Das europäische Vorzeigeprojekt Gaia-X sollte ein Gegenentwurf zu den amerikanischen Hyperscalern werden und für souveräne Datenräume sorgen. Das Gründungsmitglied Nextcloud hat mit seinem Austritt für einen Paukenschlag gesorgt. Bei CloudComputing-Insider prallen die Meinungen dazu aufeinander.
Das europäische Vorzeigeprojekt Gaia-X ist als Gegenentwurf zu den amerikanischen Hyperscalern konzipiert und soll für souveräne Datenräume sorgen. Ob das gelingt – daran scheiden sich die Meinungen.
(Bild: knssr - stock.adobe.com)
Die einen haben die Schnauze voll, die anderen machen weiter wie bisher. So lässt sich die Gefühlslage in Sachen Gaia-X kurz und knapp zusammenfassen. Nachdem Nextcloud-CEO und -Gründer Frank Karlitschek den Ausstieg seines Unternehmens aus dem europäischen Cloud-Konsortium ankündigte, sprangen ihm viele andere Unternehmer zur Seite.
Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug etwa sah ihre düstere Bilanz voll bestätigt: „Die für unsere digitale Unabhängigkeit so wichtige Initiative wurde in den Zeitlupen-Mühlen staatlich gesteuerter Innovationsprojekte zermahlen.“ Insbesondere der paradoxe Einstieg der amerikanischen Hyperscaler in das Projekt sei ein Schuss ins Knie gewesen.
Auch Christoph Herrnkind, CEO der Wiit AG, die zu den ersten Unterstützern von Gaia-X gehört hat, will von dem Vorhaben nichts mehr wissen: „Wiit hat sich bereits vor einiger Zeit aus Gaia-X zurückgezogen, um sich vollständig auf die Spezialisierung im Bereich Cloud-Lösungen für geschäftskritische Anwendungen zu konzentrieren und die eigene Initiative Cloud4Europe voranzutreiben.“
Keine Konkurrenz?
Dabei stünden Cloud4Europe und Gaia-X nicht in Konkurrenz zueinander. Die Cloud4Europe-Initiative von Wiit verfolge aber ebenso das Ziel, eine souveräne europäische Cloud-Plattform für unternehmenskritische Anwendungen zu schaffen. „Diese Plattform kombiniert Rechenzentren, modernste Technologien, Cybersicherheit und Managed Services in einem umfassenden Hybrid-Cloud-Ansatz. Cloud4Europe bietet eine breite Palette sicherer, verwalteter Cloud-Dienste und Lösungen – von proprietären Technologien wie Oracle und IBM bis hin zu modernen, Cloud-nativen Plattformen, die auf Microservices basieren“, so Herrnkind.
Andere, wie Oliver Köth, CTO von NTT Data DACH, folgen dem Gaia-X CEO Ulrich Ahle, der gegenüber CloudComputing-Insider erklärte, dass Gaia-X „auf jeden Fall“ weitergeführt werde. Das Projekt floriere und ziehe neue Mitglieder an. „Gaia-X wird nicht nur weitergeführt, sondern expandiert – sowohl in Europa als auch international. Die Behauptung, Gaia-X sei ‚tot‘, entspricht nicht der Realität. Mit über 150 Implementierungsprojekten, einem wachsenden Netzwerk von digitalen Clearingstellen (GXDCH) und einer zunehmenden Akzeptanz durch Unternehmen und Institutionen ist Gaia-X aktiver denn je.“
Gaia-X sei weit davon entfernt, die Arbeit einzustellen. Köth macht ein weit verbreitetes Missverständnis bezüglich Gaia aus: „Die Ziele von Gaia-X wurden und werden oft missverstanden. Es war nie beabsichtigt, es in Form einer ‚deutschen Cloud‘ als alternativen Plattform-Layer zu den bekannten Hyperscalern aufzubauen“, erklärt Köth gegenüber CloudComputing-Insider. Gaia-X wolle kein „AWS 2.0“ sein – so sei es nie ins Leben gerufen worden, deshalb könne es auch nicht „tot“ sein.
Oliver Köth, CTO von NTT Data DACH.
(Bild: NTT Data)
„Bei Gaia-X geht es vielmehr in erster Linie um den Ansatz, sichere Datenräume für den Austausch digitaler Daten zu entwickeln, und dabei die Datensouveränität zu wahren. Das ist gelungen. Die Global Trusted Data Spaces (GTDS) sind mittlerweile fest etabliert und bieten eine geschätzte Alternative zu den zentralisierten Datenmodellen“, so Köth weiter. Die GTDS seien außerdem als funktionaler Teil eines Cloud-Ökosystem konzipiert, zu dem auch die Hyperscaler gehören: „Nicht zuletzt deshalb sind sie ja schon seit 2020 aktiv in die Gaia-X-Initiative eingebunden.“
Das ist ein Fakt, den z. B. Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug, vehement kritisiert. Dass die amerikanischen Hyperscaler mit ins Boot geholt worden seien, zeuge von wenig strategischer Weitsicht.
Köth tangiert das nicht, Gaia-X entwickle vor allem die zahlreichen industriespezifischen Daten- und Infrastruktur-Ökosysteme weiter, die als De-facto-Standard durch die Gaia-X-Community und die Gaia-X-National-Hubs geschaffen wurden. „Es geht dabei einerseits um deren weitere Spezifizierung, andererseits um die Interoperabilität mit anderen nationalen oder regionalen Daten-Ökosystemen. Gaia-X ist ja keine singuläre Erscheinung, es ist vielmehr eingebettet in ähnliche Entwicklungen, die in vielen anderen Ländern stattfinden. Auch dies ist ein Argument dafür, Gaia-X nicht voreilig aufs Abstellgleis zu schicken. Das wäre fahrlässig.“
Der Technologiechef von NTT Data erläutert weiter, dass, wohin man auch schaue, sich alles um Daten drehe. „Deshalb sind wir nicht nur von Anfang an in den Gaia-X-Projekten aktiv, sondern engagieren uns auch in europäischen Initiativen wie der International Data Spaces Association (IDSA) oder der Big Data Value Association (BDVA).“ Aktuell liegt der Schwerpunkt der Aktivitäten dort auf wirtschaftlich wichtigen vertikalen Segmenten wie der Automobilindustrie, dem Gesundheitswesen, dem öffentlichen Sektor, dem Schienenverkehr oder dem Tourismus. „Es geht ganz pragmatisch darum, branchenspezifische Datenräume für den sicheren Austausch digitaler Daten zu schaffen. Dabei kommen wir gut voran. Um es auf den Punkt zu bringen: Gaia-X lebt – und das ist gut so!“
Stand: 08.12.2025
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Das Projekt wird im weiteren Verlauf also weiterarbeiten, der Schwerpunkt wird sich vermutlich aber auf den Aufbau sichere Datenräume für den Austausch digitaler Daten verlagern. Ob dafür die Unterstützung des Gaia-X-Netzwerkes nötig ist, muss jeder Anwender selbst entscheiden.