IoT, KI, ALM & Co. Die 7 Kennzeichen einer Digital Factory

Ein Gastbeitrag von Manuela Kohlhas* 7 min Lesedauer

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Auf der Hannover Messe 2024 wurde beschlossen, den Begriff „Industrie 4.0“ weiterhin zu verwenden und nicht auf „Industrie 5.0“ umzusteigen. Der Begriff „Industrie 4.0“ wird oft mit einer Digital Factory gleichgesetzt. Doch was sind die wesentlichen Kriterien einer Digital Factory? Und welche Aspekte und Vorteile charakterisieren eine vollständig digitalisierte Produktionsumgebung?

Die Vorteile von Industrie 4.0 sind allgemein anerkannt; IT-Entscheider und C-Level-Führungskräfte müssen jetzt handeln, um die Digital Factory Realität werden zu lassen.(Bild:  Sergey Nivens - stock.adobe.com)
Die Vorteile von Industrie 4.0 sind allgemein anerkannt; IT-Entscheider und C-Level-Führungskräfte müssen jetzt handeln, um die Digital Factory Realität werden zu lassen.
(Bild: Sergey Nivens - stock.adobe.com)

Die Entscheidung, bei Industrie 4.0 zu bleiben, unterstreicht die Bedeutung und den Reifegrad dieses Konzepts in der modernen Fertigungstechnik. Doch was bedeutet es konkret, eine Produktion im Sinne von Industrie 4.0 zu betreiben? Im Kern geht es darum, digitale Technologien nahtlos in die Produktionsprozesse zu integrieren und so eine „Digital Factory“ zu schaffen. Diese ermöglicht es, alle Produktionsbereiche vernetzt, effizient und flexibel zu gestalten – und dabei spielt die Cloud eine zentrale Rolle.

Die zunehmende Bedeutung von Industrie 4.0 zeigt sich in beeindruckenden Zahlen. Laut einer Studie von Bitkom, die bereits Ende 2022 veröffentlicht wurde, nutzen 95 Prozent der deutschen Industrieunternehmen Industrie-4.0-Technologien oder planen deren Einsatz. Besonders relevant sind die Bereiche IoT, Cloud Computing und künstliche Intelligenz. Der Anteil der Unternehmen, die IoT-Technologien einsetzen, ist auf 57 Prozent gestiegen, während 42 Prozent auf Cloud-Lösungen setzen und 25 Prozent KI-Technologien implementiert haben. Die Investitionen in Industrie 4.0 machen durchschnittlich 7 Prozent des Umsatzes der Unternehmen aus, was die wachsende Bedeutung und den Einfluss dieser Technologien verdeutlicht. Diese Entwicklung zeigt, wie tief Industrie 4.0 bereits in der modernen Fertigungsindustrie verankert ist und welches Potenzial sie insbesondere für Hersteller bietet.

1. IoT für die Vernetzung der Produktion

Die Digitalisierung der Produktion beginnt mit der umfassenden Vernetzung von Maschinen und Sensoren – dem Internet of Things (IoT). Diese Technologie ermöglicht es, Produktionsprozesse in Echtzeit zu überwachen und zu steuern. Betriebsdaten werden kontinuierlich erfasst und analysiert, was die Effizienz und Produktivität erheblich steigert.

In einer Digital Factory vernetzen sich Produktionsanlagen, Lagerbestände und Transportsysteme nahtlos, wodurch Informationen schnell und transparent fließen. Dies bildet die Grundlage für die Optimierung von Abläufen und die Steigerung der Flexibilität. In Verbindung mit Cloud-Technologien kann das Industrial Internet of Things (IIoT) eine noch tiefere Integration von Automatisierung und Datenanalyse erreichen, was zu einer verbesserten (automatisierten) Entscheidungsfindung und Prozesssteuerung führt.

2. Big Data ermöglicht Datenanalysen

Die Erfassung und Analyse großer Datenmengen spielt eine zentrale Rolle in der Digital Factory. Durch den Einsatz von Big Data und Data Analytics, unterstützt durch die Cloud, können Unternehmen wertvolle Einblicke in ihre Produktionsprozesse gewinnen und fundierte Entscheidungen treffen. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist die vorausschauende Wartung, Predictive Maintenance. Durch die Analyse von Maschinendaten lassen sich Wartungsbedarfe frühzeitig erkennen und Ausfallzeiten minimieren. Data Analytics ermöglicht es, Produktionsprozesse zu überwachen, zu analysieren und kontinuierlich zu verbessern, wodurch Effizienz und Produktivität gesteigert werden.

