Europäische Initiative gegen Tech-Dominanz Souveräne Suchinfrastruktur als Rettung vor Kollaps

Von Elke Witmer-Goßner 2 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das deutsch-französische Joint Venture European Search Perspective (EUSP) hat offene Briefe an die Regierungschefs aller 27 EU-Mitgliedstaaten gesendet. Darin schlägt es die sofortige Einrichtung nationaler Suchindizes vor, um Europas digitale Souveränität zu stärken und die massive Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern zu beenden.

Fast 100 Prozent der Suchanfragen in Europa werden von US-amerikanischen und russischen Unternehmen beantwortet - eine Initiative will das ändern.(Bild: ©  BillionPhotos.com - stock.adobe.com)
Fast 100 Prozent der Suchanfragen in Europa werden von US-amerikanischen und russischen Unternehmen beantwortet - eine Initiative will das ändern.
(Bild: © BillionPhotos.com - stock.adobe.com)

Die Initiative kommt genau 100 Tage nach dem Digital Sovereignty Summit in Berlin, auf dem EU-Staats- und Regierungschefs sich verpflichtet haben, kritische digitale Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Infrastrukturen aufzubauen, wo es machbar ist.

Zentrale Rolle von Suchmaschinen: Tor zu Demokratie, Wirtschaft und KI

EUSP argumentiert, dass Suchmaschinen das Rückgrat demokratischer Gesellschaften und digitaler Volkswirtschaften seien. Sie bestimmten, wie Bürger auf Informationen zugreifen, wie Unternehmen online sichtbar werden und wie KI-Systeme Wissen erwerben. Heute würden jedoch 99,5 Prozent aller europäischen Suchanfragen von nur zwei US-Unternehmen (96 %) und einem russischen Anbieter (3,5 %) beantwortet.

Das Joint-Venture warnt eindringlich vor den damit verbundenen Risiken: Eine Einschränkung des Zugangs – durch Sanktionen, Regulierungsstreitigkeiten, Exportkontrollen oder rein kommerzielle Entscheidungen – könnte Regierungen wesentliche Analysekapazitäten rauben und gesamte Volkswirtschaften innerhalb weniger Tage in den Zusammenbruch treiben. Der Großteil des europäischen BIP in Höhe von rund 18 Billionen Euro hänge direkt von der suchindexbasierten Wirtschaft ab.

Nationale Indizes als strategische Infrastruktur wie Stromnetze

EUSP plädiert dafür, Suchinfrastrukturen als strategische öffentliche Güter zu behandeln – vergleichbar mit Energienetzen oder Tele­kommunikations­infra­strukturen. Jeder EU-Staat solle einen eigenen nationalen Suchindex unter europäischer Gerichtsbarkeit einrichten, ergänzt durch einen nationalen Ranking-Algorithmus und eine robuste Infrastruktur. Diese würde nicht nur öffentliche Suchdienste, sondern auch KI-Grundlagen unterstützen und so die Kontrolle über das „Tor zur eigenen digitalen Wirtschaft“ sichern.

„Ohne einen souveränen Suchindex hat Europa keine Kontrolle über das Tor zu seiner eigenen digitalen Wirtschaft“, unterstreicht Wolfgang Oels, Direktor von European Search Perspective.

Erste Indizes für Frankreich und Deutschland

European Search Perspective setzt den Vorschlag selbst bereits um. Das Unternehmen richtet derzeit einen souveränen Suchindex speziell für Frankreich und Deutschland ein. Für Frankreich zielt EUSP auf 50 Prozent Abdeckung bis Ende 2025 ab, während Deutschland bei 33 Prozent steht. Die Infrastruktur, bekannt als Staan (Search Trusted API Access Network), ist privacy-fokussiert und wird seit Sommer 2025 an Suchmaschinen und AI-Entwickler lizenziert.

EUSP hat zudem angeboten, die Initiative auf weitere EU-Mitgliedstaaten auszuweiten, um eine europaweite Souveränität zu schaffen. Das Joint Venture aus Ecosia und Qwant finanziert sich unabhängig und öffnet den Index für Dritte, um Wettbewerb und Innovation zu fördern. Parallele EU-Projekte wie OpenWebSearch.eu und die Open Search Foundation unterstreichen den Trend hin zu unabhängigen europäischen Indizes, die als Basis für AI und Suche dienen sollen.

(ID:50781314)

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung