Pragmatischer Weg zur digitalen Souveränität Wie viel digitale Souveränität ist wirklich drin?

Von Agnes Panjas 6 min Lesedauer

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Digitale Souveränität ist für Unternehmen oft ein Thema auf Vorstandsebene. Gleichzeitig halten 59 Prozent der Befragten laut einem Capgemini-Report eine vollständige Unabhängigkeit für kein realistisches Ziel. Doch welchen Ansatz verfolgen Unternehmen dann?

Komplette digitale Souveränität gilt für 59 Prozenten der Befragten als realistisch kaum erreichbar. Doch für viele gibt es auch einen pragmatischeren Ansatz der Umsetzung.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Komplette digitale Souveränität gilt für 59 Prozenten der Befragten als realistisch kaum erreichbar. Doch für viele gibt es auch einen pragmatischeren Ansatz der Umsetzung.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Zwar ist digitale Souveränität mittlerweile in den meisten Organisationen ein Thema auf Vorstandsebene, doch 59 Prozent der Befragten halten sie in ihrer Gänze für kein realistisches Ziel. Zu diesem Ergebnis kommt der Report „Digital Sovereignty: From Policy Ambition to Executive Imperative“ des Capgemini Research Institute, der auf einer Befragung von 1.300 Entscheidern aus Wirtschaft und Technologie weltweit basiert.

Anstatt dessen offenbarte die Studie ein Bild des pragmatischen Umdenkens: Statt kompletter technologischer Autarkie stehen dabei vor allem der Schutz kritischer Geschäftsprozesse, die Kontrolle über zentrale digitale Fähigkeiten sowie die Vermeidung von Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern im Mittelpunkt.

„Unternehmen agieren heute in hochgradig vernetzten Technologieökosystemen. Digitale Souveränität bedeutet daher nicht vollständige Autonomie. Vielmehr geht es darum, ein klares Verständnis der eigenen Technologieabhängigkeiten zu entwickeln, um die notwendige Kontrolle und Flexibilität zur Steuerung von Risiken zurückzugewinnen“, sagt Urs Krämer, Chief Sales Officer bei Capgemini in Deutschland.

Zur Methodik der Studie

Für die Capgemini-Studie wurden im April 2026 1.300 Führungskräfte aus Wirtschaft und Technologie verschiedener Branchen befragt. Die befragten Organisationen verfügen über einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar, staatliche Einrichtungen über ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Die Untersuchung umfasste Organisationen in den USA, Großbritannien, Kontinentaleuropa (Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Spanien und Schweden) sowie im asiatisch-pazifischen Raum (Australien, China, Indien und Japan). Darüber hinaus führte das Forschungsteam Interviews mit 13 Führungskräften führender globaler Organisationen durch.

Digital Sovereignty Index deckt hohe Abhängigkeiten auf

Laut der Studie haben Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren die Migration in die Cloud, die Einführung von künstlicher Intelligenz (KI) sowie ihre digitale Transformation massiv vorangetrieben – häufig schneller, als sich Governance- und Resilienzmodelle weiterentwickeln konnten. Gleichzeitig sind sie zunehmend von einer kleinen Zahl globaler Technologieanbieter abhängig geworden; geopolitische Spannungen und Störungen von Lieferketten haben in den vergangenen Jahren die Risiken dieser Konzentration deutlich gemacht.

Wie stark diese Risiken ausgeprägt sind, zeigt der ergänzend zur Befragung entwickelte Digital Sovereignty Index von Capgemini. Er basiert auf der Analyse von 866 Organisationen in den USA, Europa und im asiatisch-pazifischen Raum (APAC) entlang von fünf Souveränitätsdimensionen. Die Ergebnisse zeigen: 86 Prozent sind erheblichen Abhängigkeiten von ausländischen oder extern kontrollierten Lieferketten ausgesetzt.

Europa: Hohe Anfälligkeit und kaum Notfallpläne

Die hohe Abhängigkeit wird durch eine starke Konzentration auf wenige Anbieter, begrenzte Transparenz entlang der Lieferkette und lange Wechselzeiten zusätzlich verstärkt. Dadurch steigt ihre Anfälligkeit gegenüber Störungen. Dennoch ist die Notfallplanung je nach Region unterschiedlich ausgeprägt. Nur 42 Prozent der Organisationen, die in jüngster Zeit operative Störungen erlebt haben, verfügen über entsprechende Vorkehrungen. Am besten vorbereitet sind laut der Studie die USA, wo nahezu zwei Drittel der Organisationen über Notfallpläne verfügen. In Europa und APAC liegt dieser Anteil jeweils nur etwas über einem Drittel.

Digitale Souveränität wird zur Chefsache

Dass digitale Souveränität inzwischen ein zentrales Thema für das Topmanagement ist, wurde im Rahmen der Studie auch deutlich: So zählt für 44 Prozent der Organisationen digitale Souveränität zu den wichtigsten Themen auf Vorstandsebene. Dies schlägt sich zunehmend in konkreten Maßnahmen nieder. Fast vier von fünf Organisationen setzen bereits eine entsprechende Strategie um oder entwickeln derzeit eine. Weitere rund 20 Prozent planen, innerhalb der kommenden zwölf Monate eine solche Strategie einzuführen. Diese Investitionen spiegeln wohl auch die wachsende Sorge wider, die kritischen Geschäftsprozesse in einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld aufrechterhalten zu können. Mehr als drei Viertel der Organisationen geben an diesbezüglich in hohem Maße besorgt zu sein.

