Deutscher Arbeitsmarkt wäre besonders betroffen

Brexit wirbelt die globalen Wertschöpfungsketten durcheinander

| Autor: Elke Witmer-Goßner

Ein Brexit ohne Vertragsbasis würde nicht nur die Rest-EU ökonomisch stark in Mitleidenschaft ziehen.
Ein Brexit ohne Vertragsbasis würde nicht nur die Rest-EU ökonomisch stark in Mitleidenschaft ziehen. (Bild: © photo 5000 - stock.adobe.com)

Weltweit könnten mehr als 600.000 Arbeitskräfte in Gefahr sein, sollte Großbritannien ohne Vertrag aus der Europäischen Union austreten. Ein harter Brexit würde viele Volkswirtschaften der Welt beeinträchtigen, besonders jedoch Deutschland.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kommt auf der Basis von Daten für 43 Staaten zu dem Ergebnis, dass weltweit mehr als eine halbe Million Arbeiter und Angestellte im Zuge eines ungeordneten EU-Austritts Großbritanniens um ihre Arbeitsplätze fürchten müssten. Dabei würde Deutschland mit mehr als 100.000 gefährdeten Arbeitsplätzen die größten Auswirkungen spüren, gefolgt von China (knapp 60.000) und Frankreich (rund 50.000), sowie Polen und Italien (jeweils ca. 46.000).

„Ein harter Brexit würde die globalen Wertschöpfungsketten durcheinanderwirbeln“, sagt Studienautor Prof. Dr. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH. Deshalb könne ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU erhebliche Wohlstandseinbußen mit sich bringen, so Holtemöller. „Aus ökonomischer Sicht bleibt zu hoffen, dass es doch noch zu einer Einigung kommt.“

Globale Wirtschaftsketten brechen nicht

Die IWH-Ökonomen haben in ihrer Untersuchung detailliert aufgeschlüsselt, welche Industrien in welchen Ländern betroffen wären und welche Folgen dies für die jeweiligen Arbeitsmärkte hätte. Alle Berechnungen basieren auf der Annahme, dass nach einem harten Brexit in Großbritannien die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen aus der EU um ein Viertel sinkt, ohne dass sich die britische Nachfrage für Güter aus anderen Regionen erhöht. Der Grund dafür wären höhere Preise, denn Importe aus den verbleibenden EU-Staaten würden wegen neuer Zölle teurer.

Anhand der Verteilung der Beschäftigung nach Branchen innerhalb Deutschlands sind die branchenspezifischen Beschäftigungseffekte für Deutschland den 401 Bundesländern zugeordnet.
Anhand der Verteilung der Beschäftigung nach Branchen innerhalb Deutschlands sind die branchenspezifischen Beschäftigungseffekte für Deutschland den 401 Bundesländern zugeordnet. (Bild: IWH/Brautzsch;Holtemöller/Tabelle 8)

Ohne ein formelles Abkommen wird der Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU nach dem Brexit wieder den allgemeinen Regeln der Welthandelsorganisation folgen. Die Erhebung von Zöllen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU ist dann unabwendbar. Autos und Autoteile werden dann beispielsweise mit 10 Prozent besteuert. Die Agrarzölle sind noch höher. Auch die nichttariflichen Kosten würden steigen. Höhere Einfuhrpreise werden aber zu einer geringeren Einfuhrnachfrage führen. Die Ausmaße dieses Effekts sind schwer zu schätzen, es gibt aber Meinungen, dass ein No-Deal-Brexit den bilateralen Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU langfristig um 56 Prozent verringern könnte.

Innerhalb der dann verkleinerten Europäischen Union wären knapp 180.000 Arbeitsplätze in Firmen betroffen, die ihre Produkte direkt nach Großbritannien liefern. Die absoluten Auswirkungen wären also am größten in den großen EU-Ländern, die besonders enge Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich haben, wie Deutschland und Frankreich. Weil die Märkte global vernetzt sind, wären ebenso Zulieferer betroffen, die außerhalb der EU angesiedelt sind. Das würde dann auch die starke Betroffenheit von Ländern wie China erklären. Die relativen Auswirkungen (in Prozent der Gesamtbeschäftigung) würden in Malta und Irland am größten zu spüren sein. Ein Blick auf die betroffenen Wirtschaftszweige zeigt, dass weltweit Dienstleistungen, Landwirtschaft, Metall- und IT-Industrie stark betroffen sind.

Kraftfahrzeugindustrie leidet am stärksten

Die IWH-Wissenschaftler haben auch einen intensiven Blick auf die anzunehmende Entwicklung der 401 deutschen Landkreise geworfen. Demnach wird die Kraftfahrzeugindustrie die am stärksten betroffene Branche (Industrie und Handel) sein. Allein in Deutschland arbeiten rund 15.000 Personen in der Kraftfahrzeugindustrie (0,9% der Gesamtbeschäftigung in Deutschland). Kraftfahrzeugbau oder -handel) direkt oder indirekt für Exporte nach Großbritannien. Dementsprechend sind innerhalb Deutschlands wichtige Automobilstandorte wie Wolfsburg (Volkswagen) oder Dingolfing-Landau (BMW) nach einem harten Brexit am stärksten dem Beschäftigungsrisiko ausgesetzt.

Allerdings wird es auch in Nicht-EU-Ländern wie China oder Indien erhebliche absolute Effekte geben. Der relative Effekt (im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigung) in diesen Ländern wird natürlich eher gering sein. Negative Effekte sind laut IWH-Studie aber beispielsweise auch in Böblingen zu erwarten. Demnach wird auch der große deutsche ITK-Standort unter den Auswirkungen eines No-Deal-Brexit zu leiden haben.

Zur Studie

Anlass der Studie ist die Brexit-Abstimmung des britischen Parlaments am 15. Januar 2019. Es lehnte den Austrittsvertrag ab, den Premierministerin May mit der EU ausgehandelt hatte. Das Votum hat die Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten Austritts Großbritanniens aus der EU erhöht. Die Berechnungen des IWH basieren auf Zahlen der World Input Output Database (WIOD). Die Studie „Potential International Employment Effects of a Hard Brexit” von Hans-Ulrich Brautzsch und Oliver Holtemöller wurde in den IWH Discussion Papers, 4, 2019, veröffentlicht.

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