2030 wird zur wichtigen Wegmarke für Post-Quantum-Kryptografie. Unternehmen müssen deshalb heute klären, wo Kryptografie eingesetzt wird, welche Daten langfristigen Schutz brauchen und wie aufwändig eine Migration wäre.
Post-Quantum-Security ist in Cloud- und Hybrid-Cloud-Umgebungen kein reines Kryptografieprojekt, sondern eine Aufgabe für Cloud-Governance, Providersteuerung und IT-Modernisierung.
Der Q-Day ist noch nicht da. Für die IT-Sicherheit von Unternehmen kann das Problem trotzdem schon heute beginnen. Wer erst mit der Vorbereitung startet, wenn leistungsfähige Quantencomputer absehbar sind, könnte feststellen, dass sich die eigene IT nicht schnell genug umstellen lässt.
Denn Kryptografie steckt tief in Anwendungen, Infrastrukturen, Identitäten und Schnittstellen. Einen konkreten zeitlichen Rahmen gibt bereits die europäische Roadmap für Post-Quantum-Kryptografie. Die EU-Mitgliedstaaten sollen bis Ende 2026 mit dem Übergang beginnen. Kritische Infrastrukturen sollen möglichst früh, spätestens bis Ende 2030, auf quantenresistente kryptografische Verfahren umgestellt sein. Auch wenn diese Vorgaben für Unternehmen aktuell noch keine unmittelbare Frist setzen, wird die Richtung dadurch sehr deutlich: Die Migration zu quantenresistenter Kryptografie rückt auf die Security-Agenda und erfordert aufgrund der zahlreichen technischen Abhängigkeiten mehrere Jahre Vorlauf.
Die im September 2026 veröffentlichte Auswertung der EU-Konsultation zur Post-Quantum-Roadmap bestätigt diese Richtung. Besonders hervorgehoben wurden der risikobasierte Ansatz, konkrete Umsetzungsschritte und Krypto-Agilität. Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wann leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sein werden. Entscheidend ist auch, wie lange die eigenen Daten geschützt bleiben müssen und wie schnell sich die dafür eingesetzten Systeme verändern lassen.
Die Migration beginnt in der bestehenden IT
Die Migration zu Post-Quantum-Kryptografie ist längst zu einem strategischen IT-Thema geworden. Kryptografie ist über zahlreiche Systeme und Anwendungen verteilt. Bevor Verfahren ersetzt werden können, muss deshalb bekannt sein, wo sie eingesetzt werden und welche Systeme davon abhängen.
Der notwendige Vorlauf ergibt sich nicht allein aus regulatorischen Vorgaben, sondern auch aus Struktur und Lebenszyklus der eigenen IT.
Nicht jedes Post-Quantum-Risiko beginnt erst mit dem Tag, an dem ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer verfügbar ist. Ein kryptografisch relevanter Quantencomputer würde insbesondere verbreitete asymmetrische Verfahren wie RSA und Verfahren auf Basis elliptischer Kurven gefährden. Sie werden unter anderem beim Austausch von Schlüsseln, bei digitalen Signaturen und zur Absicherung von Identitäten eingesetzt.
Mit heutigen Quantencomputern lassen sich diese Verfahren in praxisrelevanten Größen nicht brechen. Für Informationen mit langer Schutzdauer besteht dennoch bereits heute ein Risiko. Beim sogenannten „Harvest now, decrypt later“ speichern Angreifer verschlüsselte Daten oder Kommunikationsströme, um sie später zu entschlüsseln, sobald die eingesetzten Verfahren angreifbar werden.
Damit gewinnt die Lebensdauer von Daten an Bedeutung. Unternehmen sollten drei Faktoren gemeinsam betrachten: die notwendige Schutzdauer der Informationen, die verbleibende Betriebsdauer der Systeme und die Zeit, die eine Migration benötigt. Je länger diese Zeiträume sind, desto früher entsteht Handlungsbedarf.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der bestehenden Infrastruktur
Für Unternehmen liegt die größere Herausforderung in der eigenen IT-Landschaft. Kryptografische Abhängigkeiten sind über Jahre gewachsen, nicht immer vollständig dokumentiert und finden sich etwa in Zertifikaten, Identitätsdiensten, Netzwerkkomponenten und Schnittstellen. Hinzu kommen externe Dienste und Verbindungen zu Geschäftspartnern.
