Cloud-Architektur und KI-Transformation Warum künstliche Intelligenz nicht ohne Architektur skaliert

Ein Gastbeitrag von Stefan Maxones* 4 min Lesedauer

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Viele KI-Projekte überzeugen im Pilot, geraten aber im Betrieb ins Stocken. Nicht das Modell ist der Engpass, sondern eine Architektur, die für hybride, datenintensive Szenarien nie konsequent ausgelegt wurde. Warum hybride Cloud-Landschaften neu gedacht werden müssen und warum Systemmigration allein nicht reicht.

KI-Initiativen in hybriden Cloud-Szenarien, insbesondere SAP S/4HANA Cloud & Datasphere, scheitern oft an der Architektur.(Bild: ©  Justlight - stock.adobe.com / KI-generiert)
KI-Initiativen in hybriden Cloud-Szenarien, insbesondere SAP S/4HANA Cloud & Datasphere, scheitern oft an der Architektur.
(Bild: © Justlight - stock.adobe.com / KI-generiert)

In fast jedem größeren Unternehmen laufen derzeit Initiativen für die Einführung künstlicher Intelligenz (KI). Die ersten Ergebnisse sind oft beeindruckend: präzisere Forecasts, automatisierte Prüfschritte, bessere Priorisierungen im Service. Solange sich alles im Projektkontext bewegt, bleibt die Komplexität kontrollierbar.

KI funktioniert.
Bis sie Teil des Tagesgeschäfts wird.

Spannend wird es erst, wenn das Modell dauerhaft laufen soll. Wenn Daten nicht mehr manuell bereitgestellt werden, sondern täglich, stündlich oder in Echtzeit fließen müssen. Wenn Fachbereiche erwarten, dass Ergebnisse zuverlässig in operative Prozesse zurückgespielt werden. Und wenn gleichzeitig Datenschutz, Berechtigungskonzepte und Revisionssicherheit greifen sollen.

In genau diesem Moment verschiebt sich der Fokus spürbar. Nicht das Modell steht im Mittelpunkt – sondern die Architektur.

Ein Muster aus der Praxis

In einem Transformationsprogramm eines Industrieunternehmens lief ein Predictive-Maintenance-Modell technisch stabil. Die Trainingsdaten stammten aus der Produktionsumgebung, ergänzt um ERP-Daten und Servicehistorien. Im Pilot funktionierte das Setup gut – mit manuell abgestimmten Datenextrakten und klar abgegrenztem Nutzerkreis.

Im geplanten Rollout zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Neue Werke sollten angebunden werden, zusätzliche Datenquellen integriert, Berechtigungen differenziert abgebildet werden. Gleichzeitig mussten Lastspitzen beim Training abgefangen werden, ohne die produktiven Systeme zu beeinträchtigen.

Nicht das Modell musste neu gedacht werden. Die Integrationslogik musste es. Und genau dort lag der eigentliche Engpass.

Solche Situationen sind kein Einzelfall. KI wirkt häufig wie ein Katalysator – sie legt strukturelle Schwächen offen, die zuvor beherrschbar erschienen.

Cloud-Transformation ist keine ERP-Frage

Oft wird die Einführung eines modernen ERP-Systems – etwa im Kontext von S/4HANA – als zentraler Transformationsschritt verstanden. Das ist nachvollziehbar. ERP-Systeme sind Rückgrat vieler Prozesse. Aber sie sind nicht die Architektur.

Produktionssysteme bleiben häufig On-Premises. Fachanwendungen bestehen weiter. Analytische Workloads entstehen parallel in unterschiedlichen Cloud-Umgebungen. Die Landschaft wird nicht homogener – sie wird vielfältiger.

Vielfalt ist nicht das Problem.
Fehlende Integrationsprinzipien sind es.

Transformation beginnt nicht beim System, sondern bei der Frage, wie Systeme miteinander sprechen, wie Datenflüsse organisiert sind und wer für welche Domänen Verantwortung trägt.

Drei Punkte, die in hybriden KI-Szenarien entscheiden

1. Entkopplung
Direkte Punktintegrationen wirken pragmatisch, erzeugen jedoch Abhängigkeiten. In hybriden Architekturen braucht es klar definierte Integrationsschichten. APIs, Event-Modelle, saubere Datenverantwortung. Das klingt selbstverständlich – ist es aber in gewachsenen Landschaften selten.

