ERP-Experte Oracle ist bekanntlich der größte Konkurrent der SAP, selbstredend muss das Unternehmen in unserer Reihe „ERP-Systeme aus der Cloud“ auftauchen. Im Gespräch mit CloudComputing-Insider legt Niels Jensen, Vice President Cloud Applications Oracle Deutschland, die Strategie des Unternehmens für Europa dar.
ERP-Experte Oracle rechnet damit, dass die Mehrzahl der Unternehmen in allen Branchen früher oder später den Schritt in die Cloud wagen werden.
Oracle steht für Enterprise Ressource Planning (ERP), das ist klar. Mittlerweile steht der Name aber auch für Cloud-Infrastructure- und Software-as-a-Service-(SaaS)-Lösungen in Form von Cloud-Applikationen wie Fusion ERP und NetSuite Cloud ERP. Sowohl mit dem ERP als auch den Cloud-Angeboten hat Oracle im Geschäftsjahr 2023 ein weltweites Wachstum verzeichnet, erklärte Niels Jensen, Vice President Cloud Applications Oracle Deutschland, gegenüber CloudComputing Insider.
Für das gesamte Geschäftsjahr hat Oracle einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar ausgewiesen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gewinn stieg um 27 Prozent auf 8,5 Milliarden US-Dollar. Dafür waren nach Angaben der Konzernlenkerin Safra Catz zunehmend die gestiegenen Cloud-Umsätze verantwortlich, die allein im letzten Quartal einen Umsatz von 4,4 Milliarden US-Dollar generiert haben.
Warum aber sollten sich Anwender für Systeme von Oracle entscheiden? Eine Frage, die sich gerade Unternehmen im Stammland der SAP stellen. „Der Vorteil der ERP-Cloud-Lösung von Oracle ist, dass ein Unternehmen, wenn es wächst, die Applikation skalieren kann“, antwortet Jensen. „Kunden haben die Möglichkeit flexibel mit einer Lösung, zum Beispiel einer Finanzlösung, zu starten und später je nach Bedarf andere, neue Funktionen hinzuzufügen.“ Unterm Strich unterscheide sich Oracle durch seine umfassende und funktional komplett integrierte Public Cloud-Lösung von anderen Anbietern auf dem Markt.
Oracle EU Sovereign Cloud für deutsche Kunden
In den USA ist Oracle führend, während in Europa die SAP dominiert. In Deutschland verfügt Oracle laut Jensen für seine cloud-basierte ERP-Lösung vorrangig über Manufacturing-Kunden, die noch keine SAP-Historie aufweisen. Besonders interessant sei die Lösung für Unternehmen, die Regularien unterworfen sind, also Unternehmen aus dem Finanz- oder Verteidigungsbereich oder dem öffentlichen Sektor. „Wegen des Datenzugriffs, der Datensouveränität und Compliance Regeln hatten solche Unternehmen in der Vergangenheit Bedenken, moderne Public Cloud-Dienste und SaaS-Anwendungen zu nutzen und konnten von den Vorteilen nur sehr eingeschränkt profitieren“, so der Vice President.
Speziell für sie bietet Oracle seit kurzem die European Sovereign Cloud an – eine souveräne Cloud, die in Deutschland (und Spanien) gehostet wird: „Die European Sovereign Cloud und unsere ERP-Anwendungen berücksichtigen bereits sehr viele Regularien wie Pillar 2, ESG-Kriterien oder das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. So haben die Unternehmen eine Compliance-konforme Lösung an der Hand.“
Jensen berichtet von der Kundenfront, dass es grundsätzlich immer weniger Vorbehalte gegen den Einsatz von Clouds gebe, Oracle halte aber weiterhin beide Betriebsmöglichkeiten – Cloud oder On-Premises – im Produktportfolio vor. „Es gibt spezielle Programme, um Kundenumgebungen in die Cloud zu migrieren. Bei Neuimplementierungen hat eindeutig der Cloud-Ansatz die Nase vorn, was auch unsere Geschäftszahlen für das Finanzjahr 2023 zeigen.“ Betrachte man den On-Premises-Bereich separat, gehe der Trend hin zu Erweiterungen von Bestandssoftware.
„Wir nehmen wahr, dass es in vielen Geschäftsbereichen und Industrien für Unternehmen keine Herausforderung mehr ist, kritische Geschäftsprozesse in die Cloud zu bewegen, um die digitale Wertschöpfungskette abzubilden“, so der Experte. Wichtige Themen dabei seien selbstredend die Systemsicherheit und der Datenschutz, die Oracle mit industriespezifischen Lösungen adressiere.
