Nachhaltigkeit als Provider-AuswahlkriteriumAlles im grünen Bereich? – Green Cloud zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Von
Filipe Martins und Anna Kobylinska*
10 min Lesedauer
Mit der EU-CSRD wird Nachhaltigkeit für Unternehmen in der DACH-Region zum Pflichtkriterium – auch bei der Cloud-Auswahl. Provider müssen ihre Energieeffizienz, CO₂-Bilanzen und ESG-Ziele belegen. Zwischen echten Fortschritten und Greenwashing verläuft jedoch ein schmaler Grat.
Cloud-Nachhaltigkeit im Fokus: Mit der EU-CSRD müssen Unternehmen künftig nachweisen, dass ihre Cloud-Strategien messbare ESG-Ziele erfüllen. Doch Vorsicht vor Greenwashing!
Börsennotierte und andere große Unternehmen unterliegen ab 2024/2025 der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Diese EU-Richtlinie verpflichtet sie, Nachhaltigkeits- und Klimaberichte in standardisierter Form offenzulegen. Die Verpflichtung, IT- und Cloud-Strategien transparent zu dokumentieren, rücken messbare ESG-Kriterien bei der Wahl des Cloud-Providers unmittelbar in den Fokus. Große kapitalmarktorientierte Unternehmen und andere berichtspflichtige Organisationen müssen künftig nachweisen, dass ihre IT-Strategie – und damit auch die Cloud-Nutzung – mit klaren Nachhaltigkeitszielen hinterlegt ist.
CSRD: Nachhaltigkeit wird zur Pflichtaufgabe für IT und Cloud
Prognoseszenarien zum Energiebedarf von Rechenzentren in der EU27 bis 2030 basierend auf Daten des Borderstep Instituts: Grüne Initiativen versprechen ein Einsparpotenzial von ca. 50 TWh/Jahr.
(Bild: Europäische Kommission)
Die CSRD verlangt unter anderem detaillierte Angaben zu Treibhausgasemissionen (Scope 1-3), Energieverbrauch, Ressourceneffizienz und Lieferkettenrisiken. Für die Auswahl von Cloud-Providern bedeutet das: Transparente Zielvorgaben, belastbare Daten zu Energie- und Ressourceneinsatz sowie digitale KPI-Verfolgung werden unverzichtbar. Dashboards zur Überwachung der Nachhaltigkeitsziele, standardisierte Reporting-Kennzahlen und Zertifizierungen wie ISO 14001 oder der Climate Neutral Data Centre Pact gewinnen somit sprunghaft an unmittelbarer Relevanz. Für viele CIOs verändert sich dadurch die Preis-Leistungs-Bilanz ihrer Cloud-Dienstleister – ein Trend, der laut Bitkom und Fraunhofer ISST in den kommenden Jahren stark an Dynamik zulegen dürfte.
Der „Cloud Report 2025“ des Bitkom zeigt: Für 67 Prozent der befragten Unternehmen ist Klimaneutralität bzw. Nachhaltigkeit bei der Wahl des Cloud-Anbieters im laufenden Jahr ein zwingendes Kriterium. Während Cloud Computing jahrelang vor allem als Innovations- und Kostentreiber galt, entwickelt sich die ökologische Bilanz inzwischen zu einem relevanten Wettbewerbsvorteil und damit zu einem entscheidenden Auswahlkriterium. Für deutsche Unternehmen stellt sich die Frage: Wie lässt sich die „Cloudifizierung“ der Unternehmens-IT mit den eigenen Klimazielen in Einklang bringen?
Grün wie die Hoffnung: Transparente ESG-Kriterien als neuer Wettbewerbsfaktor
Für deutsche Unternehmen ist Nachhaltigkeit in der Cloud mit besonderen Herausforderungen verbunden. Neun von zehn deutschen Unternehmen nutzen im Jahre 2025 die Cloud. „In fünf Jahren kommt kein Unternehmen mehr ohne Cloud aus,“ urteilen die Analysten im Cloud Report 2025 vom Juni. Einerseits hängt der Geschäftsbetrieb immer stärker von Cloud-Diensten ab. Andererseits wächst die Skepsis gegenüber einer zu großen Abhängigkeit von US-Hyperscalern.
