Unabhängigkeit zwischen Anspruch und Realität Digitale Souveränität: Keine ideologische Frage, sondern strategische Entscheidung

Ein Gastbeitrag von Fin Glowick* 4 min Lesedauer

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Europa setzt auf digitale Unabhängigkeit, doch die Praxis zeigt: Unternehmen und Selbstständige setzen oft auf US-Technologien und amerikanische Software dominiert den Markt. Welche Folgen hat das für Datenschutz, Innovationskraft und die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen?

Wie die digitale Unabhägigkeit in Europa erreicht werden kann, erläutert Fin Glowick.(Bild:  jamesteohart - stock.adobe.com)
Wie die digitale Unabhägigkeit in Europa erreicht werden kann, erläutert Fin Glowick.
(Bild: jamesteohart - stock.adobe.com)

Selbstständige und Unternehmen stehen vor einer wachsenden Abhängigkeit von US-amerikanischer Technologie – sei es durch Cloud-Dienste, KI-Software oder Business-Tools. Während Europa den Willen zur digitalen Souveränität betont, zeigt die Praxis: Die Mehrheit nutzt Software aus dem Silicon Valley – das wirkt sich auf Datenschutz, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit aus. Selbstständige und Unternehmen sollten ihre digitale Infrastruktur regelmäßig hinterfragen und Maßnahmen treffen, um die digitale Unabhängigkeit zu stärken.

Die digitale Abhängigkeit im Alltag

US-amerikanische Softwarelösungen sind in Unternehmen weit verbreitet: für Bürokommunikation, Datenanalyse oder Cloud-Speicherung. Microsoft 365, Google Workspace, Amazon Web Services (AWS) und KI-Plattformen wie OpenAI prägen den Arbeitsalltag.

Die Gründe für diese Vorherrschaft liegen in der technologischen Reife, Skalierbarkeit und Nutzerfreundlichkeit der US-Anbieter. Viele Unternehmen greifen auf diese Tools zurück, weil sie international kompatibel sind und von einer großen Entwickler-Community unterstützt werden. Auch die breite Integration in bestehende IT-Ökosysteme macht sie attraktiv.

Doch die Abhängigkeit von diesen Diensten kann langfristig problematisch sein: Anbieter können ihre Lizenzmodelle und Preise ändern, und bei internationalen Diensten können geopolitische Entwicklungen – wie mit dem Kriegsbeginn 2022 deutlich wurde – Einfluss auf die Erreichbarkeit oder Nutzbarkeit nehmen. Das bedeutet nicht, dass SaaS-Lösungen (Software-as-a-Service) per se problematisch sind. Doch bei zentralen Geschäftsanwendungen ist es entscheidend, auf Anbieter mit Serverstandorten in Deutschland zu setzen. EU-Standorte sind eine solide Zwischenlösung, bieten aber nicht denselben rechtlichen Schutz wie der Betrieb innerhalb deutscher Hoheit. So lässt sich die Balance zwischen Komfort, Kontrolle und Rechtssicherheit wahren.

Datenschutz und regulatorische Risiken

Aktuell zeigt die Forderung der britischen Regierung nach Zugriff auf Apple-Nutzerdaten in der Cloud eindrucksvoll die große Gefahr politischer Einflussnahme auf die Nutzung von Software.

Insbesondere bei der Nutzung US-amerikanischer Software ist der Datenschutz ein zentrales Problem. Selbst dann, wenn die Daten in der EU gespeichert werden. Durch den US Cloud Act können amerikanische Behörden unter bestimmten Voraussetzungen auf diese Daten zugreifen. Dies kann für Unternehmen ein erhebliches Risiko darstellen – vor allem dann, wenn sie sensible Daten verarbeiten, wie im Gesundheits- oder Finanzwesen oder besondere Patente besitzen – und sich auf Anbieter verlassen, die dem US-Recht unterliegen. Eine Speicherung innerhalb Deutschlands reduziert dieses Risiko deutlich.

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und die Forderung von US-Diensten stehen sich unvereinbar gegenüber. Spätestens seit dem Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus 2020 haben europäische Unternehmen die Pflicht, rechtskonforme Lösungen zu finden. Im sogenannten Schrems-II-Fall entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH) 2020, dass US-Unternehmen den europäischen Datenschutzvorschriften nicht gerecht werden und erklärte das Privacy Shield-Abkommen zwischen der EU und den USA für ungültig. Konsequenzen einer Nichtbeachtung können hohe Bußgelder oder Vertrauensverluste bei Kunden sein. Viele Unternehmen setzen daher verstärkt auf Datenschutzmaßnahmen wie Verschlüsselung, Zero-Trust-Architekturen oder den gezielten Einsatz europäischer Alternativen.

