Mit dem digitalen Produktpass sollen Objekte künftig ihre Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg mit sich führen. Doch um die Daten nutzen zu können, ist ein standardisierter Zugriff notwendig. Einen solchen könnten digitale Zwillinge in Form von so genannten Verwaltungsschalen möglich machen.
ERP-Daten lassen sich über die Verwaltungsschale (Asset Administration Shell) standardisiert strukturieren und für einen interoperablen Austausch entlang der Lieferkette bereitstellen – wichtig für den digitalen Produktpass oder digitale Zwillinge.
Der digitale Produktpass (DPP) spielt eine wichtige Rolle in europäischen Regulierungsbemühungen wie der Ökodesign-Verordnung. Die Idee dahinter: Der DPP bündelt relevante Informationen zu einem Produkt wie etwa zu den eingesetzten Materialien und zum CO2-Fußabdruck. Das Produkt führt diese Informationen über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg mit sich – von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung oder gegebenenfalls Wiederverwendung. Damit ist der DPP aber nicht nur ein zentraler Baustein der Kreislaufwirtschaft. Rund um ihn könnten auch neue Geschäftsmodelle entstehen.
Doch damit solche Konzepte in der Praxis funktionieren, müssen die Informationen entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette zuverlässig abrufbar und nutzbar sein. Gefragt sind also einheitliche Schnittstellen, Standards und technische Konzepte, um die Daten strukturiert und maschinenlesbar bereitgestellt werden können.
Eine wichtige Rolle kann dabei die Verwaltungsschale oder auch Asset Administration Shell (AAS) spielen, wie Wolfram Menser, Strategic Account Manager beim ERP-Anbieter Proalpha, auf der Hannover Messe berichtet. Die AAS beschreibt das digitale Abbild – oder den digitalen Zwilling – eines Objekts. Da die AAS einem standardisierten Format folgt, können Maschinen und Systeme unterschiedlicher Hersteller auf die darin beschriebenen Daten zugreifen. Mit der Technologie der Verwaltungsschale lasse sich der DPP besonders gut standardisiert umsetzen, so Menser.
Die Entwicklung der AAS wird von verschiedenen Unternehmen und Organisationen vorangetrieben. Dazu gehören Nutzerorganisationen wie die Industrial Digital Twin Association, Branchenverbände wie ZVEI und VDMA sowie Firmen wie Siemens, Bosch und SAP.
Middleware für Verwaltungsschalen
Auf der Hannover Messe 2026 war Proalpha neben einem eigenen Stand auch mit einem Partnerstand bei SmartFactory KL vertreten. Das Forschungszentrum zeigte dort eine Modellfabrik, in der digitale Zwillinge von Produkten und Ressourcen wie Maschinen eine zentrale Rolle spielen. Beschrieben werden diese jeweils über eine Verwaltungsschale. Wichtig dabei: die technische Infrastruktur für den Austausch und die Bereitstellung solcher Verwaltungsschalen. Umgesetzt wird die in diesem Fall mit Eclipse BaSyx – einer Open-Source-Middleware. An diese docken auf der einen Seite Softwaresysteme über APIs – also standardisierte Schnittstellen – an. Das können etwa ERP-, PLM- oder andere Lösungen sein, die relevante Daten für die digitale Zwillinge liefern. Auf der anderen Seite können Anwendungen, Maschinen oder Unternehmen auf die Informationen zugreifen, sofern sie dazu berechtigt sind. Menser bezeichnet BaSyx daher auch als eine Art Datendrehscheibe für Verwaltungsschalen.
Der Ansatz orientiert sich damit an den verschiedenen europäischen X-Initiativen wie Manufacturing-X und Catena-X, bei denen es darum geht, einen unternehmensübergreifenden Datenaustausch in der Industrie auf Basis offener Standards, föderierter Datenräume und klarer Nutzungsregeln zu ermöglichen. Die Daten sollen nicht zwangsläufig auf einer zentralen Plattform zusammengeführt werden, sondern möglichst dort verbleiben, wo sie entstehen und verantwortet werden.