In der Automobilindustrie etwa nutzen Hersteller Sensorsysteme an Robotern, um Betriebsdaten zu sammeln und Abweichungen frühzeitig zu erkennen. So können Wartungsarbeiten bedarfsgerecht durchgeführt werden, was die Effizienz und Verfügbarkeit der Produktionslinien erhöht.

3. KI und ML als Schlüsseltechnologien

Künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) sind entscheidende Komponenten einer Digital Factory. Mit dem Einsatz von KI können Prozesse automatisiert und optimiert werden. Dies umfasst sowohl die Qualitätskontrolle als auch die Planung und Steuerung der Produktion. Ein praktisches Beispiel aus der Industrie zeigt, wie KI-gestützte Systeme in der Lage sind, Fehler in Echtzeit zu erkennen und sofortige Korrekturmaßnahmen einzuleiten. Sie erkennen Muster in großen Datenmengen und treffen Vorhersagen, was die Prozesssteuerung und Entscheidungsfindung verbessert.

Maschinelles Lernen hilft dabei, Produktionsprozesse kontinuierlich zu optimieren und an sich ändernde Bedingungen anzupassen, wodurch die Flexibilität und Effizienz der gesamten Digital Factory gesteigert werden. Die Cloud bietet hier die Skalierbarkeit und Rechenleistung, die für umfangreiche KI- und Machine Learning-Projekte notwendig ist.

4. Flexibilität durch agile Infrastrukturen

Eine der größten Herausforderungen in der modernen Produktion ist die Fähigkeit, schnell auf Marktveränderungen und kundenspezifische Anforderungen zu reagieren. Eine Digital Factory zeichnet sich durch hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit aus. Dies erfordert eine agile Infrastruktur und Produktionsprozesse, die sich schnell umstellen lassen. Modulare und skalierbare Systeme, oft in Verbindung mit Cloud-Technologien, ermöglichen es Unternehmen, ihre Produktion rasch an neue Anforderungen anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Ein Beispiel von OEMs ist die Fähigkeit, Produktionslinien schnell umzurüsten, um verschiedene Fahrzeugmodelle auf derselben Linie zu fertigen. Diese Flexibilität ermöglicht es den Herstellern, auf wechselnde Nachfrage und individuelle Kundenwünsche einzugehen. Flexibilität ist der Schlüssel, um in einem dynamischen Marktumfeld erfolgreich zu sein.

5. Cybersecurity für sichere Produktionsumgebungen

Mit der zunehmenden Vernetzung von Produktionsanlagen steigt auch das Risiko von Cyberangriffen. Daher ist eine robuste IT-Sicherheitsstrategie unerlässlich. In einer Digital Factory müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Integrität und Vertraulichkeit von Daten zu gewährleisten. Dies umfasst den Schutz vor unbefugtem Zugriff, Datenverlust und Manipulation. Ein prominenter Fall hat gezeigt, wie schnell Systeme weltweit ausfallen können. Bei dem Vorfall wurden innerhalb weniger Stunden Produktionsanlagen lahmgelegt. Dabei handelte es sich lediglich um ein fehlerhaftes Update und keinen Cyberangriff im eigentlichen Sinn.

Eine umfassende Cybersecurity-Strategie beinhaltet die Schulung der Mitarbeitenden, die kontinuierliche Überwachung der Systeme und die Implementierung von Sicherheitsprotokollen, um Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und abzuwehren. Cloud-Lösungen spielen hierbei eine wichtige Rolle, da sie moderne Sicherheitsstandards bieten, die on-premises oft schwer zu implementieren sind.

6. Effizientes Application Lifecycle Management

Application Lifecycle Management (ALM) ist ein weiterer wichtiger Aspekt einer Digital Factory. ALM sorgt für die effiziente Entwicklung, Wartung und Koordination der Softwarekomponenten, die die Automatisierung und Betriebsprozesse steuern. Der Lebenszyklus der Fahrzeug-Software umfasst die durchgängige Unterstützung des In-Vehicle Software Change Managements – von der ersten Konzeption über die Entwicklungs- und Testphase bis hin zum laufenden Support und zur Aktualisierung infolge neuer Softwaregenerationen.

ALM stellt sicher, dass die Software stets aktuell ist und den Produktionsanforderungen entspricht, was zu hoher Verfügbarkeit und Sicherheit der Systeme führt. In der Automobilindustrie ermöglicht ALM die nahtlose Integration neuer Softwarefunktionen in Fahrzeuge. Dies ist entscheidend, um Innovationszyklen von Software und Hardware zu synchronisieren und die Effizienz in der Fahrzeugentwicklung zu steigern. Cloud-basierte ALM-Lösungen bieten dabei die Flexibilität und Skalierbarkeit, um diese Prozesse effizient zu managen.

