Gastkolumne von Dr. Werner Vogels, CTO von Amazon

Wie Industrieunternehmen zu Software-Champions werden

| Autor / Redakteur: Dr. Werner Vogels / Florian Karlstetter

Dr. Werner Vogels, CTO von Amazon und Vordenker des Unternehmens.
Dr. Werner Vogels, CTO von Amazon und Vordenker des Unternehmens. (Bild: (c) 2014 sanderbaks.com / Amazon)

Die sogenannten „Hidden Champions“ – Familienunternehmen, Maschinenbauer, Spezialisten – sind eine absolute Besonderheit der deutschen Wirtschaft. Sie sind Weltmarktführer in vielen Sparten und stehen für Qualität, Zuverlässigkeit und maximales Produktions-Know-how. Nicht zuletzt wegen dieser Hidden Champions ist die fertigende Industrie in Deutschland mit mehr als 20 Prozent ein zentraler Baustein der hiesigen Wertschöpfung. Anders als in manchen benachbarten Ländern, in denen die Fertigung seit Jahren einen kontinuierlichen Rückgang verzeichnet.

Digitalen Technologien und Geschäftsmodellen im Einsatzbereich Industrie 4.0 wird eine wichtige Rolle zukommen, diese Stellung auch in Zukunft halten zu können. Sie könnten Schätzungen des Branchenverbandes Bitkom und des Fraunhofer IAO zufolge bis 2025 einen signifikanten Teil des deutschen Wirtschaftswachstums sichern und neue Arbeitsplätze schaffen. Tatsächlich sind die Potenziale noch deutlich größer als die meisten der momentanen Ansätze und Pilotprojekte erahnen lassen.

Perfektionierung trifft auf Paradigmenwechsel

Hidden Champions sind absolute Spezialisten: Oft haben sie über Jahrzehnte hinweg Abläufe optimiert und einzigartige Produkte für ihre Kunden entwickelt. Auch gibt es meist kaum Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Dieses Vorgehen hat sich in der Vergangenheit ausgezahlt. Es liefert bis heute hervorragende Ergebnisse.

Die lineare Entwicklung der Produktion ist jedoch an ihrem Ende angekommen. Mit der Digitalisierung steht ein Paradigmenwechsel an, der die Fertigung komplett digitalisieren und zu einem über die Cloud gesteuerten „Internet der Dinge“ (IoT) vernetzen wird. Auch Erkenntnisse über die Nutzung von Produkten und Services werden die Arbeit von Fertigungsunternehmen grundlegend verändern. Dieses Wissen bringt neue Ideen für Geschäftsmodelle – und zwingt Mittelständler gleichzeitig dazu, Silos zwischen den eigenen Abteilungen aufzubrechen, über die traditionellen Tätigkeitsbereiche hinaus zu denken, und übergreifend neue Ansätze zu entwickeln.

Tatsächlich hat beinahe jedes Industrieunternehmen in Deutschland bereits irgendein Projekt zur Digitalen Transformation angestoßen. Ganz vorne stehen dabei Effizienzansätze in der Fertigung – also die digitale Fortsetzung der bisherigen Stärken deutscher Unternehmen. Allerdings spielen auch Pilotprojekte für neue digitale Produkte eine zunehmende Rolle, viele Initiativen werden jedoch nicht ins Kerngeschäft überführt. Es bleibt oft weitgehend unangetastet. Zentral für diese Stagnation ist die Tatsache, dass IT-Verantwortliche in mittelständischen Unternehmen weiterhin zu wenig bei der Strategie mitreden.