Speziell in Deutschland haben Mittelständler mit ungünstigen Rahmenbedingungen zu kämpfen, zu denken wäre zum Beispiel an Lieferengpässe, „variable“ Gesetzesvorgaben oder hohe Energiekosten. „Wir sehen das und möchten die Unternehmen unterstützen“, so Jensen. Oracle biete daher etwa spezielle Migrationsleistungen an, um den reibungslosen Übergang zu Oracle-Lösungen zu erleichtern. „Eine weitere Herausforderung, der die KMUs momentan gegenüberstehen, ist die Nachhaltigkeit ihrer IT“, berichtet er weiter. „Oracle betreibt alle seine Rechenzentren in der EU mit erneuerbarer Energie und bietet Unternehmen somit eine Möglichkeit ihren Ökologischen Fußabdruck zu verkleinern und alte, ineffiziente eigenen Systeme abzulösen oder zu erweitern.“
Stand: 08.12.2025
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ERP wird intelligent
Typisch für den SaaS-Ansatz ist es, dass Weiterentwicklungen der Software kontinuierlich und schnell beim Anwender ankommen. Auch in diesem Jahr werden im Rahmen der Quartals-Updates hunderte Erweiterungen aktiviert, allen voran natürlich künstlich intelligente Funktionen (KI). Sie sollen für eine vereinfachte Datenerfassung, einen höheren Automatisierungsgrad sowie genauere Risiko-Managements und Analysen sorgen.
Niels Jensen, Vice President Cloud Applications Oracle Deutschland.
(Bild: Oracle)
„Oracle bietet bereits seit einigen Jahren Dienste an, die das gesamte Spektrum von KI- und Machine Learning (ML)-Technologien nutzen und eine Vielzahl von Anwendungsfällen unterstützen. Beispielsweise sind intelligente Dokumentenverarbeitung und ML-gestützte automatische Kontenzuordnung bereits integrierte Funktionen im Bereich der Finanzbuchhaltung“, berichtet der Manager.
Oracles Digital Assistant verwende zudem KI, um auf Chatanfragen mit natürlicher Sprache zu antworten und Routineaufgaben zu automatisieren. KI-Funktionen sorgten zusätzlich für die Personalisierung von Benutzeroberflächen. Anhand der Art, wie ein User navigiert, erkenne und lerne das System, welche Aktionen wie häufig ausgeführt werden – entsprechend werde dann die GUI individualisiert, so Jensen. „Im Fokus steht zudem, End-to-End-Prozesse mit minimalisiertem Integrationsaufwand zu ermöglichen.“ Weitere wichtige Themen seien die Entlastung der Nutzer von Routinetätigkeiten sowie nutzerfreundlicher Ready-to-use-Analysemöglichkeiten.
Auch bei Procurement-Anwendungen sei die KI-Unterstützung nicht mehr wegzudenken. Die KI analysiere Marktdaten, um validierte Lieferantenprofile, zeitnahe Alerts und Risikobewertungen zu generieren: „In Anwendungen für das Human Capital Management (HCM) sind ebenfalls bereits zahlreiche KI-gestützte Funktionen integriert. Mit Vorhersagen bei Einstellungsprozessen sowie individuellen Job-Empfehlungen für geeignete Mitarbeiter helfen sie Auswahlprozesse zu beschleunigen, die Stellenbesetzung zu optimieren und die Mitarbeiterbindung zu erhöhen. Noch in diesem Jahr werden Anwender der Oracle HCM-Cloud integrierte generative KI für viele weitere Anwendungsfälle nutzen können.“
Die Zukunft des ERP liegt in der Cloud
Angesichts ökonomischer Krisen, löchriger Lieferketten sowie stetig neuer Klima- und Datenschutzanforderungen braucht es nach Ansicht Jensens ERP-SaaS-Lösungen mit flexiblen, aber branchenspezifischen Anpassungs- und Integrationsmöglichkeiten. Eine über Jahrzehnte gewachsene, fragmentierte IT-Umgebung aus veralteten ERP-Lösungen behindere die Anwender dagegen nur: „Wir rechnen damit, dass die Mehrzahl der Unternehmen in allen Branchen früher oder später vom Schritt in die Cloud profitieren und dort vollständige End-to-End-Geschäftsprozesse abbilden will. Auch gehen wir davon aus, dass die Nachfrage nach Industry-Cloud-Angeboten stetig steigen wird“, so der VP Cloud Applications.
„Unser SaaS-Angebot beschränkt sich nicht nur auf ERP-Kernprozesse. Unsere neu entwickelte SaaS-Plattform bietet bereits heute auf Basis eines einheitlichen Datenmodells, umfassende, modulare und integrierte Standard-Funktionen für viele Bereiche. Das fängt bei der Finanzbuchhaltung sowie dem Controlling an und geht über das Supply Chain Management, den Vertrieb, den Service und das Marketing bis hin zum Personalmanagement. Unser Anwendungsportfolio umfasst darüber hinaus eine Vielzahl von marktführenden Branchenlösungen, die wir ebenfalls schon als SaaS zur Verfügung stellen können und die nahtlos mit unseren Standard-ERP-Services zusammenarbeiten.“