Build 2025: Die Vision vom „Open Agentic Web“ Microsoft züchtet eine Agenten-Armee

Von Dr. Dietmar Müller 8 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Auf seiner Entwicklerkonferenz Build in Seattle hatte Microsoft eine weitere Vision: Ein „Open Agentic Web“ soll eine „Army of Agents“ ins Rennen schicken. Dabei handelt es sich um einen orchestrierbaren Verbund, in dem KI-Agenten miteinander interagieren, Entscheidungen treffen und gemeinsam handeln. Wir fassen die Nachrichten aus Seattle zusammen.

KI-Agenten übernehmen: Microsofts Build-Konferenz zeigt, wohin die digitale Reise geht – und wer künftig den Code schreibt.(Bild:  Xchip - stock.adobe.com / KI-generiert)
KI-Agenten übernehmen: Microsofts Build-Konferenz zeigt, wohin die digitale Reise geht – und wer künftig den Code schreibt.
(Bild: Xchip - stock.adobe.com / KI-generiert)

Den Agenten gehört die Zukunft, darin sind sich aktuell alle Aktivisten der IT-Szene einig. Die Studie „The Future of Enterprise AI Agents“ von Cloudera belegte jüngst exemplarisch, dass es aktuell kein namhaftes Unternehmen gibt, das sich nicht in der einen oder anderen Form mit ihnen beschäftigt. Was kein Wunder ist: Chatbots agieren zunehmend „agentisch“, also tendenziell selbstständig, und sie werden aktuell allerorten, insbesondere aber beim Support und im Kundendienst, eingesetzt. Rund zwei Drittel der Firmen weltweit planen zudem, KI-Agenten zur Leistungsoptimierung, für die Sicherheitsüberwachung sowie als Entwicklungsassistenten einzusetzen.

„AI-Agenten sind über das Experimentieren hinausgewachsen – sie liefern jetzt echte Automatisierung, Effizienz und Geschäftsergebnisse. Wir beobachten, dass Unternehmen Hunderte von Modellen in der Produktion einsetzen, die zuverlässige und gut verwaltete Daten benötigen, um bessere Ergebnisse zu erzielen“, kommentierte Benjamin Bohne, Group Vice President Sales CEMEA bei Cloudera, die Studienergebnisse.

Diese schlagen sich auch in Zahlen nieder: Dem neusten Report zu AI-Agenten von den Analysten von MarketsandMarkets zufolge werden wir bald ein erhebliches Wachstum sehen, der Markt für AI-Agenten soll von 7,84 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr auf beachtliche 52,62 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 anwachsen. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 46,3 Prozent und lockt viele Mitspieler an. So auch Microsoft.

Microsoft plant Multi-Agenten-Systeme

Dessen Vorsitzender und CEO Satya Nadella hat in seiner Keynote auf der gerade abgehaltenen Entwicklerkonferenz Microsoft Build in Seattle erklärt, dass er und sein Team die Vision eines „Open Agentic Web“ verfolgen. Dabei handelt es sich seinen Worten zufolge um ein offenes Ökosystem, in dem KI-Agenten miteinander interagieren, Entscheidungen treffen und im Auftrag von Einzelpersonen, Teams und Organisationen handeln. Was KI-Agenten halt so tun, den lieben langen Tag.

In seiner Keynote auf der Build 2025 erklärte Microsoft-CEO Sadya Nadella seine Vision vom „Open Agentic Web“.(Bild:  Microsoft)
In seiner Keynote auf der Build 2025 erklärte Microsoft-CEO Sadya Nadella seine Vision vom „Open Agentic Web“.
(Bild: Microsoft)

Die Agenten sollen auch helfen – und das ist das ureigenste Thema einer Entwicklerkonferenz –, das Erstellen von Software auf ganz neue Füße zu stellen. Flankiert würden sie dabei von offenen Standards, Infrastrukturen und Protokollen, die ebenfalls auf dem Event präsentiert wurden. Microsoft hat dabei aber nicht nur den Bau einzelner Agenten im Auge – man habe im Work Trend Index 2025 vielmehr festgestellt, dass rund 43 Prozent der Unternehmen weltweit bereits „Multi-Agenten-Systeme“ nutzten, die zusammenarbeiteten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder einen komplexen Workflow auszuführen. So etwas werde man selbstredend auch anbieten und mit besagtem Open Agentic Web unterfüttern.

