Das Cloud Sovereignty Framework der EU soll digitale Souveränität messbar und Cloud-Dienste vergleichbar machen. Doch wie lässt sich Souveränität so bewerten, dass sie technologische Entscheidungen nicht verengt, sondern Orientierung für die jeweils beste Lösung bietet?
Wer Cloud-Souveränität erreichen will, muss Risiken abwägen und technologische Optionen offenhalten.
Die Debatte um digitale Souveränität wird angesichts geopolitischer Spannungen, regulatorischer Anforderungen und wachsender Abhängigkeiten von globalen Technologieanbietern auf absehbare Zeit nicht an Relevanz verlieren. Mit dem Cloud Sovereignty Framework hat die Europäische Union erstmals einen strukturierten Ansatz vorgelegt, um die Souveränität von Cloud-Diensten messbar zu machen.
Die EU definiert darin konkrete Kriterien, anhand derer Cloud-Dienste über verschiedene Dimensionen hinweg bewertet werden können. Acht Souveränitätsziele decken strategische, rechtliche, technologische und operative Aspekte ab. Ergänzt werden sie durch ein abgestuftes Modell, den sogenannten Sovereignty Effectiveness Assurance Level, sowie einen gewichteten Gesamt-Score.
Dieser Ansatz ist ein wichtiger Fortschritt, weil er den bislang oft abstrakten Begriff digitaler Souveränität in überprüfbare Kriterien übersetzt und damit eine Grundlage für Vergleichbarkeit und Beschaffung schafft. Der Vorteil des Frameworks liegt darin, dass es keine pauschalen Vorgaben macht, sondern Souveränität über verschiedene Dimensionen und Niveaus hinweg bewertbar macht. Organisationen können so je nach Kontext, Prioritäten und Risikoprofil bestimmen, welches Maß an Souveränität für sie relevant ist.
Cloud-Souveränität hängt vom individuellen Risikoprofil ab
Dennoch muss klar sein, dass der Rahmen Souveränität bewertet, sie aber nicht selbst herstellt. Er beschreibt, wie unabhängig ein Dienst in bestimmten Dimensionen ist. Die strategischen und technologischen Entscheidungen, die sich daraus ergeben, bleiben jedoch Aufgabe der jeweiligen Organisationen und Anbieter.
Hinzu kommt, dass Souveränität kein universeller Zustand ist. Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Kontext und Branche erheblich, etwa zwischen öffentlicher Verwaltung, kritischer Infrastruktur oder privatwirtschaftlichen Anwendungen. Was als ausreichend souverän gilt, hängt daher immer vom jeweiligen Risikoprofil ab.
Drei zentrale Abhängigkeiten in modernen IT-Landschaften
Moderne IT-Landschaften sind längst keine monolithischen Systeme mehr. Cloud-Infrastrukturen, Plattformdienste, Sicherheitslösungen, APIs und externe Datenverarbeitung greifen ineinander und bilden ein hochgradig vernetztes Ökosystem.
Drei Faktoren erschweren die Bewertung und Umsetzung von Souveränität in der Praxis besonders:
1. Fragmentierte Architekturen über verschiedene Anbieter und Regionen hinweg.
2. Schwer nachvollziehbare Lieferketten.
3. Operative Abhängigkeiten in kritischen Bereichen wie Betrieb und Sicherheit.
Diese Verflechtungen sind jedoch nicht per se Schwächen. In vielen Fällen ermöglichen sie erst Leistungsfähigkeit, Skalierbarkeit und Innovation. Genau deshalb muss Souveränität Raum für technologische Wahlfreiheit lassen. Für einen Lösungsanbieter geht es nicht darum, jede externe Komponente grundsätzlich auszuschließen, sondern die für die jeweiligen Gegebenheiten wirksamste Lösung zu entwickeln und dabei strategische Autonomie, Datenvertraulichkeit und Souveränitätsanforderungen sicherzustellen.
Solche Komponenten müssen transparent gemacht und anhand klarer Souveränitätskriterien bewertet werden. Denn selbst wenn Daten in europäischen Rechenzentren verarbeitet werden, können einzelne Bestandteile eines Dienstes weiterhin rechtlichen, technischen oder operativen Einflüssen außerhalb Europas unterliegen.
Damit verschiebt sich der Blick. Souveränität ist nicht nur eine Frage des Standorts oder der formalen Zuständigkeit. Sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Souveränität zeigt sich im laufenden Betrieb
Besonders deutlich wird diese Herausforderung im laufenden Betrieb. Während strategische und rechtliche Aspekte häufig im Vordergrund stehen, zeigt sich in der Praxis, ob Souveränitätsanforderungen tatsächlich umsetzbar sind. Ein souveräner Cloud-Dienst muss nicht nur auf dem Papier Kriterien erfüllen, sondern auch im Alltag funktionieren, skalierbar bleiben und Sicherheits- sowie Compliance-Anforderungen zuverlässig erfüllen.