Auf Führungsebene wird das Thema deswegen zunehmend zur Chefsache: Etwas mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen (53 %) erwägen die Einführung eines Chief Sovereignty Officers (weltweit: 40 %), und 45 Prozent haben digitale Souveränität bereits als festen Tagesordnungspunkt mit eigener Board-Governance verankert (weltweit: 36 %). Auch künstliche Intelligenz spielt eine zentrale Rolle: 82 Prozent stufen sie als zentrale Priorität im Kontext Digitaler Souveränität ein, was deutlich über dem globalen Durchschnitt von 75 Prozent liegt.

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KI im Fokus der Strategien

Operative Resilienz gegenüber geopolitischen Unsicherheiten und Störungen ist der wichtigste Treiber von Initiativen zur digitalen Souveränität und wird von vier von fünf Befragten genannt. KI hat sich dabei zum wichtigsten Schwerpunkt entwickelt. Drei Viertel der Organisationen identifizieren KI als zentrales Handlungsfeld auf ihrem Weg zu mehr digitaler Souveränität.

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Digitale Souveränität wird weltweit unterschiedlich umgesetzt

Obwohl digitale Souveränität weltweit zu einer geschäftlichen Priorität geworden ist, verfolgen Organisationen in den verschiedenen Regionen unterschiedliche Strategien:

  • In APAC, Kontinentaleuropa und Großbritannien wird digitale Souveränität vor allem mit Risikominimierung und dem Aufbau von Resilienz verbunden.
  • In den USA betrachten hingegen mehr als die Hälfte der Organisationen (52 %) digitale Souveränität in erster Linie aus einer Compliance-Perspektive, 40 Prozent verstehen sie vor allem als Instrument zur Stärkung der Resilienz.
  • Darüber hinaus äußern Organisationen im asiatisch-pazifischen Raum und in Kontinentaleuropa deutlich größere Sorgen hinsichtlich der Aufrechterhaltung kritischer Geschäftsprozesse in Zeiten geopolitischer Unsicherheit als Unternehmen in den USA und Großbritannien.

Trotz dieser regionalen Unterschiede besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass digitale Souveränität nicht mit vollständiger technologischer Unabhängigkeit gleichzusetzen ist. Weltweit definieren zwei Drittel der Organisationen digitale Souveränität als resiliente Interdependenz. In Europa ist dieser Anteil mit 75 Prozent deutlich höher als in den USA mit 50 Prozent.

Auch hinsichtlich der Umsetzung unterscheiden sich die Ansätze. Weltweit erwarten mehr als zwei Drittel der befragten Organisationen, digitale Souveränität durch eine Kombination aus interner Entwicklung und externer Zusammenarbeit zu erreichen. Organisationen in den USA setzen dabei stärker auf Ökosysteme und Branchenpartnerschaften zur gemeinsamen Entwicklung von Fähigkeiten als Organisationen in APAC und Europa.

Deutschland: Digitale Souveränität als Risikomanagement

Ein Blick auf die Deutschland-Zahlen zeigt die besondere Bedeutung von Resilienz und Risikomanagement. So verbinden 57 Prozent der deutschen Unternehmen damit vor allem die Fähigkeit, kritische Geschäftsprozesse auch unter geopolitischem Druck aufrechtzuerhalten. 81 Prozent sehen geopolitische Entwicklungen als Risiko für kritische Geschäftsabläufe. Laut Digital Sovereignty Index weisen 94 Prozent der untersuchten Organisationen in Deutschland erhebliche digitale Abhängigkeiten auf – der höchste Wert aller im Rahmen der Studie betrachteten Länder. Trotz dieser hohen Exponierung überprüfen nur 60 Prozent der betroffenen deutschen Unternehmen ihre digitalen Abhängigkeitsrisiken regelmäßig (globaler Durchschnitt: 66 %), und nur 10 Prozent haben ihre Abhängigkeiten vollständig erfasst (global: 14 %).

Wenig Transparenz, Abhängigkeit und steigende Kosten

Nur 14 Prozent der Organisationen verfügen über eine vollständige End-to-End-Transparenz ihrer Abhängigkeiten innerhalb des erweiterten Technologieökosystems. Dadurch falle es vielen Unternehmen schwer, Risiken im Zusammenhang mit geopolitischen Entwicklungen oder kritischen Lieferanten frühzeitig zu erkennen und zu bewerten.

Eine weitere Hürde besteht darin, die Abhängigkeit von kritischen Technologieanbietern zu verringern. Laut eigenen Angaben würde ein Wechsel von einem kritischen Anbieter bei mehr als einem Drittel (36 %) der Organisationen mehr als zwölf Monate dauern. Jede zehnte Organisation gibt an, über keine realistische Alternative zu verfügen.

Zudem ist nur knapp die Hälfte der befragten Organisationen bereit, für mehr digitale Unabhängigkeit einen Aufpreis zu zahlen. Diejenigen, die dazu bereit sind, würden im Durchschnitt Mehrkosten von 23 Prozent akzeptieren. Dies verdeutlicht die Herausforderung, die steigenden Anforderungen an digitale Souveränität mit Kosten- und Wettbewerbsdruck in Einklang zu bringen.

Digitale Souveränität und der pragmatische Fahrplan

Krämer, Chief Sales Officer bei Capgemini in Deutschland, betont deshalb, dass Unternehmen auf dieser Grundlage derzeit „einen pragmatischen Fahrplan entwickeln“ sollten, „der ihre strategischen Ziele unterstützt und gleichzeitig Anforderungen an Datenlokalisierung, Zugriffssteuerung, Betriebsprozesse sowie regulatorische und technologische Rahmenbedingungen berücksichtigt.“ Seiner Meinung nach bestehe „die eigentliche Herausforderung darin, Resilienz aufzubauen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit einzuschränken.“ Dafür benötigt man „vertrauensvolle Partnerschaften, damit Unternehmen Innovationen vorantreiben und langfristiges Wachstum sichern können.”

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