Interview mit Georg Kube, Head of Industrial Manufacturing bei SAP 10 Jahre Industrie 4.0: Gibt es Produktivitätsgewinne?

Von Dr. Dietmar Müller 4 min Lesedauer

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Kritik am Industrial Internet of Things und der Industrie 4.0 hat Hochkonjunktur. Wir wollten vom Georg Kube, Global Vice President, Head of Industrial Manufacturing, SAP SE, wissen, ob sie berechtigt ist. Er verweist auf jüngste Studien und liefert erfolgreiche Fallbeispiele.

Wie fällt die Bilanz nach zehn Jahren Industrie 4.0 aus – wo sind die Produktivitätsgewinne?(Bild:  frei lizenziert wdreblow0 - Pixabay /  Pixabay)
Wie fällt die Bilanz nach zehn Jahren Industrie 4.0 aus – wo sind die Produktivitätsgewinne?
(Bild: frei lizenziert wdreblow0 - Pixabay / Pixabay)

CloudComputing Insider: Die Bilanz nach zehn Jahren Industrie 4.0 (I4.0) fällt mancherorts eher ernüchternd aus – wo sind die Produktivitätsgewinne?

Georg Kube: Das können wir so nicht nachvollziehen. Durch den Einsatz von Industrie 4.0 ist die Fähigkeit, höher konfigurierbare Produkte effizient herzustellen, kontinuierlich gewachsen. Dadurch ergibt sich für die Unternehmen eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber billigeren, aber nicht so flexiblen Anbietern. Eine brandneue Bitkom-Studie belegt dies und zeichnet ein positives Bild vom aktuellen Status. Ich zitiere: „Heute setzen insgesamt neun von zehn Unternehmen auf Industrie 4.0, im Jahr 2019 waren es erst drei Viertel. Die Corona-Pandemie hat der deutschen Industrie messbar einen Digitalisierungsschub gegeben, den es nun bestmöglich zu verstetigen gilt.“ Dabei kann sich die Entwicklung auch der vorhergehenden Jahre durchaus sehen lassen, die „Plattform Industrie 4.0“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz zeigt das in ihrer Landkarte „Anwendungsbeispiele Industrie 4.0“ eindrucksvoll auf. Und schließlich hat das World Economic Forum zusammen mit McKinsey ein „Lighthouse Network“ von führenden Produktionsunternehmen gegründet, die I4.0-Technologie in ihren Fertigungen einsetzen. Auch hier konnten sehr wohl signifikante Verbesserungen in den Bereichen Produktivität, Nachhaltigkeit, Agilität, Time to Market und Customization erzielt werden.

Georg Kube, Global Vice President, Head of Industrial Manufacturing, SAP SE(Bild:  SAP)
Georg Kube, Global Vice President, Head of Industrial Manufacturing, SAP SE
(Bild: SAP)

Das Internet der Dinge, zumal das industrielle, wird gerne mit Industrie 4.0 gleichgesetzt. Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen SAP IIoT und der Industrie 4.0?

Kube: SAP IoT war ein Platform-as-a-Service-Angebot für Maschinenkonnektivität, Speicherung von Zeitreihendaten, etc. und Teil der SAP Business Technology Platform (SAP BTP). Diese Plattformdienste sind mittlerweile eine Art „Commodity“ und werden von vielen Anbietern angeboten. SAP hat daher entschieden, diese Plattformdienste abzukündigen und sich auf die Embedded-IoT-Funktionalitäten in unseren Lösungen zu fokussieren. Wir haben weiterhin Lösungen im Kontext von Industrie 4.0, aber nicht mehr die reinen Plattformdienste für Applikationsentwickler.

Welchen Branchen rät SAP heute schon zum Einsatz, welche sollten noch warten?

Kube: Wir raten dazu, dass keine Branche warten sollte.

OK, dann also mal los. Wie sollten Anwender bei der Einführung vorgehen?