Nachhaltigkeitsthemen sind in diesem Zusammenhang für 67 Prozent der befragten Organisationen relevant. Zum Vergleich: Für eine knappe Mehrheit (55 %) ist die Innovationsstärke einer Cloud entscheidend, während 45 Prozent auf niedrige Kosten und 39 Prozent auf weltweite Verfügbarkeit einen besonderen Wert legen (das Top-Thema bei der Cloud-Auswahl ist aber nach wie vor Sicherheit). „Die Wirtschaft ruft nach einer deutschen Cloud aus,“ beobachtet der Branchenverband Bitkom.
Green Cloud in Deutschland: Telekom setzt Maßstäbe
Ein konkretes Beispiel für die strategische Relevanz von Nachhaltigkeitszielen bei der Wahl von Cloud-Partnerschaften liefert die Deutsche Telekom. Mit ihrer Open Telekom Cloud betreibt der Anbieter eine eigene Public-Cloud-Plattform. Diese startete ursprünglich in Zusammenarbeit mit Huawei, inzwischen führt die Telekom die Plattform jedoch eigenständig weiter und setzt dabei auf ein Zusammenspiel aus eigener souveräner Infrastruktur und integrierten Hyperscaler-Diensten.
Der Telekom-Konzern versorgt seine Rechenzentren bereits seit 2021 zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Quellen – und damit deutlich früher, als viele Hyperscaler ihre selbst gesteckten Ziele erreichen wollen. Heute arbeitet die Telekom mit verschiedenen Partnern an Nachhaltigkeitsinitiativen: So kooperiert sie mit Microsoft im Rahmen von Azure-Lösungen, die gemeinsam in Deutschland bereitgestellt und unter strengen Compliance- und Nachhaltigkeitsstandards betrieben werden. Auch mit Google Cloud verfolgt die Telekom gemeinsame Projekte, etwa in den Bereichen Datenanalyse und KI, bei denen der Fokus ausdrücklich auf energieeffizienter Infrastruktur liegt. Zusätzlich engagiert sich der Konzern in Brancheninitiativen wie dem Climate Neutral Data Centre Pact und arbeitet mit Energieversorgern zusammen, um Abwärme aus Rechenzentren für die lokale Fernwärmeversorgung nutzbar zu machen.
Mini-Wälder, wie sie mit Amazons Unterstützung in Berlin entstehen, wirken als natürliche Schwämme: Sie können Regenwasser aufnehmen und verringern so das Überschwemmungsrisiko; gleichzeitig spenden sie Schatten und tragen zur Abkühlung städtischer Lebensräume bei.
(Bild: Miya e.V. via AWS)
Die Telekom setzt jedoch nicht nur auf Hyperscaler-Partnerschaften. Über ihr Partnernetzwerk bindet die Telekom regionale Systemhäuser und Managed Service Provider ein. Die Telekom-Tochter T-Systems International kooperiert unter anderem mit Fraunhofer-Instituten und anderen deutschen Nachhaltigkeitsberatern, um Energieeffizienzmodelle für Kundenprojekte zu entwickeln. Über ihr Partnernetzwerk bindet die Telekom regionale Systemhäuser und Managed Service Provider ein, die Cloud-Lösungen mit Nachhaltigkeits-Reporting kombinieren, etwa um das Monitoring des Energieverbrauchs oder der Abwärmenutzung in Hybrid-Cloud-Szenarien zu ermöglichen.
Stand: 08.12.2025
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Lokale Beratungs- und Servicepartner der Telekom – darunter T-Systems-Tochterunternehmen sowie regionale Systemhäuser – unterstützen deutsche Kunden bei der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien. Sie beraten Unternehmen bei der Integration von ESG-Kriterien in IT-Architekturen, helfen bei Energieaudits und „grüner“ Bilanzierung und setzen Cloud-Lösungen mit Nachhaltigkeits-Reporting um, etwa durch Monitoring des Energieverbrauchs oder der Abwärmenutzung in Hybrid-Cloud-Szenarien. So kommt man über Cloud-Partnerschaften gemeinsam auf einen grünen Zweig.
