70 Prozent des europäischen Cloud-Markts befinden sich nach wie vor in US-Hand. Während Hyperscaler „souveräne“ Lösungen versprechen, zeigt die Praxis: Echte digitale Unabhängigkeit gibt es nur mit europäischen Anbietern. Und die funktionieren längst.
Wo ein Wille, da ein Weg. Echte digitale Souveränität gelingt laut Bernd Korz nur mit europäischen Clouds: Der US Cloud Act entlarvt „Sovereign“-Versprechen der Hyperscaler, der EU Data Act ändert daran wenig. Die Praxis zeigt: Mit den richtigen Anbietern sind DSGVO-Compliance, Performance und Kostensicherheit heute schon erreichbar.
Seit dem 12. September ist der EU Data Act endlich Realität. Die neuen Regeln versprechen europäischen Unternehmen und Verbrauchern mehr Kontrolle über ihre Daten: Cloud-Provider müssen Wechsel erleichtern, Preise transparent gestalten und Interoperabilität gewährleisten. Doch bei aller Euphorie übersieht der Gesetzgeber das fundamentale Problem: Echte Datenkontrolle ist eine Illusion, solange US-Recht über unsere sensiblen Daten entscheidet.
Der Data Act löst das Problem nicht
Denn was nützt die Freiheit zu wechseln, wenn Amazon, Microsoft und Google zusammen 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts beherrschen? Egal, ob Sie von AWS zu Azure oder von Google Cloud zu Microsoft 365 wechseln, Ihre Daten unterliegen in jedem Fall weiterhin US-amerikanischem Recht.
Anton Carniaux, Head of Corporate & Legal Affairs von Microsoft, bestätigte am 10. Juni 2025 vor dem französischen Senat unter Eid die Realität: Sein Unternehmen kann europäische Daten nicht vor US-Behördenzugriffen schützen. Der US CLOUD Act von 2018 erzwingt die Herausgabe unabhängig vom Speicherort. Besonders brisant: Microsoft erhält jährlich zwischen 2.400 und 3.500 Geheimhaltungsanordnungen – die betroffenen Kunden erfahren nie davon.
Diese „souveränen“ Lösungen haben einen Haken: Sie ändern nichts an der rechtlichen Realität. Ein US-Unternehmen bleibt ein US-Unternehmen, egal wo die Server stehen. Der Cloud Act verpflichtet zur Datenherausgabe.
SAP hat das verstanden. Der Walldorfer Konzern will über 20 Milliarden Euro in den Ausbau des Sovereign-Cloud-Angebots investieren. Das zeigt: Europäische Großunternehmen erkennen das Problem. Aber was ist mit dem Mittelstand?
Souveränität funktioniert – man muss es nur machen
Die gute Nachricht ist, dass europäische Alternativen existieren und zuverlässig funktionieren. Hetzner aus Gunzenhausen beweist täglich, dass Enterprise-Performance zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich ist. Das ist keine reine Marketing-Behauptung, sondern dokumentierte Realität bei vergleichbarer oder sogar besserer Leistung.
OVHcloud betreibt über 40 Rechenzentren weltweit, komplett in europäischer Hand. Die SecNumCloud-Zertifizierung zielt darauf ab, Schutz vor extraterritorialen Gesetzen wie dem US Cloud Act zu bieten und unterliegt ausschließlich europäischem Recht. Exoscale bietet Schweizer Datenschutz, Scaleway französische Innovation mit ARM-Prozessoren. Diese Anbieter eint mehr als nur der Standort Europa. Sie bieten echte technologische Souveränität ohne versteckte Abhängigkeiten.
Praxisbeispiel: So geht souveräne Cloud-Infrastruktur
Doch funktioniert das auch außerhalb von Konzernstrukturen und milliardenschweren Investitionen? Die Antwort liefert ein Blick in die Praxis. Bei Alugha praktizieren wir seit 2014, was andere noch diskutieren. Unsere mehrsprachige Videoplattform bietet automatische Transkription, Übersetzung in über 200 Sprachen, KI-basiertes Dubbing mit Voice-Cloning und segmentbasiertes Audio-Editing – alles läuft komplett auf europäischen Cloud-Diensten, und das sowohl aus Überzeugung als auch aus wirtschaftlicher Vernunft.
