9. Cloud Unternehmertag von Scopevisio Customer Centricity als Geschäftsmodell

Von Konrad Buck

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Konsequent cloud-basierende ERP-Software folgt dem Trend nach adaptiver Software, die sich eng am Nutzerbedarf statt starr an Absatzpotenzialen orientiert. Manche Anbieter gehen so weit, dass sie ihren unternehmerischen Erfolg davon abhängig machen, wie ernst sie von ihren Kunden bei dieser Vorgehensweise genommen werden. Das birgt Risiken.

Das Segment Cloud-ERP sorgt für Umbrüche im klassischen ERP-Geschäft und verspricht neuen Schub für das „datengetriebene Unternehmen“ und werde damit laut CEO Dr. Jörg Haas zur „Business Automation Plattform“.
Das Segment Cloud-ERP sorgt für Umbrüche im klassischen ERP-Geschäft und verspricht neuen Schub für das „datengetriebene Unternehmen“ und werde damit laut CEO Dr. Jörg Haas zur „Business Automation Plattform“.
(Bild: Scopevisio AG )

Doch die Methode hat einen unwiderstehlichen Reiz: Weil sie DevOps zum Mantra erklärt, setzt sie die im Netzzeitalter einzig mögliche Form der Entwicklung und Nutzung von Software kompromisslos um: Kooperation.

Generell erweist sich das kundenzentrierte Entwickeln und Vertreiben von Anwendungen nicht nur in der IT als Methode, um die gegenwärtigen Mega-Probleme mit Pandemie, Klimawandel und Populismus zumindest organisatorisch in den Griff zu kriegen. Nur wer ökonomisch und sozial nachhaltig interagiert, kooperiert und reagiert, kann die drohenden Verwerfungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abwenden oder mildern. Sowohl Anbieter also auch Anwender erkennen das und engagieren sich. Wir sprachen anlässlich des Cloud Unternehmertags in Bonn mit den Köpfen dieser neuen Konsequenz bei der Scopevisio AG.

Der 9. Cloud Unternehmertag des Bonner Cloud ERP-Spezialisten Scopevisio stand mit rund 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und 21 internen sowie neun externen Ausstellern ganz im Zeichen des „New Work“. Der Begriff, Synonym für neue Arbeitsbedingungen unter der Covid-Pandemie, ist inzwischen etwas abgegriffen. Aber er hat aktuell durch hohen Innovations- und Verdrängungsdruck der großen Plattformunternehmen (Tesla, AWS, MS, Meta, etc.) wieder erstaunlich viel neuen Drive bekommen. „New Work“ klingt heute wie selbstverständlich, ist im Unternehmensalltag aber längst nicht angekommen. Software, Prozesse und besonders die Motivationen der Mitarbeitenden passen meist nicht zum hohen Anspruch, der hinter „New Work“ steckt und dräut.

Scopevisio will dem mit einer grundsätzlich neuen Art von „inklusiver“ ERP-Software begegnen. Und dies mit einer zwar nicht ganz neuen, aber hierzulande bisher wenig praktizierten Art: Die Software wird gemeinsam mit Kunden und per Customer-Centricity-Prozedere sowie den Einsatz neuer Methoden und Technologien (neuronale Netze, KI/Mustererkennung, etc.) entwickelt und erweitert. Sie werde damit Gründer und CEO Dr. Jörg Haas zufolge zur „Business Automation Plattform“, Mitarbeiter mit individuellen Qualifikationen und funktionalen Verbindungen würden künftig „gesourced“.

Automatisierung soll FiBu überflüssig machen

Hierfür hatte Haas den Software-Anbieter im letzten Jahr massiv umgebaut, neue Leute in den Vorstand gehoben und Spezialunternehmen dazugekauft. Haas dazu: „Wir wollen beispielsweise die Finanzbuchhaltung nicht anders, sondern durch Automatisierung schrittweise überflüssig machen. Automatisierung schafft Entlastung und mehr Zeit für kreative Arbeit.“ Derzeit hat das Unternehmen rund 7.500 Kunden mit jeweils fünf bis 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Dienstleistung und Industrie, Hotellerie, freien Berufe und Gesundheitswesen. Aktuell erzielt die Unternehmensgruppe mit 250 Mitarbeitern rund 20 Millionen Euro Umsatz.

