Generative KI messbar machen GenAI evaluieren, skalieren und erfolgreich produktiv einsetzen

Ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Ebner* 4 min Lesedauer

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Die Euphorie um generative künstliche Intelligenz (KI) hat deutsche Unternehmen erfasst. 91 Prozent sehen die Technologie als geschäftskritisch an, ein Anstieg von 36 Prozent binnen eines Jahres. Während Strategien entwickelt und Pilotprojekte gestartet werden, offenbart sich jedoch eine fundamentale Schwachstelle: Der systematische Evaluierungsansatz fehlt.

Strukturierte Evaluierungsframeworks machen generative KI messbar und ermöglichen den Übergang von Pilotprojekten zu skalierbaren, produktiven Anwendungen.(Bild: ©  JulsIst - stock.adobe.com)
Strukturierte Evaluierungsframeworks machen generative KI messbar und ermöglichen den Übergang von Pilotprojekten zu skalierbaren, produktiven Anwendungen.
(Bild: © JulsIst - stock.adobe.com)

Mit dem Fehlen einer systematischen Evaluierung aber droht sich ein Kardinalsfehler der Digitalisierungswelle um 2018 zu wiederholen, als viele Unternehmen ebenfalls technologiegetrieben und ohne klare Erfolgsmessung agierten. Auch heute verzichten viele auf strukturierte Bewertungen ihrer KI-Systeme – eine riskante Vorgehensweise mit unkalkulierbaren Folgen.

Von Pilotprojekten zu produktiver KI

Die Diskrepanz zwischen Ambition und methodischer Umsetzung könnte kaum größer sein. Während Mercedes-Benz seinen Automotive AI Agent für natürlichsprachige Navigation entwickelt und damit Millionen von Fahrzeugen mit KI-gestützter Intelligenz ausstattet, haben auch viele Mittelständler ihr Potenzial, mithilfe von Cloud-Technologien und KI zu skalieren und ihre Wettbewerbsposition zu sichern, erkannt.

Die Implementierung hat vielerorts schon begonnen, auch wenn das volle Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Die Herausforderung liegt hierbei nicht nur im technischen Verständnis, sondern in der strukturellen Verankerung von Evaluierungsprozessen, die über oberflächliche Metriken hinausgehen.

Adaptive Rubrics statt starrer Benchmarks

Der Übergang von deterministischen zu probabilistischen Systemen macht neue Bewertungsmatrizen erforderlich. Traditionelle Metriken wie BLEU oder ROUGE greifen bei generativer KI zu kurz – sie messen Übereinstimmungen, nicht Qualität oder Kontextverständnis. Moderne Evaluierungsservices führen deshalb adaptive Rubrics ein: dynamisch generierte Bewertungskriterien, die sich an jeden individuellen Prompt anpassen. Statt pauschaler Scores entstehen granulare Pass/Fail-Tests, vergleichbar mit Unit Tests in der Softwareentwicklung.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Tragweite: Kraft Heinz konnte durch systematische Evaluierung und Optimierung seiner Bildgenerierung die Kampagnenerstellung von acht Wochen auf acht Stunden reduzieren. Der Schlüssel lag nicht in der reinen Technologie, sondern in der kontinuierlichen Messung von Bildqualität, Markenkonformität und kreativer Konsistenz über verschiedene Iterationen hinweg. Jede Kampagne durchläuft dabei mehrstufige Evaluierungsprozesse, die sowohl technische als auch geschäftliche Erfolgskriterien berücksichtigen.

Die Deutsche Bank demonstriert einen anderen Ansatz: Nach der Migration von 260 Applikationen in die Cloud führte das Finanzinstitut ein mehrdimensionales Evaluierungsframework für ihre Gen-AI-Anwendungen ein. Compliance-Anforderungen, Risikometriken und Performance-Indikatoren fließen in ein integriertes Bewertungssystem ein, das regulatorische Vorgaben mit geschäftlichen Zielen in Einklang bringt.

