Ein Plädoyer für strategischen Pragmatismus Digitale Souveränität in Zeiten der KI: Warum Europa jetzt strategisch handeln muss

Ein Gastbeitrag von Frank Strecker* 5 min Lesedauer

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Versuchen Sie heute mal ein wettbewerbsfähiges KI-Projekt ohne außereuropäische Technologie umzusetzen – da wird es sehr schnell sehr dünn. Diese Realität müssen wir als Ausgangspunkt akzeptieren, wenn wir ernsthaft über digitale Souveränität diskutieren. Aber Akzeptanz bedeutet nicht Resignation. Es bedeutet, von hier aus intelligent zu navigieren.

Künstliche Intelligenz trifft auf menschliche Entscheidungskraft: Europas Zukunft liegt in der intelligenten Verbindung beider Welten.(Bild: ©  mindscapephotos - stock.adobe.com / KI-generiert)
Künstliche Intelligenz trifft auf menschliche Entscheidungskraft: Europas Zukunft liegt in der intelligenten Verbindung beider Welten.
(Bild: © mindscapephotos - stock.adobe.com / KI-generiert)

Technologie-Abhängigkeit akzeptieren – und gezielt überwinden

Die Transformation durch künstliche Intelligenz (KI) zieht sich in atemberaubender Geschwindigkeit durch alle Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft. In unserem Service-Desk haben wir kürzlich KI-Agenten implementiert, der auf AWS Bedrock läuft. Das Ergebnis überrascht selbst uns: Nicht nur schnellere Antwortzeiten, sondern auch eine höhere Kommunikationsqualität. Der Agent formuliert präziser und freundlicher (und ist vor allem geduldiger) als viele menschliche Mitarbeiter.

Diese Innovation basiert auf bewährter internationaler Technologie, die uns heute schon ermöglicht, konkrete Mehrwerte zu schaffen. Denn während wir heute auf diese Technologie angewiesen sind, legen europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen bereits die Grundsteine für morgen.

Das Souveränitäts-Dilemma: zwei Dimensionen, eine Strategie

Unternehmen bewegen sich heute in zwei kritischen Dimensionen der Souveränität. Die Technologie-Souveränität wirft die Frage auf: Wie abhängig machen wir uns von einzelnen Anbietern? Die Wahl zwischen verschiedenen globalen Tech-Anbietern eröffnet uns vielfältige Möglichkeiten. Multicloud-Strategien und hybride Architekturen sind durchdachte Ansätze für maximale Flexibilität.

Ja. Wer heute innovativ sein will, landet bei außereuropäischer Technologie. Aber während wir diese Technologie nutzen, bauen wir parallel eigene Kompetenzen auf. Das schafft über Zeit Handlungsspielräume und Wettbewerbsfähigkeit.

Die zweite Dimension, die Daten-Souveränität, ist Europas Trumpfkarte. Hier hat die EU mit der DSGVO globale Standards gesetzt, die selbst im Silicon Valley Nachahmer finden. Kaliforniens Privacy Act ist ein direkter Nachkomme der europäischen Ideen für einen verbrauchernahen Datenschutz. Die Sovereign Clouds der Hyperscaler, die Daten in Europa halten und von EU-Bürgern betreiben lassen, zeigen die erfolgreiche Verbindung globaler Technologie mit europäischen Standards.

EU-Regulierung als Motor für vertrauenswürdige Innovation

Europas oft unterschätzte Kraft, ist das Streben nach effektiver Regulierung mit Sinn und Verstand. Da schafft Europa Rahmen, in denen Innovation nachhaltig gedeihen kann. Die DSGVO mag anfangs als Bremse erschienen sein, heute ist sie ein Qualitätsmerkmal und Exportschlager.

Allerdings – und hier müssen wir ehrlich sein – gelingt uns der Balanceakt nicht immer auf Anhieb. Wenn deutsche Unternehmen noch bis Ende 2024 handschriftliche Unterschriften für Arbeitsverträge brauchten, wenn jahrzehntealte Regelungen digitale Prozesse bestimmen, dann ist die Grenze überschritten. Diese Überregulierung ist hausgemacht und behebbar.

Der Schlüssel liegt in der Differenzierung. Sinnvolle Regulierung, die Vertrauen schafft und Missbrauch verhindert, ist ein Wettbewerbsvorteil. Bürokratische Folklore, die Innovation verhindert, muss weg. Diese Unterscheidung zu treffen und konsequent umzusetzen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre.

KI verändert Geschäftsmodelle – jetzt ist Differenzierung gefragt

Die eigentliche Revolution steht noch bevor. KI optimiert nicht nur Prozesse – sie definiert Geschäftsmodelle neu. Die Frage ist nicht, ob Kunden mit Menschen oder Maschinen interagieren wollen. Die Frage ist vielmehr: „Wie schaffen wir den größtmöglichen Nutzen für ihn?“

Ein Passwort-Reset? Automatisiert in Sekunden. Eine komplexe Beratung? Hier bleibt menschliche Expertise unersetzlich. Diese Differenzierung zu verstehen und umzusetzen, ist entscheidend. In fünf Jahren werden die Kundenerwartungen radikal anders sein als heute. Unternehmen, die das schnell begreifen und sich darauf vorbereiten, werden die Gewinner sein.

