Fehlende Digitalsouveränität macht Europas Wirtschaft und IT erpressbar – politisch, wirtschaftlich und technologisch. Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker erklärt, wie jahrzehntelanges Outsourcing uns heute in eine digitale Krise geführt hat und wie IT-Experten dabei helfen können, das Ruder jetzt herumzureißen.
Fehlende digitale Souveränität macht Europa anfällig für politische Erpressung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gefährdet die Datensicherheit. Wie jahrzehntelanges Outsourcing uns heute in eine digitale Krise geführt hat und wie IT-Experten dabei helfen können, das Ruder herumzureißen.
(Bild: pkproject - stock.adobe.com)
Es gibt unzählige Definitionen für das, was digitale Souveränität ausmacht: Die einen definieren es politisch, die anderen technisch, und wiederum gibt es rechtliche bis gar soziokulturelle Definitionsversuche. Und das macht auch Sinn, denn die Digitalisierung betrifft alle Lebens-, Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche. Deshalb will dieser Beitrag auch gar nicht versuchen, das gesamte mögliche Spektrum von digitaler Souveränität zu definieren, denn das wäre auch langweilig. Vielmehr geht es darum, konkrete Ursachen für bislang fehlende Digitalsouveränität ausfindig zu machen und zu überlegen, wie wir gemeinsam aus diesem Dilemma herausfinden können.
Deshalb an dieser Stelle nur zwei akute Beispiele für fehlende Digitalsouveränität: Wenn der neue US-Präsident Donald Trump einerseits ankündigt, das transatlantische Datenschutzabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten zu schwächen und wir in der Europäischen Union fieberhaft überlegen, was das für Folgen für unsere Wirtschaft haben könnte, ist das nicht digitalsouverän. Oder wenn der amtierende Vizepräsident JD Vance in Paris auf dem AI Summit im Februar 2025 feststellt, dass die Europäische Union digital überreguliert ist und die EU-Kommission daraufhin überlegt, den europäischen Datenschutz mit einer Reform der DSGVO zu verringern, ist das ebenfalls nicht digitalsouverän.
Souveränität auch im digitalen Sinne verstanden bedeutet folglich, frei darüber entscheiden zu können, ob und wie und auf welche Weise man digitalisiert, damit für alle der größtmögliche Mehrwert erreicht werden kann – unabhängig von Störfeuern und fremden Interferenzen. Doch leider belegen die beiden vorgenannten Beispiele, dass wir in der EU zumindest gegenwärtig noch zu weit von dieser Idealvorstellung entfernt sind.
Jahrzehntelange Verantwortungsaufgabe als zentrale Ursache des gegenwärtigen Missstandes
Doch warum ist das so? Das ist eine lange Geschichte, denn fehlende Digitalsouveränität ist nicht von heute auf morgen oder in einigen wenigen Jahren entstanden. Nein, genau genommen muss man für eine Antwort auf diese Frage fast 30 Jahre zurück gehen in der Historie europäischer Technologieentwicklung – und das beste Beispiel ist da gerade für Deutschland der Mobilfunkmarkt: Schon unmittelbar nach dem Beginn des Handy-Booms in den 1990er Jahren war wirtschaftspolitisch klar, dass man nicht weiter massiv in die Entwicklung von Mikroelektronik, mobiler Konnektivität oder Softwareentwicklung investieren würde, sondern klassischerweise IT-Outsourcing betreibt, indem IT-Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten gezielt nach Fernost oder in die Staaten zu Anfang nur ausgelagert und später gänzlich aufgegeben wurden – zunächst aus betriebswirtschaftlichen Gründen, weil so Personalkosten und Ressourcen gespart werden konnten. Wo man sich infolgedessen zunächst auf Zulieferer aus dem Ausland verlassen konnte, wurde man Jahrzehnte später von ebenjenen Zulieferern abhängig. Und die Folgen davon sind heute ganz real für jedermann spürbar: Auf dem europäischen Smartphone-Markt dominieren schon lange keine europäischen Hersteller mehr, wie es noch vor einigen Jahrzehnten bei den Handys der Fall gewesen ist.
Blindes Vertrauen in die Globalisierung als toxische Fehleinschätzung
Dies ging lange Jahre auch gut, denn das Credo nicht nur der europäischen Digitalwirtschaft lautete immerfort: Globalisierung ist der Weg nach vorne. Gerade im letzten Jahrzehnt wurde mit dem Ausbau von mobilen 5G-Verbindungen viel digitalisiert und vernetzt, und immer mehr Rechenkapazitäten bedenkenlos in die globale Cloud ausgelagert. Doch mit der weltweiten Zeitenwende, die mit der Corona-Pandemie im Jahr 2020 begann und seither mit dem Russland-Ukraine-Krieg seit 2022, den geopolitischen Spannungen in Fernost und dem Aufkommen eines massiven US-amerikanischen neuen Nationalismus spätestens seit Anfang 2025 ihre Fortsetzung gefunden hat, hat sich dies massiv geändert.
Die Erkenntnis ist klar: Wo wir in all den Jahren zuvor blind auf die digitale Globalisierung vertraut haben, geht es nun um digitales Vertrauen, das wir so schnell wie möglich wieder zurückholen müssen, denn eine Digitalisierung ohne Vertrauen ist in diesen Zeiten nicht mehr nachhaltig. Regionalisierung anstelle von Globalisierung ist folglich das Credo unseres Jahrzehnts geworden – und dazu gehört eben auch, dass wir uns unsere so leichtsinnig aufgegebene digitale Souveränität wieder zurückholen.
Jeder Einzelne kann noch heute damit beginnen, für mehr Digitalsouveränität zu sorgen
Doch das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wo wir quasi Jahrzehnte Zeit hatten, die digitale Souveränität planvoll und gemächlich abzugeben, wurden wir mit der globalen Zeitenwende in solch einem Eiltempo konfrontiert, dass es uns nicht möglich sein wird, Digitalsouveränität von jetzt auf sofort herzustellen. Und hier schließt sich der Kreis: Digitale Souveränität betrifft uns alle und deshalb kann auch jeder dazu etwas beitragen.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Es geht nämlich nicht nur darum, dass wir als Europäische Union stärker in die Entwicklung unserer eigenen Digitalwirtschaft investieren, Start-ups und Scale-ups durch gezielte Förderungen und Hilfen auf dem Weg in die Märkte unterstützen und insgesamt viel, viel mehr dafür tun, dass sich junge Menschen für eine Ausbildung in MINT-Fächern begeistern, sondern auch, wie wir als Staat, Unternehmen und Verbraucher IT einkaufen. Und genau damit gehen wir auch die ersten ganz konkreten Schritte für ein Mehr an digitaler Souveränität gemeinsam – denn auf jeden Einzelnen von uns kommt es jetzt an.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist wissenschaftlicher Direktor des cyberintelligence.institute in Frankfurt am Main und Berater der Bundesregierung und der Europäischen Kommission in Fragen von Cybersicherheit und internationaler IT-Strategie.