Die US-Regierung schränkt seit zwei Jahren den Export hochentwickelter KI-Chips nach China ein, um vor allem die militärischen Fähigkeiten Chinas zu begrenzen. Doch chinesische, staatsnahe Organisationen nutzen Cloud-Dienste von Amazon und anderen Anbietern, um indirekt Zugang zu US-Chips und Technologien wie künstlicher Intelligenz (KI) zu erhalten, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Die US-Regierung schränkt den Export oder die Übertragung von Waren, Software oder Technologien nach China ein; bisher nicht betroffen ist der Zugang zu Chips oder KI-Modellen über die Cloud.
(Bild: Dmitry Rukhlenko - stock.adobe.com)
Die USA haben den Export bestimmter Hochtechnologien, wie Nvidia A100- und H100-Chips, nach China aus Sicherheitsgründen eingeschränkt. Der Zugang zu Cloud-Diensten ist aus US-Sicht jedoch nicht als Export gewertet und unterliegt daher nicht den gleichen Vorschriften.
Reuters hat mehr als 50 Ausschreibungsdokumente, die im vergangenen Jahr auf öffentlich zugänglichen chinesischen Datenbanken veröffentlicht wurden, überprüft und festgestellt: Mindestens elf chinesische Einrichtungen haben in den letzten zwölf Monaten versucht, über Ausschreibungen Zugang zu eingeschränkten US-Technologien oder Cloud-Diensten zu erhalten. Vier dieser Einrichtungen nannten explizit Amazon Web Services (AWS) als Cloud-Anbieter, obwohl die Dienste über chinesische Zwischenunternehmen und nicht direkt von AWS bezogen wurden.
So gab beispielsweise die Shenzhen-Universität 200.000 Yuan (knapp 28.000 US-Dollar) für ein AWS-Konto aus, um Zugang zu Cloud-Servern zu erhalten, die von Nvidia A100- und H100-Chips angetrieben werden – für ein nicht näher spezifiziertes Projekt, wie aus einem Ausschreibungsdokument im März hervorgeht. Dieser Dienst wurde über einen Vermittler, die Yunda Technology Ltd Co, bereitgestellt, wie das Dokument zeigt.
Eine Lücke im Gesetz
Die US-Regierung arbeitet derzeit daran, Gesetzeslücken zu schließen, die es ausländischen Unternehmen ermöglichen, über Cloud-Dienste auf US-Technologien zuzugreifen. „Diese Lücke bereitet mir seit Jahren Sorgen, und es ist längst überfällig, sie anzugehen“, sagte Michael McCaul, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses, in einer Erklärung gegenüber Reuters und bezog sich dabei auf den Fernzugriff auf fortschrittliche US-Rechenleistung durch ausländische Einrichtungen über die Cloud.
Im April 2023 wurde im US-Kongress ein Gesetz eingebracht, das das Handelsministerium ermächtigen soll, den Fernzugriff auf US-Technologien zu regulieren. Das Handelsministerium prüft außerdem die Einführung neuer Regeln, die Cloud-Anbieter dazu verpflichten würden, große KI-Modelle zu überwachen und zu melden, wenn diese für potenziell schädliche Zwecke genutzt werden.
Bis dahin profitieren Amazon und andere US-Unternehmen von der wachsenden Nachfrage Chinas nach Rechenleistung. Amazon betont, dass alle Aktivitäten in Übereinstimmung mit den geltenden US-Gesetzen stattfinden würden. In China ist AWS der sechstgrößte Cloud-Anbieter und erfüllt Aufträge von Universitäten und Forschungseinrichtungen, die Cloud-Server mit leistungsstarken Nvidia-Chips nutzen, um ihre KI-Modelle zu betreiben.
Neben Amazon setzen auch andere US-Technologieunternehmen wie Microsoft auf die Nachfrage chinesischer Einrichtungen nach Cloud-Diensten. Im April erklärte die Sichuan-Universität in einem Ausschreibungsdokument, dass sie eine generative KI-Plattform aufbaue und 40 Millionen Microsoft Azure OpenAI-Tokens kaufen wolle, um die Bereitstellung dieses Projekts zu unterstützen. Ein Beschaffungsdokument der Universität vom Mai zeigt, dass die Sichuan Province Xuedong Technology Co Ltd die Tokens auch lieferte.
Alles Auslegungssache
Trotz der Exportbeschränkungen können chinesische Einrichtungen durch diese Cloud-Dienste bis auf weiteres auf Technologien zugreifen, die sie anderweitig nicht erhalten könnten. Öffentliche Beiträge, Ausschreibungen und Marketingmaterialien, die von Reuters überprüft wurden, zeigen, dass Amazon chinesischen Organisationen nicht nur Zugang zu fortschrittlichen KI-Chips angeboten hat, sondern auch zu fortschrittlichen KI-Modellen wie Anthropics Claude.
„Bedrock bietet eine Auswahl führender LLMs, darunter prominente geschlossene Modelle wie Anthropics Claude 3“, sagte Chu Ruisong, Präsident von AWS Greater China, auf einer generativen KI-Konferenz in Shanghai im Mai und bezog sich dabei auf seine Cloud-Plattform. In verschiedenen chinesischsprachigen Beiträgen für AWS-Entwickler und -Kunden hob Amazon die Möglichkeit hervor, „weltweit führende KI-Modelle“ auszuprobieren, und erwähnte das chinesische Spieleunternehmen Source Technology als einen seiner Kunden, der Claude nutze. Nachdem Reuters Amazon um eine Stellungnahme gebeten hatte, wurde u.a. dieser Werbebeitrag entfernt. Außerdem aktualisierte das Unternehmen ohne Nennung genauerer Gründe zahlreiche Beiträge auf seinen chinesischen Kanälen mit dem Hinweis, dass einige der Dienste in seinen China-Cloud-Regionen nicht verfügbar seien.
Stand: 08.12.2025
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„Amazon-Bedrock-Kunden unterliegen dem Endbenutzerlizenzvertrag von Anthropic, der den Zugang zu Claude in China sowohl über die Amazon-Bedrock-API (Application Programming Interface) als auch über die eigene API von Anthropic verbietet“, kommentierte ein AWS-Sprecher. Anthropic selbst sagt, dass es Kunden oder Endnutzern innerhalb Chinas keinen Zugang zu Claude ermögliche. Allerdings dürften Tochtergesellschaften oder Produktabteilungen von Unternehmen mit Sitz in China Claude nutzen, wenn die Tochtergesellschaft selbst in einer unterstützten Region außerhalb Chinas ansässig seien, so ein Sprecher von Anthropic.
Fazit
Die Untersuchung von Reuters verdeutlicht die Komplexität der globalen Technologieflüsse und wie sich die Unternehmen an bestehende Regularien anpassen, um Geschäfte in China zu machen. Denn trotz der strengen US-Regulierungen gelingt es chinesischen Einrichtungen, fortschrittliche Rechenressourcen zu erwerben. Die Wirksamkeit der bestehenden Kontrollen wird damit in Frage gestellt.