Zukunftstechnologie jenseits von Bitcoin & Co.

Die dunklen Seiten der Blockchain

| Autor / Redakteur: Robert Schwertner und Prof. Dr. Alfred Taudes* / Elke Witmer-Goßner

Heilsbringer, Hype oder sogar Gefahr – an der Blockchain-Technologie scheiden sich noch die Geister.
Heilsbringer, Hype oder sogar Gefahr – an der Blockchain-Technologie scheiden sich noch die Geister. (Bild: gemeinfrei - Pete Linforth/Pixabay / Pixabay)

Egal ob E-Government, Car-Sharing, oder Kryptowährungen: Die Blockchain bringt neue Geschäftsmodelle ins Spiel und erlaubt innovative Anwendungen. Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten – das gilt auch für eine der verheißungsvollsten Technologien des 21. Jahrhunderts.

Nicht nur eingefleischte Fans der ersten Stunde sind längst überzeugt, dass die Blockchain in vielen Bereichen der Wirtschaft und des täglichen Lebens in naher Zukunft eine zentrale Rolle spielen wird – etwa bei der sicheren Übermittlung von Daten oder bei Überweisungen. Der explodierende Kurs der Kryptowährung Bitcoin löste 2017 enormes Interesse an der Technologie und so manche gewagte Spekulation aus. Der nachfolgende Kursabsturz sorgte dann einerseits für Ernüchterung, andererseits für den Fokus auf die eigentliche Bedeutung und die Chancen der Blockchain. Nun stehen in der öffentlichen Diskussion zumeist die Vorzüge und vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten der Technologie im Mittelpunkt, doch es gibt auch dunkle Seiten und Entwicklungen, die nicht unbedingt positiv zu sehen sind.

Blockchain als neue Religion

Der übertriebene Glaube an die Blockchain stellt eine große Fehlentwicklung dar. Teilweise nimmt das Thema fast schon religiöse Züge an. Es ist aber ein Trugschluss, dass diese, zugegebenermaßen großartige Technologie die Mehrzahl der Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft lösen kann. Denn erst jetzt wird langsam klar, was man damit wirklich machen kann und was nicht. Das ist ähnlich der Entwicklung des Internets am Beginn der 1990er Jahre.

Setzt sich die Blockchain etwa im Geldverkehr durch, kann dies einen Ausschluss gewisser Bevölkerungsschichten bedeuten, die nicht mehr daran teilhaben können. Dann geht ohne Computer und Internetzugang gar nichts mehr. Die digitale Kluft wird dann zum massiven Problem. Die Träume, dass man mit Kryptowährungen die Dritte Welt weiterentwickeln kann, sind naiv. Ohne Strom und ohne Handy ist das nicht möglich.

Bitcoin, Darknet und Währungskrisen

Hoher Energieverbrauch und die Verwendung von Bitcoin-Transaktionen für verbrecherische Geschäfte wie den Drogenhandel sind weitere Schattenseiten. Wenn jemand einen illegalen Handel mittels Kryptowährung etwa im Darknet begleicht, entfällt die bei Kontoeröffnung für Banken obligatorische Überprüfung der Verfügungsberechtigten, auch erfolgen Überweisungen ohne Kontrollschritte durch die dazwischengeschaltete Bank. Die Probleme, die dadurch entstehen, werden aber überschätzt. So verbraucht auch das normale Bankensystem Ressourcen und die Möglichkeiten, illegale Transaktionen zu machen, sind begrenzter, als gemeinhin angenommen, zumal die Kontrollen der Banken beim Umtausch der Kryptowährung schlagend werden. Außerdem sind die Behörden mittlerweile in der Lage, Blockchain-Transaktionen effizient zu analysieren, um Adressen mit Geldern problematischer Herkunft zu identifizieren.

Die Blockchain schafft gewisse Möglichkeiten, sich aus bisherigen Systemen zu befreien bzw. sie zu erweitern – das könnte zu gefährlichen Gegenströmungen führen. In Venezuela zahlen viele Leute nur noch mit Bitcoin; den Mächtigen taugt so eine Entwicklung natürlich nicht. Konflikte zwischen jenen, die den Status quo einzementieren wollen, und den Nutzern neuer Anwendungen kann man somit ebenfalls als dunkle Seite der Blockchain bewerten. Spannungen könnte es beispielsweise auch zwischen einzelnen Staaten geben, wenn Blockchains beeinflusst werden – es droht eine neue Art von Währungskriegen.

Totale Dezentralisierung schafft Chaos

Robert Schwertner, 0bsnetwork.com.
Robert Schwertner, 0bsnetwork.com. (Bild: 0bsnetwork.com)

Prof. Dr. Alfred Taudes, WU Executive Academy.
Prof. Dr. Alfred Taudes, WU Executive Academy. (Bild: Nathan Murrel/WU)

Ein weiterer Schwachpunkt ist die übertriebene Hoffnung auf Dezentralisierung. Doch das funktioniert nicht in der realen Welt. Die totale dezentralisierte Nutzung des Blockchain-Netzwerks kann und wird nicht kommen, denn das würde unweigerlich ins Chaos führen. Außerdem sind schon jetzt vielfach Strömungen erkennbar, die eher zu einer Zentralisierung innerhalb der Blockchain-Entwicklung führen. Dazu passt, dass der Code zwar Open Source ist, aber nur wenige Entwickler die Richtung vorgeben – sie stimmen sich einfach untereinander ab.

Trotz einiger Schattenseiten wird am Einsatz der Blockchain trotzdem kein Weg mehr vorbeiführen. Und unabhängig vom Bitcoin wird diese Technologie bald eine große Bedeutung haben. Eine gewisse Euphorie in dieser Hinsicht ist somit auch gar nicht so schlecht, denn nun geht es um das Ausprobieren konkreter Anwendungen.

* Robert Schwertner ist Head of Business Development der europäischen Blockchain Plattform 0bsnetwork.com und in der Blockchain-Community auch als „CryptoRobby“ bekannt. Prof. Dr. Alfred Taudes ist wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU Executive Academy. Die Wiener Hochschule bündelt in diesem Ausbildungsinstitut den Bereich „Executive Education“ mit MBA- und Master-of-Laws-Programmen, das Upgrade-Studium Diplom BetriebswirtIn, Universitätslehrgänge, Custom Programs und Kurzprogramme für Führungskräfte.

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