Strategien für eine resilientere IT-Infrastruktur

Unternehmen und Selbstständige sollten ihre digitale Infrastruktur regelmäßig hinterfragen und prüfen, welche Tools tatsächlich unverzichtbar sind. Eine umfassende Risikoanalyse hilft, kritische Prozesse und sensible Daten zu identifizieren, die besonders schützenswert sind.

Folgendes ist wichtig: Wo betreibt der Softwareanbieter seine Server, Entwicklungsabteilungen und Produktionsstätten? Der Serverstandort definiert die Gesetze, denen die Daten auf besagtem Server unterliegen. Sind die Server in Deutschland? Optimal. In Europa? Schon deutlich besser als bei außereuropäischen Anbietern. Denn dadurch bleiben sensible Geschäftsdaten in einem rechtssicheren und DSGVO-konformen Umfeld – wobei deutsche Serverstandorte die größtmögliche Kontrolle und Rechtssicherheit bieten.

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Ein Mittelweg kann eine hybride Strategie sein: Für unkritische Aufgaben kann die Nutzung etablierter US-Dienste sinnvoll sein. Entscheidend ist jedoch, sicherheitsrelevante Daten und Prozesse innerhalb Deutschlands oder über Anbieter mit deutschem Firmensitz zu verwalten. Sicherheitsrelevante Daten sollten dagegen bevorzugt in europäischen oder On-Premises-Lösungen gespeichert werden. Unternehmen können zudem durch Open-Source-Software oder eigene Server ihre Kontrolle über ihre IT-Infrastruktur stärken. Der Nachteil ist, dass dieses Vorgehen meistens deutlich aufwändiger und teurer ist, weil man sich selbst darum kümmern – also die Infrastruktur und das Know-How im Unternehmen vorhalten muss.

Notfallplanung: Was tun bei plötzlichen Abhängigkeiten?

Nicht selten kommt es vor, dass Unternehmen durch unerwartete Änderungen bei Lizenzbedingungen oder politischen Entscheidungen ihre digitalen Geschäftsprozesse anpassen müssen. Beispiele hierfür sind Unternehmen, die aufgrund geopolitischer Spannungen oder regulatorischer Anpassungen den Zugang zu bestimmten Softwarelösungen verloren haben.

Ein wirksamer Notfallplan sollte daher Backup-Strategien, alternative Softwarelösungen und klare Vertragsklauseln beinhalten, die eine zu starke Abhängigkeit vermeiden. Unternehmen sollten regelmäßige Tests durchführen, um sicherzustellen, dass kritische Prozesse auch ohne bestimmte Softwareanwendungen weitergeführt werden können.

NIS-2 ist dabei ein aktuelles und wichtiges Stichwort. Die NIS-2-Richtlinie ist im März 2025 in Kraft getreten. Sie betrifft alle kritischen Einrichtungen mit mindestens 50 Beschäftigten oder 10 Millionen Euro Jahresumsatz, die ihre Dienste in der EU anbieten oder dort tätig sind. Die Unternehmen müssen dafür Sorge tragen, dass sie bei einem Cyberangriff schnell reagieren können und ihr Geschäftsbetrieb weiterläuft.

Realismus statt Ideologie

Digitale Souveränität ist ein wichtiges Ziel, doch in der Praxis ist ein pragmatischer Ansatz gefragt. Unternehmen sollten ihre digitale Infrastruktur regelmäßig hinterfragen, aber nicht aus Prinzip auf bewährte Tools verzichten. Vielmehr geht es um eine strategische Mischung aus Effizienz, Datenschutz und Innovationskraft – mit dem Ziel, Abhängigkeiten gezielt zu reduzieren und kritische Daten nach Möglichkeit in Deutschland zu halten.


* Der Autor Fin Glowick, Chief Revenue Officer, Wiso MeinBüro, absolvierte seine Bachelorstudiengänge in Business Management und International Business sowie seinen Master of Business Administration in Missouri, USA. Nach seinem Studium hat er bei der Buhl-Gruppe als Chief Revenue Officer (CRO) die Verantwortung für Wiso MeinBüro übernommen.

Bildquelle: Wiso MeinBüro

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