Fabrik der Zukunft Cloud statt Monolith: So wird Produktion flexibler

Ein Gastbeitrag von Dr. Diego Steger* 4 min Lesedauer

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Traditionelle Manufacturing Execution Systeme sind oft zu starr und stoßen in dynamischen Produktionsumgebungen schnell an ihre Grenzen. Cloudbasierte MOM-Lösungen bieten die nötige Agilität, Modularität und Datenintelligenz für die datengetriebene und selbstoptimierende Fabrik. So gelingt der Umstieg und macht sich eine neue Architektur schnell bezahlt.

Warum klassische MES-Systeme an Grenzen stoßen und wie Cloud-native MOM-Plattformen für mehr Flexibilität und Effizienz sorgen, zeigt der Gastbeitrag.(Bild: ©  panuwat - stock.adobe.com)
Warum klassische MES-Systeme an Grenzen stoßen und wie Cloud-native MOM-Plattformen für mehr Flexibilität und Effizienz sorgen, zeigt der Gastbeitrag.
(Bild: © panuwat - stock.adobe.com)

MES am Limit: Warum alte Systeme nicht mehr reichen

Manufacturing Execution Systeme (MES) basieren auf einem zentralisierten Architekturmodell, in dem Datenhaltung, Geschäftslogik und Integrationsmechanismen eng miteinander verwoben sind. Diese Struktur war lange ausreichend, um standardisierte Fertigungsprozesse abzubilden. Angesichts steigender Variantenvielfalt, kürzerer Produktlebenszyklen, zunehmender Automatisierung und wachsender Datenvolumina geraten diese Systeme jedoch an ihre Grenzen.

Änderungen an Prozessen oder Maschinenkonfigurationen ziehen meist tiefgreifende Eingriffe in den MES-Monolithen nach sich. Die starke Kopplung verhindert schnelle Anpassungen, hemmt Innovation und verlangsamt die Integration neuer Technologien wie IIoT, Edge-Analytics oder KI. Mit wachsender Komplexität verlängern sich die Release-Zyklen, die Testaufwände steigen und die Integrationsrisiken nehmen zu. Damit entsteht ein unflexibler und statischer Softwarekern, der mit der Dynamik moderner digitaler Fabriken nicht mehr Schritt halten kann.

Composable MOM macht Produktion modular und agil

Composable Manufacturing Operations Management (MOM) löst dieses strukturelle Problem, indem es Fertigungs- und Informationsprozesse in klar abgegrenzte digitale Fähigkeiten transformiert. Diese Packaged Business Capabilities (PBCs) umfassen jeweils eine fachlich definierte Funktion – etwa Genealogie, Maschinenzustandsmanagement, Qualitätsentscheidungen oder Materialflusssteuerung – und beinhalten ihre eigene Logik, Datenhaltung und Integrationsschnittstellen.

Dieses Architekturprinzip führt zu einer deutlich reduzierten Kopplung zwischen Komponenten. Jede Capability lässt sich unabhängig entwickeln, versionieren, skalieren und betreiben. Funktionen entstehen nicht mehr innerhalb eines globalen Systems, sondern als flexibel kombinierbare Module in einer Plattform. Normen wie ISA-95 und VDI 5600 liefern die semantische Grundlage für diese Zerlegung, indem sie Prozesse, Datenstrukturen und Integrationsbeziehungen systematisch ordnen. Dadurch wird die MOM-Architektur zu einem Gesamtsystem, das sich kontinuierlich an veränderte Produktionsanforderungen anpassen kann.

Cloud-native Prinzipien für die Smart Factory

Die Realisierung erfordert Cloud-native Prinzipien. In Cloud-nativen Architekturen werden Anwendungen als Microservices implementiert, die in Containern ausgeführt und über Plattformen wie Kubernetes orchestriert werden. Container gewährleisten konsistente Laufzeitumgebungen, während Orchestrierungssysteme dafür sorgen, dass Container bei Bedarf vervielfacht (Skalierung), fehlerhafte Container automatisch neu gestartet (Selbstheilung) und neue Versionen der Software einfach verteilt werden (Deployment). Sie automatisieren auch das Lebenszyklusmanagement der Container. Cloud-Native ist dabei ein Softwareentwicklungsansatz, der Anwendungen so gestaltet, dass sie skalierbar sind und vollständig auf der von der Cloud bereitgestellten Infrastruktur und den dort verfügbaren Services basieren.

Infrastruktur wird als Code beschrieben und versioniert, wodurch Änderungen reproduzierbar, auditierbar und sicher durch CI/CD-Pipelines bereitgestellt werden können. DevOps-Methoden ermöglichen hohe Release-Frequenzen und deutlich reduzierte Ausfallrisiken im laufenden Betrieb. API-Gateways übernehmen Routing, Zugriffskontrolle und Policy-Enforcement der Daten, während Service-Meshes die Lastverteilung, Verschlüsselung und Fehlertoleranz zwischen den Services sicherstellen.

