Digitalisierung ist längst kein isoliertes IT-Projekt mehr, sondern ein grundlegender Change-Prozess. Automatisierung ist das Gebot der Stunde – und hier kommt künstliche Intelligenz ins Spiel. Das wiederum setzt eine technische und organisatorische Neuausrichtung voraus.
„Digitale Gesundheit“, KI und CRM : Die Zoho-Studie zeigt, dass es Handlungsbedarf gibt. Wie kann die Implementierung von KI oder neuer Tools gelingen?
In einer zunehmend digital geprägten Geschäftswelt ist die „digitale Gesundheit“ eines Unternehmens wichtiger denn je. Dahinter steckt die Idee eines Check-ups, der zeigt, wie fit und agil Infrastruktur, Datenprozesse und Geschäftsmodelle tatsächlich sind. So wie ein Arzt den Puls misst, den Blutdruck kontrolliert und den allgemeinen körperlichen Zustand beurteilt, analysiert die Digital-Health-Studie von Zoho jährlich den digitalen Reifegrad deutscher Unternehmen. Der aktuelle Report offenbart in vielen Bereichen deutliche Fortschritte, aber auch noch viel Luft nach oben.
So wickeln 44 Prozent der Befragten mindestens die Hälfte ihres Geschäfts mithilfe digitaler Tools ab, was einem Anstieg um zehn Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Cloud – 60 Prozent nutzen zwei bis drei Plattformen, 38 Prozent der deutschen Unternehmen haben sogar bis zu zehn verschiedene Cloud-Lösungen im Einsatz.
Und in puncto künstliche Intelligenz (KI) geht die Hälfte der Befragten davon aus, dass diese Technologie in ihrer Organisation eine entscheidende Rolle spielen wird. Dennoch: Nur 33 Prozent der deutschen Unternehmen bekommen von Zoho aktuell eine gute digitale Gesundheit bescheinigt.
KI: Die Schlüsseltechnologie schlechthin
Der Grund: Die Potenziale, die die Digitalisierung bietet, werden noch immer zu wenig genutzt. Projekte bleiben oft isoliert und sind nicht in unternehmensweite Prozesse eingebettet. Damit verschenken Unternehmen wertvolle Chancen, Innovationen voranzutreiben und ihre Position im härter werdenden Wettbewerb zu stärken. Eine Technologie, die durchaus das Potenzial hat, Geschäftsabläufe nachhaltig zu verändern, ist künstliche Intelligenz.
KI-basierte Assistenten sind für Unternehmen äußerst wertvoll, indem sie beispielsweise automatisch relevante Informationen aus Datensätzen extrahieren, zusammenfassen und den jeweiligen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen. Diese Automatisierung spart viel Zeit – und damit Geld.
Wie KI und Low Code die Geschäftsprozesse unterstützen
Ein konkreter Anwendungsfall ist die Integration von KI in das Customer-Relationship-Management. Moderne CRM-Tools erledigen lästige und sich wiederholende Aufgaben wie das Erstellen von Wochenberichten nach einem bestimmten Schema, oder das Versenden von personalisierten E-Mails an Kunden nach dem Kauf eines Produkts nahezu selbstständig. Darüber hinaus erkennen sie Muster in den täglichen CRM-Aktivitäten und schlagen entsprechende Workflows vor, die dann individuell angepasst werden können. Das schafft Freiräume für die Mitarbeiter, die sich wichtigeren Aufgaben wie dem direkten Kundenkontakt widmen können. Gleichzeitig hilft KI dabei, Kunden auf Basis der gesammelten Daten gezielter anzusprechen und damit die Customer Experience spürbar zu verbessern. Eine gute Kundenbeziehung ist heute das A und O, um im Wettbewerb zu bestehen.
Digitale Gesundheit europäischer Unternehmen 2024: Der Anteil mit guter digitaler Reife stieg leicht auf 25 %. Große Unternehmen (33 %) schneiden besser ab als kleinere (20 %). Die Mehrheit sieht sich in der Mitte ihrer digitalen Transformation.
(Bild: Zoho)
Ein weiterer Bereich, in dem die KI ihre Stärken ausspielen kann, sind Low-Code-Application-Plattformen (LCAP). Mit ihrer Hilfe können auch Mitarbeiter aus den Fachabteilungen ohne spezielle Programmierkenntnisse einfache Anwendungen erstellen, zum Beispiel eine Loyalty-App, die Kunden für ihre Treue belohnt. Grundlage dafür sind Drag-and-Drop-Optionen sowie vorgefertigte Bausteine, die beliebig kombiniert werden können.