Ein weiterer zentraler Ansatz zur Optimierung der Entwicklungsprozesse ist Product Line Engineering (PLE). PLE ermöglicht es, verschiedene Produktvarianten auf der Basis einer gemeinsamen Kernarchitektur zu entwickeln, was insbesondere in der Automobilindustrie von Bedeutung ist. Durch den Einsatz von PLE können Entwicklungszyklen verkürzt und die Wiederverwendung von Komponenten maximiert werden, was zu einer erheblichen Reduzierung der Kosten und Komplexität führt.

7. Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor

Der Klimawandel stellt eine der größten globalen Herausforderungen dar, weshalb Nachhaltigkeit in der Produktion eine immer wichtigere Rolle spielt. Eine Digital Factory kann dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, indem sie Ressourcen effizienter nutzt und Prozesse optimiert. Durch den Einsatz digitaler Technologien können Unternehmen ihren Energieverbrauch und Abfall reduzieren sowie nachhaltige Produktionsmethoden implementieren. Dies hilft nicht nur der Umwelt, sondern kann auch zu Kosteneinsparungen führen und das Unternehmensimage verbessern. Cloud-Technologien bieten hierbei Möglichkeiten, den Energieverbrauch zu senken und den Einsatz von Ressourcen effizienter zu gestalten.

Das Paradoxon von Industrie 4.0

Trotz der allgemein anerkannten Vorteile von Industrie 4.0 zögern viele Unternehmen, umfassend in diese Technologien zu investieren und sie vollständig zu implementieren. Diese Zurückhaltung könnte auf das Fehlen einer klaren Strategie, Bedenken hinsichtlich der Cybersecurity oder die Komplexität der Integration zurückzuführen sein. Oft fehlen auch die notwendigen Fachkenntnisse und Ressourcen, um die Transformation effektiv umzusetzen. Zudem gibt es laut einer Deloitte-Studie die Sorge, dass bestehende Systeme und Prozesse nicht ausreichend kompatibel mit den neuen Technologien sind, was zusätzliche Herausforderungen mit sich bringt.

IT-Entscheider und C-Level-Führungskräfte müssen daher jetzt handeln, um die Digital Factory Realität werden zu lassen. Es ist an der Zeit, mutige Entscheidungen zu treffen, um die digitale Transformation voranzutreiben und die enormen Potenziale von Industrie 4.0 voll auszuschöpfen. Dies erfordert eine klare Vision und engagierte Führung, um die notwendigen Veränderungen anzustoßen und durchzusetzen. Nur so können Hersteller und Produzenten in einer immer wettbewerbsintensiveren und digitalisierten Welt langfristig erfolgreich sein. Die Unternehmen, die proaktiv vorangehen, werden sich nicht nur einen Wettbewerbsvorteil sichern, sondern auch flexibler und widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Herausforderungen aufstellen.

Die Zeit für die Digital Factory ist jetzt!

Die Vorteile einer Digital Factory sind vielfältig und steigern die Effizienz, Flexibilität und Nachhaltigkeit von Unternehmen erheblich. Trotzdem zögern viele Firmen, in diese Technologien zu investieren und sie vollständig zu implementieren. Gründe dafür sind fehlende Strategien, Cybersecurity-Bedenken, die Komplexität der Integration und mangelnde Fachkenntnisse. Application Lifecycle Management (ALM) ist entscheidend, um die Softwareentwicklung und -wartung effizient zu gestalten und die Innovationszyklen von Software und Hardware zu synchronisieren.

IT-Entscheider und C-Level-Führungskräfte müssen mutige Schritte unternehmen, um die digitale Transformation voranzutreiben und die Potenziale von Industrie 4.0 voll auszuschöpfen. Unternehmen, die proaktiv handeln, sichern sich Wettbewerbsvorteile und werden widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Herausforderungen. In einer digitalisierten Welt ist die Umsetzung einer Digital Factory, unterstützt durch ein starkes ALM und die Cloud, der Schlüssel zu langfristigem Erfolg und Nachhaltigkeit.


* Die Autorin Manuela Kohlhas ist Strategic Go-to-Market bei PTC. Sie ist erfahrene Marketingexpertin mit Fokus auf B2B-Technologieunternehmen. Sie hat in verschiedenen Organisationen leitende Positionen innegehabt, in denen sie strategische Go-to-Market-Maßnahmen vorangetrieben hat. Manuela ist Dipl.-Betriebswirtin und hat im Master für Innovationsmanagement & Entrepreneurship an der TH Nürnberg sowie der Linköpings Universitet Schweden studiert.

Bildquelle: PTC

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