Reichen die aktuellen Initiativen aus, um die Top-Position des deutschen Mittelstandes in der Welt zu sichern? Das ist fraglich. Denn gerade Anbieter in Ländern, die bislang reine Produktionsmärkte waren, werden immer besser. So durchläuft etwa die chinesische Industrie in Riesenschritten eine Entwicklung, die andernorts Jahrzehnte gedauert hat. Produzierende Unternehmen im Reich der Mitte verändern sich rasant: Von Produktions-Outsourcern für die westliche Welt hin zu Anbietern von Technologie, deren Innovationsgrad staunen lässt. Deutschen Marktführern ist inzwischen bewusst, dass sie es sich nicht leisten können, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen.

Ergänzendes zum Thema
 
Kurzbiografie Dr. Werner Vogels

Auf dem Weg zum Manufacturing-as-a-Service

Doch nicht nur die Wettbewerber in anderen Ländern verändern die industrielle Wertschöpfung. Auch von Wettbewerbern der Softwareseite schwappen Innovationen in den Markt. Wenn neue Analyse-Dienstleister, spezialisierte Softwareanbieter und Unternehmen, die diese komplementären Angebote bündeln, auf den Plan treten, dann wird das Kerngeschäft des produzierenden Mittelstands möglicherweise ein Angebot unter vielen: Manufacturing-as-a-Service.

Mehrwert entsteht im Industrie-4.0-Umfeld oft dann, wenn B2B-Unternehmen in ihrem Geschäft Ansätze integrieren, die eher im B2C-Umfeld zuhause sind – und damit einen Wandel in der Industrie lostreten. Dazu gehört etwa die permanente Verbesserung und Weiterentwicklung von Lösungen durch agile Entwicklung. Die IT-Lösungen, die in der „digitalen Fabrik“ eine immer größer werdende Rolle spielen, werden so ständig um Funktionalitäten erweitert, beispielsweise indem der Shopfloor zunehmend mit Daten „von außen“, etwa aus der Logistik oder der Warenwirtschaft, vernetzt wird.

Das ist mancherorts keine Zukunftsmusik mehr, sondern Realität: Klassische Komponenten aus der Industrieautomatisierung von Anbietern wie Beckhoff, Harting, WAGO oder anderen lassen sich bereits heute direkt an die Cloud anbinden. Unternehmen aus der Automatisierungstechnik digitalisieren ihre Produkte und ermöglichen ihren Kunden auf diese Weise einen leichten Einstieg in die „smarte Fabrik“. Hier organisieren sich Produktionsanlagen und Logistiksysteme weitgehend selbst, ohne dass es noch umfangreicher menschlicher Eingriffe bei der Steuerung bedarf. General Electric ist bei dieser Art von digitaler Transformation ganz vorne mit dabei. CEO Jeffrey Immelt erläuterte den Wandel so: „Noch letzte Nacht seid ihr als Industrieunternehmen schlafen gegangen - und heute Morgen wacht ihr als Software- und Analytics-Unternehmen auf.“

Individualisierung zum Stangenpreis

Das Beispiel Stölzle Oberglas – ein führender österreichischer Glashersteller – zeigt, wie ein Industrieunternehmen Regeln aus der Konsumgüterindustrie mit einem B2B-Geschäftsmodell verknüpft. Entscheidet sich beispielsweise ein Kunde des Glasherstellers kurzfristig eine Sonderedition zu verkaufen, auf welcher etwa der Name des siegreichen Teams eines Sportereignisses steht, muss Stölzle sehr kurzfristig liefern. Und zwar ein hoch individualisiertes Produkt, das nicht teurer sein darf als ein klassisches Produkt von der Stange. In der klassischen Produktion wäre die Erfüllung dieses Wunsches kaum umsetzbar gewesen – und wenn, dann zu enormen Kosten. Heute kann Stölzle die Umsetzung leisten, weil das Unternehmen mit Hilfe des Softwareanbieters Actyx Daten im gesamten Produktionsprozess zusammengeführt hat, sie intelligent analysiert und aufbereitet. Damit können neue Spezifikationen quasi in Echtzeit in den Produktionsprozess einfließen. Doch damit nicht genug: Actyx nutzt die Erkenntnisse aus der spezifischen Anforderung, entwickelt die Lösung weiter und macht sie über sein Lösungsportfolio auch anderen Produzenten zugänglich – ähnlich wie wir auch bei Amazon Web Services vorgehen, wenn wir auf konkretes Kundenfeedback hin neue Features und Dienste entwickeln und diese dann für die globale Nutzerbasis verfügbar machen.

