Proof-of-Concept in der Cloud 5 Tipps für eine gelungene Cloud-Migration

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Schuster*

Anbieter zum Thema

Quasi sofort einsatzbereit und ohne operativen Aufwand – ganz so einfach ist der Umzug in die Wolken dann doch nicht. Wer in einem Proof-of-Concept (PoC) die „Cloudtauglichkeit“ von Anwendungen und IT-Umgebungen testen will, sollte fünf Best Practices berücksichtigen.

Die Auswahl der zu migrierenden Anwendung, die Wahl der Cloud (Private vs. Cloud) sowie die technischen Herausforderungen beim Abbilden von Abhängigkeiten und beim Messen von Erfolgskennzahlen – eine Cloud-Migration hat es in sich.(Bild:  gemeinfrei /  Pixabay)
Die Auswahl der zu migrierenden Anwendung, die Wahl der Cloud (Private vs. Cloud) sowie die technischen Herausforderungen beim Abbilden von Abhängigkeiten und beim Messen von Erfolgskennzahlen – eine Cloud-Migration hat es in sich.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Mit dem Proof-of-Concept (PoC) können IT-Verantwortliche Best Practices in der Praxis testen und Risiken auf dem steinigen Weg in die Cloud lokalisieren, ehe sie ihren Rucksack mit Anwendungen schnüren und sich endgültig in Richtung Gipfel aufmachen. Das Problem: Vielen PoCs geht schon nach kurzer Strecke die Puste aus. Cloud-Initiativen bleiben im halbfertigen Zustand zurück, stoßen auf unüberwindbare technische Probleme oder scheitern an Kosten- und Ressourcenfragen. Am Ende der von langer Hand vorausgeplanter Exkursion, laufen dann nur ein paar kleinere Experimente in der Cloud, während der Rest der IT-Infrastruktur am Boden zurückbleibt.

Nach dem State of the Cloud Report 2022 von Flexera ist die Cloud-Migration für 73 Prozent der Unternehmen eine Herausforderung. Zu schaffen machen insbesondere das Application Dependency Mapping (53 %), die technische Machbarkeitsprüfung (48 %) und der Kostenvergleich von Cloud und On-Premises (41 %). Wer seine ersten Schritte aus dem Rechenzentrum macht, ist deshalb gut beraten, fünf grundlegende Tipps zu berücksichtigen.

1. Die Qual der Wahl (der Anwendung)

Die Cloud eignet sich nicht für jede Anwendung. Jedes Unternehmen jedoch hat Anwendungen im IT-Portfolio, bei der sich ein Umzug lohnt. Geht es darum ein IT-Asset für einen Cloud-Testlauf herauszupicken, dürfen PoC-Teams daher durchaus wählerisch sein. Die Anwendung sollte nicht künstlich konstruiert sein, sondern einen echten geschäftlichen oder technologischen Bedarf innerhalb des täglichen Unternehmensbetriebs abdecken. Von hochkomplexen, monolithischen Applikationen lässt man besser die Finger und konzentriert sich stattdessen auf ein Projekt, dass mit großer Wahrscheinlichkeit in 30 bis 60 Tagen eine Migration ermöglicht. Auch bei besonderen Anforderungen hinsichtlich Sicherheit und/oder Compliance ist Vorsicht geboten.

Die Cloud bietet schnelle Bereitstellung, Skalierbarkeit und eine höhere Agilität beim Verarbeiten von Workloads. Zu diesem Profil sollte die ausgewählte Anwendung passen. Als gute Testballons gelten z. B. mobile Apps sowie Anwendungen rund um Social Media, Big Data oder Batchverfahren. Eine gänzlich neue Lösung bietet mehr Spielraum als eine bestehende Applikation im Rechenzentrum, da sie von Beginn an für die Ausführung in der Cloud konzipiert werden kann und keine aktuellen Anforderungen erfüllen muss. Im Idealfall gewinnt das Unternehmen nach Ende des PoC so ein neues IT-Asset, das echten ROI abwirft.

Trotzdem steht die Entwicklung einer neuen Anwendung beim Cloud-Test nicht unbedingt im Vordergrund. Es geht vornehmlich um den Lerneffekt und die Verbesserung des Cloud-Migrations-Prozesses. Die Grundregel lautet: Schrittweise beginnen, auf Erfolge aufbauen und langsam, aber sicher die Komplexität steigern.

