Digitale Souveränität sei in Deutschland vorerst nicht erreichbar, hatte kürzlich BSI-Präsidentin Claudia Plattner in einem dpa-Interview erklärt. In einem offenen Brief widersprechen jetzt IT-Verbände, Unternehmen und Hochschulen dieser Einschätzung und zeichnen ein deutlich optimistischeres Zukunftsbild.
Über 60 Organisationen, Unternehmen und Einzelpersonen fordern in einem offenen Brief Investitionen in Open Source und eine Neuausrichtung der Digitalpolitik.
(Bild: OSBA)
Widerspruch zur These der „zehn Jahre Rückstand“
Die Unterzeichner des offenen Briefes widersprechen der Darstellung Plattners, Deutschland könne kurzfristig keine digitale Unabhängigkeit erreichen. Zwar sei die Abhängigkeit von US-amerikanischen Anbietern Realität, aber die Aussage, diese seien „zehn Jahre voraus“, sei ein „Marketing-Narrativ“, das häufig genutzt werde, um europäische Lösungen kleinzureden und notwendige Investitionen hinauszuzögern.
Stattdessen fordern die Initiatoren einen strategischen Kurswechsel durch massive Investitionen in Open-Source-Software, eine konsequente Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand, die europäische Anbieter bevorzugt, sowie den Aufbau eines belastbaren Ökosystems, das Abhängigkeiten reduziert statt verwaltet.
Peter Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Software Business Alliance - Bundesverband digitale Souveränität e.V. (OSBA), warnt: „Die strategischen Entscheidungen von heute bestimmen, ob wir in fünf Jahren weiter hinter amerikanischen oder chinesischen Tech-Giganten zurück liegen, oder ob wir aufgeholt und signifikante Teile unserer digitalen Infrastruktur unabhängiger und resilienter gemacht haben.“ Plattners pauschale Aussagen würden dagegen „Verunsicherung in Politik und Wirtschaft“ säen, statt Mut zu machen.
Open-Source-Lösungen sind wettbewerbsfähig
Die Verfasser des Briefes betonen, dass leistungsfähige, erprobte Open-Source-Lösungen längst existieren, etwa in den Bereichen Cloud, Kollaboration, Low-Code-Plattformen, KI oder Business Process Management.
Sie verweisen zudem auf politische Signale. So habe der neue Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger im Mai auf der re:publica 2025 angekündigt, Open Source und offene Standards zum Leitprinzip der Bundes-IT machen zu wollen. Und auch die Koalitionsvereinbarung spreche eine ähnliche Sprache.
Die Unterzeichner mahnen, es sei „falsch, an dieser Stelle zu resignieren“ – digitale Souveränität sei möglich, wenn man sie „nur wolle und beherzt vorantreibe“.
Zentrale Forderungen an Politik und Verwaltung
Die Unterzeichner des offenen Briefes verlangen von Politik und Verwaltung einen klaren Kurswechsel. Open Source müsse zur politischen und strategischen Priorität erklärt werden, damit Deutschland und Europa unabhängiger von außereuropäischen Technologiekonzernen werden. Konkret gehe es nicht nur darum, offene Software als Alternative anzuerkennen, sondern sie systematisch in staatlichen Strukturen zu verankern.
Ein zentrales Element sei dabei die Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand. Solange Ministerien, Behörden und öffentliche Einrichtungen bei Ausschreibungen überwiegend auf Produkte US-amerikanischer Anbieter setzten, würden Abhängigkeiten weiter zementiert. Stattdessen, so die Initiatoren, müsse mit Steuergeldern gezielt in offene und europäische Lösungen investiert werden. Nur so könne ein belastbares digitales Ökosystem entstehen, das langfristig tragfähig sei und die Abhängigkeit von wenigen globalen Playern tatsächlich reduziere.
Digitale Souveränität als wirtschaftliches und gesellschaftliches Zukunftsthema
Während BSI-Präsidentin Claudia Plattner vor allem Risiken und Abhängigkeiten betonte, setzen die Unterzeichner des offenen Briefes auf Gestaltung, Mut und Investitionen in Open Source.
Sie betonen außerdem die Innovationskraft der europäischen IT-Wirtschaft. Durch eine konsequente Förderung offener Technologien könnten nicht nur mehr Wettbewerb und technologische Vielfalt geschaffen, sondern auch neue Impulse für Forschung und Entwicklung in Europa gesetzt werden. Digitale Souveränität sei damit weit mehr als ein sicherheitspolitisches Projekt – sie sei zugleich ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Zukunftsthema.
Insgesamt haben 60 Organisationen und Einzelpersonen unterschrieben. Zu den 60 Unterzeichnern des offenen Briefes gehören 10 Verbände aus Digitalwirtschaft und Zivilgesellschaft sowie 50 Open-Source-Unternehmen, Hochschulen, Professoren und Einzelpersonen. Mit Dirk Schrödter, dem Minister für Digitalisierung und Medienpolitik aus Schleswig-Holstein ist auch ein prominenter Politiker unter den Mitunterzeichnern. Ihr Appell ist deutlich: Digitale Souveränität ist möglich – wenn Politik und Verwaltung den Willen zeigen.
Die Gescholtene widerspricht: „Das habe ich nie gesagt“
Claudia Plattner hat sich auf ihrem LinkedIn-Profil zum offenen Brief geäußert. Der Brief gebe ihr Gelegenheit, noch einmal klarzustellen: „Selbstverständlich habe ich der Deutschen Presse-Agentur nicht gesagt, dass ich die digitale Souveränität Europas nicht für erreichbar halte. Denn das tue ich mitnichten!“ Die Überschrift des Beitrags entspreche nicht dem, was sie im Interview gesagt hätte.
Stand: 08.12.2025
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Die BSI-Chefin sieht es durchaus als staatliche Aufgabe an, die sichere Verwendung digitaler Produkte zu ermöglichen. Für das BSI stehe fest: „Es ist Aufgabe des Staates, eine sichere Verwendung all dieser Produkte zu ermöglichen, die derzeit zu einem großen Teil außerhalb Europas hergestellt werden.“
Das BSI verfolge, um digitale Souveränität zu ermöglichen, einen doppelten Ansatz: „Digitale Souveränität bedeutet für uns als BSI vor allem, Optionen zu haben: Je mehr Produkte verfügbar sind, desto souveräner können wir entscheiden.“ In diesem Zusammenhang auch Open Source Software zu stärken und strategische weiter zu entwickeln, sei für das BSI genauso ein Anliegen wie der OSBA, betont Plattner auf LinkedIn.