Definition: selbstbestimmtes und sicheres Agieren in der digitalen Welt Was ist Digitale Souveränität?

Von Dipl.-Ing. (FH) Stefan Luber 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die fortschreitende Digitalisierung, zunehmende geopolitische Spannungen und die unkalkulierbare US-amerikanische Politik haben dazu geführt, dass der Begriff „Digitale Souveränität“ Hochkonjunktur hat – und ein Schlüsselbegriff der europäischen und deutschen Digitalpolitik geworden ist. Doch was ist eigentlich Digitale Souveränität?

Digitale Souveränität vs. proprietäre Monopolisten: Autonomie und Entscheidungshoheit privater, staatlicher und unternehmerischer Akteure sicherstellen.(Bild:  © Monchisa - stock.adobe.com)
Digitale Souveränität vs. proprietäre Monopolisten: Autonomie und Entscheidungshoheit privater, staatlicher und unternehmerischer Akteure sicherstellen.
(Bild: © Monchisa - stock.adobe.com)

Allgemein steht der Begriff „Souveränität“ für unabhängiges, selbstbestimmtes und sicheres Handeln. Souveränität ist quasi das Gegenteil von Fremdbestimmung. Diese Bedeutung der Souveränität wird auf den digitalen Raum und die Nutzung von digitalen Technologien, IT-Infrastrukturen und Daten übertragen. Unter Digitaler Souveränität versteht man folglich das unabhängige, selbstbestimmte und sichere Agieren in der digitalen Welt. Der Zugang zu digitalen Technologien, IT-Infrastrukturen und Daten sowie deren Nutzung und Kontrolle sollen souverän sein.

Ziel: kritische Abhängigkeiten von einzelnen Ländern, Unternehmen oder Akteuren verhindern.

Durch die Digitale Souveränität wird die Autonomie und Entscheidungshoheit privater, staatlicher und unternehmerischer Akteure aufrechterhalten. Die Digitale Souveränität soll verhindern, dass kritische Abhängigkeiten von einzelnen Ländern, Unternehmen oder Akteuren entstehen, die eine selbstbestimmte Nutzung sowie die Kontrolle und den Zugang zu digitalen Technologien und Daten erschweren oder unmöglich machen. Sowohl die technologische Souveränität als auch die Datensouveränität sollen sichergestellt sein.

Allerdings darf die Digitale Souveränität nicht mit digitaler Autarkie verwechselt werden. Digitale Services und Infrastrukturen sollen nicht wie bei digitaler Autarkie ausschließlich mit eigenen Mitteln betrieben werden, sondern die Akteure sollen die Wahl zwischen verschiedenen, auch externen Angeboten, haben und diese selbstbestimmt nutzen dürfen.

Um Digitale Souveränität zu erreichen und zu stärken, sind eine Vielzahl verschiedener Aspekte zu beachten. Neben den technischen Aspekten umfasst das politische, soziale, gesellschaftliche, rechtliche und wirtschaftliche Aspekte. Digitale Souveränität ist somit keine rein technische Angelegenheit, sondern ein Zusammenwirken von Politik, Bürgern, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft.

Die Ziele der Digitalen Souveränität

Digitale Souveränität zielt auf drei Dimensionen souveräner Akteure ab. Diese Akteure sind souveräne Individuen (Bürger), eine souveräne Wirtschaft mit ihren Unternehmen und Verbrauchern und ein souveräner Staat mit seinen Institutionen und Verwaltungen. Unter Berücksichtigung dieser drei Dimensionen lassen sich die folgenden generellen Ziele der Digitalen Souveränität nennen:

  • Gestaltungsfreiheit der rechtlichen, technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im digitalen Raum,
  • eigenständige, selbstbestimmte Entwicklung und Umsetzung digitaler Strategien,
  • Nutzung und Gestaltung digitaler Technologien und Daten nach eigenen Vorstellungen (technologische Selbstbestimmung),
  • freie, selbstbestimmte Wahl zwischen verschiedenen Alternativen,
  • Unabhängigkeit von einzelnen Ländern, Unternehmen und Technologieanbietern (beispielsweise bei der Nutzung von Software oder Cloud-Plattformen),
  • Sicherstellung des Zugangs zu digitalen Technologien,
  • Wahrung des Datenschutzes und der Informationssicherheit (Schutz von personenbezogenen, sensiblen oder kritischen Daten vor unberechtigten Zugriffen Dritter, zum Beispiel durch Gesetze wie den US CLOUD Act),
  • Wahrung der Hoheit über die eigenen oder anvertrauten Daten,
  • Wahrung der Kontrolle über kritische digitale Infrastrukturen,
  • Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschafts- und Technologiestandorts,
  • Schutz der Verbraucher- und Bürgerrechte im digitalen Raum.

