Fluide Software ist ein modulbasiertes Konzept, um digitale Arbeitsplätze an die Präferenzen ihrer Nutzer anzupassen. Diese Individualisierung soll für mehr Effizienz und zugleich für schlankere Lösungen im Vergleich mit Legacy-Systemen sorgen.
Abkehr von standardisierten Anwendungen: Hinter dem Begriff fluider Software steckt ein innovatives Prinzip modularer Software-Stacks, die beliebig kombinierbar sind.
Die meisten Menschen kennen fluide („flüssige“) Software nicht nur, sondern nutzen sie bereits. Allerdings ist ihnen der Umstand nicht bewusst. Die Rede ist von den personalisierbaren Bildschirmen von Smartphone-Betriebssystemen. Beispielsweise iOS gestattet seit der Version 16 das Hinzufügen beliebiger Widgets sowie deren individuelle Anordnung auf dem Sperrbildschirm. Android bietet in der Bildschirmgestaltung ohnehin schon lange umfangreiche Freiheiten.
Grundsätzlich trifft dies den Kern davon, was fluide Software ist: Ein Stack („Stapel“) von Funktionen, die gemäß den eigenen Präferenzen angeordnet werden, um möglichst effizient mit ihnen zu arbeiten. Die Anbieter entsprechender Lösungen versprechen umfangreiche Vorteile dadurch. Die Software fließe stets in die Form, in der sie benötigt werde. Dies ist nicht grundsätzlich falsch. Es handelt sich allerdings auch nicht um die ganze Wahrheit.
Die Probleme von Legacy-Systemen
Um den zentralen Mehrwert fluider Software zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Gegenteil: die dominierenden Legacy-Systeme, die auf statische Software vertrauten. Dabei handelt es sich um die typischen Apps, wie sie alltäglich im Gebrauch ist. Exemplarisch seien die Office-Anwendungen genannt. Das Problem ist, dass diese Apps viel zu viele Funktionen bieten. Die entsprechenden Features sind zahlreichen Nutzern oft sogar komplett unbekannt.
Dies hat einen einfach verständlichen Hintergrund: Entwickler mussten in der Vergangenheit erahnen, was ihre Nutzer potenziell mit dem Programm tun wollten. Die App muss dazu in der Lage sein, unabhängig davon, ob die Mehrzahl der Anwender kein Interesse an der jeweiligen Funktion hat. Dies führt zwangsläufig zu großen Anwendungen mit unübersichtlichen Menüführungen. Diese können aus pragmatischen Gründen kaum individualisierbar sein, da tief in das Design der jeweiligen Software eingegriffen werden müsste, um die entsprechenden Änderungen vorzunehmen. Dies führt dazu, dass Nutzer immer wieder längere Zeit benötigen, um bestimmte Funktionen ausführen als es nötig wäre, wenn sie selbst die Gestaltung der Menüführung übernehmen könnten.
Es handelt sich um kein neues Problem. Es sind seit Jahren Lösungen im Umlauf, um dieses Problem abzuschwächen. Shortcuts sind hierfür ein Beispiel. Allerdings lösen sie das Problem nicht umfassend - und bringen neue Schwierigkeiten mit sich. Die Shortcuts müssen beispielsweise erlernt werden, was ab einer gewissen Anzahl problematisch wird.
Das Konzept fluider Software als Lösung: rollenbasierte Funktionszuschreibung
Fluide Software adressiert als Lösung den Kern des Problems. Funktionen werden Modulen zugeordnet. Diese können individuell gestapelt werden. Deshalb ist auch die Rede von einem „Fluid Software Stack“. Anbieter sprechen außerdem gerne von einer rollenbasierten Funktionszuschreibung, die sich über die „flüssige“ Software umsetzen lasse.
Konkret bedeutet dies, dass sich jeder Arbeitnehmer die Funktionen „aussucht“, die er für seine tägliche Arbeit wirklich benötigt. Er ordnet sie auf dem eigenen Dashboard ein. Entsprechend schnell kann er also das Feature nutzen, das er benötigt, da er weiß, wo es ist. Der zentrale Mehrwert wird deutlich am Beispiel typischer Software für Videobearbeitungen. Diese kennt die folgenden Hauptfunktionen:
Schnitt und Rendering,
Farbkorrekturen,
Effekte,
Audio-Bearbeitung.