Damit folge man also nicht dem sonst oft üblichen Weg, dass ein bekannter Hyperscaler eine zentrale Plattform zur Verfügung stellt – mit allen Auswirkungen auf das Thema Datenhoheit, erklärt Menser. Stattdessen basiere BaSyx auf einem dezentralen Konzept. Unternehmen können einen AAS-Server selbst betreiben und dort die Verwaltungsschalen ihrer Produkte, Maschinen oder anderen Ressourcen bereitstellen. Alternativ können sie den Betrieb einem spezialisierten Anbieter überlassen. Ein Beispiel dafür ist der Infrastrukturanbieter Pfalzkom, der als zertifiziertes Gaia-X Clearing House zukünftig das Hosting von BaSyx übernimmt und ebenfalls Partner der SmartFactory KL ist.
Digitaler Zwilling vereinfacht Reparatur
„Die Verwaltungsschalentechnik setzt sich in immer mehr Bereichen durch“, sagt Menser. „Und sie schwappt jetzt auch in die ERP-Welt. Denn in den ERP-Systemen liegen viele relevante Informationen für die digitalen Zwillinge wie zum Beispiel Stücklistendaten, Auftragsdaten oder Informationen zu Kunden- und Lieferantenprozessen. Daher engagieren wir uns als Proalpha auch so stark bei dem Thema.“
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Was dies konkret bringen kann, erklärt Menser an einem fiktiven Beispiel. „Angenommen, Sie sind ein Maschinenhersteller und verkaufen einem Kunden eine Ihrer Maschinen. Dann erhält dieser mit dem physischen Produkt auch einen dazugehörigen digitalen Zwilling. Sollte die Maschine repariert werden müssen, vergibt der Kunde den Auftrag dafür nicht zwingend an den Hersteller, sondern vielleicht an einen Dienstleister. Dieser könnte dann über die AAS – also über den digitalen Zwilling – auf genau die Daten zugreifen, die für die Reparatur relevant sind.“
Am Stand der SmartFactory-KL auf der Hannover Messe 2026 zeigte Proalpha im Rahmen eines gemeinsamen Use Cases mit Pfalzkom, wie aus ERP-Daten digitale Zwillinge erstellt und für verschiedene Anwendungsfälle entlang der Supply Chain – im konkreten Fall eines digitalen Produktpasses – genutzt werden können.
(Bild: Strehlitz)
Perspektivisch soll die Zugriffssteuerung im Kontext der X-Initiativen jedoch nicht allein durch den Betreiber einer Middleware erfolgen. Vielmehr geht es darum, Berechtigungen und Nutzungsregeln über Datenraum-Technologien wie den Eclipse Dataspace Connector und die MX-Ports weitgehend automatisiert durchzusetzen. Damit ließe sich künftig festlegen, wer welche Informationen aus einem digitalen Zwilling zu welchem Zweck nutzen darf. Doch noch ist ein solcher Automatisierungsgrad Zukunftsmusik.
Es gibt aber nicht nur fiktive Beispiele. Harting, ein Hersteller von elektrischen und elektronischen Bauteilen, nutzt bereits BaSyx, um AAS zu erstellen und zu verwalten. Kunden des Unternehmens können so etwa Informationen zu Materialzusammensetzung und Energieverbrauch oder Nachhaltigkeitskennzahlen über die Verwaltungsschalen abrufen.
Versprechen der Industrie 4.0 könnte sich erfüllen
Die Technologie ermöglicht aber noch mehr als nur die reine Bereitstellung von Produktinformationen oder digitalen Produktpässen. Am Stand der SmartFactory KL konnte man sehen, wie Agentensysteme künftig in einer Fabrik die Informationen von AAS nutzen werden. Das dafür notwendige Produktionsplanungs- und Steuerungsmodell wurde von Proalpha eingebunden und mit den Informationen aus dem digitalen Zwilling verknüpft. Empolis, der KI-Spezialist der Proalpha-Gruppe, ergänzt dieses Szenario um KI-gestützte Fehlererkennung und Entscheidungsunterstützung. Meldet eine Maschine eine Störung, kann der Agent relevante Informationen aus dem digitalen Zwilling, aus Servicehistorien, Dokumentationen oder Wissensdatenbanken heranziehen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen ableiten.
Open SmartFactory Architecture: offene, herstellerunabhängige Referenzarchitektur für Industrie 4.0, die IT und OT über Standards verbindet sowie Modularität und Interoperabilität fördert bei Wahrung der Datensouveränität.
(Bild: SmartFactory KL e.V.)