Denn man kenne die Bedürfnisse der Anwender genau, so Nadella. Laut seinen Worten erklärten kürzlich 46 Prozent der Führungskräfte weltweit, dass ihre Unternehmen Agenten zur Automatisierung von Arbeitsabläufen oder Prozessen einsetzen. 82 Prozent davon erwarten, dass ihr Unternehmen in den nächsten 12 bis 18 Monaten eine agentenbasierte Belegschaft mit Agenten als digitalen Teammitgliedern einführt.

Agenten haben bereits die Wirtschaft infiltriert

Nach Aussagen von Frank X. Shaw, Chief Communications Officer von Microsoft, verwendeten bereits heute 15 Millionen Entwickler Microsoft 365 Copilot oder den Copilot der Microsoft-Tochter GitHub sowie KI-Funktionen wie den Agentenmodus oder die Codeüberprüfung. Damit entstehen neue Programme weitgehend automatisiert. Erst kürzlich hatte ein chinesischer Professor auf dem Huawei Idi Forum in München Studenten (und deren Ausbilder) daher dafür gerügt, noch „Java oder irgendeine andere Programmiersprache“ zu erlernen – diese Aufgabe falle in kürzester Zeit den AI-Agenten zu. IT-Profis mit solchen Fähigkeiten würden bald zum alten Eisen zählen und überflüssig werden.

Tatsächlich nutzen auch hunderttausende Microsoft-Kunden den Copilot für Recherche, Brainstorming und Lösungsentwicklung. Laut Microsoft-eigenen Zahlen haben mehr als 230.000 Unternehmen – darunter 90 Prozent der Fortune 500 – das Copilot Studio zum Erstellen von KI-Agenten und -Automatisierungen im Einsatz.

Zu diesen Unternehmen zählen etwa Fujitsu und NTT DATA, die „Agentenfabrik“ Azure AI Foundry nutzen, um KI-Apps und -Agenten zu erstellen und zu verwalten. Deren Aufgaben sind es, Verkaufskontakte zu priorisieren, die Angebotserstellung zu beschleunigen oder Kundenerkenntnisse zu gewinnen. Ein weiteres Beispiel für ein Anwenderunternehmen wäre Stanford Health Care, das den Healthcare Agent Orchestrator von Microsoft nutzt, um KI-Agenten zu entwickeln und zu testen. Diese verringern den Verwaltungsaufwand und beschleunigen den Workflow für die Vorbereitung von Tumorboards.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Pläne für ein Open Agentic Web

Microsoft denkt naturgemäß groß und weiter: „Wir stellen uns eine Welt vor, in der Agenten individuell, organisatorisch, im Team und im gesamten Unternehmen agieren“, erläuterte Shaw die Pläne des Konzerns. „Diese neue Internetvision besteht aus einem offenen agentenbasierten Web, in dem KI-Agenten im Auftrag von Nutzern oder Organisationen Entscheidungen treffen und Aufgaben ausführen.“

Das von Microsoft angestrebte „Open Agentic Web“ fuße selbstredend auf den Plattformen, Produkten und der Infrastruktur von Microsoft. „Wir geben Entwicklern neue Modelle und Programmieragenten an die Hand, führen Agenten auf Unternehmensniveau ein, machen unsere Plattformen wie Azure AI Foundry, GitHub und Windows zu optimalen Entwicklungsplattformen, setzen auf offene Protokolle und beschleunigen wissenschaftliche Entdeckungen mit KI – alles, damit Entwickler und Unternehmen den nächsten großen Wurf wagen können.“

Das Open Agentic Web verfüge über drei Säulen: Die Softwareentwicklung per se, neue KI-Funktionen für Agenten sowie flankierende Protokolle.