Group-CIO Lukas Pustina ist seit zehn Jahren im Unternehmen und versteht sich als der „Maschinist im Maschinenraum“. Dort leitet er das Setup eines „Data Economy Framework“, in dem Anwender über Fachabteilungen hinweg Daten gemeinsam nutzen und die Bereitschaft entwickeln, Silos zu öffnen. Beispiel Reisekostenabrechnung: Man hat eine Fahrkarte oder einen Zahlungsbeleg und leitet den per App-Scan an die Buchhaltung, die legt das an, sammelt alles über den Monat, prüft das und legt eine Überweisung an.

„Wir wollen die unterschiedlichen Geschäftsprozesse jetzt datenbasiert miteinander verbinden. Das erlaubt es uns, aus dem Datenpool zu jedem Item, hier: Reisekosten, alle drumherum liegenden Prozesse rauszusuchen. Wer hat den Datensatz damals angelegt, wer hat was wann wie bearbeitet etc.“, erläutert Pustina. Darüber erschließe sich dem Nutzer rechte- und rollenbasiert das gesamte Unternehmen. In Zukunft komme es auf die Perspektive der Mitarbeiter an; als „Buchhalter“ sehen sie Rechnungen, als „Backoffice“ die Reisekosten.

Silodenken ist endgültig passé

Das Backend ist komplett in Java geschrieben, der Client als Web-Frontend in JavaScript. Daneben verfassen die Scopevisio-Entwickler mit dem HTTP/REST-API Framework alle Webservices, also die erforderlichen funktionalen Erweiterungen und sämtliche Kopplungen zu bestehender Software. „Ziel ist, dass wir von Bestandssystemen angesprochen werden. Und wir wollen Drittsysteme ansprechen, unsere API ist völlig frei“, sagt Pustina, und fährt fort: „Man kann uns für 5 Euro im Monat an sein Bestandssystem anschließen und als Backoffice nutzen. Bei anderen ERP-Anbietern muss man erst mal zertifizierter Partner werden und Konnektoren für viel Geld zertifizieren lassen.“

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Trotz fortgeschrittener Cloud-Adaption heißt es bei klassischen Anbietern immer noch: Hier ist unser Produkt, jetzt obliegt es der technischen Raffinesse unserer Systemhäuser, für den Kunden bestimmte Spezialprogrammierungen zu realisieren, die Lücken im Standard zu überbrücken und daraus eine wertvolle, nützliche, individuelle Anwendung zu bauen. Laut Pustina ist der Bonner Ansatz dagegen, „dass wir aus integrierten Einzellösungen bestehen, die aus der Prozesssicht kommen. Und dann fragen: Warum geht eine Rechnung durchs Unternehmen, wie geht sie durch, wer ist beteiligt, und wie lässt sich das auswerten und optimieren? Hierfür könne man sich in Scopevisio aus Templates und Applets ein individuelles Produkt zusammenklicken. So sehe die Oberfläche in der Entwicklung komplett anders aus als die beim CFO oder bei der HR-Kollegin. Und das habe nicht ein Systemhaus umgesetzt, sondern die Mitarbeiter selbst.

So wird etwa das Produkt „Center Device“ noch eine Zeit lang als Software für Dokumentenmanangement (DMS) positioniert, tendenziell wird es zur DMS-Funktion in Scopevisio. Für Setup und Management von Workflows im Unternehmen steht „iQuadrat“ singulär und als Plattform-Funktion parat. „Wir haben da also eine Ansammlung von Inkarnationen von UserCases. Denn kaum einer will ein ganzes ERP haben, den meisten Anwendern reichen Teilfunktionen wie DMS oder CRM.“

Modularität ist der Schlüsselfaktor

Gleichzeitig finden Branchen-Adaptionen statt. Die eigene Software sei selber vollkommen agnostisch, alle Fremdsysteme, die zu einer Lösung gehörten, würden unterstützt und könnten anforderungsgerecht betrieben werden. Beispiel „Filosof“ für den Hotel-Markt: Scopevisio macht aus der Software kein Derivat, sondern nutzt deren Branchenwissen, um seine agnostische Lösung in die Hotels zu bekommen. Der gleiche Vorgang bei Gigwork (Personalvermittlung) oder Carmato (Handelsplattform für Autos).