Stand: 08.12.2025
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Das EU-Framework wird dem gerecht, indem es operative und sicherheitsrelevante Dimensionen ausdrücklich berücksichtigt. Gerade hier wird deutlich, warum ein zu enges Verständnis von Souveränität problematisch wäre: Wenn Anforderungen verhindern, dass Anbieter auf die am besten geeigneten Technologien zurückgreifen können, kann dies die Qualität einer Lösung schwächen.
Souveränität darf daher nicht bedeuten, technologische Optionen vorschnell auszuschließen. Entscheidend ist, ob eine Lösung unter klaren Souveränitätsanforderungen die beste technologische Antwort auf den jeweiligen Bedarf bietet.
Eine kontinuierliche Risikoabwägung
Digitale Unabhängigkeit ist kein Irrweg, sondern ein strategischer Wandel, den Unternehmen und öffentliche Institutionen dringend berücksichtigen müssen. Sie sollte jedoch nicht mit technologischer Abschottung verwechselt werden. In einer vernetzten IT-Welt bedeutet Souveränität nicht, jede Abhängigkeit vollständig auszuschließen.
Entscheidend ist vielmehr, Abhängigkeiten transparent zu machen, sie auf Grundlage einer fundierten Risikoanalyse zu bewerten und sie durch bewusste technologische Entscheidungen, geeignete Governance sowie das Management von Lieferketten und technischen Verflechtungen aktiv zu steuern.
Ein allgemeingültiger Weg zu digitaler Souveränität existiert dabei nicht. Welche Anforderungen angemessen sind und welche Abhängigkeiten akzeptabel bleiben, hängt vom jeweiligen Risikoprofil, regulatorischen Vorgaben und den betrieblichen Anforderungen einer Organisation ab. Souveränität ist deshalb kein statischer Zustand, sondern das Ergebnis einer kontinuierlichen Risikoabwägung und bewusster technologischer Entscheidungen.
Für einen Lösungsanbieter ist diese Unterscheidung zentral. So wie eine Organisation ihren Anbieter nach Leistung, Vertrauen und Eignung auswählt, muss auch der Anbieter selbst die wirksamste Lösung entwickeln können. Souveränitätsanforderungen sollten diese Entscheidungen leiten, nicht blockieren. Werden sie zu starr ausgelegt, schwächen sie am Ende möglicherweise genau jene Leistungsfähigkeit, Resilienz und Sicherheit, die sie eigentlich schützen sollen.
Bildquelle: Vogel-IT Medien
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Für die Security zählt die Wirksamkeit einer Lösung
Gerade in der Cybersicherheit wird deutlich, wie wichtig diese Balance ist. Nicht allein die Herkunft einer Lösung zählt, sondern ob sie hilft, Bedrohungen früh zu erkennen, Angriffe gründlich zu analysieren und wirksame Gegenmaßnahmen schnell umzusetzen.
Digitale Souveränität ist deshalb keine Frage symbolischer Abgrenzung. Unternehmen brauchen Transparenz über kritische Abhängigkeiten, Alternativen dort, wo sie notwendig sind, und Kontrolle über jene Fähigkeiten, die für strategische Autonomie und Datenvertraulichkeit relevant sind. Dazu gehört ausdrücklich auch Offenheit: Wer Souveränität mit Isolation verwechselt, verliert nicht nur Flexibilität, sondern häufig auch Leistungsfähigkeit und Resilienz.
Souverän ist am Ende nicht, wer alles selbst besitzt, sondern wer informierte technologische Entscheidungen treffen kann und Kontrolle über die wirklich relevanten Anforderungen behält.
Kontrolle und Wahlfreiheit sind die entscheidenden Maßstäbe
Das Cloud Sovereignty Framework ist ein wichtiger Schritt, weil es der Debatte um digitale Souveränität eine belastbare Struktur gibt. Aus einem politischen Begriff wird ein Modell, das Vergleichbarkeit ermöglicht und Orientierung bietet. Doch Messbarkeit allein schafft noch keine Souveränität.
Wer digitale Souveränität ernst nimmt, darf sie daher nicht auf Standortfragen, Zertifizierungen oder formale Zuständigkeiten reduzieren. Kritische Abhängigkeiten müssen sichtbar, aktiv bewertet und mit den Anforderungen an strategische Autonomie, Datenvertraulichkeit und Sicherheit vereinbar sein. Zugleich darf Souveränität nicht zu einem Korsett werden, das technologische Wahlfreiheit einschränkt.
* Der Autor Pierre-Louis Mauratille ist Operations Director bei HarfangLab und verantwortet die Bereiche Pre-Sales, Professional Services, Customer Success, Support und Training. Zuvor war er bei dem internationalen Technologie- und Rüstungskonzern Thales tätig und arbeitete dort an strategischen Forschungs- und Innovationsprojekten. Sein Schwerpunkt liegt auf europäischer Cybersicherheit, digitaler Souveränität und resilienten Sicherheitsarchitekturen.