Hyperscaler zwischen Klimazielen und Realitätscheck
Die großen Cloud-Anbieter Microsoft, AWS und Google haben schon länger ambitionierte Fahrpläne veröffentlicht und eifern ihren Zielen scheinbar unermüdlich entgegen. Die Roadmaps der Hyperscaler sind zu einem Differenzierungsmerkmal geworden. Alle drei haben nachweislich einen grünen Daumen.
Eef Brouwers, Managing Director von North Sea Farmers, bei der weltweit ersten kommerziellen Ernte von Zucker-Kelp zwischen Offshore-Windturbinen der AWS-Cloud vor der niederländischen Küste.
(Bild: AWS)
AWS fördert Wiederaufforstung und urbane Naturprojekte unter anderem über den Right Now Climate Fund. In Berlin finanzierte AWS etwa zwanzig „Tiny Forests“ mit rund 650 einheimischen Pflanzenarten auf je etwa der Fläche eines Tennisplatzes. Der Fonds unterstützte auch die weltweit erste kommerzielle Ernte von Zucker-Kelp zwischen Offshore-Windturbinen vor der niederländischen Küste – ein innovatives naturnahes Szenario unter Nutzung von erneuerbarer Infrastruktur. Der Standort zwischen Offshore-Windkraftanlagen von AWS bietet den Algen einen Lebensraum, der vor dem Schiffsverkehr in der Nordsee geschützt ist.
Microsoft investiert in Aufforstung und Renaturierungsprojekte wie das Chestnut Forest Restoration Project zur Wiederherstellung ehemaliger Waldflächen. Ein solches Projekt will die Rückkehr der amerikanischen Kastanie, die durch Pilzbefall fast ausgerottet wurde, zum ursprünglichen Ökosystem ermöglichen. Google engagiert sich neben Waldschutzprogrammen auch in Projekten zur Wasseraufbereitung und Wiederherstellung von Grundwasserreserven. Dazu zählen etwa Investitionen in Restaurierung von Moorflächen in Brandenburg und Initiativen zur Verbesserung der Wasserqualität im Rhein-Main-Gebiet.
Auf dieser Fläche plant Microsoft eine groß angelegte Initiative zur Wiederaufforstung.
(Bild: AFN)
Klar ist jedoch auch: Zwischen ambitionierten Zielen und gelebter Realität klafft stellenweise noch immer eine Lücke. „Die Investitionen für den Aufbau von KI-Infrastrukturen und ihre Energieversorgung übersteigen die Finanzierungsmöglichkeiten einzelner Unternehmen oder Regierungen“, sagte Brad Smith, stellvertretender Vorsitzender und Präsident von Microsoft, zum Anlass der Gründung einer neuen Cloud-Partnerschaft, der Global AI Infrastructure Investment Partnership (GAIIP). Das Ziel: Gemeinsam nachhaltige KI-Cloud-Infrastrukturen zu entwickeln und zu finanzieren, um Innovationen und zuverlässige Energieversorgung für die nächste Generation von KI-Anwendungen sicherzustellen – weltweit.
Greenwashing oder echter Wandel? Die Rolle der RECs
Die Hyperscaler setzen schon länger auf Nachhaltigkeit. AWS hat das Ziel ausgerufen, zu 100 Prozent erneuerbare Energien zu nutzen – bereits in 2025 (AWS Sustainability, Pressemitteilung 2021 — bisher keine Fortschrittsangaben). Google und Microsoft hatten sich vorgenommen, den eigenen Energiemix spätestens bis 2030 vollständig zu „dekarbonisieren“ (Microsoft Sustainability Report 2020 und Google Sustainability Blog, 2020). Klingt alles in etwa gleichwertig — doch die Methoden sind extrem unterschiedlich. Mal ist es die Photovoltaik, mal die Windkraft, mal Geothermie, mal die Kernspaltung, mal Zukunftsvisionen der Kernfusion.
Google berichtete in 2022, dass ausgewählte Standorte wie das Data Center in Hamina (Finnland) bereits vollständig mit lokal erzeugter Wind- und Wasserkraft betrieben werden. Es geht also doch. Auch AWS will den eigenen europäischen Rechenzentrumsbetrieb mit Investitionen in große Solarparks in Spanien und Windkraftanlagen in Schweden und Irland absichern.
