Nutzung von Azure durch Israels Militär im Fokus Cloud-Transparenz und Militärnutzung – ein Widerspruch?

Von Elke Witmer-Goßner 5 min Lesedauer

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Haben israelische Microsoft-Mitarbeitende wesentliche Details über die militärische Nutzung von Azure verschwiegen? Microsoft soll jetzt angeblich prüfen, in welchem Umfang Israels Militär die Cloud-Plattform nutzt. Der Fall ist ein Paradebeispiel für die Diskrepanz zwischen unternehmerischer Entscheidung und ethischen Ansprüchen.

Die Nutzung der Azure-Cloud durch Israels Militär zeigt, wie schnell die Grenze zwischen legitimer Nutzung und ethischem Risiko zum Graubereich verschwimmen kann.(Bild: ©  kentoh - stock.adobe.com)
Die Nutzung der Azure-Cloud durch Israels Militär zeigt, wie schnell die Grenze zwischen legitimer Nutzung und ethischem Risiko zum Graubereich verschwimmen kann.
(Bild: © kentoh - stock.adobe.com)

Laut einer gemeinsamen Recherche von „The Guardian“, der israelisch-palästinensischen Publikation „+972 Magazine“ und des hebräischsprachigen Mediums „Local Call“, speichert die israelische militärische Überwachungseinheit „8200“ täglich Millionen Aufzeichnungen getätigter palästinensischer Mobiltelefonate aus Gaza und dem Westjordanland in einem speziell isolierten Azure-Bereich. Deren Auswertung soll laut interner Quellen zur Identifizierung von Bombenzielen genutzt worden sein, schreiben die „The Guardian“-Autoren Harry Davies und Yuval Abraham in ihrem Bericht.

Aufgrund der Enthüllungen sollen Microsoft-Führungskräfte derzeit prüfen, welche Daten in Microsoft-Rechenzentren liegen und wie sie vom israelischen Militär im Gaza-Krieg verwendet werden. Noch im Mai hatte Microsoft erklärt, es gebe „keine Hinweise“, dass Azure zur Schädigung von Menschen in Gaza eingesetzt werde. Diese Einschätzung beruhte jedoch maßgeblich auf Informationen aus dem israelischen Microsoft-Team.

Microsofts interne und externe Prüfungen

Im Blog „On the Issues“ vom 15. Mai 2025 (Microsoft Statement on the Issues Relating to Technology Services in Israel and Gaza) erklärt Microsoft, man habe sowohl intern geprüft als auch eine externe Partei hinzugezogen, um Bedenken über den Einsatz von Azure- und KI-Technologien in Zusammenhang mit dem Konflikt in Gaza zu evaluieren. Basierend auf dieser Untersuchung, einschließlich Mitarbeiterinterviews und Dokumentenanalysen, habe man bislang keine Hinweise darauf gefunden, dass Microsoft-Technologien missbraucht wurden, um Menschen in Gaza zu schaden. Der Konzern räumte aber im gleichen Zusammenhang gegenüber Ynetnews ein, keine vollständige Kontrolle über die Nutzung seiner Technologien auf Kundenseite zu haben, insbesondere in privaten oder militärischen Netzwerken.

Der Medienrecherche zufolge hegten Führungskräfte am US-Hauptsitz inzwischen wohl Zweifel an der Vollständigkeit und Zuverlässigkeit der im Mai eingeholten Aussagen. Intern werde diskutiert, ob einzelne Mitarbeiter vor Ort ihrer Loyalität zum israelischen Militär Vorrang vor ihrer Firmenpflicht eingeräumt haben könnten. Bisher gibt es aber keine öffentliche Bestätigung von Seiten Microsofts, dass diese Prüfung aktuell tatsächlich stattfindet.

Microsoft und die „Unit 8200“

Die „Unit 8200“ ist der militärische Nachrichtendienst der israelischen Armee und vergleichbar mit der US-amerikanischen NSA. Sie ist für elektronische Aufklärung, Cyberoperationen und Massenüberwachung zuständig.
Im Jahr 2021 vereinbarte Microsoft mit der israelischen Militärgeheimdiensteinheit „Unit 8200“ eine mehrjährige Cloud-Partnerschaft. Ziel war es, große Mengen sensibler Daten in einer speziell abgesicherten Azure-Umgebung zu speichern.
Große Teile der Unit-8200-Daten sollen auf Microsoft-Azure-Servern in den Niederlanden liegen, ein kleinerer Teil in Irland. Dokumente deuteten zudem darauf hin , dass die Speicherung in speziell abgesicherten Bereichen innerhalb dieser Rechenzentren erfolgen, die in enger Zusammenarbeit zwischen Microsoft- und Unit-8200-Ingenieuren eingerichtet worden seien.

Zusammenarbeit auf Sicherheitsebene

Microsoft hatte 2021 begonnen, mit der Überwachungseinheit „Unit 8200“ des israelischen Militärs Sicherheitsfunktionen für Azure auszubauen. Laut interner Dokumente sei das Unternehmen sich bewusst gewesen, dass große Mengen sensibler Geheimdienstinformationen in die Cloud verlagert werden sollten. Microsoft betont jedoch weiterhin, keine Kenntnis vom konkreten Inhalt der gespeicherten Daten zu haben.

Auch die Israel Defence Forces (IDF) erklärten nach Veröffentlichung der Recherche, Microsoft habe nicht mit ihnen an der Speicherung oder Verarbeitung von Daten gearbeitet. Diese Aussage habe die Microsoft-Führungskräfte aber laut „The Guardian“ überrascht, da das Unternehmen offiziell Cloud-Speicher im Auftrag des israelischen Verteidigungsministeriums bereitstellt.

