Eigene Ideen. Eigene Kanäle. Eigene Community. Für viele Creator ist die digitale Selbstständigkeit der Traum vom unabhängigen Arbeiten. Möglich wird das durch Plattformen, Tools und Cloud-Dienste – schnell, einfach, global. Doch genau hier liegt die Herausforderung: Wer digitale Freiheit will, braucht mehr als ein gutes Netzwerk. Es braucht ein eigenes Fundament.
Unabhängigkeit beginnt auch bei Inhaltserstellern bei der Technik und der Auswahl der genutzten Kanäle.
Der Einstieg ist einfach: ein Smartphone, ein Social-Media-Account, ein Cloud-Zugang – fertig ist das kreative Business. Inhalte werden veröffentlicht, Produkte verkauft, Kommunikation läuft direkt über Plattformen und Messenger-Dienste. Doch mit der gewachsenen Reichweite wächst auch die Abhängigkeit von Algorithmen, AGBs, verfügbaren Funktionen und Infrastrukturen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Digitale Souveränität hingegen bedeutet, Inhalte, Kommunikation, Daten und Geschäftsprozesse auch unabhängig, sicher und rechtskonform auf einer selbstgewählten Infrastruktur zu steuern.
Dass dieser Wunsch längst im Mainstream angekommen ist, zeigt die Strato-Studie 2025: 75 Prozent der deutschen Cloud-Nutzenden wünschen sich europäische Datenhoheit. Komfort, europäischer Datenschutz und DSGVO-Konformität sind für viele inzwischen wichtiger als der günstigste Preis.
Für kreative Selbstständige wird digitale Souveränität zunehmend zur Grundlage ihrer unternehmerischen Freiheit. Sie wollen nicht nur, dass ihre Tools funktionieren, sondern dass sie verlässlich und unter ihren Bedingungen funktionieren. Doch wie passt das zu den Praktiken der führenden sozialen Netzwerke zusammen?
Sichtbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit
Viele digitale Geschäftsmodelle der Creator Economy setzen auf Reichweite als Währung. Doch Reichweite, die allein auf Plattformen basiert, ist volatil und schwer kalkulierbar. Sichtbarkeit lässt sich nicht garantieren, weder vertraglich noch technisch.
Ein paar Beispiele: Eine Videoproduzentin, die auf TikTok mehrere Hunderttausend Follower hat, verliert binnen Tagen den Großteil ihrer Aufrufe, weil der Algorithmus verändert wurde. Ein Illustrator verkauft Printables über einen Plattformshop, bis neue Gebühren eingeführt werden und der Gewinn schrumpft. Eine Designerin gerät durch eine Plattformadresse auf eine Blacklist – ihre Angebote verschwinden in Spamfiltern.
Solche Szenarien sind zum Alltag geworden. Sie zeigen, dass digitale Souveränität inzwischen eine betriebliche Notwendigkeit ist. Wer dauerhaft sichtbar und wirtschaftlich unabhängig sein will, braucht klare Zuständigkeiten, transparente Systeme und eine eigene Infrastruktur.
Vier Säulen für digitale Unabhängigkeit
Digitale Souveränität ist kein abstraktes Konzept – sie zeigt sich ganz konkret in den Tools und Systemen, auf die Creator im Alltag bauen. Unabhängiges Arbeiten erfordert mehr als Kreativität – es braucht auch digitale Kontrolle: über Inhalte, Kommunikation, Daten und Transaktionen. Im Kern stützt sich diese Unabhängigkeit auf vier zentrale Bereiche – sie bilden das Fundament für Sichtbarkeit, Professionalität und Resilienz.
1. Die eigene Website als stabile Basis Eine eigene Domain ist nicht nur Adresse – sie ist Identität, Sicherheitsmerkmal und technisches Rückgrat. Wer eine Website betreibt, die nicht von Plattformen abhängt, kontrolliert Inhalte, Tracking und Datenschutz. Sie ist das digitale Zuhause – jederzeit erreichbar, unabhängig von Algorithmen oder AGBs.
