Frischer Rückenwind für souveräne Datenräume? Gaia-X Summit 2025 in Porto: Digitale Ökosysteme in Aktion

Von Dipl.-Ing. (FH) Stefan Luber 9 min Lesedauer

Der diesjährige Gaia-X Summit stand unter dem Motto „Digital Ecosystems in Action“. Es wurde von vielen mit Spannung erwartet, nachdem es in der ersten Hälfte des Jahres einige Aufregung um das Projekt gegeben hatte. Der Autor hatte die Gelegenheit, sich vor Ort selbst ein Bild vom aktuellen Status von Gaia-X zu machen.

Bringt Gaia-X endlich einen frischen Rückenwind für souveräne Datenräume? Unser Autor Dipl.-Ing. (FH) Stefan Luber auf Spurensuche vor Ort in Porto.(Bild:  https://gaia-x.eu/)
Bringt Gaia-X endlich einen frischen Rückenwind für souveräne Datenräume? Unser Autor Dipl.-Ing. (FH) Stefan Luber auf Spurensuche vor Ort in Porto.
(Bild: https://gaia-x.eu/)

Am 20. und 21. November fand in Porto der Gaia-X Summit 2025 statt. Das Treffen brachte Fach- und Führungskräfte der Industrie, der Technologiebranche und europäischer Institutionen zusammen, um über die Fortschritte von Gaia-X zu reflektieren. Die beiden Tage waren vollgepackt mit Präsentationen, Techniksessions, Showcases und Diskussionen.

Die Vision von Gaia-X ist es, souveräne, digitale Ökosysteme zu ermöglichen. Gaia-X soll das hierfür notwendige Rahmenwerk mit den entsprechenden Spezifikationen, Regeln, Richtlinien und Überprüfungsmechanismen entwickeln und bereitstellen. Um die Interoperabilität und den Datenaustausch zwischen verschiedenen Diensten zu gewährleisten, basiert Gaia-X auf offenen Standards und föderierten Datenräumen. Ziel ist es, unter gemeinsamen technischen, rechtlichen und ethischen Standards interoperabel und transparent zu arbeiten und so die Datensouveränität zu fördern.

Das diesjährige Summit wurde nach einiger Aufregung in der ersten Hälfte des Jahres mit viel Spannung erwartet. Das Gaia-X-Gründungsmitglied Nextcloud hatte mit seinem Austritt aus dem Konsortium Anfang des Jahres für einen Paukenschlag gesorgt. Nextcloud-CEO und -Gründer Frank Karlitschek erklärte das Projekt umgehend für tot und erhielt dabei Zustimmung von einigen weiteren Unternehmen. Es folgten seitens der Führungsriege von Gaia-X umgehend Dementis. Der Beitrag „Gaia-X ist nicht ‚tot‘“ geht näher darauf ein.

Betrachtet man die nackten Zahlen des Summit, kann man sicherlich nicht davon sprechen, dass Gaia-X am Ende ist. An der zweitägigen Veranstaltung nahmen 560 registrierte Teilnehmer aus 36 Ländern (Europa, Asien, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien/Ozeanien) teil.

Auf der Pressekonferenz kurz vor dem offiziellen Start des Summit war das Gaia-X-Team um CEO Ulrich Ahle und Catherine Jestin, Vorsitzende des Gaia-X Board of Directors (BoD) und Executive Vice President für Digital- und Informationsmanagement bei Airbus, bemüht, ein anderes Bild als das durch den Nextcloud-Austritt vermittelte zu zeichnen. Kernaussagen in diesem Zusammenhang waren: Die Technologie sei fertig, das Gaia-X Framework einsetzbar, über 500 Services in Betrieb und mehr als 150 Implementierungsprojekte am Laufen.

Den Vorwurf, dass US-Hyperscaler, die mittlerweile auch Mitglieder von Gaia-X sind, das Projekt in ungewollte Richtungen beeinflussen könnten, entkräftete Ulrich Ahle damit, dass alle wichtigen Entscheidungen nach wie vor vom Board of Directors getroffen werden. Dieses darf nur von Personen aus Organisationen mit Hauptsitz in Europa besetzt sein. So soll gewährleistet sein, dass Gaia-X zu 100 Prozent unter europäischer Kontrolle bleibt.

