Mit der wachsenden Dominanz globaler Hyperscaler wie AWS und Azure steht Europas digitale Souveränität zunehmend auf dem Spiel. Dezentrale Cloud-Modelle bieten eine vielversprechende und skalierbare Alternative, um Datenschutz und Wettbewerb zu sichern.
Eine dezentrale Cloud-Lösung in Europa kann Unternehmen dabei helfen, ihre Datenhoheit zu bewahren.
(Bild: Arsenii - stock.adobe.com)
Die Zentralisierung des Cloud-Markts verschärft sich zusehends: Laut der Synergy Research Group kontrollieren Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud bereits 67 Prozent des Marktes und dominieren den Bereich der öffentlichen Cloud sogar mit einem Anteil von 73 Prozent. Eine kürzlich aktualisierte Studie von Fortune Business Insights zeigt indessen das enorme Wachstumspotenzial des Hyperscale-Cloud-Marktes auf: von 231,12 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf über 2.185 Milliarden US-Dollar bis 2030, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 38 Prozent entspricht.
Diese Wachstumschancen werden jedoch bislang vor allem von den Hyperscalern ausgeschöpft. Europa muss endlich in Bewegung kommen, um eine eigene Cloud-Infrastruktur zu entwickeln – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus Gründen der digitalen Souveränität und zur langfristigen Einhaltung europäischer Datenschutzstandards.
Die wachsende Dominanz der Hyperscaler
Durch ihre zentrale Rolle nehmen die Hyperscaler erheblichen Einfluss auf die Datenhoheit europäischer Unternehmen. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) in Europa haben oft keine Alternative und sind gezwungen, auf diese Anbieter zu setzen – obwohl die hohen, oft undurchschaubaren Kosten und Abhängigkeiten eine zunehmende Belastung darstellen.
Der Vendor-Lock-in-Effekt, also die Bindung an proprietäre Technologien und spezifische Cloud-Dienste, erschwert es Unternehmen, zu anderen Anbietern zu wechseln oder eigenständig Infrastruktur aufzubauen. Selbst grundlegende Services wie Storage, Datenverkehr und IOPS (Input/Output operations per second) werden oft mit Einzelgebühren belegt, was die Kosten weiter in die Höhe treibt und die Kalkulierbarkeit für Unternehmen erschwert.
Ähnliches gilt für die Egress-Gebühren, die beim Abzug von Daten aus der Cloud anfallen. Diese können bisweilen enorm hoch ausfallen, was den Wechsel der Cloud-Plattform erschwert und damit den Vendor-Lock-in zusätzlich verschärft. Langfristig führt dies zu einer einseitigen Abhängigkeit und hemmt die Flexibilität europäischer Unternehmen, auf Marktveränderungen agil zu reagieren oder alternative, wettbewerbsfähigere Lösungen zu wählen.
1.600 Rechenzentren: Die dezentrale Cloud-Infrastruktur ist möglich
Europa steht vor einer wichtigen Entscheidung: Anstatt Daten über weite Entfernungen zu zentralen Rechenzentren zu schicken, könnten Unternehmen diese direkt dort, wo sie entstehen, verarbeiten – näher am Geschehen und im Einklang mit europäischen Datenschutzanforderungen. An der Infrastruktur hierfür mangelt es Europa nicht: Mit den mehr als 1.600 bereits verfügbaren Rechenzentren lässt sich eine dezentrale Cloud realisieren.
Durch die lokale Verarbeitung der Daten am Netzwerkrand (Edge) verspricht eine dezentralisierte Cloud eine bessere Performance bei niedrigeren Kosten im Vergleich zum Angebot der Cloud-Riesen. Gerade datenintensive Branchen wie die Fertigung, das Gesundheitswesen und die Automobilindustrie können erheblich von einer dezentralen Infrastruktur profitieren. Zudem bietet die dezentrale Cloud-Architektur Flexibilität, die sich deutlich von den starren Strukturen der Hyperscaler abhebt. Während große Cloud-Anbieter oft feste Kapazitäten vorsehen, skalieren Unternehmen in einer dezentralen Cloud dynamisch und zahlen nur für tatsächlich genutzte Kapazitäten. Vor allem im E-Commerce und der Automobilproduktion, wo Agilität und Kosteneffizienz entscheidend sind, entlastet dies Unternehmen erheblich und schafft Raum für Lösungen, die sich flexibel an Marktbedingungen anpassen.