2. E-Mail mit eigener Domain Im Austausch mit Partnern, Agenturen oder Kunden wirkt eine Adresse wie studio@meinkonzept.de professioneller als jede Freemail-Lösung. Zudem schützt sie vor Blacklisting und trennt klar zwischen geschäftlicher und privater Kommunikation. Technisch bieten eigene Maildomains bessere Zustellbarkeit, SPF/DKIM-Authentifizierung und mehr Kontrolle.
3. DSGVO-konforme Cloud-Lösungen Ob Videos, Entwürfe, Kundendaten oder Work-in-Progress: Kreative Arbeit braucht Speicher, der sicher, skalierbar und rechtlich sauber ist. Europäische Cloud-Anbieter mit Serverstandort in der EU bieten DSGVO-Konformität sowie moderne Sicherheitsstandards: Zwei-Faktor-Authentifizierung, Datenverschlüsselung, Versionsverwaltung und automatisierte Backups.
4. Eigenständige Shop-Systeme statt Plattformen Digitale Produkte, Beratung, Workshops oder physische Artikel lassen sich längst auch ohne Plattformlogik verkaufen. Wer seinen Shop direkt in die eigene Website integriert, kontrolliert Preise, Inhalte, Zahlungsabwicklung und Kundendaten. Und vor allem: Man bleibt unabhängig von Gebührenänderungen, Sichtbarkeitsregeln oder Konto-Sperrungen durch Drittanbieter.
Stand: 08.12.2025
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Bonus: Eigene Präsenzen auf dezentralen sozialen Netzwerken
Dezentrale Netzwerke wie das Fediverse sind Alternativen zu den großen US-Playern. Als Creator solle man ihnen eine Chance geben und möglichst bald seinen X-Account beispielsweise gegen einen Account auf Mastadon tauschen. Auch die Nutzung von dezentral gesteuerten sozialen Netzwerken steht für digitale Souveränität und Unabhängigkeit.
Diese Bereiche bilden die Grundlage für digitale Selbstbestimmung. Wer seine Infrastruktur selbst aufsetzt oder seine genutzten sozialen Netzwerke bewusst auswählt, reduziert Abhängigkeiten, gewinnt an Handlungsfähigkeit und schafft Vertrauen bei Kunden, Partnern und der eigenen Community.
Auch rechtlich wird diese Verantwortung konkreter: Mit dem Inkrafttreten der NIS-2-Richtlinie und Teilen des EU AI Act steigen die Anforderungen an Betreibende digitaler Angebote, auch für Soloselbstständige und kleinere Creator-Projekte. Wer Websites, Shops oder KI-Funktionen betreibt, muss künftig nachvollziehbar zeigen, wie Systeme geschützt, überwacht und verantwortet werden. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, dokumentierte Sicherheitsmaßnahmen, saubere Opt‑ins und ein transparenter Umgang mit Daten.
Hosting, Mail und Speicher im deutschen Rechenzentrum verringern regulatorisches Risiko und sichern die Hoheit über Daten. Gleichzeitig bieten moderne europäische Lösungen APIs, Integrationen und Frontends auf Augenhöhe mit den großen Plattformen. Sie ermöglichen Kontrolle, ohne auf Anschlussfähigkeit zu verzichten.
Unabhängigkeit beginnt bei der Technik und der Auswahl der genutzten Kanäle. Wer seine Inhalte, Kundendaten und digitalen Prozesse selbst verwaltet, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch sein Geschäftsmodell. Creator, die heute eigene Fundamente legen und alternative Kommunikationskanäle nutzen, sichern sich langfristig Sichtbarkeit, Resilienz und Vertrauen. In Zeiten von Algorithmus-Änderungen, Funktionsanpassungen und Plattformrisiken wird die eigene Domain zum strategischen Anker – und damit mehr als eine reine Adresse im Netz.
* Der Autor Jan Firsching ist Senior Social Media Manager bei Strato. Er entwickelt Strategien, Konzepte und Kampagnen für digitale Markenkommunikation – datenbasiert, kanalübergreifend und mit klarem Fokus auf Wirkung. Seit über zehn Jahren begleitet er die Social-Media-Transformation von Unternehmen, treibt Performance-orientierte Kommunikation voran und bleibt dabei immer nah an Zielgruppen, Trends und Tools.