Aktuelle Zahlen zu Gaia-X

Zu Beginn des Summit präsentierte Ahle einige aktuelle Zahlen zu Gaia-X:

Seit dem letztjährigen Summit konnten 33 neue Mitglieder gewonnen werden. Damit ist die Mitgliederzahl auf 275 angewachsen. Mittlerweile gibt es zudem 19 europäische und fünf internationale Gaia-X Hubs (Japan, Korea, USA, Karibik und Brasilien). Ganz neu dazugekommen ist der Gaia-X Hub Digital Trust Canada (DTC), der auch personell und mit Präsentationen auf dem Summit vertreten war. Der Gaia-X Hub Kanada soll die internationale Zusammenarbeit in den Bereichen Datensouveränität, Interoperabilität und vertrauenswürdige digitale Ökosysteme weiter stärken. Weitere Hubs sind in Vorbereitung, darunter auch in Afrika.

Aktuell sind elf Gaia-X Digital Clearing House Provider (GXDCH) in Produktion und vier weitere in der Deployment-Pipeline. Ahle gab einen Überblick über die derzeitigen Leuchtturm-Projekte beziehungsweise Leuchtturm-Datenräume sowie über die Aktivitäten der Gaia-X Akademie. Die im April 2024 gestartete Gaia-X Akademie stellt als Basis für Zertifizierungen Trainingsmaterial in den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch zur Verfügung und bietet derzeit 21 Kurse. Die Akademie hat bereits über 1.000 Lernende zu verzeichnen.

Das Evangelistenprogramm, das ein Netzwerk von Befürwortern schaffen und leidenschaftliche Menschen, die ihr Wissen und ihre Begeisterung für Gaia-X mit der Gemeinschaft teilen möchten, stärken soll, ernannte bisher neun Personen zu Gaia-X Evangelisten.

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Auf den am 18. November 2025 in Berlin stattgefundenen Gipfel für mehr digitale Souveränität (Summit on European Digital Sovereignty) ging Ahle ebenfalls ein. Gaia-X war auf dem Gipfel prominent vertreten und einer der insgesamt nur sechs eingeladenen Aussteller. Das unterstreiche die Bedeutung von Gaia-X für die digitale Souveränität in Europa und zeige, dass das Projekt entsprechende politische Unterstützung und Beachtung genieße.

Während der Veranstaltung fanden neben den Vorträgen und Diskussionen im Hauptplenum viele weitere parallele Sessions im Tech Theatre, Economic Theatre und Partners Theatre statt. Schwerpunkte im Tech Theatre waren unter anderem Workshops zu Danube und Loire, Open-Source-Innovationen und Interoperabilitätsmechanismen. Das Economic Theatre, veranstaltet von der Universität Paris Dauphine und dem Gaia-X Institut, lud Datenraumprojekte ein, ihre Wirtschaftsmodelle von führenden Ökonomen bewerten zu lassen. Im Partners Theatre fanden gemeinsame Diskussionen zwischen Gaia-X und seinen wichtigsten Partnern wie Cloud Temple, deltaDAO, neusta aerospace und IRT SystemX statt. Darüber hinaus gab es einen Ausstellungsbereich, in dem in den Pausen an den verschiedenen Ständen diverse Projekte präsentiert wurden.

Die Schwerpunkte des Gaia-X Summit 2025

Zu den Schwerpunkten des diesjährigen Gaia-X Summit zählten folgende Themen, auf die ich jeweils kurz näher eingehe:

Danube 3.0

Im Rahmen des Summit erfolgte die offizielle Veröffentlichung des Gaia-X Trust Framework 3.0 "Danube". Danube führt domänenbasierte und geografische Erweiterungen ein und ermöglicht es, Vertrauen über verschiedene Ökosysteme und Compliance-Regime hinweg zu föderieren. Damit liefert es Gaia-X die technische Grundlage, vertrauenswürdige Datenräume zu skalieren.

Christoph F. Strnadl, CTO von Gaia-X, betonte: "Das Danube-Release markiert eine neue Ära technischer Reife für Gaia-X. Es führt Erweiterungsmechanismen ein, die Governance programmierbar machen und domänenspezifische, regionale oder sogar globale Erweiterungen ermöglichen - ohne Vertrauen oder Interoperabilität zu verlieren. Auf diese Weise schaffen wir eine digitale Infrastruktur, die offen, überprüfbar und zukunftssicher ist".

