Digitale Verwaltung und souveräne Cloud Wie sichere Infrastrukturen die öffentliche Verwaltung transformieren

Ein Gastbeitrag von Yasser Youshua Wardasbi* 5 min Lesedauer

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Strenge Datenschutzvorgaben und ein akuter Fachkräftemangel stellen die öffentliche Verwaltung vor massive Herausforderungen. Gleichzeitig wächst der Druck, digitale Services für Bürgerinnen und Bürger bereitzustellen – einfach, sicher und jederzeit verfügbar. Cloud-Technologien gelten dabei als ein zentrales Mittel zur Modernisierung.

Souveräne Cloud-Infrastrukturen sollen der öffentlichen Verwaltung Kontrolle, Sicherheit und digitale Handlungsfähigkeit über kritische Daten sichern.(Bild: ©  Anca - stock.adobe.com)
Souveräne Cloud-Infrastrukturen sollen der öffentlichen Verwaltung Kontrolle, Sicherheit und digitale Handlungsfähigkeit über kritische Daten sichern.
(Bild: © Anca - stock.adobe.com)

Hier spielen die großen US-basierten Hyperscaler eine bedeutende Rolle. Doch viele Behörden zögern – insbesondere angesichts aktueller politischer Unsicherheiten. Die „European Sovereign Cloud“ könnte diese Blockade lösen. Denn sie kombiniert höchste europäische Sicherheitsstandards mit technologischer Zukunftsfähigkeit – und kann dadurch KI sinnvoll integrierbar machen.

Zwischen Modernisierungsdruck und Cloud-Skepsis im öffentlichen Sektor

Die Cloud-Transformation im öffentlichen Sektor gestaltet sich in Deutschland generell als schwierig. Einer der Hauptgründe ist der föderale Staatenaufbau, der die Struktur der öffentlichen Verwaltung prägt: Politische Entscheidungen werden auf Bundesebene getroffen, liegen aber in der Umsetzung bei Ländern und Kommunen. Dies führte zu historisch gewachsenen, verteilten und komplexen Architekturen mit hohem Individualisierungsgrad.

Weiterhin ließen Datenschutzbedenken beim Thema Cloud den öffentlichen Sektor zurückhaltend agieren. Zu groß war die Sorge, bei der Migration sensibler Datenbereiche und der Verarbeitung von Personal- oder Sozialdaten als Vorreiter einen Fehler zu machen. Hohe Anforderungen des Sektors hinsichtlich Digital- und Datensouveränität forderte eher Zurückhaltung. Doch dieses Zögern beginnt zu bröckeln. Erste Einrichtungen haben den Schritt gewagt – mit Signalwirkung auf andere. Die Folge: ein Dominoeffekt, der eine allmähliche Öffnung zur Cloud-Nutzung erkennen lässt.

Souveräne Cloud: Abgrenzung gegenüber Drittstaaten

Gleichzeitig wird deutlich, dass es nicht allein um technische Machbarkeit geht, sondern vor allem um Vertrauen in die Infrastruktur. Hier setzt die „European Sovereign Cloud“ von AWS an. Sie schafft eine klar abgegrenzte Umgebung, die ausschließlich in Europa betrieben wird – physisch, organisatorisch und vertraglich. Damit wird sichergestellt, dass keine Zugriffe aus Drittstaaten, beispielsweise aus den Ländern, in denen die Cloud-Anbieter ihren Sitz haben und ihre Rechenzentren betreiben, erfolgen können.

Für viele öffentliche Einrichtungen ist dies eine notwendige Voraussetzung, um überhaupt über Cloud-Migration nachzudenken. Denn neben Datenhoheit und Sicherheit sind die staatliche Handlungsfähigkeit und die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Lebens bei der Nutzung von Cloud-Systemen unabdingbar.

Warum souveräne Cloud-Modelle notwendig sind

Digitale Souveränität bedeutet dabei mehr als die technische Kontrolle über Daten und Systeme. Sie umfasst auch die rechtliche und organisatorische Unabhängigkeit gegenüber Drittstaaten, während eine regelmäßige Geschäftsbeziehung aufrechterhalten bleibt.

In der Praxis existieren unterschiedliche Interpretationen und Umsetzungen dieses Prinzips – je nachdem, ob der Fokus auf Infrastruktur, Betrieb, Support oder vertraglichen Rahmenbedingungen liegt. Einige Anbieter setzen lediglich auf europäische Rechenzentren, behalten jedoch zentrale Kontrollfunktionen außerhalb Europas. Andere verfolgen umfassendere Modelle, bei denen sämtliche Komponenten – von der Datenhaltung über den technischen Betrieb bis hin zu Service und Support – vollständig innerhalb der EU verankert sind.

Ganzheitliches Denken: Technik, Recht und Organisation

Für Organisationen des öffentlichen Sektors ist es daher unerlässlich, bei der Auswahl eines Cloud-Angebots genau hinzuschauen – und sich nicht nur auf offene Standards und herstellerneutrale Schnittstellen zu verlassen: Wo liegen die Daten physisch? Wer betreibt die Infrastruktur? Wer hat Zugriff – technisch wie juristisch? Und unter welchem Rechtssystem werden Verträge geschlossen und Supportfälle bearbeitet?