Auch in dieser Hinsicht hat Europa einen unterschätzten Vorteil. Wir verstehen sowohl die Technologie selbst als auch die menschlichen Bedürfnisse, die es mit ihrem Einsatz zu befriedigen gilt. Unsere Tradition der Ingenieurskunst, gepaart mit sozialem Bewusstsein, kann zu KI-Lösungen führen, die nicht nur funktionieren, sondern auch ethisch vertretbar sind und sich die gesellschaftliche Akzeptanz verdienen. Am Ende des Tages ist Technologie nämlich kein Selbstzweck, sondern soll unser aller Leben bereichern, es einfacher und besser machen.

Europas unterschätzte Stärken: Software, Talente, Werte

Die Hoffnung, eine europäische Hardware-Alternative von heute auf morgen aus dem Boden zu stampfen zu können, ist unrealistisch. Aber Software, zündende Ideen? Das ist unsere Chance. Europa hat exzellente Entwickler, innovative Unternehmen und – ja – regulatorische Expertise, die zum Wettbewerbsvorteil wird.

Was wir brauchen, ist eine klare Strategie: Talente halten und anziehen, statt sie ins Valley abwandern zu lassen. In Bildung und Forschung investieren. Kapital mobilisieren – nicht für das x-te E-Commerce-Startup, sondern für Deep Tech und Software. Ein Ökosystem schaffen, in dem Start-ups nicht nur gegründet, sondern auch groß werden können.

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Gleichzeitig müssen wir unsere Verhandlungsposition stärken. Europa ist der größte digitale Binnenmarkt der Welt, mit kaufkräftigen Konsumenten und hohen Standards. Das ist keine schwache Position – wir müssen sie nur ausspielen. Ein selbstbewusstes Europa mit klaren Werten und pragmatischen Lösungen ist ein attraktiver Partner, kein Bittsteller. Auf die nächsten fünf Jahre wird es ankommen – Jetzt gilt es die Grundsteine zu legen, um die Zukunft weiterhin mitgestalten zu können.

Nein, wir werden nicht über Nacht zum IT-Tech-Giganten. Aber wir können heute die Grundsteine legen, um in fünf Jahren weniger abhängig zu sein.

Das bedeutet konkret: In Schlüsseltechnologien investieren, wo Europa Stärken hat – Quantencomputing, Energieeffizienz, industrielle KI. Partnerschaften schmieden, die auf Augenhöhe funktionieren. Und vor allem: unsere hausgemachten Innovationsbremsen lösen. Die Zusammenarbeit mit außereuropäischen Playern entwickelt sich kontinuierlich weiter und ermöglicht uns, parallel eigene Stärken auszubauen. Während wir sie intelligent nutzen – durch Multicloud, hybride Lösungen und flexible Architekturen.

Strategischer Pragmatismus statt digitaler Illusionen

Die Welt wartet nicht auf Europa – aber sie braucht, was Europa zu bieten hat: durchdachte Innovation, nachhaltige Lösungen, ethische Standards. Digitale Souveränität erreichen wir nicht durch Abschottung, sondern durch kluges Engagement. Nicht durch das Kopieren amerikanischer oder chinesischer Modelle, sondern durch einen eigenen Weg.

Ja, wir nutzen heute Technologie von außerhalb. Aber wir tun es bewusst und strategisch. Wir managen Abhängigkeiten, während wir Alternativen aufbauen.

Wir regulieren intelligent, nicht reflexhaft. Und vor allem: Wir spielen unsere Stärken aus – Bildung, Forschung, soziale Marktwirtschaft, Rechtssicherheit. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich auch die Oligarchen der Welt sehr gerne in Europa tummeln und ihre Besitztümer unter den Schutz der hiesigen Rechtsstaatlichkeit gestellt sehen möchten.

Fünf Jahre für die Zukunft: Der Handlungsdruck ist jetzt

Die nächsten fünf Jahre sind entscheidend. KI wird die Karten neu mischen, und wir haben alle Voraussetzungen, um mitzugestalten: talentierte Menschen, eine starke Wirtschaft, stabile Institutionen und – nicht zu vergessen – Werte, die weltweite Anziehungskraft ausstrahlen. Was wir jetzt brauchen, ist der Mut zum strategischen Pragmatismus. Handeln statt hadern, investieren statt zaudern, gestalten statt verwalten.

Die Frage ist nicht, ob wir mitspielen können. Die Frage ist, ob wir es wollen – und das dann auch mit aller Entschlossenheit tun. Die Antwort sollte ein klares Ja sein. Nicht aus Naivität, sondern aus begründetem Optimismus. Denn am Ende entscheidet nicht, wer heute die meisten Server hat, sondern wer morgen die besten Lösungen bietet.


* Der Autor Frank Strecker ist CEO von Skaylink.

Bildquelle: Skaylink

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