine größere Akzeptanz und helfen, das Silodenken in unterschiedlichen Geschäftsabteilungen zu überwinden. Nicht nur das mittlere Management kann durch eine regelmäßige Kommunikation über den Fortschritt überzeugt werden, sondern auch sämtliche weiteren Angestellten im Unternehmen. Selbstverständlich motiviert es auch die Mitarbeiter im Projekt, auf konkrete Erfolge verweisen zu können.

Jan Webering, CEO Sevenval Technologies GmbH.
Jan Webering, CEO Sevenval Technologies GmbH. (Bild: Sevenal Technologies)

Mittelfristig wird derart die Etablierung agiler Entwicklungsmethoden selbst in traditionell nicht-agilen Umfeldern ermöglicht. Aus dem Kampf gegen bestehende Strukturen, der bei Digitalisierungsinitiativen von innen nach außen üblich ist, wird beim umgekehrten Vorgehen ein automatisch fortschreitender Prozess des Kulturwandels. Letztlich entsteht ein positives Klima der Fehlertoleranz. Gepaart mit der richtigen Technologie erlaubt diese Rahmenbedingung die dauerhafte Entwicklung von Produkten und Services, die optimal auf die Bedürfnisse von Anwendern abgestimmt sind. Es zeigt sich: Organisationen können bereits bei ihren ersten Frontend-Projekten von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren. Gleichzeitig legen sie mit ihnen den Grundstein für eine umfassende digitale Erneuerung, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass diese aufgrund zu hoher Komplexität oder ausufernder Kosten scheitert.

Der Autor: Jan Webering ist Mitbegründer und CEO der Sevenval Technologies GmbH. Seit 1999 unterstützt der Web Frontend Pionier aus Köln mit seinem Team komplexe Organisationen bei der digitalen Transformation. Sevenval, wurde für seine Frontend-Lösungen vielfach ausgezeichnet und zählt internationale Konzerne wie Mercedes Benz, Douglas, Allianz, HDI, FAZ, Postbank und andere zu seinen Kunden.

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