Damit könnte bald möglich werden, was einmal die Vision war, die mit dem Begriff Industrie 4.0 verbunden wurde: eine sich selbst steuernde Produktion. Will heißen: In der Fertigung haben die zu bearbeitenden Produkte sowie die Bearbeitungsmaschinen eigene Agenten, die miteinander kommunizieren. Der Agent eines Produkts steuert dieses anhand des Arbeitsplans, den er aus dem digitalen Zwilling bekommt, selbstständig durch die Produktion. Ist eine Maschine noch mit einem anderen Auftrag beschäftigt, bucht er einen mobilen Roboter, der das Produkt zur nächsten freien Maschine oder in ein Pufferlager bringt. Das macht die Produktion flexibler und hilft, auf kurzfristige Änderungen oder Störfälle zu reagieren.
„AAS sind die perfekte Basis für den Einsatz von Agenten“, sagt Henning Gösling, der am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) für das Themengebiet agentenbasierte Produktion und Logistik verantwortlich ist. „Denn die Daten werden dort auf ähnliche Weise geordnet wie bei einem Agenten.“ Es gebe bereits Industrieprojekte, in denen dieses Konzept getestet wird.
Kurzinfo: Digitaler Produktpass (DPP)
Was ist der digitale Produktpass? • Ein digitaler „Identitätsausweis” für Produkte, der strukturierte, maschinenlesbare Informationen über Nachhaltigkeit, Zusammensetzung (inkl. bedenklicher Stoffe), Haltbarkeit/Reparierbarkeit, Nutzung, Rückbau und Recycling über den gesamten Lebenszyklus bereitstellt. Er ist zentrales Instrument der EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR). • Zugriff mit abgestuften Rechten für Verbraucherinnen und Verbraucher, Wirtschaft und Behörden; verknüpft über eindeutige Produktkennungen und Datenträger (z. B. QR-Code).
Ab wann gilt er? • Grundrahmen: Die ESPR (Regulation (EU) 2024/1781) ist seit 18.07.2024 in Kraft. Konkrete DPP-Pflichten entstehen produktgruppenspezifisch durch nachgelagerte EU-Rechtsakte (delegierte/umsetzende Rechtsakte), die derzeit vorbereitet werden. • Erster verbindlicher Anwendungsfall: Batterien. Nach der Batterieverordnung (EU) 2023/1542 ist ein digitaler Batteriepass ab 18.02.2027 für Elektrofahrzeug- , industrielle (>2 kWh) und LMT-Batterien (z. B. E-Bikes) Pflicht. Weitere Produktgruppen folgen schrittweise über ESPR-Rechtsakte.
Wer muss ihn verwenden? • Alle Wirtschaftsakteure, die betroffene Produkte in der EU in Verkehr bringen (Hersteller, Importeure, Bevollmächtigte), sobald für ihre Produktgruppe ein entsprechender EU-Rechtsakt DPP-Pflichten festlegt. • Zusätzlich werden Anforderungen an DPP-Dienstanbieter vorbereitet (z. B. zu Datenspeicherung, Zugriffsverwaltung, evtl. Zertifizierung).
Was kommt auf Unternehmen zu? • Datenanforderungen erfüllen: Erheben, strukturieren und bereitstellen der produktspezifisch geforderten Nachhaltigkeits- und Lebenszyklusdaten; Pflege und Aktualisierung über den Produktlebenszyklus. • Technische Umsetzung: Eindeutige Produktkennungen und geeignete Datenträger (z. B. QR-Code) am Produkt; Anbindung an von der EU vorgesehene DPP-Infrastruktur (u. a. Register/Web Portal, rollenbasierte Zugriffsrechte). • Nachweis und Überwachung: Erfüllung der jeweils festgelegten Inhalte/Standards pro Produktgruppe, Konformitätsbewertung, Zusammenarbeit mit Marktüberwachungsbehörden. • Batterien konkret (ab 18.02.2027): QR-Code und individueller Pass mit u. a. Modell/Batteriedaten, Leistung/Dauerhaftigkeit, CO2-Fußabdruck und Materialangaben, Sicherheits- und Demontagehinweisen; gestufte Zugriffsrechte für verschiedene Nutzergruppen.
Hinweis: Für alle Nicht Batterie Produktgruppen entstehen konkrete Pflichten erst mit Veröffentlichung der jeweiligen EU-Rechtsakte; diese legen auch Übergangsfristen und genaue Dateninhalte fest.