Die Cloud-Architektur zeigt, was möglich ist: Rechenintensive Workloads laufen bei Hetzner in Deutschland. Die globale Content-Auslieferung erfolgt über BunnyCDN, der Object Storage liegt in der OVHcloud mit 44 Rechenzentren weltweit. Für KI-Services nutzen wir europäische Anbieter wie Mistral AI aus Frankreich – DSGVO-konform und ohne US-Abhängigkeiten. Zusätzlich hosten wir verschiedene Open-Source-Modelle selbst, darunter Whisper für Transkriptionen und spezialisierte Modelle für Speaker-Erkennung und Audiobearbeitung. Alle kritischen Dienste betreiben wir auf eigener Infrastruktur in europäischen Rechenzentren.
Der wirtschaftliche Vorteil ist messbar: Wir haben keine überraschenden Preiserhöhungen, keine plötzlichen Service-Abschaltungen, dafür volle Kostenkontrolle und Planungssicherheit. Unsere Kunden, die von Bildungseinrichtungen über Großkonzerne bis hin zu Medienunternehmen reichen, profitieren von garantierter DSGVO-Compliance und europäischem Datenschutz.
Stand: 08.12.2025
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Souveränität ist nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Innovation. Im Gegenteil: Hetzners PUE-Wert von 1,13 übertrifft die meisten US-Rechenzentren. Und durch die Nutzung von Ökostrom spart das Unternehmen zusätzlich viele tausend Tonnen CO2 jährlich ein.
Ab Juli 2026 müssen neu in Betrieb genommene europäische Rechenzentren eine Abwärmenutzung nachweisen. Was manche als Bürokratie abtun, fördert auch Innovation: In Frankfurt heizen Datacenter schon heute Wohnungen. Server, die gleichzeitig Computing-Power und Fernwärme liefern – das ist europäische Ingenieurskunst.
Die wahren Kosten der US-Abhängigkeit und praktische Migrationswege
Die Migration zu europäischen Anbietern erfordert oft keine grundlegenden Architekturänderungen. Die meisten bieten S3-kompatible APIs, sodass bestehender Code meist ohne Änderungen läuft. Ein schrittweiser Ansatz über Development-Umgebungen oder Backup-Systeme ermöglicht risikoarme Performance- und Kostentests.
Die Kostenfrage geht dabei über reine Hosting-Gebühren hinaus. Man sollte die Risikokosten einrechnen, von drohenden Trump-Zöllen oder politisch motivierten Service-Einschränkungen bis zu DSGVO-Strafen bei Compliance-Verstößen. In dieser Gesamtbetrachtung sind europäische Anbieter nicht nur konkurrenzfähig, sondern bieten mit rechtlicher Planungssicherheit einen echten wirtschaftlichen Vorteil. Dabei liegen ihre Grundpreise oft sogar unter denen der US-Konkurrenz.
Handeln statt hoffen
Der EU Data Act ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht die Lösung. Solange der Großteil der europäischen Cloud-Infrastruktur in amerikanischer Hand liegt, ist digitale Souveränität nicht mehr als eine Illusion. Die EU-Kommission plant einen neuen „Cloud and AI Development Act" bis Anfang 2026. Mehr Papier, mehr Versprechen.
Dabei ist die Lösung so simpel wie überzeugend: Europäische Anbieter existieren, funktionieren und sind wirtschaftlich konkurrenzfähig. Was oft fehlt, ist der Mut, sich vom Herdentrieb zu lösen. Statt reflexhaft zu AWS oder Azure zu greifen, braucht es schlicht die Bereitschaft zu Innovation und eigenständigem Denken.
Als Mitglied der Bundesfachkommission KI des Wirtschaftsrats sehe ich es täglich: Unternehmen, die auf Souveränität setzen, gewinnen Vertrauen, sparen Kosten, schlafen ruhiger. Nicht aus reinem Idealismus, sondern aus Pragmatismus. Die Frage ist nicht, ob europäische Cloud-Souveränität möglich ist. Die Frage ist nur, ob Sie es wirklich wollen.
* Der Autor Bernd Korz ist CEO und Gründer von Alugha sowie Mitglied der Bundesfachkommission KI des Wirtschaftsrats der CDU. Seit 2014 betreibt er mit seinem Team eine vollständig souveräne, mehrsprachige Videoplattform.