Gerade im sensiblen Umfeld von Behörden, Gesundheitswesen oder anderen kritischen Infrastrukturen (KRITIS) kann ein scheinbar souveränes Angebot erhebliche Risiken bergen, wenn es bei genauerer Betrachtung nur Teilaspekte der digitalen Souveränität erfüllt. Eine glaubwürdige Souveränitätsstrategie muss deshalb alle Ebenen abdecken – und nicht nur auf das Label, sondern auf die Architektur und Governance-Strukturen der Lösung achten.

Erst wenn dieser Rahmen vollständig erfüllt ist, kann eine solide Vertrauensbasis entstehen, die den Weg für cloudbasierte Anwendungen im Public Sector ebnet. So ist die Einführung souveräner Infrastrukturen nicht länger nur ein Mittel zur Datenspeicherung oder Prozessautomatisierung, sondern wird zur tragenden Säule digitaler Transformation. Denn mit ihr lassen sich erstmals auch hochsensible Anwendungsfälle rechtskonform in die Cloud verlagern – etwa im Gesundheitswesen, in der Justiz oder bei sicherheitskritischen Behörden.

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Fachkräftemangel als Treiber für Automatisierung und KI

Die Herausforderungen im öffentlichen Sektor sind nicht nur technischer, sondern auch struktureller Art: Der demografische Wandel in Deutschland führt zum Beispiel zu einem spürbaren Rückgang qualifizierter Fachkräfte. Ohne Zuwanderung wird die Zahl der Arbeitskräfte hierzulande bis 2040 um 10 Prozent sinken, zeigt eine Bertelsmann-Studie von 2024. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Servicequalität, Erreichbarkeit und Personalisierung deutlich.

Moderne Cloud-Plattformen können diese Lücke schließen – insbesondere durch die Kombination von skalierbarer Infrastruktur mit Automatisierung und künstlicher Intelligenz (KI). Viele fortschrittliche Anwendungen sind heute nur noch in der Cloud realisierbar: etwa Echtzeit-Transkription und -Übersetzung, automatische Erkennung von Gesprächsstimmungen oder intelligente Assistenzsysteme, die Mitarbeitende im Contact oder Service Center aktiv in der Fallbearbeitung unterstützen.

Mehr Service bei weniger Ressourcen

Ein konkretes Beispiel ist der Einsatz in der Arbeitsvermittlung: Ruft etwa eine Bürgerin mit Migrationshintergrund ohne Deutschkenntnisse bei einer Behörde an, die nur deutschsprachige Mitarbeitende beschäftigt, kann eine cloudbasierte Lösung in Echtzeit das Gespräch transkribieren und simultan übersetzen, sowohl für die Anrufende als auch für die Sachbearbeitung. Diese Form der hybriden Assistenz ist On-Premises kaum umsetzbar, da sie erhebliche Rechenleistung, eine kontinuierlich lernende Datenbasis und dynamische Skalierbarkeit voraussetzt – alles Stärken der Public Cloud.

Gleichzeitig ermöglichen cloudgestützte Plattformlösungen die nahtlose Orchestrierung aller Kommunikationskanäle. Bürger:innen können auf dem Kanal ihrer Wahl mit Behörden interagieren – sei es per Telefon, Chat, E-Mail oder App – ohne dass Informationen verloren gehen oder Anliegen mehrfach geschildert werden müssen. Besonders deutlich wird der Vorteil in Anwendungsfällen wie Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit durch eine Kombination aus menschlichem Mitarbeiter und Virtual Agent, nahtlos orchestriert über alle Kanäle hinweg. Das verbessert nicht nur die Servicequalität, sondern reduziert auch interne Aufwände erheblich.

Für die Mitarbeitenden entsteht eine zusätzliche Entlastung: Eine zentrale Nutzeroberfläche mit integriertem Zugriff auf alle Kanäle und Systeme schafft Übersicht und Effizienz. In Kombination mit KI-gesteuerten Datenerkenntnissen, Coaching und der Automatisierung grundlegender Aufgaben kann dies zu spürbaren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen führen – und damit auch zu höherer Zufriedenheit und geringerer Fluktuation.

Der Public Sector braucht eine souveräne Plattform und intelligente Orchestrierung

Die souveräne Cloud ist weit mehr als ein sicheres Rechenzentrum. Sie ist das Fundament für eine digitale öffentliche Verwaltung, die auf Effizienz, Transparenz und Bürgerorientierung setzt. In Kombination mit integrierter KI wird sie zum Schlüssel für eine nachhaltige und skalierbare Transformation – eine Transformation, die nicht nur technologische Lücken schließt, sondern auch strukturelle Herausforderungen wie den Fachkräftemangel adressiert.


* Der Autor Yasser Yoshua Wardasbi ist Senior Manager European Sovereign Cloud Program EMEA bei Genesys.

Bildquelle: Genesys

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