1. Softwareentwicklung

KI verändere den kompletten Softwareentwicklungszyklus, weswegen Microsoft neue Funktionen für Plattformen wie GitHub, Azure AI Foundry und Windows anbieten will, als da wären:

• GitHub Copilot-Codierungsagent und Updates für GitHub-Models: GitHub Copilot soll von einem Editor-Assistenten zu einem „asynchronen Codierungsagenten“ weiterentwickelt werden, der fest in die GitHub-Plattform integriert sein werde. „Wir fügen GitHub Models zeitnahe Verwaltung, einfache Auswertungen und Unternehmenskontrollen hinzu, damit Teams mit Modellen experimentieren können, ohne GitHub zu verlassen“, so Shaw.
• Microsoft mache zudem seinen neuen Coding-Agenten für GitHub Copilot zur Open Source. Der Agent beginne seine Arbeit, sobald der Programmierer dem Copilot ein GitHub-Problem zuweise. Der Agent erstelle daraufhin eine sichere und anpassbare Entwicklungsumgebung mit GitHub Actions. Während der Agent arbeitet, übertrage er Commits an einen Pull-Request-Entwurf. Pull-Requests des Agenten bedürften übrigens immer noch einer menschlichen Genehmigung, bevor CI/CD-Workflows ausgeführt werden.
• Ganz neu eingeführt wurde Windows AI Foundry – es offeriere eine Entwicklungsumgebung, die den gesamten KI-Entwicklungszyklus von Training bis Inferenz unterstützen soll. Mit Modell-APIs für Vision- und Sprachaufgaben können Entwickler damit Open-Source-LLMs über Foundry Local ausführen oder ein proprietäres Modell verwenden, um es zu konvertieren.
• Mit Azure AI Foundry-Modellen integriert Microsoft Grok 3- und Grok 3 Mini-Modelle von xAI in sein Ökosystem, die direkt von Microsoft gehostet und abgerechnet werden. Entwickler können aus fast 2000 von Partnern und Microsoft gehosteten KI-Modellen wählen. „Wir führen außerdem neue Tools ein, wie das Model Leaderboard, das die leistungsstärksten KI-Modelle verschiedener Kategorien und Aufgaben bewertet, und den Model Router, der in Echtzeit das optimale Modell für eine bestimmte Abfrage oder Aufgabe auswählt“, fügte Shaw hinzu.

2. Neue KI-Funktionen für Agenten

Microsoft stellte auf der Build zudem vorgefertigte Agenten, benutzerdefinierte Agentenbausteine, Multi-Agenten-Funktionen und neue Modelle vor, die Agenten sicherer und produktiver machen sollen:

• Neu ist ein Azure AI Foundry Agent Service für die Orchestrierung einer Agenten-Armee. Dafür wurden Semantic Kernel und AutoGen in ein SDK integriert. Der Service unterstützt Agent-to-Agent (A2A) und Model Context Protocol (MCP).
• Eingeführt wurden auch Funktionen in Azure AI Foundry Observability, die Metriken für Leistung, Qualität, Kosten und Sicherheit über ein Dashboard überwachen.
• Microsoft präsentierte eine Microsoft Entra Agent ID als Vorschau. Sie verleiht Agenten, die in Microsoft Copilot Studio oder Azure AI Foundry erstellt wurden, automatisch eindeutige Identitäten in einem Entra-Verzeichnis. Dies soll Unternehmen in die Lage vertsetzen, Agenten von Anfang an sicher zu verwalten und eine unkontrollierte Ausbreitung zu vermeiden.
• Mit Foundry erstellte Apps und Agenten sollen zusätzlich von den Datensicherheits- und Compliance-Kontrollen von Purview in die Schranken gewiesen werden.
• Foundry bietet darüber hinaus erweiterte Governance-Tools zum Festlegen von Risikoparametern, für die Ausführung automatisierter Auswertungen sowie für detaillierter Berichte.
• Ein neues „Copilot Tuning“ lässt Anwender ihre eigenen Unternehmensdaten, Workflows und Prozesse nutzen, um Modelle zu trainieren und Agenten einfach und mit wenig Code zu erstellen, die domänenspezifische Aufgaben innerhalb der Microsoft 365-Servicegrenzen ausführen können.