Die Aufgabe lässt sich deshalb nicht vollständig an Hersteller oder Provider delegieren. Deren Umstellung erfasst kundenspezifische Anwendungen, lokale Systeme oder externe Schnittstellen nicht automatisch. Aus Unternehmenssicht ist deshalb nicht die Wahl künftiger kryptografischer Verfahren die entscheidende Frage. Entscheidend ist, wie migrationsfähig die bestehende IT ist.
Fünf Handlungsfelder für die Vorbereitung
Eine vollständige Migration ist heute nicht in jeder Umgebung erforderlich. Unternehmen sollten jedoch die Voraussetzungen für einen späteren kontrollierten Wechsel schaffen.
Stand: 08.12.2025
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1. Kryptografische Abhängigkeiten sichtbar machen In komplexen IT-Landschaften ist ein schrittweises Vorgehen sinnvoll. Ausgangspunkt ist ein Krypto-Inventar, das sichtbar macht, wo kryptografische Verfahren eingesetzt werden und welche Anwendungen, Schnittstellen und Geschäftsprozesse davon abhängen. Priorität sollten geschäftskritische Bereiche, sensible Daten und Systeme mit langer verbleibender Betriebsdauer erhalten. So lassen sich Migrationsaufwand, Risiken und Prioritäten realistisch bewerten.
2. Schutzdauer und Systemlebenszyklus gemeinsam bewerten Nicht jede Abhängigkeit besitzt dieselbe Dringlichkeit. Entscheidend sind die notwendige Schutzdauer der Informationen und die verbleibende Betriebsdauer des Systems. Treffen langfristig schützenswerte Daten auf Systeme mit langer Lebensdauer, steigt die Priorität. Umgekehrt kann es wirtschaftlich sinnvoller sein, ein System im Rahmen eines geplanten Technologiewechsels zu ersetzen, statt es aufwendig anzupassen. Post-Quantum-Kryptografie wird damit auch zu einer Frage der Investitions- und Lebenszyklusplanung.
3. Hersteller und Provider frühzeitig einbeziehen Unternehmen sollten die Roadmaps ihrer Hersteller und Provider frühzeitig in die eigene Planung einbeziehen. Denn bei Standardsoftware, Netzwerkkomponenten und Cloud-Services können sie den Zeitpunkt der technischen Umstellung nur begrenzt selbst bestimmen.
4. Krypto-Agilität zum Architekturprinzip machen Der Übergang zu Post-Quantum-Verfahren sollte nicht als einmalige technische Umstellung verstanden werden. Kryptografische Standards werden sich auch künftig verändern. Unternehmen profitieren deshalb von Architekturen, in denen sich Algorithmen, Schlüssel und Zertifikate möglichst ohne grundlegende Umbauten austauschen lassen. Diese Krypto-Agilität reduziert Abhängigkeiten von einzelnen Verfahren und schafft Handlungsspielraum für künftige Veränderungen kryptografischer Standards.
5. Post-Quantum-Kryptografie in bestehende Modernisierung integrieren Post-Quantum-Kryptografie muss nicht zwangsläufig als separates Großprojekt beginnen. Vieles lässt sich dort vorbereiten, wo IT ohnehin verändert wird. Wenn Anwendungen modernisiert, Infrastrukturen erneuert oder neue Services eingeführt werden, sollte die spätere Austauschbarkeit kryptografischer Verfahren bereits berücksichtigt werden. Auch bei Architekturentscheidungen und Beschaffungen können entsprechende Anforderungen einfließen. So lässt sich die Vorbereitung in reguläre Erneuerungszyklen integrieren und der spätere Migrationsaufwand reduzieren.
Unternehmen müssen heute weder sämtliche kryptografischen Verfahren austauschen noch den Q-Day prognostizieren. Sie sollten aber wissen, welche Folgen eine notwendige Umstellung für ihre IT hätte.
2030 ist deshalb eine wichtige Wegmarke, aber nicht der Ausgangspunkt der Planung. Entscheidend sind die Jahre davor. Das eigentliche Risiko beginnt bereits, wenn Unternehmen ihre kryptografischen Abhängigkeiten nicht kennen und deshalb nicht einschätzen können, wie schnell sie ihre IT umstellen könnten.
* Der Autor Andreas Baresel ist CEO von Datagroup.