Menschen, Technologien und Prozesse müssen verändert werden

Der Status quo der Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen

| Autor: Elke Witmer-Goßner

Für den Erfolg von Innovationen sind Risiken, Kurskorrekturen und oft sogar ein Scheitern unvermeidbar.
Für den Erfolg von Innovationen sind Risiken, Kurskorrekturen und oft sogar ein Scheitern unvermeidbar. (Bild: gemeinfrei (geralt - Pixabay/CC0) / CC0)

Deutschland ist immer noch die Nation der Dichter, Denker und Erfinder, Standort zahlreicher, weltweit erfolgreicher Industrien. Auch im vergangenen Jahr investierten die deutschen Unternehmen hohe Summen, um im globalen Markt voranzukommen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch wie steht es tatsächlich um die Innovationskultur in deutschen Firmen?

Für den Industrie-Innovationsindex 2017 von Kandar Emnid wird regelmäßig hinterfragt, wie Innovationen in Deutschland umgesetzt werden und dabei Alarmierendes festgestellt: Obwohl mehr Geld investiert wurde und wird, nimmt die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen trotzdem ab. Es klafft inzwischen eine breite Kluft zwischen der Entwicklung von Ideen und deren erfolgreicher Umsetzung. Doch um tatsächlich wettbewerbsfähig zu bleiben, müssten Ideen zur Mehrwertsfindung und -generierung schneller umgesetzt werden. Hier liegt auch die große Gefahr, dass Unternehmen scheitern, weil sie nicht fähig sind, innovative Ideen schnell in neue Produkte, Dienstleistungen oder Strategien umzusetzen.

Digitale Disruption fordert Innovationswillen

Im Auftrag von VMware hat die Cass Business School untersucht, warum es für Unternehmen aber absolut notwendig ist, ein Klima der Risikobereitschaft und der Experimentierfreude zu schaffen und weniger auf kurzfristige Strategien zu setzen. Der Report „Innovating in the Exponential Economy“ zeigt deutlich auf, dass Geschäftsentscheidungen auch immer reversibel sind und dass es durchaus kontraproduktiv für ein Unternehmen sein kann, erst auf die komplette Ausarbeitung einer Idee zu warten, bevor mit der Umsetzung gestartet wird.

Denn hierfür haben Unternehmen angesichts digitaler Disruption keine Zeit mehr. Stand die Ideenfindung bisher in einem stabilen linearen Verhältnis zur Umsetzung, ändert sich diese jetzt durch ständige neue Herausforderungen wie der digitalen Transformation von Unternehmen. Die Unvorhersehbarkeit und das Tempo des heutigen Wettbewerbsumfelds, das gekennzeichnet ist durch industrielle Erschütterungen, ein unsicheres politisches Klima, blühende technologische Innovationen, den Wettbewerb um exponentielles Wachstum und das Verschwinden von Branchengrenzen, führt dazu, dass Unternehmen nicht erst alle Antworten haben und es sich auch nicht leisten können, auf Gewissheiten zu warten, bevor sie die neuen Ideen umsetzen.

Prof. Feng Li, Ahair of Information Management, Cass Business School, City University of London.
Prof. Feng Li, Ahair of Information Management, Cass Business School, City University of London. (Bild: Prof. Feng Li)

Der Autor des Reports, Professor Feng Li, Head of Technology and Innvoation Management an der Cass Business School, erklärt diesen Zusammenhang deutlicher: „Die Digitalisierung zwingt Unternehmen dazu, ihre eigene Organisation, Unternehmens- und Innovationskultur sowie die Ideenumsetzung und Bewertung zu überdenken.“ Dabei sei es überaus schwierig, die Zukunft vorherzusagen. Viele neue Ideen liefen Gefahr, noch vor ihrer Umsetzung bereits wieder veraltet zu sein. Daher sei ein Zusammenspiel der Faktoren Unternehmensführung, -kultur und Technologie notwendig, um innovative Ideen im erforderlichen Tempo zu verwirklichen, so Feng Li.

