Interview mit Torsten Thau von der KIX Service Software GmbH Storage-Management mit Open-Source-Prinzip

Das Gespräch führte Matthias Breusch 6 min Lesedauer

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„Viele Augen sehen mehr“ ist ein Grundprinzip von Open-Source-Lösungen. Gleichzeitig werden zu eng gestrickte Abhängigkeiten mit All-in-one-Anbietern vermieden – vermehrt auch im Storage-Bereich. Matthias Breusch sprach für Storage-Insider mit Torsten Thau von den deutschen Entwicklern der 2015 eingeführten KIX Service Software über den Ansatz der Chemnitzer zu ganzheitlichen und maßgeschneiderten Anwendungen, digitale Souveränität und eine kritische Haltung gegenüber der Nutzung von KI.

Torsten Thau, Mitbegründer der KIX Service Software und KIX Product Owner.(Bild:  One Moment)
Torsten Thau, Mitbegründer der KIX Service Software und KIX Product Owner.
(Bild: One Moment)

Die unablässig notwendige Verschlankung komplexer IT-Prozesse wird von vielen Entwicklern angeführt, um Budgets für Energie, Material und Personal zu zähmen. Ist ein Open-Source-Ansatz wie der von KIX ein grundsätzliches Gegenmodell zu geschlossenen All-in-one-Lösungen globaler Anbieter?

Torsten Thau, KIX Service Software: Für viele Unternehmen kann das zumindest die passende Alternative sein. Bei All-in-one-Lösungen ist häufig auch viel Ballast an Bord, den die meisten Anwender nicht nutzen. Je nach Verkaufsmodell werden verschiedene Funktionen etwa als Bundle oder Set angeboten, von denen aber vielleicht nur eine wirklich zum Einsatz kommt. Lösungen mit offenem Quellcode wie KIX dagegen sind abteilungsübergreifend erweiterbar und lassen sich an die unterschiedlichen Anforderungen anpassen. Einzelne Features können einfach hinzugebucht oder abbestellt werden, ohne an die Vorgaben einer proprietären Lösung gebunden zu sein.

Ihre These lautet: Wenn das Geschäftsmodell auf einzigartigen Diensten aufbaut, sollten auch die verwendeten Lösungen maßgeschneidert sein. Basis ist die offene Ausrichtung der Service-Tools von KIX. Rennen Sie bei Ihren Gesprächspartnern damit offene Türen ein? Oder verlassen sich manche letztlich doch lieber auf eine vorgefertigte Struktur, um den eigenen Aufwand in Grenzen zu halten?

Thau: Hier ist es von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Wir arbeiten mit einigen hochspezialisierten Firmen zusammen, deren Service beziehungsweise Angebot ohne eine ebenso spezialisierte ITSM-Lösung nicht funktionieren würde. Oder jedenfalls nur mit deutlichen Abstrichen. Dass wir damit offene Türen einrennen, würde ich nicht behaupten. Den Beteiligten ist meist klar, welche Einarbeitung hierfür nötig ist. Aber eben auch, dass sich dieser Aufwand auf lange Sicht lohnt. Aus meiner Sicht haben aber auch Out-of-the-box-Tools ihre Daseinsberechtigung, und sie sind für viele Anwender die passende Lösung. Mit KIX möchten wir unseren Kunden deshalb beide Optionen offenhalten: vom einfachen Einstieg bis hin zum komplett individuellen System.

Open Source ist Feedback-orientiert, also individuell anpassbar und erweiterbar durch KIX-Mitarbeiter oder Systemtechniker der Kunden. Wie stellen Sie sicher, dass offene Quelldateien nicht missbräuchlich modifiziert werden können? Reicht dafür der von Ihnen bevorzugte Transfer über verschlüsselte VPN-Kanäle?

Thau: Verschlüsselungen per VPN sind auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil bei Zugriffen auf Kundensysteme. Ein wichtiger Faktor der Produktsicherheit liegt aber im Kern von Open Source selbst. Da etliche Menschen an einem Code arbeiten können und deshalb viele Augen darauf gerichtet sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es eine fehlerhafte Zeile in eine freigegebene Version schafft, geringer. Ich vergleiche das gern mit einem Wikipedia-Artikel: Sobald es irgendwo eine Änderung gibt, wird diese protokolliert und ist für alle Beteiligten zu sehen. Und selbst wenn irgendwo eine Schwachstelle erkannt wird, lässt sich diese in der Regel sehr schnell schließen. Ob dies schneller erfolgt als bei proprietärer Software, kann keiner sagen. Die Fehler in proprietärer Software werden oftmals gar nicht erst bekannt. So kann auch kaum einer kontrollieren, ob diese korrigiert wurden.

Digitale Souveränität wird laut Ihrer Analyse vor allem von öffentlichen Institutionen spürbar angestrebt und umgesetzt. Diesen Ansatz würde man landläufig eher bei Unternehmen erwarten, die Wert auf die Kontrolle ihrer geschäftskritischen Daten legen …

Thau: Im Moment befinden wir uns in einer etwas, ich sage mal trüben Phase, was die digitale Souveränität angeht. Um diese Souveränität zu erreichen, können Open-Source-Lösungen sehr hilfreich sein, und die Bundesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag ja auch angekündigt, verstärkt darauf zu setzen. Die mit Microsoft und Co. geschlossenen Rahmenverträge haben uns nun aber ein ganzes Stück zurückgeworfen. Im kommunalen Bereich dagegen sind die zunehmende Akzeptanz gegenüber Open Source und die damit einhergehende „Freiheit“ aber deutlich zu spüren. Für Unternehmen sind Open-Source-Systeme in erster Linie noch ein Mittel, um Kosten einzusparen. Leider auch immer noch zu oft, weil Open Source ja nichts kostet. Wir merken aber, und das deckt sich mit Untersuchungen der Bitkom, dass ein Umdenken einsetzt. Immer mehr Unternehmen wollen verhindern, in die Abhängigkeit eines Global Players zu geraten, sei es durch Preisdiktate, Änderungen am Geschäftsmodell oder die Einstellung eines Produkts.