3. Flankierende Standards

Für die Zukunft der KI-Agenten seien offene Standards und eine gemeinsame Infrastruktur unerlässlich, beteuerten auf der Build viele Microsoft-Verantwortliche. Der Konzern offeriere ganz neu folgende Standards und Funktionen:

• Microsoft stellte eine umfassende Erstanbieterunterstützung für das Model Context Protocol (MCP) in Aussicht, und zwar über die Agentenplattform und Frameworks hinweg, darunter GitHub, Copilot Studio, Dynamics 365, Azure AI Foundry, Semantic Kernel und Windows 11.
• Microsoft und GitHub sind dem MCP Steering Committee beigetreten, um die Einführung des offenen Protokolls zu beschleunigen. Zwei neue Beiträge habe man dem MCP-Ökosystem hinzugefügt: Erstens eine aktualisierte Autorisierungsspezifikation , mit der Anwender ihre bisherigen Anmeldemethoden weiterverwenden könnten, um Agenten und LLM-basierten Apps Zugriff auf Daten und Dienste wie persönliche Speicherlaufwerke oder Abonnementdienste zu bieten. Zweitens eine MCP-Serverregistrierung, die die Implementierung von Repositorys für MCP-Servereinträge ermöglichen.
• Ein neues offenes Projekt namens NLWeb, das nach den Vorstellungen von Microsoft „eine ähnliche Rolle wie HTML“ für das agentenbasierte Web spielen soll. NLWeb erstellt interaktive Benutzeroberflächen für Websites, in der jeder NLWeb-Endpunkt gleichzeitig ein MCP-Server ist.

Wissenschaft erhält einen Booster

Auf der Build stellte John Link, Principal Product Manager for Chemistry and Materials Science bei Microsoft, darüber hinaus Discovery vor. Dabei handelt es sich um eine weitere Plattform, auf der KI-Agenten Forschern und Medizinern bei der Suche nach neuen Erkenntnissen unter die Arme greifen sollen – mit den oben genannten Mitteln.

Die hauseigenen Wissenschaftler haben nach den Worten von Aseem Datar, Microsofts Vizepräsident für Produktinnovation, die KI-Modelle und HPC-Simulationstools von Discovery genutzt, um einen neuartigen Kühlmittelprototyp für die Immersionskühlung in Rechenzentren zu entwickeln. Der Prozess habe statt Monaten oder gar Jahren lediglich rund 200 Stunden gedauert. Dies zeigt nach Ansicht von Konzernsprecher Shaw, dass „wir in das Zeitalter der KI-Agenten eingetreten sind. Dank bahnbrechender Fortschritte in den Bereichen logisches Denken und Gedächtnis sind KI-Modelle heute leistungsfähiger und effizienter. Wir erleben, wie KI-Systeme uns allen helfen können, Probleme auf neue Weise zu lösen“, so Shaw weiter.

„Entwickler stehen im Mittelpunkt. Seit 50 Jahren unterstützt Microsoft Entwickler mit Tools und Plattformen, um ihre Ideen umzusetzen und Innovationen in jeder Phase zu beschleunigen. Von KI-gesteuerter Automatisierung bis hin zu nahtloser Cloud-Integration und vielem mehr – es ist spannend zu sehen, wie Entwickler die nächste Generation der digitalen Transformation vorantreiben.“

(ID:50430395)