Maßnahmen zur Erlangung und Stärkung Digitaler Souveränität

Die Sicherstellung und Stärkung der Digitalen Souveränität erfordern vielschichtige organisatorische, politische, rechtliche und technologische Maßnahmen. Sie müssen durch das Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft umgesetzt werden und lassen sich in diese drei Hauptbereiche untergliedern:

  • Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen,
  • Bereitstellung sicherer und leistungsfähiger Infrastrukturen,
  • Aufbau und Beherrschung der Schlüsseltechnologien und -kompetenzen.

Wichtige Rahmenbedingungen sind beispielsweise die aktive Förderung von Innovationen und technologischen Entwicklungen im unternehmerischen und wissenschaftlichen Bereich, die Schaffung funktionierender digitaler Märkte, der Abbau digitaler Barrieren, die Förderung des Informations- und Wissensaustauschs, der Schutz vor externer Einflussnahme, die Entwicklung und Bereitstellung von Standards, die Förderung der Interoperabilität und einheitliche rechtliche Vorgaben für Datenschutz, Urheberrechte und Verbraucherrechte.

Die Bereitstellung sicherer und leistungsfähiger Infrastrukturen umfasst zum Beispiel moderne Mobilfunknetze, Breitbandnetze, Cloud-Infrastrukturen und Cloud-Plattformen sowie rechtlich und geografisch souveräne und kontrollierbare Datenspeicherorte (Datensouveränität).

Der Bereich Aufbau und Beherrschung der Schlüsseltechnologien und -kompetenzen umfasst den Aufbau entsprechender Kompetenzen im Hard- und Softwarebereich, Kompetenzen im Bereich Cybersecurity, Cloud Computing, Big Data, künstliche Intelligenz, mobile Services, digitale Bildung und in vielen weiteren Bereichen.

Einige technische Aspekte der Digitalen Souveränität

Neben den organisatorischen, politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Aspekten spielen vor allem technische Aspekte eine zentrale Rolle zur Erreichung und Stärkung Digitaler Souveränität. Ein wichtiges Element dafür ist Open-Source-Software. Die Verwendung quelloffener, frei verfügbarer Software ermöglicht es, eigenständige Lösungen zu erarbeiten. Abhängigkeiten zu einzelnen Anbietern und ihren proprietären Produkten werden vermieden und die Interoperabilität gefördert. In diesem Zusammenhang ist auch die Nutzung offener Standards und Protokolle wichtig.

Technische Aspekte aus dem IT-Sicherheitsbereich sind die Nutzung von Schutzsystemen vor Cyberbedrohungen und -angriffen (zum Beispiel Firewalls oder IDS/IPS), der Aufbau von Zero-Trust-Architekturen, die Nutzung digitaler Identitäten und souveräner Identitäts- und Zugangssysteme und die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der übertragenen und gespeicherten Daten.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Als weitere technische Aspekte Digitaler Souveränität lassen sich nennen:

  • Georedundanzen und souveräne, kontrollierbare Datenräume und Speicherorte,
  • unabhängige Netzwerke und Netzwerkinfrastrukturen,
  • private Clouds und Rechenzentren für maximale Kontrolle der Daten und Services,
  • freie und lokal ausführbare KI-Modelle.
Abhängigkeiten von Hard- und Software, Diensten und Services lassen sich oft nur mühsam aufbrechen.

Herausforderungen der Digitalen Souveränität

Die Erlangung und Stärkung der Souveränität im digitalen Raum sind aus vielerlei Gründen herausfordernd. Historisch haben sich bereits viele Abhängigkeiten zu einzelnen Anbietern und ihren Hard- und Softwareprodukten, Diensten und Services entwickelt (Vendor Lock-in), die sich nur mühsam aufbrechen lassen. Beispielsweise werden proprietäre Betriebssysteme und Anwendungen wie Windows und Microsoft Office verwendet oder die Cloud-Produkte ausländischer Hyperscaler wie Amazon, Google oder Microsoft genutzt.

Der Wechsel zu alternativen Lösungen kann mit hohem technologischem und finanziellem Aufwand verbunden sein. Darüber hinaus verhindern fehlende Standards oder mangelhafte Interoperabilität die Einführung und Nutzung digital souveräner Lösungen.

Für den konsequenten Einsatz von Open-Source-Software fehlt es häufig an eigenem Know-how. Fehlender professioneller Support für Open-Source-Lösungen kann sich ebenfalls als Problem darstellen. Darüber hinaus müssen strenge IT-Sicherheitsrichtlinien, Datenschutzanforderungen und Compliance-Vorgaben bei der Entwicklung und Nutzung souveräner Lösungen beachtet und umgesetzt werden. Das ist komplex und mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Oft fehlt es generell an qualifiziertem Personal mit entsprechendem Fachwissen.