Start-ups liefern zusätzliche Services

Für Hidden Champions wird es künftig auch erfolgskritisch sein, das Wissen von „Digital Natives“ passgenau mit ihrem Ingenieur-Know-how zu verbinden. Permanent werden im Silicon Valley, in Tel Aviv, London und Berlin Start-ups gegründet. Viele dieser neuen Firmen versuchen, durch einen neuen digitalen Dienst einen noch größeren Wert für den Anwender einer Maschine oder eines Geräts zu schaffen. Mit den Sensoren, die in einem ersten Schritt Maschinen und Produkte im „Internet of Things“ verbinden, werden so Dienstleistungen möglich, die nicht mehr ausschließlich auf die Fertigungsstraße beschränkt sind. Und: wo früher teure Server gekauft werden mussten, lassen sich heute in der Cloud exakt die Dienste und die Rechnerleistung buchen, die für den jeweiligen Anwendungszweck auch tatsächlich gebraucht werden.

Ein Beispiel für einen solchen Service-Entwickler ist WATTx in Berlin. Die unabhängige Ausgründung des 100 Jahre alten Heizungsbauers Viessmann wurde von den Firmeneigentümern ins Leben gerufen, um die Standardprodukte des Unternehmens um digitale Mehrwerte zu ergänzen. Dazu gehören intelligente digitale Services, etwa eine IoT-Plattform für kommerziell genutzte Gebäude.Auf Basis von Sensordaten innerhalb und außerhalb des Gebäudes, lassen sich Heizungsanlagen, Beleuchtung oder die Verdunkelung der Fenster aus der Ferne regeln. Doch WATTx macht hier nicht halt. Das Unternehmen bringt heute digitale Talente am Standort Berlin zusammen. Diese werden mit unbegrenztem Zugang zu neuen Technologien wie der Cloud ausgestattet. So können Ideen sehr schnell Realität werden, aber auch schnell verworfen werden, wenn sie nicht in die richtige Richtung gehen. Viessmann entwickelt Mehrwertdienste rund um Ausgangsprodukte wie beispielsweise Heizung und Thermostate inzwischen in Eigenregie. Dadurch sichert sich das Traditionsunternehmen den Kontakt zum Endkunden, aber erforscht mit Hilfe von WATTx konstant vollkommen neue Ansätze und Märkte.

Der Blick für das große Ganze

Software und Services sind Bereiche, in denen sich Hersteller von Maschinen oder sonstiger Hardware zunächst oft nicht zuhause fühlen. Der Grund: Bisher gehörten derartige Ansätze nicht zum Kerngeschäft. Kurzfristig scheint es ein hohes Risiko zu sein, grundsätzlich funktionierende Prozesse im Kerngeschäft zu verändern. Fehlt bei Industrie 4.0-Projekten jedoch die strategische Dimension, kann dies mittelfristig dazu führen, dass keine bahnbrechenden Mehrwerte geschaffen werden. Langfristig ist so das Risiko groß, von agileren Wettbewerbern überholt zu werden, weil der Paradigmenwechsel und mit ihm die neue Marschroute in einem globalen Ökosystem von Maschinen, Produkten und digitalen Services nicht stattgefunden hat. Wer hingegen den Wandel wagt und auf der Grundlage von Cloud-Technologien, neue Ansätze und Lösungen implementiert, leistet damit heute einen wesentlichen Beitrag dazu, dass der hart erarbeitete Stellenwert der deutschen Industrie erhalten bleibt und möglicherweise morgen noch größer wird.

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