„The winner takes it all“

Doch wie lässt sich die Lücke zwischen dem Finden einer Idee und deren erfolgreichen Umsetzung – als Definition von Innovation – letztendlich schließen? Im Rahmen des Reports werden verschiedene Maßnahmen aufgezeigt, mit deren Hilfe eine Unternehmensführung diese Lücke schließen kann, um sich kontinuierlich in dem Tempo zu verändern, das sie benötigen. So zeigt der Report deutlich, dass viele Unternehmen tatsächlich die digitale Disruption unterschätzen oder sogar bereits transformationsmüde und entsprechend desinteressiert sind. Das sei überaus gefährlich, warnt Li. Im Durchschnitt sind die Industrien nur bis zu 40 Prozent digitalisiert. Daher müssten sich Unternehmen mehr an neue Entwicklungen in den Bereichen Cloud, KI und maschinelles Lernen, große Datenmengen, IoTs usw. anpassen, da nur über diese exponentielles Wachstumspotenzial zu erwarten ist. „In einem disruptiven Markt nimmt nur der Gewinner alles mit“, so Prof. Li.

Innovationen bringen nicht immer nur Neues
Nur wenige sogenannter „neuer“ Geschäftsmodelle basierten tatsächlich auf noch nie Dagewesenem. Die wahre Herausforderung sei, so Prof. Li, herauszufinden, wo welche Innovation ansetzen muss und wo sie überhaupt Sinn macht. Leider würden die meisten Unternehmen nur in ihrem Kerngeschäft aktiv und Innovationen vorantreiben, ohne die oft wichtigeren Wertschöpfungsketten außerhalb ebenfalls mit einzubeziehen. Doch gerade hier entschieden oft kleine Verbesserungen über die Wettbewerbsfähigkeit des ganzen Unternehmens in bestimmten Märkten, warnt Li. Indem Unternehmen mit Hilfe neuer Technologien Zugang zu einem breiteren Geschäftsfeld erhalten, verändern sich auch ihre Geschäftsmodelle. Sie können aus verschiedenen Modellen auswählen, für ihre Bedürfnisse anpassen und mehrere Geschäftsmodelle als Portfolio adoptieren. Eine Organisation mit Portfoliomodell verfügt über eine hohe Bandbreite an Möglichkeiten, einerseits ihre finanzielle Situation zu verbessern und andererseits belastbarer zu sein für die weitere kontinuierliche Veränderung.

Ausprobieren geht über Studieren
In diesem alten Sprichwort steckt auch für unsere modernen Zeiten noch viel Wahrheit. Die traditionelle lineare Beziehung zwischen Innovation und Umsetzung, abgesichert durch Garantien und vordefinierte Ergebnisse, ist veraltet. Heute sind der zukünftige Weg eines Unternehmens und das Ziel schwer vorhersehbar. Und nie werden alle Informationen, die man braucht, auch verfügbar sein. Aber Unternehmen müssen in der Lage sein, grünes Licht zu geben, um eine Idee schnell umzusetzen. Häufige Kurskorrekturen bei Problemen bestimmen die Strategie genauso wie kontinuierliche Überwachung und regelmäßige Neudefinition der Wege und Ziele. Diese Erkenntnis, nicht immer direkt auf das Ziel zugehen zu können und auch ein Scheitern in Kauf zu nehmen, soll aber kein Freibrief für willkürliche und planlose Aktionen sein, warnt Prof. Li. Das Ziel – die „große Idee“ – sollte immer vor Augen sein und verlangt unbedingt einen strategischen Plan.

