EuroStack als Gegenentwurf zu Gaia-X Noch eine Initiative will die europäische IT fördern

Von Dr. Dietmar Müller 6 min Lesedauer

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Die europäische IT braucht dringend Anschub, erklärt eine neue, „EuroStack“ genannte Initiative. Sie will von der EU-Kommission Geld und Arbeitsgruppen, um „über Gaia-X hinaus“ die europäische IT-Industrie zu fördern. Die Initiatoren hinter Euro-Stack sind eine echte Überraschung.

Viele mit der Entwicklung des europäischen Standardisierungsprojekts Gaia-X unzufriedene versuchen, es mit der EuroStack-Initiative nun besser zu machen.(Bild:  artjazz - stock.adobe.com)
Viele mit der Entwicklung des europäischen Standardisierungsprojekts Gaia-X unzufriedene versuchen, es mit der EuroStack-Initiative nun besser zu machen.
(Bild: artjazz - stock.adobe.com)

Das dürfte das Aus für Gaia-X als ernstzunehmendes Projekt sein: Eine Gruppe europäischer Unternehmer hat die EU-Kommission in Brüssel dazu aufgerufen, mit Vehemenz eine „zuverlässige, offene Infrastruktur“ zu schaffen, und zwar mit Lösungen, „die in der heutigen digitalen Wirtschaft nicht gebaut werden können.“

Die „EuroStack“ genannte Initiative hat bereits im Januar ein erstes Übersichtspapier veröffentlicht, in dem ganz nach dem Muster von Gaia-X der Aufbau einer europäischen, souveränen und digitalen Infrastruktur gefordert wird. Überraschenderweise taucht in dem Dokument der Begriff „Gaia-X“ nicht einmal auf – ganz so, als ob es die vielen Projekte und Initiativen dazu nie gegeben hätte. Zur Erinnerung: Gaia-X sollte ein europäischer Gegenentwurf zu den US-amerikanischen Hyperscalern werden und für souveräne Datenräume sorgen.

EuroStack hat sich nun neu in einem offenen Brief an EU-Präsidentin Ursula von der Leyen und ihre Kollegen gewandt. Darin taucht der Name „Gaia“ ebenfalls nicht auf, lediglich im Begleittext wird erwähnt, dass die Initiative „mehr sein will als Gaia-X“. Die Forderungen haben sich entsprechend auch auf andere Teile der IT ausgeweitet, nun will man auch eine europäische Chip-Industrie und überhaupt eigene Hardware.

Die Motive von EuroStack

„Die jüngste Münchner Sicherheitskonferenz, die daraufhin von den USA angekündigten Maßnahmen und weitere Entwicklungen in den Beziehungen zwischen den USA und der EU haben die harte geopolitische Realität aufgezeigt, mit der Europa jetzt konfrontiert ist“, erklären die Macher gleich zu Beginn ihre Motive. Der Aufbau einer „strategischen Autonomie in Schlüsselsektoren“ sei daher dringend geboten: „Im Rahmen dieser gemeinsamen Anstrengungen muss Europa die Initiative zurückgewinnen und technologisch unabhängiger werden, und zwar auf allen Ebenen seiner kritischen digitalen Infrastruktur: von der logischen Infrastruktur – Anwendungen, Plattformen, Medien, KI-Frameworks und Modelle – bis hin zur physischen Infrastruktur – Chips, Computer, Speicher und Konnektivität.“

Weiter heißt es: Unbesehen der Ankündigungen auf dem Pariser KI-Gipfel vor kurzem werde „Europa den Anschluss an die digitale Innovation und das Produktivitätswachstum verlieren, wenn sich nicht dringend etwas ändert“. Der alte Kontinent brauche jetzt „eine pragmatische industriepolitische Strategie, um unsere Abhängigkeiten bei kritischen Technologien zu verringern“. Dafür seien eine Konzentration auf ausgewählte Initiativen nötig. Das Ganze mündet in die Forderung, Geld von der Kommission (also von den europäischen und nicht zuletzt deutschen Steuerzahlern) zu erhalten.

