Kostenloser ÖPNV wird finanzierbar

Axians verlängert mit Datenanalyse die Wertschöpfungskette

| Redakteur: Elke Witmer-Goßner

Kostenloser ÖPNV ließe sich über Datenanalyse und zielgerichtetes Marketing querfinanzieren.
Kostenloser ÖPNV ließe sich über Datenanalyse und zielgerichtetes Marketing querfinanzieren. (Bild: gemeinfrei © Reinhold Silbermann / Pixabay)

Die Forderungen nach einem kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) werden gerade in Zeiten von Dieselskandal und „Fridays for Future“ immer vehementer. Dass dies kein unrealisierbarer Wunsch ist, zeigen Städte wie Tallinn, Melbourne und Warschau bereits seit Jahren.

In der estnischen Hauptstadt fahren Bürger in allen Bussen und Bahnen kostenlos, in der zweitgrößten Metropole Australiens auf einigen Straßenbahn-Strecken, in Polens Hauptstadt an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung. Die Hauptmotivation für das Gratisangebot: Die Luft in den Städten soll besser werden. Deutsche Städte sind dagegen bislang zurückhaltend. Lediglich Augsburger fahren ab Ende 2019 in einer kleinen Zone gratis mit Bussen und Straßenbahnen. Die Bundesregierung zog zwar einen Testlauf in ausgewählten Städten in Erwägung – alle fünf lehnten aus Kostengründen aber ab. Dabei wäre es schon heute problemlos möglich, den ÖPNV kostenlos nutzbar zu machen, ohne dass die Verkehrsbetriebe draufzahlen müssten. Nämlich mit Hilfe von Daten.

Vorhandenes Wissen gezielt nutzen

Den Betreibern öffentlicher Verkehrsmittel, von U-, S- und Trambahnen sowie Bussen, stehen unzählige Informationen zur Verfügung. Sie wissen zum Beispiel, welche Fahrzeuge gerade wo unterwegs sind, welche Strecke sie schon zurückgelegt haben und ob sie pünktlich sind. Aber darüber hinaus kennen sie auch den Standort ihrer Passagiere – jedenfalls, wenn diese die App der Verkehrsgesellschaft auf dem Smartphone besitzen. Warten sie gerade an einer Haltestelle und checken den Fahrplan in der App, oder laufen sie auf den U-Bahnhof zu und kaufen mobil ein Ticket?

Diese Momente könnten die ÖPNV-Betreiber zum Vorteil der Fahrgäste ausnutzen, vorausgesetzt, diese stimmen der Nutzung ihrer Daten explizit zu. Denkbar wäre, dass die Kunden einschränken können, in welchem Kontext sie ihre Daten zur Verfügung stellen möchten, beispielsweise nur, wenn sie die App verwenden oder wenn sie sich am Hauptbahnhof befinden. Im Gegenzug erhalten sie dann passende Angebote, über die der öffentliche Nahverkehr finanziert wird.

Wie das aussehen könnte, haben die Digitalisierungsspezialisten von Duality zusammen mit den Datenanalysten der Axians IT Solutions GmbH bei einem Modellprojekt erarbeitet. Für einen großen ÖPNV-Anbieter werteten sie die Daten aus, die das Unternehmen kontinuierlich sammelt, und transformierten diese in hilfreiche Informationen. Mit Hilfe eines Augmented-Reality-Modells und Microsofts Hololens-Brille wurden die verfügbaren Daten visualisiert. Hiermit ließ sich veranschaulichen, wo welche U-Bahnen oder Busse gerade unterwegs sind, ob sie pünktlich ankommen und ob sie ausgelastet oder vollbesetzt sind. Das Modell zeigt aber anhand von anonymisierten Daten zusätzlich auch die Anzahl der wartenden Passagiere an den Haltestellen an.

Direkte Werbung und Angebote

An dieser Stelle kommt die App ins Spiel. An alle Fahrgäste, die dem zugestimmt haben, können die ÖPNV-Betreiber jetzt neuartige Dienste ausspielen, etwa Informationen über einen Ticketverkauf für Veranstaltungen in der Nähe. Aber auch Geschäfte und Firmen in der Umgebung könnten genau zu dieser Zeit gezielt Anzeigen über die App anzeigen lassen, die gerade im Moment für die Passagiere interessant sein könnten, beispielsweise ein Frühstücksangebot oder reduzierte Waren im Supermarkt um die Ecke. Die werbenden Firmen zahlen dafür, Werbung schalten zu dürfen. Dieses Geld wird wiederum dazu verwendet, den Betrieb von Bussen, U- und Straßenbahnen für die Passagiere gratis anzubieten. Voraussetzung wäre selbstverständlich, dass Kunden einer Erfassung und Weitergabe ihrer Daten an externe Firmen zustimmten.

Sascha Bäcker, Teamleiter Duality bei Vinci Energies Deutschland, rät daher Unternehmen und ÖPNV-Betreibern, jetzt aktiv zu werden und einen Testlauf zu starten und Kunden ein Angebot zu machen: „Im Gegenzug könnten diese im ersten Schritt einen Gratisfahrschein für eine Strecke erhalten. So loten die Betriebe aus, ob Passagiere eine solche Offerte annehmen würden. Wenn ja, kann sie nach und nach ausgebaut werden. Die jeweilige Stadt könnte dann in Zukunft in einem Atemzug mit den Gratis-ÖPNV-Vorreitern aus Tallinn, Melbourne und Warschau genannt werden.“

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