Das Ende des Softwarediktats Das kann No-Code – und das sind die Grenzen

Ein Gastbeitrag von Jens Rutenborn* 6 min Lesedauer

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Low-Code ist keineswegs ein Kompromiss für Unternehmen, denen No-Code zu „extrem“ ist. Vielmehr ist Low-Code ein eigenständiges Paradigma, mit dem das Beste aus zwei Welten erlangt werden kann. Starke These.

Die Zeiten, in denen Software die Prozesse diktiert, sind vorbei; denn nun gibt es No-Code und Low-Code.(Bild:  Richard Villalon - stock.adobe.com)
Die Zeiten, in denen Software die Prozesse diktiert, sind vorbei; denn nun gibt es No-Code und Low-Code.
(Bild: Richard Villalon - stock.adobe.com)

Mit der wachsenden Akzeptanz von Web-Tools und Cloud-Computing ist auch die No-Code-Entwicklung zum Trend geworden. Die Forderung, dass Anwendungen durch technische Laien erstellbar sein sollten, ist nicht neu, sie wurde aber im Business-Bereich lange nicht ernst genommen.

Das gilt teilweise zu Recht; denn tatsächlich hat No-Code seine Limitationen. Die lassen sich jedoch überwinden – mit Hilfe der Low-Code-Entwicklung.

Der Nimbus von Software-Entwicklern oder „Software-Ingenieuren“ war in den 80er und 90er Jahren mit dem vergleichbar, was die künstliche Intelligenz heute darstellt: Kaum jemand verstand, was sie taten, und die Ergebnisse, die sie lieferten, waren – je nach Standpunkt der Betrachtenden – verblüffend, bewundernswert oder sogar furchteinflößend.

Die Folge

Dementsprechend gestaltete sich auch das Verhältnis zwischen Fachbereichen beziehungsweise Kunden auf der einen Seite sowie Entwicklern oder Lieferanten auf der anderen: Die einen stellten Anforderungen, die anderen setzen sie um. Die Kosten spielten in den „goldenen Zeiten“ der IT kaum eine Rolle: Software war nun einmal teuer, und daran ging kein Weg vorbei. Punkt.

Der hohe Aufwand ergab sich daraus, dass alles Notwendige immer wieder von Grund auf programmiert wurde. Das verschlang viele Personentage und folglich auch Geld. Selbstredend wurden auf diese Weise viele Funktionen erstellt, die an anderer Stelle im Unternehmen bereits existierten.

Über die Jahre bildete die Softwarebranche ein neues Selbstverständnis aus: Sie schuf sich Frameworks für Abläufe und Funktionen, die komplett oder in leicht abgewandelter Form wiederverwendbar waren. Ein Beispiel dafür ist die „IT Infrastructure Library“, kurz ITIL, die für das IT-Service-Management stilbildend oder sogar verpflichtend wurde. Es reifte also die Erkenntnis, dass man das Rad nicht ständig neu erfinden, sondern Serviceprozesse standardisieren muss.

Das neue Selbstverständnis

Der steigende Kostendruck mündete zudem in der Einsicht, dass nicht überall das theoretische Maximum sinnvoll ist. Der tatsächliche Nutzen der berüchtigten „Sonderlocken“, sprich: vom Standard abweichender Anforderungen, wiegt den zusätzlichen Aufwand nur selten auf. Ein bis ins Detail personalisiertes Customizing führt zudem oft zu überkomplexen und fehleranfälligen IT-Systemen.

Wenn denn aber Anpassungen notwendig wären, dann sollte es dafür auch Standardelemente geben, die sich ohne viel Aufwand – ähnlich einem „Lego“-Stein – hinzufügen oder wegnehmen ließen. Das Ziel war eine modulare Entwicklung auf der Grundlage vorgefertigter Workflows, ohne Programmierung von Quellcode, so dass sie auch für softwaretechnisch weniger beschlagene Mitarbeitende handhabbar wäre.