Eine weitere Herausforderung für die Digitale Souveränität stellt die derzeit unsichere wirtschaftliche und geopolitische Lage bei der Versorgung mit Schlüsseltechnologien dar. Sie macht längerfristige Planungen und Investitionen in die richtigen Technologien schwierig.

Beispiele und Initiativen aus dem Bereich der Digitalen Souveränität

Beispiele für im digitalen Raum souverän handelnde Unternehmen, Privatpersonen oder staatliche Institutionen gibt es viele. Unternehmen stärken ihre Digitale Souveränität, wenn sie beispielsweise quelloffene Systeme und Software verwenden und eigene Rechenzentren beziehungsweise diversifizierte oder europäische Cloud-Anbieter nutzen.

Auf digitale Monopolisten möglichst verzichten.

Beispiele für Digitale Souveränität im Privatbereich sind die Verwendung datenschutzfreundlicher Dienste (zum Beispiel Suchmaschinen oder Messenger), das Hosten von Daten auf eigenen Servern oder bei besonders vertrauenswürdigen Anbietern und der bewusste Verzicht auf Produkte und Lösungen, wie Betriebssysteme oder Webbrowser, von digitalen Monopolisten.

Im staatlichen Bereich sind die Verwendung von Open-Source-Software in den Verwaltungen, die Nutzung von Cloud-Diensten, die den europäischen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen entsprechen, oder die Verwendung privater, souveräner Dateninfrastrukturen als Alternative zu Hyperscalern Beispiele für souveränes digitales Agieren.

Initiativen für öffentliche Verwaltung und Privatwirtschaft

Ein Beispiel für eine Initiative aus dem Bereich Digitale Souveränität ist das Zentrum Digitale Souveränität (kurz: ZenDiS). Es soll die öffentliche Verwaltung bei der Nutzung eigenständiger, unabhängiger digitaler Technologien unterstützen und als Kompetenz- und Servicezentrum zur Stärkung der Digitalen Souveränität agieren. Lösungen des Kompetenzzentrums sind beispielsweise openCode und openDesk.

OpenDesk ist eine anpassungsfähige, offene Office- und Kollaborations-Suite, die speziell für die Bedürfnisse der öffentlichen Verwaltung entwickelt wurde. Bei openCode handelt es sich um eine Plattform für den Austausch von Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung.

SECA (The Sovereign European Cloud API) ist ein Beispiel für eine privatwirtschaftliche Initiative aus dem Bereich Digitale Souveränität. Es handelt sich um einen offenen Industriestandard für das Management von Cloud-Infrastrukturen. Er wurde von den drei Cloud-Playern Ionos, Dynamo und Aruba initiiert. SECA soll die Bereitstellung und Verwaltung von Cloud-Infrastrukturen ohne Vendor-Lock-in ermöglichen.

Gaia-X ist eine europäische Initiative, mit der eine sichere, vertrauenswürdige und souveräne Dateninfrastruktur auf Open-Source-Basis bereitgestellt werden soll. Sie ist vor allem als Alternative und Gegenentwurf zu den US-amerikanischen Hyperscalern gedacht und soll für souveräne Datenräume sorgen, bei denen die Dateninhaber ihre Datensouveränität behalten. Ziel von Gaia-X ist die Stärkung der Digitalen Souveränität Europas. Die europäische Wirtschaft soll unabhängiger von US-amerikanischen, chinesischen oder anderen Tech-Giganten werden.

CloudComputing-Insider berichtet fortlaufend über Projekte und Initiativen wie Gaia-X, die Open Software Business Alliance, aber auch über andere Akteure wie EuroStack, die sich dem Thema der Digitalen Souveränität verschrieben haben.

Public, Private, Hybrid & Co.: Definitionen rund um Cloud Computing

Definitionen rund um Cloud ComputingAlle relevanten Schlagworte aus dem Bereich Cloud Computing finden Sie auch gut erklärt in unseren Definitionen. Ganz im Sinne eines kleinen, aber feinen Glossars lesen Sie hier leicht verständliche Erklärungen zu den wichtigsten Begriffen. Als Service für Sie haben wir die hier erklärten Begriffe in unseren Beiträgen auch direkt mit den zugehörigen Lexikoneinträgen verlinkt. So können Sie die wichtigsten Begriffe direkt dort nachschlagen, wo sie im Text auftauchen.  

Zum Special: Definitionen rund um Cloud Computing

(ID:50414563)