2. Copy-Paste funktioniert nicht

Auch wenn es verführerisch ist: Eine Copy-Paste-Taste für die Cloud-Migration, um die gewählte Anwendung 1:1 in der Cloud nachzubilden, gibt es nicht. Virtuelle Maschinen (VM) sind keine Cloudinstanzen und lassen sich nicht einfach verschieben. In der Regel ist die IT-Landschaft in Unternehmen von unten nach oben aufgebaut: Es beginnt bei der Hardware, gefolgt von der Installation von Hypervisoren und Betriebssystemen und schließt mit der Bereitstellung von Anwendungen. Bei einer erfolgreichen Cloudimplementierung wird dieser Ansatz auf den Kopf gestellt. Der Fokus liegt zunächst auf der Anwendung und fragt erst im zweiten Schritt, welche Anforderungen die Cloudinfrastruktur bieten muss, um diese auszuführen.

Um Klarheit zu schaffen, ob sich die für den PoC ausgewählte Anwendung für die Cloud eignet und welche Auswirkungen die Migration auf andere Assets in der IT-Landschaft hat, ist ein Business Service-Mapping nötig. Ein automatisierter Bottom-Up-Approach bildet Abhängigkeiten ganzheitlich ab und schafft Transparenz. Die damit gewonnene IT Visibility verrät, wie die zu migrierende PoC-Anwendung mit anderen Applikationen in Verbindung steht und welche Abhängigkeiten zu beachten sind.

3. Public vs. Private: Wo fällt der Startschuss?

Steht die Anwendung fest, gilt es als nächstes die Cloud zu bestimmen. Grundsätzlich haben Unternehmen die Wahl zwischen Public Cloud (z. B. Amazon Web Services (AWS), Google Cloud Platform (GCP), IBM Cloud, Oracle Cloud und Microsoft Azure) und Private Cloud (z. B. basierend auf OpenStack, CloudStack und VMware vSphere).

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Die größten Herausforderungen der Cloud-Migration: Abhängigkeiten zwischen Anwendungen verstehen und die technische Machbarkeit beurteilen.(Bild:  SOTC 2022 Flexera)
Die größten Herausforderungen der Cloud-Migration: Abhängigkeiten zwischen Anwendungen verstehen und die technische Machbarkeit beurteilen.
(Bild: SOTC 2022 Flexera)

Selbst wenn die Private Cloud das erklärte Endziel ist, lohnt es sich beim PoC in der deutlich agileren Public Cloud zu starten. Public Clouds nutzen oft die gleichen Hypervisoren und Orchestrierungstechnologien wie Private Clouds. So kann sich das PoC-Team schnell und einfach mit der Cloudtechnologie vertraut machen, ohne viel Zeit und Geld investieren zu müssen. Läuft die Anwendung in der Public Cloud kann sie in der Private Cloud bereitgestellt werden.

Private Clouds sind zum Beispiel eine gute Wahl für Applikationen, die hohe Rechenleistung benötigen. Während Public Clouds nur eine begrenzte Anzahl von Hardwareoptionen bieten, können Unternehmen in der Private Cloud so viele Cores und Leistung einsetzen, wie es das Budget erlaubt. Sicherheit und Compliance – z. B. wenn es um sicherheitskritische Systeme und Anwendungen geht (KRITIS) – sind ebenfalls gute Gründe, Anwendungen über die Private Cloud bereitzustellen.

4. Die Crux mit den technischen Anforderungen

Kaum ist die PoC-Anwendung in der Cloud geht es an die Optimierung. Auf technischer Seite gibt es viele Hürden zu meistern. Erfahrungsgemäß bereitet das größte Kopfzerbrechen die Speicherleistung, die mit der gewohnten Power des eigenen Storage Area Networks (SAN) anfangs oft nicht mithalten kann. Hier lohnt sich ein Blick auf alternative Cloud-Anbieter, die eine einstellbare IOPS-Leistung bieten oder eine Kombination aus Bare-Metal- und Cloud-Servern bereitstellen.

Eine Kombination aus Bare-Metal-Server für Hochleistungsspeicher und Cloud-Servern für elastische Workloads kann die Performance deutlich steigern. In Rechenzentren belegen Unternehmen häufig mehrfach Speicherplatz und installieren dasselbe Volume auf mehreren Servern gleichzeitig. Bei Cloud-Speicher ist dies nicht immer möglich. In manchen Fällen lassen sich diese Einschränkungen jedoch umgehen, indem Unternehmen z. B. Dateisysteme wie GlusterFS für die gemeinsame Verwendung von Speicherplatz in der Cloud nutzen.

