Während SAP auf „Cloud First“ setzt, wächst bei Unternehmen die Sorge vor einer Cloud-Only-Zukunft. Datenschutz, Kosten und Kontrolle stehen auf dem Spiel – doch hybride Lösungen bieten Spielraum für strategische IT-Entscheidungen.
SAP zeigt mit ihrer aktuellen Produktstrategie eine klare Cloud-Priorisierung. Bleibt Anwenderunternehmen jetzt nur noch die Option, diesen Weg mitzugehen?
(Bild: Visual Odyssey - stock.adobe.com)
Die IT-Landschaft vieler Unternehmen steht vor einem entscheidenden Wandel: SAP setzt verstärkt auf Cloud-Technologien und bietet innovative Funktionen bevorzugt für cloudbasierte Versionen von S/4HANA an. Dies führt zu intensiven Diskussionen, insbesondere bei Unternehmen, die in On-Premises-Lösungen investiert haben oder dies planen. Die Sorge wächst, dass SAP mit einer konsequenten, sogenannten Cloud-Only-Strategie den Druck auf Kunden erhöht, vollständig in die Cloud zu migrieren. Diese Entwicklung wirft Fragen hinsichtlich strategischer Planung, Kontrolle über unternehmenskritische Daten und zukünftiger Investitionen auf.
Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Strategien zu bewerten. Während einige bereits erste Schritte in Richtung Cloud unternommen haben, sind andere noch zögerlich. Entscheidende Faktoren sind dabei nicht nur technische Aspekte, sondern auch wirtschaftliche Überlegungen und regulatorische Anforderungen. Denn ein Wechsel zur Cloud bedeutet auch, sich mit Themen wie Datenschutz, Abhängigkeiten von Anbietern und langfristigen Lizenzmodellen auseinanderzusetzen. Doch eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass hybride Lösungen weiterhin möglich sind und Unternehmen Spielraum für individuelle IT-Strategien bleibt.
Was hinter „Cloud First“ oder „Cloud Only“ steckt
Die Begriffe „Cloud First“ und „Cloud Only“ sind essenziell für das Verständnis der SAP-Strategie. Während „Cloud First“ bedeutet, dass neue Innovationen vorrangig für die Cloud entwickelt und erst später – wenn überhaupt – für On-Premises-Systeme verfügbar gemacht werden, steht „Cloud Only“ für die exklusive Bereitstellung bestimmter Funktionen in der Cloud. SAP kommuniziert offiziell eine Cloud-First-Strategie, jedoch führt die zunehmende Einschränkung von On-Premises-Optionen zu der Vermutung, dass langfristig eine Cloud-Only-Ausrichtung angestrebt wird. Dies sorgt für Bedenken hinsichtlich Abhängigkeiten, Lizenzkosten und Datenschutzfragen – besonders, weil viele Hyperscaler ihren Sitz außerhalb der EU haben und Unternehmen dadurch befürchten, nicht die volle Kontrolle über ihre Daten zu behalten.
SAP betont zwar die Wahlfreiheit für Unternehmen, doch die schrittweise Fokussierung auf Cloud-Angebote macht es für Unternehmen zunehmend schwieriger, ihre On-Premises-Investitionen langfristig aufrechtzuerhalten. Besonders kritisch sehen viele Unternehmen die mögliche Einschränkung von Support- und Update-Zyklen für On-Premises-Systeme. Langfristig stellt sich daher die Frage, ob SAP seine Kunden nicht doch sanft in Richtung „Cloud Only“ bewegt.
On-Premises oder Cloud im Vergleich
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen klassischen On-Premises- und Cloud-Lösungen ist die Datenhoheit. On-Premises-Systeme ermöglichen Unternehmen vollständige Kontrolle über ihre IT-Infrastruktur und sind oft das Ergebnis langjähriger Investitionen. Cloud-Lösungen hingegen, ob in der Public oder Private Cloud, bieten Skalierbarkeit und flexible Betriebsmodelle. Während die Public Cloud standardisierte Services mit geringerem Anpassungsspielraum bereitstellt, bietet die Private Cloud eine Mischung aus Flexibilität und Kontrolle. Technologisch betrachtet unterscheidet sich die Private Cloud kaum von einer On-Premises-Lösung, sodass Unternehmen zunehmend hybride Modelle bevorzugen, die beide Ansätze miteinander verbinden.
Unternehmen müssen in diesem Zusammenhang verschiedene Kriterien berücksichtigen. Dazu gehören die langfristigen Kosten für Wartung und Betrieb, die Sicherheit der eigenen Daten sowie die Möglichkeit, individuelle Anpassungen vorzunehmen. Während Cloud-Anbieter den Vorteil bieten, dass Unternehmen sich nicht mehr um Infrastruktur kümmern müssen, bleibt die Frage offen, inwieweit die gebotenen Lösungen den individuellen Geschäftsanforderungen gerecht werden.
