Cloud, Cluster und Compliance So baut man eine Wertpapier­plattform für das 21. Jahrhundert

Von Christian Brunner, FI-TS 4 min Lesedauer

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Die Dwpbank baut ihre WP3-Plattform für 70 Prozent der deutschen Retailbanken radikal um. Mit Microservices, Bare-Metal-Kubernetes und einer hybriden Cloud-Architektur entsteht eine Wertpapierplattform, die nicht trotz, sondern wegen regulatorischer Anforderungen auf Skalierbarkeit, Ausfallsicherheit und Compliance ausgelegt ist.

Die WP3-Plattform der Dwpbank zeigt, wie sich Cloud-native Architekturen, Kubernetes und strenge regulatorische Anforderungen im Finanzumfeld vereinen lassen.(Bild:  Michael Pasternack / Dwpbank)
Die WP3-Plattform der Dwpbank zeigt, wie sich Cloud-native Architekturen, Kubernetes und strenge regulatorische Anforderungen im Finanzumfeld vereinen lassen.
(Bild: Michael Pasternack / Dwpbank)

IT unter Echtzeit- und Regulierungsdruck

Die Formel 1 ist keine Spielwiese, sondern Entwicklungslabor der Autoindustrie. Was hier unter Hochdruck und Präzision entsteht, prägt später ganze Fahrzeuggenerationen. Auch in der IT gibt es solche Szenarien. Etwa in der hochregulierten Finanzwirtschaft.

Doch wenn Systeme rund um die Uhr verfügbar sein müssen, Ausfälle zu hohen Verlusten führen können und jeder Eingriff aufs Genaueste dokumentiert sein muss, geraten klassische IT-Strukturen schnell an ihre Grenzen. Unter solchen Bedingungen genügt es nicht, schnell zu sein. Entscheidend ist, kontrolliert schnell zu sein.

WP3 als Rückgrat der deutschen Wertpapierabwicklung

In solchen Szenarien wird der Einsatz von Cloud-Technologie zur Königsdisziplin: Skalierbarkeit, Ausfallsicherheit und regulatorische Transparenz müssen präzise ineinandergreifen. Ein aktuelles Beispiel aus der Finanzbranche zeigt, wie sich das im Tagesgeschäft, unter realen Bedingungen umsetzen lässt. Denn die Deutsche Wertpapierservice Bank (Dwpbank) hat mit dem Programm „MoveWP3“ eine Plattformstrategie aufgesetzt, die nicht nur technologisch überzeugt, sondern auch regulatorisch antizipiert.

Was mit diesem Programm angestoßen wurde, ist die tiefgreifende Transformation eines produktiven, geschäftskritischen Systems. Als zentraler Dienstleister für rund 70 Prozent der deutschen Kreditinstitute verarbeitete sie 2024 mehr als 53 Millionen Wertpapiertransaktionen. Das macht WP3 zur wohl bedeutendsten Wertpapierplattform des Landes und zu einem elementaren Baustein im operativen Gefüge der angeschlossenen Institute.

Warum der Mainframe abgelöst werden musste

Die Plattform ist tief in die jeweiligen Kernbanksysteme integriert und übernimmt die Kommunikation zwischen Banken, Börsen, Lagerstellen und Brokern. Sie muss höchsten Anforderungen an Performance, Verfügbarkeit und regulatorische Konformität genügen. Kein Raum für Stillstand, keine Toleranz für Ausfälle.

Die technologische Ausgangslage für das Programm war dabei typisch für viele Finanzinstitute: historisch gewachsene Strukturen, über Jahre hinweg zuverlässig im Mainframe betrieben, hoch stabil, aber mit zunehmenden Einschränkungen bei Anpassungsfähigkeit und Skalierung. Frühzeitig hat die Dwpbank deshalb die Herausforderungen adressiert. Denn ihr Anspruch war und ist es, ihren Kundeninstituten stetig stabile, performante und zukunftssichere Lösungen zu bieten. Mit „MoveWP3“ hat der Dienstleister für Wertpapierservices deshalb die schrittweise Ablösung der Legacy-Infrastruktur eingeleitet. Ziel ist eine moderne, modulare und cloudnative Architektur, die nicht nur resilient und skalierbar ist, sondern die tief im Geschäftsmodell verankert ist.