Neben aktualisierten Spezifikationen präsentierte Gaia-X das Architecture Document (AD) und das Compliance Document (CD). Die Dokumente enthalten jeweils umfassende Erweiterungen, die darauf ausgelegt sind, Vertrauen zu automatisieren und die Interoperabilität zu vereinfachen.

Gaia-X Label und Katalog Gaia-X-konformer Dienste

In den Vorträgen und Diskussionen fanden immer wieder die Gaia-X Label Erwähnung. Ein Gaia-X Label ist eine Art von Vertrauensbeweis. Er spiegelt in Bezug auf Transparenz, Datenschutz, Sicherheit, Interoperabilität, Übertragbarkeit, Nachhaltigkeit und europäische Kontrolle die Erfüllung bestimmter Kriterien wider. Dienst- oder Produktangebote können sich für ein Label eines bestimmten Levels zertifizieren lassen.

Mit dem höchsten Level, Gaia-X Label Level 3, ist sichergestellt, dass die Daten ausschließlich im europäischen Wirtschaftsraum verarbeitet und weitergegeben werden. Hauptsitz und die Hauptniederlassungen des Dienstleisters müssen sich zwingend im europäischen Wirtschaftsraum befinden. Vermutlich wird Level 3 aber nur für einen Teil des Markts, es war von circa zehn Prozent die Rede, relevant sein. Für den Rest sollen auch Dienste und Produkte mit niedrigeren Leveln, die zum Beispiel auch von außereuropäischen Anbietern bereitgestellt werden können, genügen.

Über den auf dem Summit vorgestellten Katalog Gaia-X-konformer Dienste können Nutzer entsprechend ihren Anforderungen einen geeigneten Dienst oder ein geeignetes Produkt mit dem benötigten Level finden. Derzeit führt der Katalog über 600 Services von 15 Providern, darunter mit Cloud Temple, Thésée DataCenter, OPIQUAD, OVHcloud und Seeweb die ersten fünf Unternehmen mit Gaia-X Label Level 3. Gemäß CISPE, dem europäischen Verband von Anbietern von Cloud-Infrastrukturdiensten, sollen innerhalb von sechs Monaten 100 Gaia-X-Level-3-Souveränitätsdienste und innerhalb von 24 Monaten über 1500 Gaia-X-Dienste folgen. Den Katalog Gaia-X-konformer Dienste finden Sie hier.

Souveräne Datenräume und künstliche Intelligenz

Auf dem Summit wurde mehrfach hervorgehoben, dass souveräne Datenräume und Künstliche Intelligenz eng miteinander verknüpft sind. Souveräne, digitale Ökosysteme und Vertrauen könnten zu zentralen Grundlagen für KI-Innovationen und für die Erhaltung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit in Europa werden.

Prof. Dr. Stefan Wrobel, Professor für Informatik an der Universität Bonn und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, ging in seiner Keynote „Wie man eine erfolgreiche vertikale KI in Europa aufbaut“ näher darauf ein. Mit sogenannter vertikaler Künstlicher Intelligenz mit tiefem domänen- und branchenspezifischem Fachwissen könnte sich Europa einen Platz in der Welt der Künstlichen Intelligenz sichern. Der europäische Datenschatz ließe sich nutzen, um generative KI zu trainieren und solche vertikale Künstliche Intelligenzen zu schaffen. Damit Unternehmen ihre Daten aber für das Training von KI-Modellen tatsächlich zur Verfügung stellen, bräuchte es vertrauenswürdige Datenräume.

Christoph Strnadl, Chief Technology Officer von Gaia-X, ging auf den Einsatz von generativer KI für die Dateninteroperabilität näher ein. Er präsentierte erste Ansätze zur Lösung der Herausforderungen der semantischen Interoperabilität in Datenräumen und nannte drei Anwendungsfälle entlang des Lebenszyklus vertrauenswürdiger Datentransaktionen:

  • 1. Generierung eines gemeinsamen Datenstandards aus bestehenden Datenbeständen,
  • 2. Transformation unstrukturierter oder strukturierter Daten in einen (gemeinsamen) Datenstandard,
  • 3. Generierung von Mappings zwischen verschiedenen Datenstandards.