Kritiker bemängeln, dass hyperskalare Anbieter in ihren Nachhaltigkeitsberichten oft von „CO₂-Reduktion“ a.k.a. Dekarbonisierung sprechen, als ob Kohlenstoff mit zwei Sauerstoffatomen das Problem sei, tatsächlich aber CO₂e-Werte adressieren sollten – also (vorrangig) toxische Treibhausgase wie Distickstoffoxid oder ebenfalls giftige HFKW-Kältemittel aus den Klimaanlagen, darunter Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW) wie R134a oder R410a, die ein vielfach höheres Treibhauspotenzial besitzen als die ungiftige Messlatte CO₂, der Nährstoff der Photosynthese. Durch den Fokus auf diesen kritischen Bestandteil des Kohlenstoffkreislaufs würden potenziell extrem toxische klimaschädliche Gase vernachlässigt und radioaktive Isotope in den Umlauf gebracht werden, so die Kritiker.
Standards wie das GHG Protocol, die CSRD und die Berichterstattungssysteme des IPCC legen ausdrücklich fest, dass alle relevanten Treibhausgase berücksichtigt werden müssen. 2025 startete Microsoft einige vielversprechende Pilotprojekte in Schweden, darunter Tests rund um die Nutzung umweltfreundlicher Wasserstoff-Brennstoffzellen zur Notstromversorgung. Solche Praxisbeispiele belegen, dass sich umweltbewusster Cloud-Betrieb durchaus in die gelebte Praxis umsetzen lässt. Im vergangenen Jahr (2024) gab Microsoft „grünes Licht“ für Forschungsprojekte zur direkten Einspeisung von Kernkraftenergie aus vor Ort installierbaren kleinen modularen Atomreaktoren (Small Modular Reactors, SMRs) und die Entwicklung von Kernfusion für den Betrieb von Cloud-Diensten.
Die Gefahr des Greenwashings
Kritiker wie das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) bemängeln, dass sich die jüngsten Experimente mit SMRs mit der Zielsetzung einer umweltfreundlichen und nachhaltigen Energieversorgung nicht vereinbaren ließen. Saubere Technologien wie Photovoltaik und Geothermieanlagen ließen sich kostengünstiger und schneller einrichten als selbst die optimistischsten Entwürfe für die SMRs, argumentieren IEEFA-Analysten Dennis Wamsted und David Schlissel im Bericht „Nuclear hype ignores high cost, long timelines“.
Dieser Widerspruch zwischen ambitionierten Nachhaltigkeitszielen und kontroversen Experimenten wird in der Branche lebhaft diskutiert. Denn der Energiemix der Cloud-Anbieter fließt zu guter Letzt in die Umweltbilanz der Cloud-Anwenderorganisationen hinein. Er beeinflusst dann direkt die Scope-3-Emissionen der Unternehmenskunden der betreffenden Cloud. Wenn ein Hyperscaler etwa Strom aus fossilen Quellen bezieht, schlägt sich das in der CO₂-Bilanz der Cloud-Nutzer nieder– selbst wenn die eigenen Infrastrukturen der Kundenorganisationen emissionsfrei sein sollten.
Messen statt glauben: Nachhaltigkeits-Tools im Praxiseinsatz
Trotz der jüngsten Fortschritte bleiben viele skeptisch gegenüber den Hyperscalern. Laut einer Analyse von Guardian liegen die tatsächlichen Emissionen aus firmeneigenen Rechenzentren von Big-Tech-Anbietern wie Google und Microsoft bis zu 662 Prozent höher als offiziell angegeben. Als Hauptursache wird die Irreführung durch den Einsatz von Renewable Energy Certificates (RECs) genannt, statt realer lokaler Emissionseinsparungen.
Hyperscaler erreichen ihre Nachhaltigkeitsziele teilweise über sogenannte Renewable Energy Credits, anstatt lokal tatsächlich erneuerbare Energie einzuspeisen. Der Begriff „Renewable Energy Credits“ (RECs) beschreibt die Praxis, fossile Energiequellen zur Imagepflege durch den Kauf von „grünen“ Zertifikaten auszugleichen. Damit wird bilanziell der eigene Energieverbrauch als grün deklariert, auch wenn vor Ort keine erneuerbaren Energien ins Spiel kommen — das ist dann klimatechnisch nicht so im Sinne des Erfinders.