KI kommt dann ins Spiel, wenn es um feingranulare Anpassungen an individuelle Anwendungsfälle geht. Hier ist in der Regel nach wie vor eine manuelle Programmierung erforderlich. Mit Hilfe von KI-basierten Co-Piloten beziehungsweise NLP (Natural Language Processing) ist es möglich, durch einfache Befehle in natürlicher Sprache Code zu generieren oder die KI als Übersetzer zu nutzen. Eine verbesserte Developer Experience sorgt automatisch für schnellere Entwicklungszyklen und damit für eine schnellere Wertschöpfung.
Legacy-Strukturen erfordern Neuausrichtung
Ob nun KI oder irgendeine andere IT-Technologie – wenn Unternehmen ihre digitale Transformation vorantreiben wollen, stoßen sie schnell auf Hürden. 88 Prozent der für die Zoho-Studie befragten Firmen in Deutschland kämpfen mit Problemen bei der Implementierung neuer Tools. Eines davon sind die über Jahre oder gar Jahrzehnte gewachsenen IT-Landschaften mit ihren Datensilos. Die Integration dieser Legacy-Systeme in moderne, serviceorientierte Architekturen ist technisch anspruchsvoll.
Einen Lösungsansatz bietet der Einsatz von Microservices, bei denen komplexe Anwendungen in kleinere, lose gekoppelte Dienste zerlegt werden. Entscheidend ist dabei die Implementierung von Schnittstellen (APIs), die den Datenaustausch zwischen alten und neuen Systemen über verschiedene Abteilungen hinweg sicherstellen. Gleichzeitig müssen Unternehmen Strategien entwickeln, um ihre Datensilos aufzubrechen. Moderne Architekturen und Systeme ermöglichen es, Daten aus unterschiedlichen Quellen zentral zu aggregieren und für Analyseprozesse aufzubereiten. Dabei spielt auch die Implementierung eines Data-Governance-Systems eine wichtige Rolle, um jederzeit den Überblick über Herkunft, Verwendung und Qualität zu behalten.
Stand: 08.12.2025
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Digitalisierung mit Plan: messbare Ziele, ROI und Pilotprojekte
Eine fundierte Digitalisierungsstrategie beginnt jedoch mit der Definition konkreter, messbarer Ziele. Entscheider müssen die Kernprozesse der Firma analysieren und identifizieren, wo digitale Technologien signifikante Effizienzsteigerungen oder neue Geschäftsfelder ermöglichen können. Nur so lässt sich ein relevanter Business Case – unter Einbeziehung von Wettbewerbs-Benchmarking und ROI-Berechnungen (Return on Investment) – ableiten.
Die digitale Transformation sollte zudem als ein kontinuierlicher, iterativer Prozess verstanden werden. Statt große, monolithische Projekte zu starten, empfiehlt sich eine schrittweise Umsetzung über Pilotprojekte bis hin zum unternehmensweiten Rollout. Dies ermöglicht nicht nur die frühzeitige Identifikation von Schwachstellen, sondern schafft auch die Grundlage für eine kontinuierliche Verbesserung der eingesetzten Technologien.
Digitalisierung betrifft alle
Eine digitale Transformation erfordert zudem einen grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur. Traditionelle hierarchische Strukturen stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn es darum geht, flexibel auf sich verändernde Marktbedingungen und technologische Entwicklungen zu reagieren. Gefragt sind daher agile Organisationsmodelle, in denen cross-funktionale Teams – bestehend aus IT-Experten, Fachabteilungen und Geschäftsführung – eng zusammenarbeiten. Darüber hinaus müssen die Mitarbeiter so früh wie möglich an Bord geholt werden. Das schließt eine transparente Kommunikation der Ziele und Maßnahmen sowie eine kontinuierliche Weiterbildung ein. Im Zuge der digitalen Neuausrichtung eines Unternehmens ist ein Umdenken bei allen Beteiligten entscheidend.
Der Standort Deutschland sieht sich gerade mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Vom demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel über bürokratische Belastungen bis hin zum steigenden Wettbewerbsdruck durch geopolitische Verwerfungen. Ohne eine umfassende und intelligente Digitalisierung wird es nicht gehen. Die gerade neu gebildete Regierungskoalition will mit einem Digitalministerium auf Bundesebene für Tempo sorgen. Die Unternehmen wiederum müssen ihre Prozesse kontinuierlich verbessern, was eine Offenheit für neue Technologien voraussetzt.
*Der Autor Sridhar Iyengar ist Geschäftsführer von Zoho Europe.