Vorstellung zweier wegweisender Gaia-X-Projekte (Data4NuclearX und DECADE-X)

Stellvertretend für viele andere Gaia-X-Projekte wurden auf dem Summit die beiden wegweisenden Projekte Data4NuclearX und DECADE-X näher vorgestellt. Mit der Luft- und Raumfahrt sowie der Nukleartechnik setzen zwei strategische Sektoren bei ihrer digitalen Zukunft auf das Gaia-X Trust Framework.

Data4NuclearX wurde zum jüngsten Gaia-X Lighthouse Project erklärt und hat zum Ziel, einen sicheren und souveränen Datenraum für die Nuklearindustrie zu schaffen. Es soll den standardisierten Datenaustausch zwischen den verschiedenen Akteuren erleichtern, um die betriebliche Effizienz und die Informationssicherheit zu verbessern.

DECADE-X (Digital ECosystem for Aerospace and DEfence) ist das erste vertrauenswürdige und kollaborative digitale Ökosystem für Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung. DECADE-X wurde 2025 von Airbus, BoostAeroSpace, Collins Aerospace, Liebherr und Thales als Weiterführung einer Initiative aus dem Jahr 2023 mit 18 Branchenführern ins Leben gerufen. Ziel ist die Entwicklung eines globalen, kollaborativen Datenaustausch-Frameworks, das Branchenakteure entlang der gesamten Lieferkette zusammenbringt, um einen vertrauenswürdigen, sicheren und standardbasierten Datenaustausch zu ermöglichen. Es soll Lieferketten widerstandsfähiger machen und die Einhaltung von Vorschriften wie Exportkontrollen erleichtern. Das Trust Framework basiert auf Gaia-X mit Erweiterungen für ökosystemspezifische Regeln und globale geografische Akzeptanz.

Wer sich selbst genauer über die Schwerpunkte und die weiteren Inhalte des Summit informieren möchte, findet alle Präsentationen und Videos der Veranstaltung auf der Webseite des Gaia-X Summit 2025.

Fazit und Ausblick

Den Eindruck, dass Gaia-X „tot“ ist, vermittelte das Summit nicht. Aber, ob Gaia-X tatsächlich erfolgreich sein wird und seinen Beitrag zu mehr digitaler Souveränität in Europa leisten kann, das steht bei weitem auch noch nicht fest.

Ulrich Ahle betrachtet das Ergebnis des Summit folgendermaßen: „Wir gehen von ersten Pilotimplementierungen zu einem echten operativen Einsatz über, bei dem Datenräume, Trust Frameworks und Interoperabilitätswerkzeuge nun bereit für die Skalierung sind.“ Gaia-X habe eine neue Reifephase erreicht und starte nun in die „Season Two“.

Folgt man den Aussagen auf dem Summit, wird es darauf ankommen, dass dieser Übergang in die operative Phase tatsächlich gelingt. Die theoretischen Vorarbeiten scheinen größtenteils gemacht und es müssen jetzt tatsächlich betriebsbereite, nachhaltige und föderierte Datenräume mit echtem Mehrwert für die Wertschöpfungsketten entstehen. Dabei wird es auch entscheidend sein, kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), die in vielen Projekten einen Großteil der Arbeit erledigen, mit ins Boot zu bekommen. Sie haben großen Anteil an den Wertschöpfungsketten, es fehlt ihnen aber oft an IT-Know-how und Ressourcen.

Gerade die KMU müssen von den Vorteilen kollaborativer Datenräume überzeugt sein und die Teilnahme an den digitalen Ökosystemen muss ihnen so einfach wie möglich gemacht werden. Das lässt sich gut mit einer Aussage von Catherine Jestin ausdrücken: „Put frameworks in operation with business cases behind it and bring benefit to the companies“, also Frameworks mit entsprechenden Business Cases in Betrieb zu nehmen und den Unternehmen Vorteile zu verschaffen. Zum Erfolg von Gaia-X könnte auch frischer Rückenwind aus der Politik beitragen. Dieser war auf dem europäischen Digitalgipfel, folgt man der Meinung der Gaia-X-Teilnehmer dort, deutlich zu verspüren.

Es bleibt also spannend, wie es mit Gaia-X und den souveränen, digitalen Datenräumen weitergeht. Das Summit 2026 wird vermutlich zeigen, ob die Season Two und die praktische Umsetzung der technischen Grundlagen tatsächlich erfolgreich eingeleitet werden konnten.

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