Skepsis weicht Ratio German Angst vor der (SAP-)Cloud?

Ein Gastbeitrag von Bernd Engist* 4 min Lesedauer

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Die CIOs vieler deutscher Produktionsunternehmen stehen einem Komplettumstieg ihrer Systeme in die Cloud skeptisch bis ablehnend gegenüber – zu Recht? SAP hat bei seinen Kunden einige Wellen durch seine Strategie verursacht, die Anwender seiner Produkte mit mehr oder weniger sanftem Druck zum Wechsel in die Cloud zu bewegen.

Dass SAP in seiner aktuellen Version S/4HANA einige bislang auch on-premises verfügbare Dienste zukünftig nur noch in der Cloud anbieten wird, hat großen Protest innerhalb der SAP-Community hervorgerufen.(Bild:  ajr_images - stock.adobe.com)
Dass SAP in seiner aktuellen Version S/4HANA einige bislang auch on-premises verfügbare Dienste zukünftig nur noch in der Cloud anbieten wird, hat großen Protest innerhalb der SAP-Community hervorgerufen.
(Bild: ajr_images - stock.adobe.com)

Während SAP den Eindruck vermitteln möchte, dass die Cloud der einzig gangbare Weg für die Zukunft ist („Rise with SAP“), sehen das die Kunden des ERP-Giganten offensichtlich etwas anders.

Die Nutzerorganisation DSAG für die deutschsprachige SAP-Kernregion wird zum Teil sogar sehr deutlich. Ein DSAG-Vorstandsmitglied führt pointiert aus: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich vor 20 Jahren eine Eigentumswohnung gekauft, nach Ihren Bedürfnissen eingerichtet und mittlerweile abbezahlt. Jetzt kommt derselbe Verkäufer, verlangt Miete und will außerdem die gesamte Möblierung umgestalten. Und alle vier Wochen ersetzt er Ihr Sofa und Ihren Fernseher, weil es ein neues Modell gibt – ob Sie wollen oder nicht.“

Wenngleich etwas überspitzt formuliert, bringt diese Aussage dennoch zwei der Hauptsorgen von CIOs beim vollständigen Umstieg in die Cloud auf den Punkt: Kosten und Kontrollverlust. Erfüllen wir Deutschen also hier einmal mehr das gängige Vorurteil, Sparfüchse und Bedenkenträger zu sein? Schauen wir uns die Gründe der Skepsis einmal im Einzelnen an.

Sorge 1: Sicherheitsbedenken
Deutschland gilt als besonders empfindlich, wenn es um die Sicherheit geht. Viele IT-Verantwortliche großer Unternehmen fürchten um die Sicherheit und den Schutz ihrer sensiblen Daten – insbesondere, wenn die Server im Ausland stehen. Hier sind jedoch Zweifel angebracht, ob eine im Vergleich zu den Cloud-Betreibern eher kleine eigene IT-Abteilung tatsächlich über mehr Kompetenz und Ressourcen verfügt, um die erforderliche Cybersicherheit herzustellen.

Sorge 2: Kosten
CIOs fragen sich zudem, ob die versprochenen Einsparungen realistisch sind. Einige haben genauer nachgerechnet und kommen zu eher negativen Ergebnissen. Allerdings muss man hier genauer hinschauen, denn es kommt zum Beispiel auf mögliche Schwankungen im Workload an. Ist die Belastung konstant hoch, bedeutet das große (teure) virtuelle Maschinen in der Cloud. Gibt es aber nur gelegentlich Lastspitzen, können die Cloud-Ressourcen flexibel in ihrer Größe angepasst werden – im eigenen Rechenzentrum nicht möglich. Das heißt, dort läge die überschüssige, teuer angeschaffte Rechenleistung zumeist ungenutzt brach.

Sorge 3: Kontrollverlust
Wir geben ungern die Kontrolle aus der Hand, das kennen wir alle als Beifahrer. Und genau wie beim Autofahren unterliegen wir möglicherweise dem Trugschluss, selbst alles besser zu können. Bei den Services und dem Datenmanagement in der Cloud verlassen sich deutsche Unternehmen größtenteils auf externe Dienstleister. Das löst bei nicht wenigen CIOs ein gewisses Bauchgrimmen aus: Was passiert, wenn doch etwas schiefgeht oder die Technik versagt? Zudem fällt es vielen schwer, den in Form von SLAs versprochenen Leistungen wirklich zu trauen. Und nicht zuletzt – und da wären wir wieder bei der gemieteten möblierten Eigentumswohnung – stoßen sich die Verantwortlichen daran, dass die Update-Zyklen von den Cloud-Anbietern bestimmt werden. Für sie stellen sich die Cloud-Dienste als undurchschaubare „Blackbox“ dar.

Hybrid als goldener Mittelweg

Aus den genannten und weiteren Gründen – nehmen wir z. B. die gesetzliche Vorschrift, dass personenbezogene Daten in Deutschland aufbewahrt werden müssen – favorisieren viele Verantwortliche eine Hybrid-Lösung als Mittelweg.

So sah sich der deutsche mittelständische Automatisierungsanbieter SEW Eurodrive angesichts des SAP-Paradigmenwechsels zwar gezwungen, seine bisherige „No-Cloud“-Strategie zu verlassen und die neue Strategie „On-Premises first“ auszurufen, will aber – zumindest auf absehbare Zeit – nicht ganz auf die Cloud setzen. Andere Unternehmen gehen mit „Cloud first, aber nicht Cloud only“ etwas weiter und setzen die Cloud immerhin an erste Stelle.

Wie aus Gesprächen am Rande von Anwender-Konferenzen hervorgeht, werden insbesondere CIOs aus der Fertigungsindustrie vermutlich niemals ganz auf die Cloud setzen.

Dabei spielt der Datenschutz eine eher untergeordnete Rolle, sondern man befürchtet produktionsgefährdende Latenzzeiten. Daher wird z. B. im Automobilbau Wert daraufgelegt, die Systeme in möglichst direkter Nähe zur Produktionsstätte zu halten. Die Zahl der Unternehmen, die in diesem Segment on-premises bleiben wollen, scheint also höher zu sein, als SAP uns glauben machen will.

Wie viel Cloud braucht die IT?

Wie sähe also eine ideale Hybridlösung aus? Beispielsweise in einer solchen Kombination: Die Anwendung bleibt auf den eigenen Servern, also on-premises, sodass der Anwender die volle Kontrolle behält und über die Update-Zyklen selbst entscheidet. Zugleich werden Infrastruktur, Rechenleistung, Netzwerktechnik und die grundlegende Datensicherheit als IaaS (Infrastructure-as-a-Service) in die Cloud ausgelagert – und von entsprechenden Dienstleistungsunternehmen betreut.

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* Der Autor Bernd Engist ist Chief Technology Officer von Avantra. Seit der Gründung von Avantra vor 21 Jahren ist er für die technologische Vision und die Produktentwicklung verantwortlich und sorgt für Innovation und erstklassige Qualität. Bernd hat einen MA in Elektrotechnik und Elektronik vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Bildquelle: Avantra

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