Eine Applikation aus vorgefertigten Bausteinen und Blöcken zusammenzufügen – diese Idee spukt seit mindestens 20 Jahren in den Köpfen der Software-Entwickler:innen herum. Vorläufer der heutigen „No-Code“-Systeme waren Ende des vergangenen Jahrhunderts die „visuellen“ oder „grafischen“ Entwicklungswerkzeuge. Sie eigneten sich für kleine, unkomplizierte Applikationen, doch für komplexe Business-Anwendungen waren sie zu einfach gestrickt.

Komplexe Systeme ohne eine Zeile Code

Mittlerweile ist es hingegen möglich, ohne eine einzige Zeile Code komplexe Anwendungen zu erstellen – einschließlich Datenbankintegration, Nutzerauthentifizierung und automatisierter Arbeitsabläufe. Angeschoben wurde diese Entwicklung vor allem durch die breite Akzeptanz der Cloud-Systeme. Die Cloud bietet handfeste Vorteile in Form von unkomplizierter Bereitstellung, Skalierbarkeit und leichter Integration weiterer Services.

Hohe Kundenerwartungen an No-Code-Technologien

Schnellere Bereitstellung: Mit No-Code-Technologie lassen sich, so die Protagonisten dieser „Szene“, Anwendungen in wenigen Minuten oder Stunden bereitstellen. Damit würde sich das tage- oder wochenlange Warten erübrigen, wie es bei traditioneller Softwareentwicklung der Fall ist.

Geringere Kosten: Unternehmen hoffen, so die Kosten für die Einstellung und Beschäftigung von Entwicklern senken zu können.

Weniger Wartungsaufwand: No-Code-Tools sind einfach zu bedienen und erfordern weniger technisches Wissen als traditionelle Entwicklungswerkzeuge. Damit könnten die Benutzer ihre Anwendungen theoretisch selbst warten und aktualisieren. Ob das in der Praxis tatsächlich funktioniert, hängt am Ende aber doch vom technischen Know-how der User ab.

Mehr Flexibilität: Mit Hilfe der No-Code-Tools können Benutzer die Applikationen selbst verändern oder um neue Funktionen erweitern, ohne auf die häufig fehlenden Fachkräfte angewiesen zu sein. Die Möglichkeiten dafür sind in reinen No-Code-Systemen aber sehr beschränkt.

Einfache Zusammenarbeit: No-Code-Tools sind von vornherein für eine Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und Nicht-Entwicklern ausgelegt. Benutzer aus verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens sollen damit zusammenarbeiten können, um Anwendungen zu erstellen und zu pflegen. Sofern sie das tun, steigt die Effizienz in der Anwendungsentwicklung

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Im Rahmen der No-Code-Entwicklung nutzen die Anwender:innen heute wie damals Elemente, die sie per Mausklick zusammenschieben. Aber im Gegensatz zu den Anfängen dieser Technik liefern die Tools jetzt unter anderem vorkonfigurierte Arbeitsabläufe, User-Interfaces, vorgefertigte Datenstrukturen und Dashboards für Reports. So lassen sich die Anwendungen schneller und kostengünstiger bereitstellen. Auch ihre Wartung erfordert weniger Aufwand, weil die Strukturen offen liegen.

Software-Anbieter wie Apian, Mendix oder Outsystems haben die Technik perfektioniert, Anwendungslieferanten wie Salesforce, Servicenow und Efecte bieten sie für Anpassungen der eigenen Produkte an. Waren die No-Code-Plattformen anfangs dafür gedacht, den Fachbereichen die Entwicklung eigener Anwendungen zu ermöglichen, so nutzen heute auch professionelle Software-Entwickler:innen diese Technik, beispielsweise um rasch mal einen Prototyp zu bauen.

Wo No-Code zu kurz springt

Das klingt beinahe so, als hätte die gute alte Quellcode-Programmierung ausgedient. Doch ist das so?