Kube: Hier gelten für uns die fünf „Goldenen Regeln“. Erstens: Schaue auf eine Zunahme der Top-Line – das Top-Line-Wachstum ist der Anstieg der Einnahmen oder des Bruttoumsatzes eines Unternehmens über einen bestimmten Zeitraum – durch erhöhte Wettbewerbsfähigkeit – und nicht nur auf Kosteneinsparung. Zweitens: Denke in Business-Szenarien und nicht in Technologien. Drittens: Denke in End-to-End-Prozessen über die gesamte Wertschöpfungskette und nicht in Einzelprozessen beziehungsweise Silos. Viertens: Fokussiere Dich auf Data Sharing. Beginne in einem frühen Stadium, mit relevanten Partnern die Regeln und Mechanismen zum Datenteilen auszuhandeln. Hier kommt zukünftig Manufacturing-X ins Spiel, eine gemeinsame Initiative von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, um Daten über die gesamte Fertigungs- und Lieferkette souverän und gemeinsam nutzen zu können. Und fünftens: Baue Lösungen, mit denen jeder Geschäftspartner, auch die kleinen, arbeiten können.

Das hört sich durchdacht an, aber gerade komplexe Szenarien, wie sie in der Industrie 4.0 angegangen werden, werfen viele Probleme auf. Frage an den erfahrenen Fachmann: Mit welchen Hürden muss man fast immer rechnen?

Kube: Die größte Hürde liegt meiner Erfahrung nach im vertrauensvollen Datenteilen. Manche Industrie-4.0-Use-Cases sind nicht über die Pilotphase hinausgekommen, weil das Vertrauen der Akteure, firmenübergreifend Informationen bereitzustellen, nicht gegeben war. Es gibt Bedenken, dass die Daten missbräuchlich genutzt werden oder dass Wettbewerbsnachteile entstehen, weil zu viele Informationen preisgegeben werden. Manufacturing-X setzt eben genau hier an und bedient die Themen Datensouveränität – Stichwort Gaia-X –, Dezentralität – Daten bleiben beim Besitzer und werden nicht in eine zentrale Plattform hochgeladen – sowie offene Standards. Letzteres in Form des Asset Administration Shell-Standards, das ist ein Digitaler Zwilling, als Kernbestandteil.

Es gibt ja durchaus Beispiele für den geglückten Einsatz von I4.0-Technologien – welcher Anwendungsfall ist ihr persönlicher Liebling?

Kube: Hier würde ich den Use Case von Continental, dem weltweit größten Produzenten von Zulieferteilen für Pkw und Nutzfahrzeuge, nennen. Es begann mit der Sparte des Unternehmens, die Luftfeder für Schwingungsdämpfer in Pkw, Lkw, etc. herstellt. Continental suchte nach einem standardisierten Fertigungssteuerungssystem mit umfassender Funktionalität. Damit sollten die Produktionsprozesse weltweit digitalisiert werden. Da die Prozesse zwischen den zahlreichen Betriebsstätten und Standorten variieren, brauchte Continental zudem die Möglichkeit, das System flexibel zu konfigurieren. Auch musste das Steuerungssystem mit unserer ERP-Anwendung und der In-Memory-Datenbank SAP HANA integriert werden. Zusätzlich wurde ein bidirektionaler Informationsfluss – von den Maschinen zum System und wieder zurück – benötigt. Hier bot sich der Einsatz von Technologie für das Internet der Dinge an, um Sensorendaten von Maschinen verarbeiten und analysieren zu können und anhand dieser Daten dann Prozesse zu automatisieren. Heute findet sich I4.0-Komponenten von SAP praktisch durchgängig bei Continental.

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In welchen Bereichen arbeitet SAP gerade an Innovationen für die Industrie 4.0? Welche spannenden neuen Technologien dürfen Anwender 2023/2024 erwarten?

Kube: Auch hier würde ich Manufacturing-X nennen. Wir haben mit Catena-X ein offenes Industrie-Ecosystem für die Automobilindustrie mit aufgebaut, dessen Mission ein ungestörter digitaler Informationsfluss über die gesamte Lieferkette hinweg ist. Denn viele Lieferanten in der Automobilindustrie sind extrem unsicher, welchen Mehrwert es bringt, ihre Daten zu teilen. Sie bewerten das Risiko des Datenverlustes oder die negativen Folgen sogenannter Lock-In-Effekte als sehr hoch. Es fehlt also an Geschäftsmodellen, Anreizmechanismen und der passenden Technologie. Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu Catena-X entstanden. Automobilhersteller, Lieferanten und Dienstleister der gesamten Lieferkette sollen in einer neuen Qualität und auf Augenhöhe miteinander vernetzt werden. Wir unterstützen die Bundesregierung und Plattform Industrie 4.0 dabei, dieses Konzept im Rahmen von Manufacturing-X auf weitere Branchen auszuweiten.

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