Die vertraglichen Modelle „Rise“ und „Grow“
Mit „Rise with SAP“ und „Grow with SAP“ bietet das Unternehmen Vertragsmodelle an, die S/4HANA-Lizenzen mit zusätzlichen Services kombinieren. Diese Konzepte erleichtern Unternehmen den Zugang zu Cloud-Technologien wie der Integration Suite oder der Analytics Cloud, die die Interoperabilität zwischen On-Premises- und Cloud-Anwendungen fördern. Die Integration Suite ersetzt beispielsweise klassische Middleware-Lösungen und zeigt, dass SAP einen sanften Übergang in die Cloud ermöglicht, anstatt eine vollständige Migration zu erzwingen. Dennoch bleibt die Frage offen, inwieweit diese Vertragsmodelle langfristige Flexibilität gewährleisten und wie sich Lizenzkosten über die Jahre entwickeln.
Besonders für mittelständische Unternehmen stellt sich die Frage, ob sich der Umstieg auf „Rise“ und „Grow“ lohnt. Während große Unternehmen oft bereits über Cloud-Erfahrungen verfügen, sind kleinere Unternehmen stärker auf individuelle Beratung angewiesen. Hier ist es entscheidend, die langfristigen Vertragsbedingungen genau zu prüfen, um sicherzustellen, dass das Modell tatsächlich zur eigenen IT-Strategie passt.
Stand: 08.12.2025
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SAP Business Technology Platform als Brücke zwischen Welten
Ein wesentliches Element hybrider Strategien ist die SAP Business Technology Platform (BTP). Sie verbindet Cloud-Services mit bestehenden On-Premises-Systemen und ermöglicht Unternehmen, Cloud-Funktionalitäten nahtlos zu integrieren. Der SAP-Cloud-Connector stellt dabei eine sichere Verbindung zwischen lokalen Systemen und Cloud-Anwendungen her.
Auch das neue Cloud ALM als Nachfolger des Solution Managers lässt sich über die BTP in bestehende IT-Landschaften integrieren. Diese hybride Brückenfunktion erleichtert Unternehmen den schrittweisen Wandel und zeigt, dass SAP nicht ausschließlich auf eine radikale Cloud-Only-Transformation setzt.
Cloud als Innovationstreiber Cloud und Beschleuniger von Entwicklungen
Ein entscheidender Vorteil der Cloud-Strategie liegt in der Innovationsgeschwindigkeit. Neue Funktionen lassen sich in der Cloud schneller bereitstellen, da SAP Updates zentralisiert ausrollt. On-Premises-Systeme bleiben dagegen in einem langsameren Innovationszyklus, da Unternehmen selbst für die Implementierung neuer Releases verantwortlich sind. Dennoch ermöglicht die BTP auch On-Premises-Nutzern den Zugriff auf moderne Technologien wie KI-gestützte Analyse-Tools oder maschinelles Lernen. Somit bietet die Cloud nicht nur Effizienzgewinne, sondern auch Zugang zu innovativen Geschäftsmodellen.
Entscheidung mit Weitblick: Hybrid bleibt eine Option
Die strategische Entscheidung zwischen einer reinen Cloud- oder einer hybriden IT-Landschaft ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Während Sicherheits- und Datenschutzbedenken für einige Unternehmen ausschlaggebend sind, bieten hybride Modelle die Möglichkeit, bestehende Investitionen zu bewahren und gleichzeitig von Cloud-Innovationen zu profitieren. Dennoch erfordert der Betrieb hybrider Systeme einen erhöhten Verwaltungsaufwand für die IT-Abteilungen.
Flexibilität als Erfolgsfaktor
Die strategische Neuausrichtung von SAP zeigt eine klare Cloud-Priorisierung, doch hybride Modelle bleiben weiterhin eine realistische Alternative. Der Erfolg hängt von einer genauen Analyse der technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Technologien wie die BTP ermöglichen es Unternehmen, ihre bestehende IT-Landschaft schrittweise mit Cloud-Lösungen zu erweitern, ohne sofort vollständig auf eine Cloud-Architektur umsteigen zu müssen.
Die Wahl zwischen „Cloud First“ oder „Cloud Only“ sollte daher anhand individueller Unternehmensziele getroffen werden. Unternehmen, die den Wandel aktiv gestalten und ihre IT-Strategie flexibel ausrichten, können langfristig von Innovationen profitieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken.
* Der Autor Tim Schlömp ist Senior Consultant bei der Abat AG.