Zentrale Systemattribute – Beobachtbarkeit, Fehlertoleranz, Auditierbarkeit – werden technisch in die Plattform ausgelagert und nicht mehr in die Fachlogik einzelner Anwendungen integriert. Diese Trennung reduziert die Komplexität auf Service-Ebene und erhöht die Robustheit des Gesamtsystems. Im Vergleich zu monolithischen MES entsteht damit eine Architektur, die skaliert, sich selbst stabilisiert und ohne Downtime erweitert werden kann.

Daten neu denken: Vom Silo zur lernenden Plattform

Mit der Einführung modularer und cloud-nativer MOM-Systeme entsteht eine neue Rolle für Daten. Anstelle isolierter MES-Datenbanken bildet ein kontextualisiertes, domänenorientiertes Datenmodell das Rückgrat der Informationsverarbeitung. Produktionsdaten werden entlang der ISA-95-Strukturen organisiert und in Echtzeit aus Maschinen, Sensoren, Qualitätsprozessen und Logistiksystemen angereichert.

Durch diese Harmonisierung entsteht ein einheitlicher Data Layer, der KI-Modelle, digitale Zwillinge und simulationsbasierte Optimierungsverfahren unterstützt. Ereignis-getriebene Datenströme ermöglichen adaptive Prozesssteuerung, während Cloud-Analytics komplexe Muster in der Fertigung identifizieren. Low-Code-Werkzeuge erlauben es Fachbereichen, datenbasierte Anwendungen selbst zu entwickeln, ohne Silos zu erzeugen. Die Fertigung wird damit zu einem System, das kontinuierlich lernt, Zustände interpretiert und sich selbst anpasst.

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So gelingt der Wandel von der Analyse zur Migration

Ein typisches Einführungsprojekt beginnt mit einer umfassenden Analyse der bestehenden IT- und OT-Landschaft. Zunächst müssen die Beteiligten untersuchen, inwieweit aktuelle Systeme Containerisierung, Microservices und Kubernetes unterstützen können. Parallel müssen sie die Teamkompetenzen bewerten, um Qualifikationslücken in DevOps, CI/CD oder Cloud-Security zu identifizieren. Auch die Unternehmenskultur spielt eine zentrale Rolle, denn die Transformation bedeutet eine Abkehr von linearen, manuellen Prozessen hin zu kontinuierlicher Bereitstellung und funktionsübergreifender Zusammenarbeit.

Auf Basis dieser Analyse entsteht eine Roadmap, die technische, organisatorische und ökonomische Maßnahmen integriert. FinOps-Mechanismen adressieren die Kostenaspekte, die sowohl die wirtschaftliche Nutzung von Cloud-Ressourcen als auch die Eliminierung ungenutzter Ressourcen und die Optimierung von Workloads sicherstellen. Parallel müssen Unternehmen ihre Sicherheitsarchitektur so erweitern, dass Build-Pipelines, Container-Images, API-Strukturen und Netzwerke den Anforderungen einer Zero-Trust-Umgebung entsprechen.

Die Migration erfolgt üblicherweise evolutiv. Einzelne Capabilities – etwa Maschinenzustandsüberwachung, Qualitätsentscheidungen oder Genealogie – werden zuerst modularisiert, containerisiert und in die Plattform überführt. Über hybride Integrationsschichten kommunizieren sie mit dem bestehenden MES. Schrittweise wächst das composable MOM-System, während der Monolith an Bedeutung verliert. KPIs wie Latenz, Fehlerraten, Bereitstellungsfrequenz oder Transaktionskosten dienen dabei zur kontinuierlichen Bewertung des Transformationsfortschritts.

Mehr Effizienz durch modulare Produktions-IT

Cloud-native MOM-Systeme verkürzen Einführungs- und Anpassungszeiten drastisch. Weil sie skalieren, reduzieren sie Betriebs- und Infrastrukturkosten und erhöhen gleichzeitig die Prozessqualität mit durchgängigen Echtzeitdaten und automatisierten Entscheidungen. Die resultierenden Produktivitätsgewinne, geringeren Stillstandzeiten und Qualitätssteigerungen führen zu einem messbar schnelleren ROI, den Unternehmen im Vergleich zu klassischen On-Premises-Lösungen häufig bereits nach wenigen Monaten erreichen.

Die Wahl der MES-Architektur bestimmt unmittelbar die Agilität und Wettbewerbsfähigkeit einer Produktion. Während On-Premises-Systeme maximale Kontrolle bieten und hybride Ansätze einen risikoarmen Übergang ermöglichen, setzt eine cloud-native Architektur in Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und wirtschaftlicher Performance neue Maßstäbe – und verschafft Unternehmen klare Wettbewerbsvorteile.


* Der Autor Dr. Diego Steger ist Principal Consultant für Digital Manufacturing und Industrial Security bei der Adesso SE. Er unterstützt Unternehmen beim Aufbau moderner MOM-Architekturen, der IT/OT-Integration und der Strategieentwicklung für Cloud-native Produktionssysteme.

Bildquelle: Adesso SE

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