In einer größeren Produktion gibt es für die jeweiligen Bereiche Experten. Die Einzelpersonen benötigen daher nicht den vollen Funktionszugriff. Er stört im Gegenteil nur, da er für Unübersichtlichkeit sorgt. Sehr viel effizienter ist es, sich seinen digitalen Arbeitsplatz mit den tatsächlich benötigten Funktionen selbst gestalten zu können. Und auch das Team kann ein gemeinsames Dashboard nutzen, das darauf abgestimmt ist, über den Fortgang der eigenen Tätigkeit zu informieren - oder, um direkt auf die Arbeitsergebnisse der Kollegen zuzugreifen. Effiziente Schlankheit tritt an die Stelle von Funktionsleichen.
Auf einen Blick: die Vorteile fluider Software
keine überflüssigen Fähigkeiten,
schnellere Arbeit, da die Software auf die notwendigen Funktionen fokussiert ist,
eigene Gestaltung des Dashboards gemäß den individuellen Präferenzen,
höhere Attraktivität als Arbeitgeber für Arbeitnehmer, die entsprechende Möglichkeiten erwarten,
bessere Abstimmungsmöglichkeiten als Team, da gemeinsame Lösungen umsetzbar sind,
kürzeres Onboarding, da neue Kräfte mit „ihrem“ Dashboard arbeiten können,
Software-Entwickler lernen, welche der Programmfunktionen tatsächlich benötigt werden,
fehlende Funktionen „nachrüstbar“.
Diese Nachteile sind einzuplanen
Ohne die Vorteile reduzieren zu wollen, so gilt doch: Es existieren ebenfalls einige ernste Nachteile. Kehren wir hierfür zum Start zurück: Der eigene Smartphone-Bildschirm ist für die nächste Person möglicherweise komplett falsch. Im privaten Bereich ist dies kein Problem, aber im professionellen Umfeld kann dies bedeuten, dass nach einem Mitarbeiterwechsel eine umfassende Umstellung des digitalen Arbeitsplatzes notwendig ist. Wenn eine Person die Arbeit mit einer App bereits kennt, ist dies nicht der Fall. Spätestens, wenn es um die von Teams eingesetzten Dashboards gibt, kostet die Zeit, weil eine neue Abstimmung stattfinden muss.
Stand: 08.12.2025
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Nicht alle Legacy-Systeme lassen sich ersetzen. Dies kann aus pragmatischen Gründen unmöglich sein, weil die entsprechenden Lösungen mit einer Vielzahl von Geräten synchronisiert werden. Zu denken ist beispielsweise an Kalender. Auch Compliance-Richtlinien können die Migration zu „flüssiger“ Software verhindern. In der Folge kann es Kompatibilitätsprobleme geben.
Die Individualisierungsmöglichkeiten sind nicht grenzenlos. Auch die Module müssen gewisse Basisfunktionalitäten bereithalten. Das zentrale Problem der Legacy-Systeme wird zwar deutlich abgeschwächt. Aber komplett beseitigt ist es immer noch nicht. Einzuplanen sind außerdem die Kosten für die Anschaffung und Implementierung. Fluide Software ist überdies für die Anbieter deutlich schwieriger zu entwickeln. Updates können deshalb seltener im Vergleich mit statischen Apps erfolgen.
Fazit
Fluide Software kann für positive Veränderungen sorgen, aber besitzt auch Schattenseiten. Insgesamt gilt daher: Das Konzept der fluiden Software adressiert konstruktiv ein zentrales Problem digitaler Arbeitsumgebungen. Es bietet eine vielversprechende Lösung. Ihr Potenzial ist groß. Allerdings ist nicht garantiert, dass es sich in jedem Fall stets um „Win-Win“-Situationen handelt. Wer mit typischen Programmen wie den Office-Apps arbeitet, muss nicht zwangsläufig umstellen. Der damit verbundene Aufwand wäre zu hoch – trotz der Vorteile. Je komplexer die eingesetzten Anwendungen sind, desto eher lohnt sich fluide Software.
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