2. Elastizität
KI-Workloads folgen keinem klassischen ERP-Lastprofil. Trainingsläufe erzeugen kurzfristige Spitzen, Inferenz kann latenzkritisch sein. Wenn Infrastruktur statisch dimensioniert ist, entstehen entweder unnötige Kosten oder operative Risiken. Beides bremst Skalierung.

3. Integrierte Governance
Sicherheit, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit dürfen nicht nachgelagert organisiert sein. Sie müssen Teil der Architektur sein. Rollenmodelle, Monitoring, versionierte Modelle – all das gehört nicht ins Projekt, sondern ins Betriebsmodell. Viele Organisationen merken das erst, wenn der zweite oder dritte Use Case folgt.

Hybrid bleibt – ob geplant oder nicht

Die Vorstellung einer vollständig cloudbasierten IT ist in vielen Industrien wenig realistisch. Regulatorik, Latenzanforderungen, bestehende Investitionen – all das führt zu dauerhaften hybriden Szenarien. Die Frage ist daher nicht, wo ein System physisch betrieben wird.

Entscheidend ist, ob neue Anwendungen abstrahiert auf Daten zugreifen können – ohne jedes Mal individuelle Integrationslogiken zu benötigen. Wenn diese Abstraktion fehlt, wird jeder KI-Use-Case zum Einzelprojekt. Das mag beim ersten noch tragbar sein. Beim fünften nicht mehr.

Woran sich Architekturdefizite erkennen lassen

Einige Signale wiederholen sich:

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  • Neue Datenquellen erzeugen regelmäßig Integrationsprojekte.
  • Trainings- und Produktivumgebungen lassen sich nicht getrennt skalieren.
  • Monitoring konzentriert sich auf Systeme, nicht auf Datenqualität.
  • Governance wird über Abstimmungsrunden organisiert.
  • Integrationswissen ist stark personengebunden.

Solche Muster fallen im Tagesgeschäft oft nicht auf. KI-Initiativen bringen sie an die Oberfläche.

Architektur-Check für KI-Fähigkeit

IT-Verantwortliche sollten prüfen:

• Sind Systeme über definierte Integrationslayer entkoppelt?
• Lassen sich Trainings- und Inferenz-Workloads unabhängig skalieren?
• Existiert Monitoring für Datenqualität und Modellperformance?
• Sind Governance-Vorgaben technisch implementiert?
• Können neue Datenquellen ohne strukturelle Umbauten integriert werden?

Wenn mehrere dieser Punkte kritisch zu bewerten sind, liegt die Herausforderung nicht beim Algorithmus – sondern darunter.

Fazit

Die Diskussion rund um KI dreht sich häufig um Modelle, Plattformen und Tools. Das ist verständlich – Technologie ist sichtbar und greifbar. Architektur hingegen bleibt abstrakt. Bis sie fehlt.

Wer KI als isolierte Innovation betrachtet, wird früher oder später an Integrationsgrenzen stoßen. Wer sie als architektonische Herausforderung begreift, investiert in Datenflüsse, Entkopplung und ein tragfähiges Betriebsmodell.

Vielleicht ist genau das der unbequeme Teil der aktuellen KI-Debatte: Nicht jede Organisation ist architektonisch darauf vorbereitet, was sie technologisch längst ausprobiert. Die eigentliche Frage lautet daher weniger: Welche KI setzen wir ein? Sondern eher: Sind wir strukturell bereit, mit ihr dauerhaft zu arbeiten? Und diese Antwort fällt nicht in einem Pilotprojekt.


* Der Autor Stefan Maxones ist selbständiger Senior-Berater für Daten- und Cloud-Architektur. Er begleitet Unternehmen bei der strukturellen Neuausrichtung hybrider IT-Landschaften und der nachhaltigen Verankerung von KI-Anwendungen in produktiven Betriebsmodellen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Architektur, Datenintegration und organisatorischer Verantwortung – insbesondere im SAP-nahen Enterprise-Umfeld. Zuvor war er für internationale Beratungshäuser tätig und verfügt über langjährige Erfahrung in großvolumigen Transformationsprogrammen.

Bildquelle: Stefan Maxones

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