Sollen Softwaresysteme mit No-Code-Werkzeugen angepasst werden, so müssen die Abläufe standardisiert sein. Dazu müssten die Organisationen ihren Arbeitsalltag den Vorgaben der Software anpassen. Doch selbst wenn das mit den Anforderungen des Unternehmens vereinbar ist, erfordert es auf jeden Fall ein umfassendes Change-Management und birgt trotzdem die Gefahr, einen Teil der Mitarbeitenden zu überfordern.

Selbstverständlich sind die Elemente der No-Code-Plattformen theoretisch weder in Art und Umfang noch in ihrer Anzahl beschränkt. Praktisch wäre es jedoch nur wenig sinnvoll, alle Eventualitäten abdecken zu wollen, denn dieser Weg führt genau dorthin zurück, wo man eigentlich weg wollte: zu höherem Aufwand und komplexen Individualisierungen.

Mittelständische und vor allem größere Unternehmen werden also früher oder später an die Grenzen der grafischen Tools stoßen. Ein Element, das nicht vorhanden ist, kann auch nicht eingefügt werden. Das heißt im Klartext: Die Vorteile der No-Code-Entwicklung werden mit Nachteilen in Sachen Funktionsumfang und Individualität erkauft.

Low-Code – mehr als ein Kompromiss

Aus diesem Grund sind reine No-Code-Systeme im geschäftlichen Umfeld eher selten anzutreffen. Aber es gibt eine Möglichkeit, wie sie sich nutzen lassen, ohne die beschriebenen Nachteile hinnehmen zu müssen. Vorausschauende Software-Anbieter arbeiten mit grafischen Oberflächen, ermöglichen aber den punktuellen Umstieg auf eine Script-Sprache für den Fall, dass die No-Code-Umgebung an ihre Grenzen stößt.

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn es sich um ein großes Kundenunternehmen oder einen wichtigen Unterauftragnehmer mit individuellen Standards handelt. Standards, die in diesem speziellen Fall unbedingt eingehalten werden müssen, aber nicht als feste Elemente für die No-Code-Plattform umgesetzt werden sollen. Hier müssen Sonderlösungen geschaffen werden – am besten durch eingefügte Scripts.

Moderne Script-Sprachen wie „Python“ bieten eine vorgefertigte Logik an. So ersparen sie den Entwicklern die Programmierung von Quellcode. Wenn der Kunde eigenes Know-how aufbaut, kann er die Scripts – nach einer Einführungsphase – via Software-Button selbst einfügen.

Andernfalls kauft er die Anpassungen als Service ein. In beiden Fällen bleibt er prinzipiell innerhalb des No-Code-Systems, kann aber dort, wo es notwendig ist, die vorgegebenen Elemente um eigene ergänzen. Diese technische Lösung heißt „Low-Code.“

Kein Softwarediktat mehr

Solche Low-Code-Systeme erlauben es den Entwicklern, eine größere Fülle an Funktionen und Konfigurationen zu nutzen, also mehr Flexibilität und Komplexität in den Anwendungen zu schaffen. Das wirkt sich positiv auch auf deren Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit aus. Zudem lassen sich die benutzerdefinierten Scripts wiederverwenden, was den Entwicklungsprozess beschleunigen kann.

Zum einen lassen sich Software-Anwendungen – ähnlich wie mit der No-Code-Technik – deutlich schneller und unkomplizierter entwickeln als mit Quellcode-Programmierung. Zum anderen ist es dank Low-Code mit überschaubarem Aufwand möglich, die Prozesse der Applikationen an die tatsächlichen Arbeitsabläufe im Unternehmen anzupassen. Das sollte für Business-Systeme mittlerweile obligatorisch sein.

*Der Autor
Jens Rutenbor ist Director Professional Services bei der Efecte Corp. Er sagt: „Die Zeiten, in denen die Software die Prozesse vorgibt, sind hoffentlich passé.“

Bildquelle: Efecte

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