Kompakte Waldflächen in Städten dienen als grüne Infrastruktur – sie puffern Starkregen, kühlen die Umgebung und fördern Biodiversität – gesponsert von Amazon.
(Bild: Miya e.V. via AWS)
In Regionen wie Irland spielen fossile Energieträger nach wie vor eine dominante Rolle – auch wenn die Anbieter global 100 Prozent „grünen Strom“ kommunizieren. Hinzu kommen ungelöste Probleme wie die enorme Wassernutzung in Kühlsystemen oder der wachsende E-Waste durch schnelle Hardwarezyklen.
Bei der Auswahl der Cloud-Provider reicht es nicht, Kosten und Performance zu vergleichen – auch Metriken der Nachhaltigkeit gehören auf die Checkliste. Und sogar dann dürfen sich die Verantwortlichen in Unternehmen nicht allein auf Marketingaussagen verlassen, sondern müssen die realen Auswirkungen der Initiativen hinterfragen. Nur so lassen sich Greenwashing-Risiken vermeiden und tatsächliche Fortschritte realisieren und nachweisen.
Nachhaltigkeit ist nur so stark wie ihre Messbarkeit. Deshalb gehören transparente Tools und Kennzahlen bei der Providerauswahl förmlich ins Pflichtenheft. OVHcloud etwa bietet mit seinem Umweltauswirkungs-Tracker (Environmental Impact Tracker) eine Lösung zur detaillierten Überwachung des Cloud‑Fußabdrucks über den gesamten Lebenszyklus eines Cloud-Dienstes hinweg – von der Energieversorgung bis hin zur Entsorgung und dem Recycling der Hardware.
Microsoft hat mit dem Emissions Impact Dashboard ein Werkzeug geschaffen, das Unternehmen ermöglicht, Aspekte wie den Energieverbrauch, die Ressourceneffizienz und die regionale Wassernutzung zu bewerten. Das Werkzeug liefert zudem Daten zur Abfallvermeidung und Wiederverwendung von Hardwarekomponenten. Das Dashboard liefert zudem Vergleichswerte zwischen verschiedenen Azure-Regionen und zeigt Unternehmen, wie sie ihre Workloads nachhaltiger platzieren können. Damit sollen Kunden nicht nur den Energieeinsatz, sondern auch Ressourcenkreisläufe besser nachvollziehen können. Ähnlich bietet AWS ergänzende Services wie das CCFT-Werkzeug (Customer Carbon Footprint Tools) an. Damit werden Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz zu festen Bestandteilen der Cloud-Kosten- und Standortentscheidungen.
Ergänzend dazu setzen viele Firmen auf unabhängige Instrumente wie ecocockpit oder die KPI4DCE-Methode des Umweltbundesamts, die standardisierte Kennzahlen für Energie- und Ressourceneffizienz liefern (siehe den Bericht „Green Cloud Computing“ vom Umweltbundesamt aus dem Jahre 2021). Mit geeigneten Tools können Unternehmen die Workload-Verteilung nachhaltiger gestalten – sogar innerhalb derselben Cloud – zum Beispiel, indem sie ihre Arbeitslasten und Daten zwischen Regionen oder Zonen verschieben und moderne Cloud-Technologien nutzen, um ihre IT von Grund auf für die Cloud neu zu erfinden.
Fazit: Nachhaltigkeit ist kein Bonus, sondern Business-Kriterium
Nachhaltigkeit ist längst kein Randthema mehr – sie ist zum geschäftskritischen Faktor geworden. Kaum ein anderes Feld zeigt das so deutlich wie die Cloud. Der Umbau zur Green Cloud aber ist kein Selbstzweck. Der Nutzen liegt auf der Hand: Unternehmen, die Nachhaltigkeit konsequent in ihre Cloud-Strategie einbeziehen, reduzieren regulatorische Risiken und verbessern ihre Position bei Investoren und Kunden. Nicht zuletzt wirkt sich eine „grüne“ Cloud-Strategie positiv auf die Stärkung der Mitarbeitermotivation in der Cloud-Sparte aus, berichten Branchenführer.
Nachhaltigkeit ist kein Bonus mehr, sondern der Schlüssel zu mehr regulatorischer Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der digitalen Transparenz. Oder anders gesagt: Die grüne Cloud ist der neue Lifestyle.