Expertenkommentar SpaceNet AG

Digitalisierung ist ein Weg, aber nicht das Ziel

| Autor / Redakteur: Sebastian von Bomhard* / Elke Witmer-Goßner

Der flächendeckende Breitbandausbau ist recht und gut, aber erfolgreiche Digitalisierung braucht eigentlich mehr Initiative.
Der flächendeckende Breitbandausbau ist recht und gut, aber erfolgreiche Digitalisierung braucht eigentlich mehr Initiative. (Bild: © Klaus The. - stock.adobe.com)

Selbst wenn 2018 auch der kleinste Ort in ländlicher Idylle seine Glasfaserleitungen und damit schnelles Internet bekommen haben sollte, würde das die Digitalisierung Deutschlands nicht weiterbringen. Das mag verwundern, aber es ist einfach so: Schnelle Leitungen sind nur eine Grundlage innovativer Angebote für Konsumenten.

Für Geschäftsmodelle reicht es aber durchaus, eine ausreichende Anzahl von Konsumenten zu erreichen – alle zu erreichen wäre eher eine Frage der Grundversorgung, nicht der Digitalisierung. Eine in diesem Bereich äußerst erfolgreiche Volkswirtschaft wie die der USA konnte punkten, obwohl der überwiegende Teil des Landes nicht wirklich erschlossen war. Es sind also andere Faktoren, die bei der Digitalisierung unterstützen. Es wird Aufgabe der neuen Regierung sein, dieses Thema ehrlich voranzutreiben und ernsthaft zu identifizieren, in welchen Bereichen eine Förderung sinnvoll ist. Digitalisierung nur um der Digitalisierung willen ist nicht der richtige Weg. Dabei kann die Regierung ja bei sich selbst anfangen. Viele beklagen sich darüber, dass die digitale Transformation schleppend vorankommt, was im Bereich E-Government besonders stark sichtbar wird. Schläft unsere Regierung? So einfach ist es nicht, der Staat investiert sogar viel Geld in die Digitalisierung.

Das Problem: Die meisten Aktivitäten sind weder bürger- noch unternehmerfreundlich. Die neuen technischen Möglichkeiten werden in Überwachungsmaßnahmen Orwellscher Prägung investiert, statt die Chance zu nutzen, Serviceangebote zu verbessern, von monotonen Tätigkeiten zu entlasten und uns alle von zeitraubender Bürokratie zu befreien. Woran liegt das? Vielleicht ist es einfach nur eine Mentalitätsfrage, anlässlich technischer Innovationen zuerst Probleme und potenzielle Missbrauchsmöglichkeiten zu sehen, und diese dann regeln und bändigen zu wollen. Warum kann nicht als erstes ein positives Gefühl stehen? Die Freude über ungeahnte Möglichkeiten, neue Geschäftsmodelle, wirkliche Verbesserungen oder Veränderungen, die jeden einzelnen, die Unternehmen und ein ganzes Land weiterbringen können und die Basis für seine Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit sein könnten.

Digitalisierung als Werkzeug für weniger Bürokratie

Die Digitalisierung könnte Behördengänge für Bürger und Unternehmen vereinfachen. Doch bisher ist die Verfügbarkeit von E-Government-Angeboten in Deutschland mangelhaft. Andere Länder wie Estland sind um einiges weiter und bieten an, Behördengänge online zu erledigen. Die deutschen Verfahren sind hier noch viel zu kompliziert. Erste Ansätze gibt es mit Einführung des neuen Personalausweises mit Signaturfunktion. Aber zu viel mehr als dem Kauf von Zigaretten ist er bisher noch nicht im Einsatz.

Das hat zu der widersinnigen Situation geführt, dass sich viele heute lieber mit Facebook im Netz ausweisen und in Kauf nehmen, dass ab da alle Daten von einer kommerziellen Firma mitgeschnitten werden, als die eigentliche Funktion des Ausweises als Identitätsnachweis zu nutzen. Und wieso? Weil es einfacher ist. Weil sich Facebook Gedanken gemacht hat, wie es auch für die Anbieter leicht zu integrieren ist. Und weil Facebook gestattet, sich in virtuellen Welten pseudonym zu bewegen. All dies ist mit dem Personalausweis nicht einmal angedacht. Subsidiarität? Bei diesem Thema? Allenfalls eine schwache Ausrede.

In Sachen Entbürokratisierung gibt es noch sehr viel zu tun. Nächstes Stichwort: Unternehmensgründung. Diese ist irrsinnig kompliziert in Deutschland. Wenn Unternehmen online zügig und bequem angemeldet werden könnten wie in Estland oder auch Delaware/USA würde das Gründern helfen, ihre Ideen schnell und einfach in Unternehmensform zu gießen und loszuarbeiten. Stattdessen müssen Gründer – mit Ausnahme der noch wenig populären Rechtsform UG (Unternehmergesellschaft) – lange auf ihre Handelsregisternummer und auf die Eröffnung eines Geschäftskontos warten.

Staatlicher Regulierungswahn ist kontraproduktiv

Ein Beispiel für eine gelungene Erleichterung für deutsche Unternehmen ist die elektronische Rechnung. Seitdem das Finanzamt elektronische Rechnungen ohne Signatur anerkennt, ist in unserem IT-Unternehmen die Anzahl der elektronischen Rechnungen von bisher 10 Prozent auf über 80 Prozent gestiegen. Das hat einen enormen Schub gegeben, ökologisch Ressourcen gespart und Prozesse beschleunigt. Digitalisierung kann also große Hürden beseitigen, wenn sie klug eingesetzt wird.

