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Professor Gunter Dueck im Interview Im Fegefeuer des Wandels

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Florian Karlstetter

In seinen Büchern schreibt Prof. Gunter Dueck über Manager, Blutleere und Hirnlosigkeit – im Interview mit CloudComputing-Insider stellt der philosophierende Mathematiker und Autor ein Fegefeuer des Wandels in Aussicht.

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„Am Anfang war die Cloud“ – eine Wortschöpfung wird Realität.
„Am Anfang war die Cloud“ – eine Wortschöpfung wird Realität.
(Bild: © felix - Fotolia.com)

Sein Talent als gleichermaßen humorvoller, satirisch kritischer und unverblümter Redner wird Prof. Gunter Dueck auf den kommenden Veranstaltungen der CLOUD COMPUTING & VIRTUALISIERUNG Technology Conference 2015 beweisen. Bereits im Vorfeld skizziert der Schriftsteller seine Sicht auf die Cloud.

„Am Anfang war die Cloud“ – ihr Vortragstitel variiert frei die erste Zeile des Alten Testaments. Was für eine Welt 2.0 hat uns Gott da jetzt vor die Nase gesetzt?

Prof. Gunter Dueck: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, meinen Sie? Die Erde war wüst und leer… Ich denke, dass die Entwicklung des Internet jetzt erst so richtig loslegen wird. Bald haben wir ja vielleicht wirklich alle einen Breitbandanschluss? Einen Traffic-Minister gibt es jedenfalls schon, und „Industrie 4.0“ kann schon fast jeder fehlerfrei aussprechen: es ist ein poststrukturalistischer Versuch im Gange. Die Philosophen sagen: Was durch Sprache benannt ist, wird durch die Verwendung des Namens langsam Realität. Das Wort Cloud wurde ja auch lange benutzt, bevor man etwas baute, was dem Namen entsprach. Rund um Cloud, Vernetzung der Maschinen und „real time internet“ scheint aber wirklich eine schöne neue Welt geschaffen zu werden. Die ist vielen noch gar nicht geheuer. Alle reden von „Fluch und Segen der Digitalisierung“, sie sehen also schon, dass sie bald den ganzen Segen des Internets abbekommen und fluchen schon antizipativ. Nach langem Fragen „Ist es sicher, dass das Internet kommt?“ wird nun gegrübelt, ob das Internet sicher ist. Wir werden noch ein langes Vertrautmachen und Aufbrechen sehen, das Internet der Dinge kommt mit Macht, „Integration of Everything“ muss überlegt werden, und Revolutionen wie „nur noch Selbstfahrtaxis und Selbstfahr-LKW regeln die Beförderung von Mensch und Gut“ werden Industrien und Arbeitsmärkte erschüttern, die zur Zeit noch zu oft ein Nickerchen halten.

In dieser Welt ersetzen Cloud-Anbieter zunehmend die eigene IT-Expertise von Unternehmen. Ist die Wolke als bequeme Abkürzung ins Paradies zu verstehen oder gibt es einen Haken für Mitarbeiter?

Dueck: Man baut doch auch keine Autos mehr einzeln durch Handwerker. Es geht gar nicht nur um die lokale Expertise, die man vielleicht nicht mehr überall braucht, sondern auch um die Kosten. Alle, die ein Rechenzentrum betreiben, können ja öffentlich in der Amazon-Cloud-Preisliste nachschauen, wie viel die erbrachten Leistungen dort kosten würden. Dann schnappen alle nach Luft und stammeln: „Bei uns – äh – sicherer, individueller, flexibler, äh, der Preis kann doch nicht alles sein.“ Das sagen zum Beispiel Banken über Direktbanken auch, oder der Handel über Netz-Shops. Oh, Ihre Frage: Vor dem Paradies kommt noch das Fegefeuer des Wandels. Und um den Wandel nicht zu verpassen, muss man höllisch aufpassen.

Noch kann sich die Menschheit mit Talent und gestalterischem Potential von der Maschine abheben. Wird die Technik uns hier nicht auch noch einholen?

Dueck: In Zukunft werden nur noch Arbeiten gut bezahlt, die ein Computer noch nicht kann. Als ich auf dem Bauernhof aufwuchs, hatten wir einen analogen Wettlauf mit dem Trecker. Der Trecker hat uns in der Landwirtschaft fast total eingeholt, beim Computer sind wir heute noch nicht so sicher. Aber wir können uns ja noch lange oben halten: durch Bildung! Bildung gilt theoretisch als das Höchste, aber praktisch gesehen? Ich kenne kaum erwachsene Leute, die einem echten Upgrade begeistert entgegen sehen. Das macht mir Sorgen.

Prof. Duecks aktuelles Werk »Schwarmdumm« hat es bereits bis auf die Shortlist des „Wirtschaftsbuchpreis 2015“ geschafft.
Prof. Duecks aktuelles Werk »Schwarmdumm« hat es bereits bis auf die Shortlist des „Wirtschaftsbuchpreis 2015“ geschafft.
(Bild: Dueck / Wohlfahrt)

Zur Person:

Gunter Dueck lebt als freier Schriftsteller, Philosoph, Business Angel und Speaker bei Heidelberg. Nach fünf Jahren Mathematikprofessur arbeitete er fast 25 Jahre bei der IBM, zuletzt bei seinem Wechsel in den Unruhestand als Chief Technology Officer. Er ist für humorvoll-satirisch-kritisch-unverblümte Reden und Bücher bekannt, zuletzt »Das Neue und seine Feinde« und »Schwarmdumm«.

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