Zum Cloud Unternehmertag – hier im Kameha Grand Bonn – kommen jährlich mehrere hundert Führungskräfte mittelständischer Unternehmen zum gemeinsamen Wissens- und Meinungsaustausch zusammen. Die Veranstaltung zählt damit zu den größten Digitalisierungsevents in Nordrhein-Westfalen.
Zum Cloud Unternehmertag – hier im Kameha Grand Bonn – kommen jährlich mehrere hundert Führungskräfte mittelständischer Unternehmen zum gemeinsamen Wissens- und Meinungsaustausch zusammen. Die Veranstaltung zählt damit zu den größten Digitalisierungsevents in Nordrhein-Westfalen.
(Bild: Scopevisio AG )

Neben den externen Zukäufen entwickelt das Unternehmen interne Module, etwa die Austauschplattform „Scopeunity“ oder „Scopevisio Extensions“, die AddIns sowohl für MS Office on-Premises, als auch für die Verwendung im Webbrowser und auf dem Mac herstellt, mit der User aus einer Anwendung heraus mit weiteren Applikationen nahtlos arbeiten können. Oder „ExpertYou“, über das der Anbieter mit seinen Anwendern interagiert. Das Modul war in der Pandemie entstanden, um intern das Homeoffice zu realisieren. Es sei dann von Kunden so nachgefragt worden, dass daraus ein separates orthogonales Produkt entstand. Hiermit will Scopevisio zukünftig im ERP-Segment das Thema HR erweitern, insbesondere das Management von Fähigkeiten in Gruppen. „Wer kann was im Unternehmen, und wie kriegen wir das zusammen? Solche Fragen stellen und im Team beantworten zu können, erlaubt es, vorausschauend zu agieren und Funktionen oder Methoden zu entwickeln, die den Anforderungen im netzbasierten Geschäft gerecht zu werden,“ so Pustina.

Für die Kernplattform betreiben die Bonner eine Private Cloud auf Basis der Open-Source-Lösung Proxmox VE (Virtual Environment) aus Wien. Alle Apps und AddIns laufen über AWS in Frankfurt. Generell ist für Produkte alles mit Open-Source-Tools umgesetzt oder selbst programmiert. Die Weitergabe von Verantwortungen oder die Trennung von Entwicklung und Betrieb gibt es bei Scopevisio nicht mehr. Einzige gemeinsame Verantwortung, so Pustina, ist die Auslieferung an den Kunden. Wer DevOps nicht verinnerliche, dem würden AWS & Co., aber auch alle produzierenden, handelnden oder dienstleistenden Unternehmen in Zukunft einfach davonlaufen. Wer da immer noch nicht aufspringe, erreiche nie mehr die Geschwindigkeit, die einsetzende Unternehmen inzwischen haben. Wer weiter an Hierarchien hänge, verliere. Für diesen Changeprozess spiele die Entwicklung der Unternehmenskultur eine enorme Rolle.

Mustererkennung sorgt im Hintergrund für Automatisierung

Artur König ist „Head of customizing and connected engineering“ und beschreibt die Arbeit seines Teams augenzwinkernd als „beratungsnahe Entwicklung oder entwicklungsnahe Beratung“. Userfeedback werde sehr direkt in die Produktentwicklung eingebaut und BI plus KI mit dem Engineering verbunden. Etwa im Reporting, einer hoch-individuellen Anwendung. Das könne Scopevisio selbst nicht in jeder Variante anbieten. Daher sei das Produkt per Schnittstellen auslesbar und lasse sich mit BI-Tools koppeln. Die Bonner priorisieren hier MS PowerBI, König zufolge gebe es aber auch Kunden, die Google nutzen.