Hinsichtlich der Leistungsfähigkeit gilt es zudem die Lizenzierung und die damit verbundenen Kosten zu berücksichtigen. Wird die PoC-Anwendung zum Beispiel nach physischen CPU-Kernen oder Hosts bemessen? Oder basiert sie auf einem nutzungsbasierten Modell? Im Test sollte klar werden, welcher Cloud-Anbieter die jeweils optimalen Konditionen bietet und mit welchen Rabattaktionen sich Kosten weiter reduzieren lassen.

Wer innerhalb des PoCs spezielle Anforderungen für Sicherheit und Compliance erfüllen muss, sollte eine Festplattenverschlüsselung und ein Virtual Private Network (VPN) in Betracht ziehen, um Daten sowohl im Ruhezustand als auch bei der Übertragung zu schützen.

5. Messen, Analysieren, Optimieren

Ein PoC macht nur Sinn, wenn am Ende Kennzahlen vorliegen, um den Erfolg des Migrations-Projekts objektiv beurteilen zu können. Die mit dem Cloud-PoC verbundenen Ziele können stark voneinander abweichen. Einige grundsätzliche Parameter gibt es jedoch trotzdem. Dazu gehört die Frage nach der geschäftlichen Agilität: Wie zeit- und kostenintensiv gestaltete sich die Migration? Und welche Vorteile sind mit der neuen Cloud-Anwendung für Mitarbeiter entstanden? Lassen sich geschäftliche Anforderungen und Chancen jetzt beispielsweise deutlich schneller und flexibler managen? Oder kann die IT neue Services nun auch kurzfristig in zusätzlichen Regionen anbieten? Der technologische Mehrwert gibt dabei den ROI an, der mit der neuen Anwendung in der Cloud möglich ist.

Die Abbildung von Abhängigkeiten zwischen Anwendungen und Business-Services ist wichtig für die Bewertung und Planung der Infrastruktur und für die genaue Analyse der Workloads, die in die Cloud migriert werden sollen.(Bild:  Flexera)
Die Abbildung von Abhängigkeiten zwischen Anwendungen und Business-Services ist wichtig für die Bewertung und Planung der Infrastruktur und für die genaue Analyse der Workloads, die in die Cloud migriert werden sollen.
(Bild: Flexera)

Am deutlichsten lässt sich der Erfolg der Cloud-Anwendung jedoch an den Kosten messen. Insbesondere die Public Cloud bietet hier eine hohe Transparenz und ermöglich einen Vergleich zwischen Cloud-Kosten und On-Premises-Kosten. Die Einsparungen, die durch den niedrigeren Wartungs- und Administrationsaufwand in der Cloud entstehen, gehören ebenfalls in die Kostenkalkulation.

Die Analyse der PoC-Ergebnisse offenbart zudem weiteres Optimierungspotenzial rund um die Cloud. Vielleicht finden Teams neue Ansatzpunkte, um bestimmte Routineaufgaben zu automatisieren. Möglicherweise ist es Zeit, über die Implementierung eines Selfservice-Portals nachzudenken, um Geschäftsanwendern und Entwicklern einen einfachen Zugang zu Cloud-Ressourcen bereitzustellen. Oder der Test deckt Lücken in der technischen Bewertung von Business Services oder innerhalb der IT-Asset-Daten auf. Am Erfolg des Cloud-PoC ändert das nichts – zumindest dann nicht, wenn man ihn unabhängig vom Ergebnis als eine wichtige Lessons Learned auf dem Weg in die Cloud versteht.

* Über den Autor
Wolfgang Schuster ist seit 2021 bei Flexera und berät in seiner Rolle als Business Value Advisor Konzerne sowie Groß- und Mittelstandsunternehmen bei Fragen rund um das Lizenz- und Software Asset Management (SAM) und Cloud Management. Dabei blickt er auf mehr als 20 Jahren Erfahrung als Business Senior Consultant zurück. 2010 gründete er gemeinsam mit Partnern die European SAM Academy, die erste Trainingsplattform in Deutschland für standardisierte SAM-Schulungen, und baute in Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland beim Großkunden Volkswagen als First Mover ein Zertifizierungsprogramm auf.

Bildquelle: Wolfgang Schuster

(ID:48638551)