Kubernetes für eine regulierungstaugliche Cloud-Architektur

Technologisches Rückgrat dieser Transformation ist eine Kubernetes-basierte Cloud-Infrastruktur auf Basis einer Microservice-Architektur: Die Anwendungsebene – inklusive Fachlogik und Schnittstellen – wird von der Dwpbank verantwortet.

Für den hochverfügbaren Plattformbetrieb zeichnet der größte IT-Dienstleister für Landesbanken, Finanz Informatik Technologie Service (FI-TS), verantwortlich, mit dem die Dwpbank bereits seit Jahren erfolgreich, insbesondere auch für die Legacy-Systeme, zusammenarbeitet. Hier übernimmt sie Aufgaben wie Netzwerkinfrastruktur, Speicher, Kubernetes, Monitoring, Sicherheit und Plattform-Updates.

Für die Entwicklungs- und Testumgebungen der Microservice-Welt werden die Services des Hyperscalers Amazon Web Services (AWS) genutzt. Durch diesen hybriden Ansatz erfolgen die Entwicklung und Auswahl an Tools konsequent agnostisch, also unabhängig vom jeweiligen Cloud-Anbieter.

FI-TS betreibt die Plattform auf Basis der eigenen FI-TS Finance Cloud Native (FCN), einer Infrastruktur, die speziell für hochkritische Systeme im Finanzumfeld entwickelt wurde. Grundlage ist eine Stretched-Kubernetes-Architektur, verteilt über drei physisch getrennte Brandabschnitte an zwei Rechenzentrumsstandorten. Redundante Glasfaserverbindungen, Bare-Metal-Server ohne Virtualisierung und eine konsequente Trennung von Netzwerken, Stromversorgung und Brandschutzsystemen sorgen für maximale Ausfallsicherheit und Compliance. Die Plattform ist im Active/Active-Betrieb ausgelegt und erlaubt dadurch ein unterbrechungsfreies Failover.

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Bare Metal statt Virtualisierung: Architektur für maximale Resilienz

Die vollständige Ablösung der verbliebenen Mainframe-Komponenten erfolgt nicht im „Big Bang“, sondern in eng getakteten Iterationen. Ende 2025 laufen über 400 produktive Microservices auf der Cloud-Plattform– darunter auch kritische Funktionen wie die Teile der Börsenabwicklung, Sparpläne oder Kapitalfälligkeiten.

Die modulare Microservice-Architektur der neuen WP3-Plattform ist nicht nur auf die heutige Wertpapierabwicklung zugeschnitten, sondern bildet die Grundlage für zukünftige Innovationen im regulierten Finanzumfeld. Java-basierte Services, PostgreSQL, Kafka und Angular schaffen eine technologisch flexible Umgebung, die neue Funktionen effizient integrieren lässt, ohne Auswirkungen auf den laufenden Betrieb.

Durch die enge Verzahnung mit den Instituten kann die Dwpbank auf veränderte Marktbedürfnisse und regulatorische Entwicklungen schnell reagieren. Die Erweiterung von Produktlinien wie „Wertpapier-Sparen“ oder der Handel mit Kryptowerten wird innerhalb der Plattform konsequent weiterentwickelt, in der Public Cloud getestet und produktiv in der hochverfügbaren Private-Cloud-Umgebung der FCN betrieben.

Kontrollierbare Innovation durch Cloud-native Architektur

Die Dwpbank zeigt mit WP3, wie sich selbst geschäftskritische Prozesse in einem hochregulierten Umfeld Cloud-nativ und zukunftsfähig abbilden lassen. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus moderner Architektur, klarer Betriebsorganisation und frühzeitiger regulatorischer Einbindung, aber auch in der Bereitschaft, technologische Verantwortung partnerschaftlich zu teilen.

Was in der Finanzwirtschaft unter Echtzeitbedingungen gelingt, liefert wichtige Impulse über Branchengrenzen hinaus: für alle Organisationen, die kritische Infrastrukturen betreiben, regulatorischen Wandel meistern müssen und Cloud-Technologie nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Anforderungen einsetzen möchten. Das Projekt bietet damit ein belastbares Referenzmodell für kontrollierte Innovation, digitale Souveränität und sichere Skalierbarkeit im 21. Jahrhundert.

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