KI, so König, „wird bei uns immer dort eingesetzt, wo man sie eigentlich nicht sieht.“ Zum Beispiel Bilderkennung: Hierfür werden Azure-Scripts benutzt, um Muster in Texten zu finden und daraus Automatisierungen im FiBu-Prozess anzustoßen. Rechnungen mit 50 Positionen, die ein Mensch nicht gerne durcharbeitet, seien für KI ein Klacks. Auch wenn in einer Position „Sonderrabatt“ stehe, die also besonders behandelt werden müsse, lasse sich das mit Mustererkennung gut automatisiert machen. Da müsse niemand mehr jede dieser Positionen einzeln erfassen oder prüfen, um sie zum Beispiel auf vier oder fünf Konten zu verbuchen. „So kann ein Algorithmus schon mal die Buchungen vorausfüllen, damit es der Benutzer leichter hat. Daran muss man sich als Nutzer erst einmal gewöhnen“, erwartet König.

FiBu überflüssig zu machen bedeute also, alle wiederkehrenden Routinen zu automatisieren. Und dadurch Routinelos zu werden. Als Idealbild hat jemand die Rolle „Buchhaltung“, konzentriert sich aber eher auf analytische Tätigkeiten. Das, so König, „wäre natürlich super, aber da sind wir erst bei etwa 50 Prozent. Diese Reise beginnt erst.“ Gefragt, was seine Metapher für die Cloud sei und was danach komme, räsoniert der Data Scientist: „Cloud bedeutet Zentralisierung, die Versorgung auch über große Distanzen ist schnell genug. Hier sehe ich langfristig als möglichen Trend, dass da eine Regionalisierung stattfindet, Rechenleistung also dezentral erbracht wird, etwa über ein Handy, das grade tatenlos rumliegt. Das wäre dann das ubiquitäre Computing im neuen Gewand. Auch da spielen dann wieder Themen wie Vertrauen und Incentivierung eine Rolle. Das wird dann sowas wie Blockchain sein, nur hoffentlich energieeffizienter.“

Scopen statt googeln

Silke Kanes, bei den Bonnern Produkt-Vorständin und Expertin für Change und Unternehmenskultur, fasst die Unternehmensphilosophe ihres Arbeitgebers mit einem aus ihrer Sicht einzigartigen Detail zusammen: „Unser ERP-Produkt bietet eine Art Googlebar namens „Scoper“. Damit kann man scopen statt googeln. Das ist genial. Denn so lässt sich das gesamte digitale Unternehmenswissen als Knowledge Base abfragen.“ Auf das Stichwort „Champagner“ liefert die Software beispielsweise alle Vorgänge, in denen das Getränk bestellt, verschenkt oder ausgeschenkt wurde, inklusive aller geschäftlichen oder HR-relevanten Zusammenhänge. Auf der Rechnung lasse sich also nicht nur erkennen, wer der Lieferant war und was die Flasche kostete, sondern in Mails oder Chats sei auch ablesbar, wie Mitarbeiter oder Kunden dessen Genuss goutierten. Dies nicht als Ausspäh-, sondern als Befähigungs-Tool zu begreifen, sei Ziel ihrer Arbeit.

Das gehe nur, wenn man nicht mehrere einzelne Software- oder Prozess-Silos betreibe, sondern eine gemeinsame integrierte, vernetzte Datenbasis. Basis für „Managed Data“ bei Scopevisio sind durchgängig indizierte DMS und DBMS („Postgres“). Mit seinem technischen wie ideellen Setup strebt das Unternehmen Kanes zufolge die Marktführerschaft für Cloud-ERP-Systeme im Mittelstand an: „Stand heute arbeiten gefühlt 90 Prozent des Mittelstands noch nicht konsequent in und mit der Cloud. Wir stellen uns so auf, dass Anwender von in die Jahre gekommenen On-Premises ERP-Lösungen irgendwann zu uns wechseln möchten. Damit wollen wir bis 2025 von derzeit fünf auf 25 Prozent Marktanteil in Deutschland kommen.“

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