Eine verteilte Infrastruktur erhöht außerdem die Resilienz und Netzwerksicherheit. Der Ausfall eines großen Rechenzentrums in zentralisierten Systemen hat oft weitreichende Folgen, während das Risiko in einer dezentralen Struktur lokal begrenzt bleibt. Diese Architektur stärkt die Verfügbarkeit und Widerstandsfähigkeit der Dienste und bietet Unternehmen, die auf kontinuierlichen Datenzugriff angewiesen sind, eine entscheidende Absicherung.
Technische und wirtschaftliche Herausforderungen bei der Umsetzung
Europa bringt eine solide Basis für den Aufbau einer dezentralen Cloud-Infrastruktur mit. Die bereits vorhandenen Rechenzentren sind leistungsfähig und modern, doch bislang arbeiten sie oft als isolierte Einheiten – wodurch wertvolle Synergieeffekte ungenutzt bleiben. Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese Kapazitäten zu einem vernetzten und einheitlich nutzbaren Cloud-Netzwerk zusammenzuführen. Dafür sind eine gemeinsame technologische Basis, interoperable Schnittstellen und eine zentrale Steuerung erforderlich, die Kapazitäten flexibel und bedarfsgerecht verteilt.
Stand: 08.12.2025
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Ein wesentlicher technischer und wirtschaftlicher Aspekt bei der Umsetzung eines Netzwerks mit zahlreichen Rechenzentren ist die kontinuierliche Überwachung der Service Level Agreements (SLAs) in Bezug auf Latenzzeiten, Auslastung und Fehlerraten. Um in einem dezentralen Netzwerk eine konstante Leistung zu gewährleisten, ist eine Architektur mit redundanten Monitoring-Mechanismen entscheidend.
So könnte ein Teil der Knotenpunkte (Nodes) im Netzwerk speziell dafür eingerichtet sein, ständig die wichtigsten Leistungskennzahlen zu beobachten. So kann sichergestellt werden, dass bestimmte Vereinbarungen über die Qualität der Leistung eingehalten werden. Diese Knoten messen kontinuierlich die Reaktionszeiten (Latenzzeiten), wie stark das Netzwerk ausgelastet ist und wie oft Fehler auftreten. Wenn dabei Abweichungen auftreten – etwa eine Verzögerung in der Übertragung oder eine Überlastung in einem Bereich des Netzwerks – kann eine zentrale Steuerungseinheit dies sofort erkennen. Sie würde dann automatisch den Datenfluss umleiten oder zusätzliche Ressourcen bereitstellen, um das Netzwerk stabil zu halten, Engpässe zu verhindern und die gewünschte Leistung in Echtzeit sicherzustellen.
Eine weitere Herausforderung liegt darin, die kritische Masse an teilnehmenden Rechenzentren zu erreichen. Um die Skaleneffekte und Kostenvorteile voll auszuschöpfen, müssen möglichst viele Anbieter ihre Kapazitäten in das Netzwerk einbringen. Nur mit ausreichend Beteiligten kann das Netzwerk die nötige Ressourcenverfügbarkeit sicherstellen und dabei zugleich die Betriebskosten für die einzelnen Teilnehmer senken. Je mehr Rechenzentren sich anschließen, desto stärker lassen sich dynamische Skalierungen und Lastverteilungen optimieren – und desto geringer wird der Aufwand für einzelne Anbieter.
Schritte in die Zukunft: Dezentralität als Schlüssel für Europas digitale Unabhängigkeit
Europa steht vor einer einzigartigen Chance, die digitale Zukunft selbstbestimmt zu gestalten und die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu reduzieren. Das Ziel sollte eine wettbewerbsfähige Alternative zu den dominanten Hyperscalern sein – von der Privatwirtschaft, für die Privatwirtschaft. Was es dafür braucht, ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Technologieanbietern und europäischen Rechenzentren. Die notwendigen technologischen Grundlagen und Infrastruktur sind bereits vorhanden – die Herausforderung liegt nun darin, daraus eine dezentrale Cloud-Plattform aufzubauen, die Europas digitale Souveränität stärkt.
* Der Autor Dr. Kai Wawrzinek ist CEO & Co-Founder von Impossible Cloud. Er ist der Visionär/Umsetzer/Stratege im Dreiergespann der Geschäftsführung und konnte durch seine Erfahrung die Marktchancen und das Potenzial von dezentraler Technologie schon früh erkennen. Für ihn liegt die Zukunft von Cloud-Services darin, dass sie dezentralisiert, flexibel wachsen und schrumpfen, sowie kompatibel mit den unterschiedlichsten Anforderungen der Unternehmen sind.