KIX bedient mit seinem Full-Managed-SaaS über das Cloud-Hosting in deutschen Rechenzentren den Kundenwunsch, Firmendaten nicht auf dem ganzen Globus verteilt zu wissen. Steigt Ihrer Ansicht nach die Zahl hiesiger Unternehmen, die genau aus diesem, aber auch aus anderen Gründen eher regionale Lösungen mit kurzen Service-Wegen bevorzugen?

Thau: Viele Unternehmen bevorzugen auf jeden Fall diese Option. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass beispielsweise ein Hackerangriff auf ein Rechenzentrum schnell für Probleme an allen anderen Standorten eines Unternehmens für Probleme sorgen kann. Das kann zwar auch bei einem deutschen Rechenzentrum passieren; hier herrscht aber ein gewisses Maß an Vertrauen auf Made in Germany. Doch auch wenn die Nutzung von Cloud-Diensten allgemein zunimmt, beobachten wir im ITSM-Bereich weiter eine ebenso große Nachfrage nach On-Premises-Lösungen. Welche Variante sinnvoller ist, muss letztlich jedes Unternehmen je nach IT-Strategie und Anforderungen selbst entscheiden.

Ihre Services sind im Kern auf das Management von Gebäuden, Mitarbeitern, Material und Inventar ausgerichtet. Hinzu kommt das komplexe Ticketing in Kundenkontakt und Auftragsdienst. Ist mit diesen Komponenten praktisch alles Wesentliche abgedeckt? Oder welche weiteren Aspekte des digitalen Firmen-Managements können darüber hinaus eingebunden werden? Spielen heiße und kalte Daten eine Rolle?

Thau: Offen sind noch Materialverbrauch und -vorrat. Dahingehend stehen ERP-Integrationen an oder eine eigene Teileverwaltung. Grundsätzlich besteht bei sehr großen Datenbeständen immer die Frage nach Aktualität. Die Mehrzahl der Anwendungsfälle kommt mit aber mit „kälteren“ Daten aus. Für akute Situationseinschätzungen oder Event-Management bedarf es natürlich aktueller, „heißer“ Daten.

Sie bezeichnen die aktuell breite Einführung von KI-Lösungen wie ChatGPT als „Hype“. Viele Verantwortliche erwarten sich davon offenbar Wunderdinge, ohne Nachteile oder Konsequenzen wie etwa deren Ressourcenhunger ausreichend abzuwägen. Wie stellt sich das Bild für Sie dar: Überwiegt auch in geschäftlich konservativ ausgerichteten deutschen Unternehmen eher Aufbruchstimmung oder fokussierter Einsatz?

Thau: Aufbruchstimmung würde ich es nicht nennen, aber viele Unternehmen wollen sicherlich auf diesen KI-Hype-Zug aufspringen, ohne sich zuvor einen wirklich durchdachten Plan zurechtgelegt zu haben. Ich habe oft das Gefühl, dass KI für etliche Unternehmen das Stichwort der Stunde ist, bei dem man einfach dabei sein muss. Und ja, eine gut trainierte und ausreichend gefütterte KI kann durchaus eine große Hilfe sein – von der Datenverarbeitung über den Kundenservice bis hin zu den internen Abläufen. Was das an Vorarbeit bedeutet, unterschätzen viele Verantwortliche aber bestimmt. Da Wissen nicht aus dem Nichts erwächst, müssen sie genügend Zeit in eine KI investieren, um nicht nur halbgare Ergebnisse zu bekommen.

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Welche Herausforderungen für Storage-Umgebungen sehen Sie durch die exponentiell ansteigende Datenflut der Digitalisierung? Lässt sich vor allem der Energieaufwand des IT-Managements schon auf Seiten der Unternehmen sinnvoll einschränken? Sollte man neben hochgradig wirksamen SSDs weiterhin auf Tape und HDD setzen?

Thau: HDDs sind sinnvolle und kostengünstigere Alternativen zu SSD. Tape ist allein wegen der Kosten und der Speicherkapazität für Archivierung im Realgebrauch absehbar nicht zu schlagen. Ich vermute jedoch, dass der Anteil von HDD sinken wird.

Wie sehen Sie zukünftig die Chancen von Unternehmen, einen ganzheitlichen Rundumblick über komplexe Geschäfts-und Archivdaten zu behalten? Drohen hier, etwa durch KI-Prozesse, nicht ständig neue tote Winkel?

Thau: In der Tat ist die Menge der Daten mit beschränkter Auswertbarkeit und dem sich ergebenden „Verlassen auf KI“ die Chance, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Ohne „die KI“ ist der Eigner der Daten nicht mehr in der Lage, diese zu verstehen oder auszuwerten. Das ist letztlich ein Aspekt der Kritik an KI: Die Lösungen sind oftmals nicht nachvollziehbar oder mitunter auch bei minimalen, vermeintlich unwichtigen Änderungen an Eingangsparametern nicht reproduzierbar.

Vielen Dank für das Interview, Herr Thau!

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