Digitalisierung könnte jede fünfte Tonne CO2 einsparen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz stehen nicht im Widerspruch

Redakteur: Elke Witmer-Goßner

Dass es gehen könnte, zeigte bereits der erste Corona-Lockdown vergangenes Jahr: Allein Deutschland emittierte bis Ende April 2020 16 Prozent weniger Kohlenstoffdioxid im Vergleich zum Vorkrisenniveau.

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Eine beschleunigte Digitalisierung zahlt nicht nur auf den Umwelt- und Klimaschutz ein, sie verbessert auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.
Eine beschleunigte Digitalisierung zahlt nicht nur auf den Umwelt- und Klimaschutz ein, sie verbessert auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.
(Bild: gemeinfrei© David Kacs / Pixabay )

Die von Statista ausgewerteten Zahlen, die im Mai 2020 veröffentlicht wurden, bezogen sich auf Verkehrsaufkommen, Energieverbrauch und Industrieproduktion, die etwa 95 Prozent aller Emissionen ausmachen. Erkenntnisse wie extreme Verhaltensänderungen der Menschen auf CO2-Emissionen wirken.

Doch – und auch darauf weist Statista hin – ist nicht anzunehmen, dass die vorübergehende Senkung der Treibhausgasemissionen von Dauer sein werde. Nach der Corona-Krise sei sicher wieder ein deutlicher Anstieg der Emissionen zu erwarten. Das ist auch der Grund, warum sich die vom IT-Branchenverband Bitkom vorgelegte Studie „Klimaeffekte der Digitalisierung“ auf Vergleichszahlen aus dem Jahr 2019 bezieht.

Der erste Teil der in Zusammenarbeit mit Accenture ausgearbeiteten Studie mit den vier Bereichen industrielle Fertigung, Mobilität, Gebäude und Arbeit & Business wurde bereits im November 2020 anlässlich des Digitalgipfels der Bundesregierung vorgestellt. Nun wurde auch der zweite Teil mit den Ergebnissen zu Energie, Landwirtschaft und Gesundheit veröffentlicht.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens hätten zweifellos positive Effekte auf die CO2-Emissionen gehabt, erklärte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Allerdings habe insbesondere die Wirtschaft dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Somit seien Einschränkungen nicht das Modell der Zukunft, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu verringern. Wichtig sei, Wege zu finden, wie sich wirtschaftliches Wachstum und bleibender Wohlstand mit der Erreichung der Klimaziele vereinbaren, ja versöhnen ließe.

Das Ziel ist gesteckt

Insgesamt muss Deutschland in den kommenden zehn Jahren 262 Megatonnen CO2 einsparen. Lag Deutschlands CO2-Ausstoß 2019 noch bei 805 Megatonnen, so darf er 2030 lediglich 543 Megatonnen betragen. Für jeden einzelnen Bundesbürger bedeutet das, dass sein Pro-Kopf-Verbrauch an Kohlendioxid von 9,7 Tonnen pro Jahr 2019 auf 6,5 Tonnen im Jahr 2030 sinken muss. Dafür, so Rohleder, brauche man eine konsequent klimaorientierte Digitalstrategie. Die Studie habe aufgezeigt: „Mithilfe digitaler Technologien können wir enorme Mengen CO2 einsparen und gleichzeitig unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit und unsere Krisenresilienz steigern.“

Digitale Technologien könnten aber die Hälfte dazu beitragen, dass Deutschland bis zum Jahr 2030 seine Klimaziele erreicht. Durch den gezielten und beschleunigten Einsatz digitaler Lösungen lassen sich – so die Ergebnisse der Bitkom-Studie – in den kommenden zehn Jahren um bis zu 151 Megatonnen CO2 einsparen. Das entspricht rund einem Fünftel der heutigen Emissionen an Kohlendioxid.

Vom Saulus zum Paulus

Natürlich geht auch von den digitalen Technologien selbst ein CO2-Ausstoß einher. So verursachen insbesondere Herstellung und Betrieb von Endgeräten wie Bildschirmen, Computern oder Tablets, aber auch der Betrieb der Netzinfrastruktur und der Rechenzentren mittelbar Emissionen des schädlichen Treibhausgases. Würde die Digitalisierung in einem moderaten Tempo fortschreiten, läge der Ausstoß an Kohlendioxid hierdurch im Jahr 2030 bei rund 16 Megatonnen jährlich. Bei einer beschleunigten Digitalisierung wären es sogar 22 Megatonnen.

Berücksichtigt man aber den durch digitale Geräte oder Infrastrukturen erzeugten CO2-Ausstoß, beträgt die durch konsequente Digitalisierung erreichbare Einsparung 129 Megatonnen netto. Insgesamt, so das Fazit der Studie, ist das Einsparpotenzial der hier betrachteten digitalen Technologien mehr als sechs Mal höher als ihr eigener Ausstoß.

Der Grad der Digitalisierung entscheidet

Letztendlich hängt das Einsparungspotenzial davon ab, wie konsequent die Digitalisierung bis 2030 vorangetrieben werde. So beziffert die Studie das CO2-Einsparpotenzial bei einer eher moderaten Entwicklung der Digitalisierung, wie sie aktuell in Deutschland stattfindet, auf rund 102 Megatonnen bis zum Jahr 2030. Das entspricht 39 Prozent der notwendigen Reduzierung. Unter Berücksichtigung jenes CO2-Ausstoßes, der durch Produktion und Betrieb digitaler Technologien verursacht wird, liegt der Netto-Effekt in diesem Szenario bei 86 Megatonnen, was 33 Prozent der notwendigen Einsparungen entspricht.