Meist sieht die staatliche Digitalisierung jedoch anders aus. Von Unternehmen werden immer mehr neue technische Schnittstellen in die internen Datenhaltungssysteme verlangt. Die Aufwände für das Mehr an Kontrollen fressen sofort alle Ersparnisse und Erleichterungen durch modernisierte Arbeitsweisen auf. Und wofür? Sieht man uns alle als Steuerhinterzieher? Oder gar gleich als Betrüger? Da fühlt man als Unternehmer ein gewisses Unwohlsein – was ist aus der Unschuldsvermutung geworden, was soll dieser Generalverdacht?

Digitalisierung als Motor für innovative Erfindungen

Geniale Erfindungen und Bedenkenträger: Selbstfahrende Autos könnten Mobilität für Menschen schaffen, die nicht mehr mobil sind oder vielen Pendlern Zeit zurückgeben. Sie könnten sich am Steuer zurücklehnen und lesen oder arbeiten. Bei uns in Deutschland gibt es den Bedarf, das Know-how und eine traditionell starke Automobilindustrie. Ein Heimspiel? Nein, es überwiegt die Sicht auf etwaige Probleme. Wer haftet für Unfälle, wie sollte sich die Software entscheiden, wenn die Vermeidung eines Unfalls ein Risiko für andere darstellen würde oder kürzer: Wie sollte sich eine Software entscheiden, wen so ein Auto überfahren sollte. Abstrus? Nein, gewiss nicht, das sind wichtige Themen und sie müssen geklärt sein. Aber muss es immer das Negative sein, an das zuallererst gedacht wird?

Sebastian von Bomhard, SpaceNet AG.
Sebastian von Bomhard, SpaceNet AG. (Bild: Gunter Hahn/SpaceNet)

Hier könnte die Regierung helfen. Noch während die ersten Prototypen entworfen werden, könnte Rechtssicherheit hergestellt werden, um beispielsweise die wichtigen Fragen, wie die der Haftung, zu klären. Deutschland könnte Fakten schaffen, wenn Industrie und Forschung für autonomes Fahren bei uns stattfinden sollen. Wenn die rechtlichen Probleme gelöst sind, werden bei uns die Teststrecken gebaut werden. Und damit ist auch klar, wo es sich lohnen könnte, Forschung zu fördern. Und auch das vielleicht nicht mit komplizierten Fördermitteln, sondern mit Staatsaufträgen und einem mutigen Bekenntnis zu Innovation.

Stattdessen ist zu befürchten, dass ein einziger Unfall reichen würde, uns davon abzubringen, diese geniale Entwicklung weiterzuverfolgen. Durch diese Haltung würde die Entwicklung trotzdem stattfinden, aber eben nicht bei uns. Beispiel Transrapid: Es würde sich lohnen, sich noch einmal mit dessen Schicksal zu beschäftigen.

Digitalisierung wird von Menschen gemacht

Mit dem Image der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ist es hierzulande nicht weit her. In den letzten vierzig Jahren konnten wir erleben, wie eine immer stärker werdende Technikfeindlichkeit zunehmend Menschen davon abbrachte, sich einen Beruf in diesen Fächern zu suchen. Das war zu Beginn vielleicht harmlos, aber inzwischen haben wir einen Stand erreicht, der für den Standort Deutschland gefährlich zu werden droht.

Dieses Thema ist zugegebenermaßen nicht einfach zu lösen. Man muss Einfluss auf die Stimmung im Land nehmen und Ideologie durch Rationalität ersetzen. Die typischen IT-Berufe müssen attraktiver werden, wenn uns nicht irgendwann die Forscher und Entwickler ausgehen sollen, welche die Basis für die Digitalisierung schaffen. Es fehlt an Imagekampagnen und Initiativen, die es schaffen, begabte Menschen für MINT-Berufe zu begeistern.

Mut machen zum mutig sein

Man könnte noch viele weitere Beispiele bringen. Allen gemeinsam ist es, dass wir erkennen müssen, wo die wirklichen Defizite liegen. Nur so werden wir den Mut aufbringen, die Dinge anzugehen, die es anzugehen gilt. Und dann geht das mit der Bandbreitenerweiterung wie von selbst – das Ziel ist es nicht, Glasfaserstränge zu vergraben oder Kupfer zu recyceln, sondern Wegbereiter einer spannenden und begeisternden Zukunft zu sein.

Veranstaltungshinweis: Hosting & Service Provider Summit 2018

Treffen Sie Sebastian von Bomhard im Mai 2018 auf dem „Hosting & Service Provider Summit 2018“ in Frankfurt am Main. Dort hält der Internetpionier und Vorstand der SpaceNet AG eine Keynote zum Thema „Digitalisierung hat mit Glasfaser nichts zu tun“. Weitere Highlights der zweitägigen Veranstaltung, die Agenda und die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der Event-Website.

Digitalisierung ist ein Weg, aber nicht das Ziel HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT 2018

Mehr Informationen zum HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT 2018

* Sebastian von Bomhard ist Internetpionier und Vorstand der SpaceNet AG.

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