Menschen, Technologien und Prozesse verändern
Um ein Umdenken und den Kulturwandel im Unternehmen tatsächlich zu schaffen, müssten in erster Linie Denk-Silos und isolierte, eingeschränkte Sichtweisen eliminiert werden, fordert Prof. Li in seinem Report. Allerdings leichter gesagt als getan. Denn gut gemeinte Bemühungen, die Kultur zu verändern, können auch zu unbeabsichtigten Folgen führen. Nicht selten haben schon bestimmte Managementmaßnahmen, die zur Belohnung von Innovation und Risikobereitschaft eingeführt wurden, dazu geführt, dass „Quick Win“-Initiativen Vorrang vor eher strategischen Initiativen gegeben wurde, die zwar einen größeren potenziellen Nutzen, aber auch ein echtes Risiko mit sich bringen. Jeder Versuch, die Kultur zu verändern, ohne die damit verbundenen, zugrundeliegenden Annahmen und Auswirkungen zu verstehen, wird scheitern.

Unsicherheit wagen und Risiken annehmen

Damit Innovation gelingt, ist Risiko – und manchmal auch Misserfolg – unvermeidlich. Risikomanagement wird allzu oft als ein Compliance-Problem behandelt, das durch die Erstellung formaler Regeln und deren Einhaltung durch alle Mitarbeiter gelöst werden kann. Führungskräfte müssen aber neue Risikomanagementsysteme entwickeln und neue Risikomanagement-Techniken einführen und gleichzeitig die Menschen ermutigen, mit neuen Ideen zu experimentieren. Unerlässlich ist es dabei aber auch, diese kulturellen Veränderungen durch die richtige Technologie-Infrastruktur zu unterstützen. Unternehmen müssen architektonische Entscheidungen treffen, die sie in Zukunft nicht bereuen werden. Sie müssen in der Lage sein, Ressourcen mit hoher Geschwindigkeit über die erforderliche Anzahl von Geräten, Anwendungen und Clouds zu skalieren, mit der Gewissheit, dass alles sicher ist.

Die Messung der Auswirkungen dieses Wandels ist ein Instrument für Führungskräfte, um kontinuierliche Innovationen zu ermöglichen. Beschränkt man sich dabei aber allein die Messung des Greifbarsten – etwa der in Innovationen investierten (Geld und Zeit) oder der Ergebnisse von Innovationen (Anzahl neuer Produkte) – kann die Innovation einschränkt oder sogar gefährdet werden. Die Messung sollte vollständig auf die strategischen Prioritäten und angestrebten Ergebnisse ausgerichtet sein und sich mit der Strategie ändern und weiterentwickeln können. Damit ist sichergestellt, dass Ideen nicht vernachlässigt werden, bevor sie für das Unternehmen Wirkung zeigen.

Innovationsfähigkeit als Indikator des Unternehmenserfolgs

Somit hängt das Überleben der Unternehmen in Zukunft ab von ihrer Fähigkeit, auf sich ändernde Gegebenheiten im Geschäftsumfeld schnell zu reagieren und entsprechende Innovationen auf eine Linie zu bringen, um Ideen kontinuierlich in Geschäft umsetzen zu können. Das gesamte Unternehmen steht dabei im Mittelpunkt. Die neuen Herausforderungen treffen die bestehende Kultur, das Risikomanagement und die technologische Infrastruktur. Insbesondere muss sich die Vorstellung von „Erfolg“ insofern ändern, dass die Geschäftsführer in der Lage sind den zukünftigen Pfad zu begehen, der zwar unsicher sein kann, aber auch viele Chancen bereit hält.

Welchen Stellenwert hat IT Made in Germany heute?

Chancen und Risiken des IT-Standorts Deutschland

Welchen Stellenwert hat IT Made in Germany heute?

14.05.18 - Standortbestimmung für IT Made in Germany: Ein Nachbericht einer Podiumsdiskussion zu Chancen und Risiken des IT-Standortes Deutschland mit prominenten Vertretern von Bitkom, Hasso Plattner Institut, der Datenverarbeitungszentrale Schwerin und IBM während des Beta Systems Technology Forums 2018 in Berlin. lesen

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45302684 / Allgemein)