Mit einer beschleunigten und gezielten Digitalisierung ist die CO2-Reduktion mit den genannten 151 Megatonnen deutlich größer und beträgt 58 Prozent der notwendigen Einsparungen (netto: 129 MT CO2 bzw. 49 Prozent der Einsparungen).

Klimaeffekte bei Energie, Landwirtschaft und Gesundheit

Die Bitkom-Studie betrachtet insgesamt sieben Bereiche. Im Folgenden werden nur die Ergebnisse der neu veröffentlichten Bereiche Energie, Landwirtschaft und Gesundheit zusammengefasst (die Ergebnisse für die Bereiche Fertigung, Mobilität, Gebäude sowie Arbeit & Business haben wir bereits veröffentlicht).

Die Bitkom-Studie untersucht die sieben Anwendungsbereiche digitaler Technologien, in denen eine besonders hohe Reduzierung des Kohledioxidausstoßes erzielt werden kann.
Die Bitkom-Studie untersucht die sieben Anwendungsbereiche digitaler Technologien, in denen eine besonders hohe Reduzierung des Kohledioxidausstoßes erzielt werden kann.
(Bild: Bitkom)

Energie: Im Energiesektor könnten bis zu 23 Megatonnen Kohlendioxid bei einer beschleunigten Digitalisierung und 19 Megatonnen bei einer moderaten Digitalisierung bis 2030 eingespart werden. Maßgebliche Technologie sind hier zum einen Smart Grids, also intelligente Stromnetze, in denen Stromerzeugung und -verbrauch präzise gesteuert werden können. Bisher würden laut Bitkom nur 7 Prozent der Anlagen intelligent gesteuert. Zum anderen könnte die Produktion erneuerbarer Energien durch moderne Technologien effizienter werden.

Landwirtschaft: Extrem energieintensiv ist die Herstellung von Schädlingsbekämpfungsmitteln, ebenso die Düngemittelproduktion. Hohe Emissionen zieht auch die Bodenbewirtschaftung nach sich. Bis zu 16 Prozent der hierbei verursachten CO2-Emissionen könnten durch den Einsatz intelligenter Bodenmanagementsysteme im Jahr 2030 eingespart werden. Ein großer Effekt kann auch in der Nutztierhaltung erreicht werden. Beispielsweise bis zu 9 Prozent der CO2-Emissionen durch den Einsatz von Präzisionsfütterung und Tierüberwachungssystemen. Insgesamt ließen sich durch den Einsatz digitaler Technologien in der Landwirtschaft bis zu 7 Megatonnen CO2 bei einer beschleunigten und bis zu 4 Megatonnen bei einer moderaten Digitalisierung einsparen.

Gesundheit: In der Corona-Pandemie hat die Nutzung von Video-Sprechstunden deutlich zugenommen. Das reduziert nicht nur die Gefahr einer Ansteckung im Wartezimmer, es entfallen auch Fahrtwege zum Arzt oder Therapeuten. Zugleich wurden erst kürzlich so genannte digitale Gesundheitsanwendungen als Medizinprodukt zugelassen, also Apps auf Rezept. Viele von ihnen können Besuche in medizinischen Einrichtungen ersetzen. Durch solche und anderen Anwendungen aus dem Bereich E-Health können bis zu 0,4 Megatonnen Kohlenstoffdioxid im Szenario einer beschleunigten Digitalisierung und bis zu 0,3 Megatonnen CO2 bei einer moderaten Digitalisierung bis 2030 eingespart werden. Allein die Einführung der elektronischen Patientenakte spart 6.000 Tonnen CO2 jährlich ein.

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Win-win für Wirtschaft und Klimaschutz

Eine beschleunigte Digitalisierung kann netto nahezu die Hälfte der bis 2030 nötigen Kohlendioxid-Einsparungen erzielen.
Eine beschleunigte Digitalisierung kann netto nahezu die Hälfte der bis 2030 nötigen Kohlendioxid-Einsparungen erzielen.
(Bild: Bitkom)

„Eine konsequente Digitalisierung ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Klimapolitik“, bilanziert Rohleder. Kleine und mittlere Unternehmen müssten durch eine Neuauflage des Programms „digital jetzt“ bei Investitionen in digitale Technologien unterstützt werden. Das zahle nicht nur auf die Nachhaltigkeit ein, sondern mache die Unternehmen auch zukunfts- und wettbewerbsfähig, betont Rohleder. Aber auch das Aufsetzen von Förderprogrammen für Verbraucher, um beispielsweise ihr Zuhause mit intelligenter Energiesteuerung auszustatten, sei notwendig.

Doch auch die Entscheidungsträger in Unternehmen seien gefragt. So sollten alle Unternehmen auch nach der Corona-Pandemie Dienstreisen durch Webkonferenzen weitgehend ersetzen und ihren Mitarbeitern möglichst umfassend Homeoffice ermöglichen. Rohleder ist überzeugt: „Digitaler Klimaschutz ist eine riesige Chance für die deutsche Wirtschaft.“

Hinweis zur Methodik
Grundlage der Angaben ist eine Studie, die im Auftrag des Digitalverbands Bitkom von Accenture durchgeführt wurde. Die Methode orientiert sich an der weltweiten GeSI Studie „SMARTer2030“, die Accenture 2015 im Vorfeld der 21. UN Klimakonferenz in Paris erhoben hat.

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