„Wir appellieren an Ihre Kompetenz, die Industrie zu mobilisieren, um aktiv zur Koordinierung und Validierung einer kontinentweiten Strategie beizutragen, was zu einer europäischen digitalen Souveränität führen wird. Zur Unterstützung Europas in dieser Krise für unsere Sicherheit und strategische Autonomie, muss die Kommission dringend Arbeitsgruppen mit der Industrie bilden und einberufen, um ihr Ziel der technischen Souveränität in konkrete Maßnahmen umzusetzen“, so der Appell an von der Leyen und ihr Präsidium.

Ein erster Meilenstein werde die Schaffung von Nachfrage („Kauft europäisch!“) darstellen, gefolgt von gemeinsamen Industriestandards, insbesondere wenn es um Open-Source-Lösungen und Interoperabilität gehe, um Hardware-Autonomie sowie um souveräne Clouds und Plattformen. Umgesetzt werden soll das alles durch Arbeitsgruppen, die aus Bürokraten und Vertretern der Industrie bestehen könnten.

„Die europäische Technologiebranche ist hoch motiviert, die Abhängigkeit Europas von außereuropäischen digitalen Anbietern in unserer gesamten digitalen Infrastruktur zu verringern - von der Cloud über die Konnektivität und Plattformen bis hin zu allen Ebenen der Lieferkette. Wir offerieren unsere Unterstützung und unsere Zusammenarbeit mit der Kommission, um in dem neuen geopolitischen Umfeld Fortschritte in Richtung weitreichenderer digitaler Souveränität, Sicherheit und Produktivität zu machen.“

Die Akteure hinter EuroStack

Wer aber steht hinter der wortgewaltigen Initiative? Hier gibt es eine echte Überraschung. An allererster Stelle lässt sich Frank Karlitschek, Gründer und CEO der Nextcloud GmbH, nennen. Er war es, der erst vor wenigen Wochen Gaia-X für „tot“ erklärt und damit für viel Wirbel gesorgt hat. Während Freund und Feind von Gaia-X noch diskutieren und Deutungshoheit über die jüngsten Ereignisse einfordern, hat Karlitschek zwischenzeitlich das Pferd gewechselt.

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Zu den Initiatoren von EuroStack zählt darüber hinaus Achim Weiss, CEO von Ionos. Das erklärt vielleicht, warum er sich vor wenigen Tagen gegenüber CloudComputing-Insider nicht zur Zukunft von Gaia-X äußern wollte. Des Weiteren finden sich jede Menge Geschäftsführer europäischer KI-Start-ups wie Mattias Åström, Gründer des schwedischen Cloud-Anbieters Ecroc, oder Marian Gläser, CEO von Brighter AI. Flankierend werden Vertreter von Rüstungsunternehmen wie René Obermann, Chairman von Airbus SE, aufgelistet. Neben diesen IT- und Rüstungs-Managern sind zudem Vertreter diverser „grüner“ Unternehmungen wie etwa Wolfgang Öls sowie Lobbyisten wie Kai Zenner, Head of Office and Digital Policy Adviser for MEP Axel Voss (EPP group) in the European Parliament, am Start, die ausreichend Erfahrung darin haben dürften, Steuergelder für ihre neue Initiative locker zu machen.

Es sieht also ganz danach aus, als hätten namhafte Unterstützer von Gaia-X das Vorhaben aufgegeben. Andere Gaia-X-Unterstützer wie Bernie Wagner, Bereichsvorstand Schwarz Digits und CEO von Stackit, halten Gaia dagegen weiter die Stange: „Offene Standards und Interoperabilität sind wichtige Elemente souveräner IT-Lösungen. Daher stehen wir seitens Stackit als Teil von Schwarz Digits hinter den Zielen von Gaia-X, sind weiterhin Mitglied und stehen darüber hinaus mit unserer Stackit Cloud als souveräner Hyperscaler zur Verfügung“, so Wagner gegenüber CloudComputing-Insider.