Europäisch betriebene „Militär“-Clouds

Microsoft ist nicht der einzige US-Anbieter mit militärischen Kunden für ihre Cloud-Services. So haben die australischen Behörden im Rahmen des Projekts „Top Secret Cloud“ einen milliardenschweren Auftrag an AWS vergeben. Zusammen will man drei sichere Rechenzentren zur Geheimhaltungs- und KI-gesteuerten Unterstützung des Militärs und der Nachrichtendienste errichten, die bis 2027 betriebsbereit sein soll. Auch die NATO baut auf Hyperscale-Cloud-Infrastruktur von AWS. Diese soll Echtzeitdaten aus verschiedenen Domänen (Land, Luft, See, Cyber, Raum) integrieren und so eine strategische Einsatzfähigkeit – inklusive verbesserter Detektions- und Analyseprozesse – ermöglichen.

Innerhalb Europas setzen aber Militärorganisationen und europäische NATO-Mitglieder, angetrieben von Sicherheits- und Datenschutzbedenken, auf Cloud-Lösungen lokaler europäischer Anbieter. EU-Behörden und Regierungen treiben durch gesetzliche Initiativen zunehmend den Aufbau einer europäischen Cloud-Infrastruktur voran, etwa durch Förderprogramme, Standards im öffentlichen Einkauf und juristische Vorgaben. Das Ziel ist klar definiert, nämlich digital souveräne Lösungen in der Verteidigung zu etablieren.

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In Deutschland und Frankreich werden europäisch betriebene Cloud-Umgebungen (staatlich/militärisch oder nach SecNumCloud) gezielt für Verteidigungszwecke aufgebaut bzw. vorgeschrieben. So baut die Bundeswehr mit ihrem IT-Dienstleister BWI mit „pCloudBw“ eine eigene, verlegefähige Private Cloud für Übung und Einsatz auf. Ziel ist die Verarbeitung bis zur Geheimhaltungsstufe DEU-Geheim/NATO- und EU-Secret sowie der Betrieb in Bundeswehr-Rechenzentren. Die Plattform ist militärisch betrieben; einzelne Technologiebausteine (wie von Google Cloud) werden air-gapped integriert.

Frankreichs Regierung hat Cloud-Nutzung als Pfeiler der digitalen Transformation des Verteidigungsressorts definiert und schreibt für besonders schützenswerte Daten SecNumCloud-qualifizierte (ANSSI) Angebote bzw. staatliche Interministerial-Clouds vor. Dazu zählen u. a. die SecNumCloud von OVHcloud oder S3NS, ein Thales-betriebenes „Trusted Cloud“-Angebot unter französischem Recht.

Das italienische Verteidigungsministerium hat Leonardo mit der Prüfung eines nationalen Cloud-/Space-Cloud-Ansatzes für militärische Anwendungen beauftragt, um rechenintensive Dienste und Speicher sicher und national kontrolliert bereitzustellen. Die „Leonardo the Military Space Cloud Architecture“ (MILSCA) legt den Fokus auf verteidigungsnahe Cloud-Dienste, die national betrieben sowohl den terrestrischen als auch den orbitalen Verteidigungsraum umfassen sollen.

Kommentar: Cloud-Technologie zwischen Innovation und Verantwortung

von Elke Witmer-Goßner

Der Bericht des Guardian zeigt das Spannungsfeld für Cloud-Anbieter zwischen kommerzieller Partnerschaft und Vorwürfen über eine Mitwirkung an massenhafter Überwachung oder direkter militärischer Einsätze. Sie verdeutlicht aber auch die Vulnerabilität der Technik, wenn Mitarbeitende eines Cloud-Anbieters sich über Neutralitätsvorgaben oder ethische Regeln ihres Arbeitgebers hinwegsetzen.
Cloud-Dienste stehen im Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt, wirtschaftlichen Interessen und ethischer Verantwortung. Wegen ihrer enormen Rechen- und Speicherressourcen beschleunigen sie, wie im Fall der militärischen Nutzung, dann eben nicht nur wirtschaftliche Prozesse, sondern unterstützen auch sicherheitsrelevante Operationen - ob man das jetzt gut finden will oder nicht. Hier sind auch Militär und Geheimdienste in erster Linie „nur“ Kunden.
Die Frage ist also nicht allein, was technisch möglich ist, sondern wo Anbieter die Grenze ziehen. Wer Speicher- und Analysekapazitäten für sicherheitskritische oder militärische Zwecke bereitstellt, muss klären, welche Einsatzzwecke mit den eigenen ethischen Standards vereinbar sind. Dazu gehören Transparenz über die Nutzung, klare Compliance-Regeln und die Bereitschaft, Aufträge abzulehnen, die im Widerspruch zu Menschenrechten oder internationalem Recht stehen könnten. So der Anspruch.
Aber: Ist es überhaupt möglich, diese Abgrenzung zu ziehen, wenn Unternehmen keinen vollständigen Einblick in die Nutzung ihrer Dienste haben? V.a. weil sie sich beispielsweise durch „Sovereign“-Modelle und Air-gapped-Abschirmung selbst aussperren?
Cloud-Ethik ist kein theoretisches Leitbild, sondern ein praktischer Prüfstein für jeden Anbieter, der in sensiblen Bereichen tätig ist.
Die Enthüllungen müssen also die Debatte über Transparenz und ethische Verantwortung bei der Bereitstellung von Cloud-Infrastruktur für militärische Zwecke – aber nicht nur – neu entfachen oder verstärken.

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