Die vier Säulen nachhaltiger KI-Evaluierung

Der fünfstufige Prozess – Discover, Design, Develop, Deploy und Operate – bildet das Grundgerüst, doch die eigentliche Komplexität liegt in der Balance vier kritischer Dimensionen: Leistungsfähigkeit, Sicherheit, Kosten und Skalierbarkeit. Diese Viererkonstellation bestimmt, ob eine KI-Lösung vom Proof of Concept zur produktiven Anwendung reift oder in der Pilotphase versandet.

Die Leistungsdimension umfasst mehr als die bloße Antwortqualität des KI-Modells. Latenzen, Kontextverständnis und die Fähigkeit zur Selbstkorrektur sind für die Nutzererfahrung ausschlaggebend. Mercedes-Benz' MBUX Virtual Assistant, entwickelt mit modernster KI-Technologie, berechnet beispielsweise multimodale Anfragen in Echtzeit – eine Herausforderung, die ohne rigorose Latenz-Evaluierung undenkbar wäre. Jede Millisekunde Verzögerung während der Fahrt führt zu Unannehmlichkeiten und kann im schlimmsten Fall sogar zum Risiko werden.

Wenn Metriken zur Geschäftsstrategie werden

Die eigentliche Revolution liegt nicht in einzelnen Metriken, sondern in ihrer strategischen Orchestrierung. Eine aktuelle Studie zum ROI von KI, die einen starken Trend zu KI-Agenten aufzeigt, macht deutlich: 37 Prozent der Führungskräfte nennen Datenschutz und Sicherheit als Top-3-Kriterium bei der Auswahl ihres Anbieters – noch vor Features oder Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig verkürzen Organisationen mit strukturierten Evaluierungsprozessen ihre Time-to-Production für KI-Anwendungen um durchschnittlich 51 Prozent.

Entscheidend für eine zielführende Evaluierung bleibt der Kontext. Ein KI-Agent im Gesundheitswesen unterliegt anderen Evaluierungskriterien als ein Marketing-Chatbot. Die Fehlertoleranz variiert exponentiell mit dem Anwendungsrisiko. Während kreative Abweichungen in der Werbekommunikation erwünscht sein können, sind sie in der medizinischen Diagnostik unter Umständen fatal. Dementsprechend exponentiell steigt der Aufwand des Evaluierungsprozesses.

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Chance für den deutschen Mittelstand

Der deutsche Mittelstand steht vor der Herausforderung, diese Komplexität ohne die Ressourcen von Konzernen zu meistern. Doch genau hier liegt die Chance: Moderne Cloud-Plattformen bieten nicht nur die technische Infrastruktur, sondern bringen jahrelange Erfahrung aus tausenden KI-Implementierungen mit – von Start-ups bis zu Weltkonzernen.

Ein durchgängig optimierter KI-Stack, vorgefertigte Evaluierungsframeworks und bewährte Best Practices ermöglichen es auch kleineren Unternehmen, auf Augenhöhe mit den Großen zu agieren. Statt von der Komplexität paralysiert zu werden, können Mittelständler auf erprobte Methodiken und Tools zurückgreifen, die speziell für ihre Anforderungen entwickelt wurden. Die Demokratisierung der KI-Evaluierung bedeutet, dass Enterprise-Grade-Qualität keine Frage der Unternehmensgröße mehr ist, sondern der richtigen Partnerwahl.

KI-Agenten als nächste Evolutionsstufe

Die nächste Evolutionsstufe zeichnet sich bereits ab: 52 Prozent der Führungskräfte haben bereits KI-Agenten im produktiven Einsatz – autonome Systeme, die selbstständig planen, schlussfolgern und handeln. Ihre Evaluierung erfordert trajectory-basierte Metriken, die nicht nur das Endergebnis, sondern den gesamten Entscheidungspfad bewerten (ähnlich wie bei einer Mathematikprüfung).

Die Fähigkeit zur strukturierten, skalierbaren und automatisierten Evaluation wird zum differenzierenden Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die heute in robuste Evaluierungsframeworks investieren, sichern sich nicht nur regulatorische Compliance und operative Sicherheit. Sie schaffen die Grundlage für eine KI-Transformation, die über Pilotprojekte und Pressemitteilungen hinausgeht.


* Der Autor Dr. Stefan Ebener ist Head of Customer Engineering Specialists, EMEA North bei Google Cloud.

Bildquelle: Google Cloud

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