Der mutmaßliche Misserfolg von Gaia-X geht nach Ansicht von Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin, vor allem auf das langsame Arbeiten der Brüsseler Bürokratie zurück, deren Mühlen die „für unsere digitale Unabhängigkeit so wichtige Initiative“ im Zeitlupentempo zermahlen hätten. Gaia-X sei geplant gewesen als eine souveräne deutsch-europäische Alternative zu den amerikanischen und chinesischen Hyperscalern – „und dann wurden sie naiverweise ‚zur Unterstützung‘ mit ins Boot geholt“, so Wörrlein gegenüber CloudComputing-Insider. Strategische Weitsicht sehe anders aus. „Durch die abzusehenden Konsequenzen wurde der Stillstand zementiert. Welche konkreten Services sind denn verfügbar, die eine echte Alternative zu den Hyperscaler-Angeboten wären? Der Schlussstrich ist schon lange gezogen“ – und mit EuroStack eine neue Initiative geboren, möchte man hinzufügen.

Erste Schritte wurden bereits unternommen

Ein, zwei Briefe sind schnell aufgesetzt und an Presse und Kommission weitergeleitet. EuroStack kann aber schon einiges mehr vorweisen: Mit der „Sovereign European Cloud API“ (SECA) haben Ionos, Aruba und Dynamo vor wenigen Tagen einen neuen Vorschlag für einen Branchenstandard für Cloud-Infrastrukturmanagement vorgelegt. SECA soll nichts weniger als das Fundament für EuroStack und damit eine „echte souveräne EU Cloud-Infrastruktur“ legen.

Achim Weiß, CEO von Ionos, ist einer der federführenden Initiatoren von EuroStack, das „weit über Gaia-X hinausgehen soll“.(Bild:  Ionos SE)
Achim Weiß, CEO von Ionos, ist einer der federführenden Initiatoren von EuroStack, das „weit über Gaia-X hinausgehen soll“.
(Bild: Ionos SE)

Die SECA-API ermögliche die Bereitstellung und Verwaltung von Cloud-Infrastrukturen ohne Vendor-Lock-in und Verlust der Kontrolle über Daten. Zu den Vorteilen zählten verbesserte Interoperabilität, Skalierbarkeit und Sicherheit sowie Unabhängigkeit und Flexibilität für die Kunden. Aruba und Ionos wollen als erste europäische Cloud Service Provider (CSP) die neue API kostenfrei verteilen. Dynamo, eine Plattform für Anbieter in einen einheitlichen B2B-Marktplatz, will SECA-basierte Konnektoren implementieren, um den Bereitstellungsprozess für alle kompatiblen Anbieter zu automatisieren. Alle drei Unternehmen verstehen sich als Speerspitze von Euro-Stack, künftige Entwicklungen sollen auf ihrer Arbeit basieren.

In einem nächsten Schritt plant die Initiative einen Call for Comments, um Anwenderfeedback einzuholen sowie die Einführung einer Infrastructure-as-a-Service (IaaS), gefolgt von einer Platform-as-a-Service (PaaS) zu ermöglichen. Außerdem werde es einen Call for Participation geben, da die Initiative auch andere europäische Anbieter von Cloud-Diensten willkommen heiße.

„Europa kann es sich nicht leisten, von externen Einflüssen abhängig zu sein“, kommentiert Weiß. „Wir brauchen ein starkes und wirklich souveränes digitales Ökosystem. SECA ist ein unverzichtbarer Baustein für den Aufbau einer sicheren, unabhängigen und zukunftsfähigen digitalen Infrastruktur – einer Infrastruktur, die Europa stärkt, wettbewerbsfähig hält und seine digitale Souveränität sichert.“

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