Software-Updates für vernetzte Fahrzeuge Eine Plattform, sie alle zu binden

Von Dr. Dietmar Müller 6 min Lesedauer

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Während Tesla und chinesische Hersteller Funktionen per Knopfdruck aktualisieren, hängen deutsche OEMs in jahrelangen Zulieferprozessen fest. Das Berliner Start-up Veecle verspricht Abhilfe – mit einer offenen Plattform für Fahrzeugsoftware und Over-the-Air-Updates.

Die Veecle-Plattform soll Fahrzeugfunktionen softwaredefiniert machen – flexibel, offen und über alle Steuergeräte hinweg vernetzbar.(Bild: ©  Keitma - stock.adobe.com / KI-generiert)
Die Veecle-Plattform soll Fahrzeugfunktionen softwaredefiniert machen – flexibel, offen und über alle Steuergeräte hinweg vernetzbar.
(Bild: © Keitma - stock.adobe.com / KI-generiert)

Dr. Ing. Stefan Nürnberger bezichtigt die deutsche Autoindustrie der Bummelei – in Sachen Software seien sie Nachzügler. Während Tesla und chinesische Hersteller im Monatsrhythmus Updates ausrollten, dauere es in Deutschland oft Jahre. Sein Start-up Veecle will das ändern.

Veecle ist ein junges Unternehmen aus Berlin, das den Automobilkonzernen in Deutschland Flügel verleihen will, so dass sie Software-Updates schneller „over the air“ in ihre Fahrzeuge bringen können. Dafür hat das Unternehmen eine Entwicklungs-Plattform erstellt, mit der Softwarelogik in Rust geschrieben werden kann. Diese kann dann sowohl auf Mikrocontrollern als auch in Linux- oder gemischten Betriebssystemumgebungen laufen. Die Plattform soll damit zuallererst die deutschen Automobilhersteller unabhängig von US-amerikanischer oder asiatischer Software machen. CloudComputing-Insider ließ sich das Projekt vom Gründer Stefan Nürnberger erklären.

Alt gegen neu: Warum deutsche OEMs beim Software-Update verlieren

Zunächst schildert dieser die aus seiner Sicht verzwickte Lage der deutschen Automobilindustrie: „Deutsche Hersteller sind Weltmeister darin, komplexe Lieferketten zu organisieren. Jahrzehntelang war das ihre Stärke: Für jedes Teil gab es den günstigsten Zulieferer. Aber genau dieses Erfolgsmodell ist heute ihre größte Schwäche. Denn das bedeutet: Wenn ein Hersteller eine neue Funktion will, muss er sie bei einem Zulieferer beauftragen – mit dicken Pflichtenheften, Abstimmungsschleifen und langen Laufzeiten.“ Bis die Neuerung wirklich auf der Straße ankomme, verginge oft eine gesamte Modellgeneration, also vier bis sechs Jahre.

Die Newcomer aus China oder den USA hätten diesen Ballast nicht. Tesla, BYD oder XPeng machten vieles selbst – von der Hardware bis zur Software. Dadurch könnten sie jede Woche neue Funktionen freischalten, einfach per Software-Update. Nürnberger nennt ein konkretes Beispiel: „Verkehrszeichenerkennung ist heute Pflicht. Viele europäische Hersteller kaufen dafür fertige Module ein, die ein einziges können: Verkehrsschilder erkennen und an das Display melden. Moderne Hersteller kaufen nur die Kamera und schreiben die Software selbst. Damit können sie per Update jederzeit neue Objekte dazulernen – zum Beispiel Fahrräder oder Baustellen – und das Auto reagiert dann aktiv, etwa durch automatisches Bremsen. Bei einem Zuliefermodell wäre so eine Anpassung ein jahrelanges Projekt.“

Open Source für mehr Kontrolle über Fahrzeugsoftware

Nürnbergers Unternehmen will diese Zyklen verkürzen: Statt erst Hardware zu bauen und dann mühsam Software darauf zu bringen, könnten Ingenieure mit Veecle die Fahrzeugfunktionen direkt im Computer entwickeln, simulieren und automatisch testen. Danach ließen sich die Ergebnisse schrittweise auf echte Steuergeräte und am Ende auf komplette Fahrzeuge ausrollen. „Das heißt: Paralleles Arbeiten wird möglich, Fehler fallen viel früher auf, und die Zeit bis zur Marktreife sinkt drastisch“, so der Geschäftsführer.

„Software-First ist die Zukunft.“ – Dr. Ing. Stefan Nürnberger setzt mit Veecle auf offene Entwicklung und OTA-Fähigkeit.(Bild:  Veecle)
„Software-First ist die Zukunft.“ – Dr. Ing. Stefan Nürnberger setzt mit Veecle auf offene Entwicklung und OTA-Fähigkeit.
(Bild: Veecle)

Sein System hat zwei Bausteine: Veecle IDE, eine Entwicklungsumgebung im Browser, mit der man Fahrzeugsoftware entwirft, sowie Veecle OS, ein Betriebssystem, das auf allen Steuergeräten im Fahrzeug läuft. „Das Besondere: Veecle OS ist komplett Open Source. Das bedeutet, Hersteller geraten nicht in Abhängigkeit von einem proprietären Anbieter, sondern können den Code einsehen und selbst weiterentwickeln“ zeigt sich Nürnberger begeistert. „Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass der Kern stabil und sicher bleibt: Nur wir pflegen die Basis und garantieren Qualität. Aber über ein Plug-in-Prinzip kann jeder eigene Erweiterungen entwickeln, ohne dass das Fundament verwässert oder unsicher wird. So verbinden wir die Offenheit einer Community mit der Verlässlichkeit eines professionellen Produkts.“

Von der Simulation bis zur Auslieferung: Die Software-Fabrik

Das Betriebssystem ist seit dem September 2025 quelloffen und damit kostenlos verfügbar. Darüber hinaus will das Unternehmen eine SaaS-Entwicklungsumgebung anbieten, die die Entwicklungszeiten drastisch verkürzen könne. „Die genauen Preise haben wir noch nicht veröffentlicht, bei Großkunden werden sie projektabhängig variieren, da wir in der Regel maßgeschneiderte Lösungen anbieten.“ Potenzielle Anwender könnten das Produkt kostenlos im Browser ausprobieren und sich selbst ein Bild machen. Vertrieben werde es dann nach dem Pay-per-use-Modell.

Veecle selbst liefert keinerlei Apps für die Plattform, wie etwa Navigation oder Musik. Man sorge ausschließlich dafür, dass die Fahrzeugarchitektur funktioniere und alle Steuergeräte miteinander und mit der Cloud verbunden seien. „Was dann darauf läuft, entscheiden die Hersteller: Sie können die Sitzverstellung an ein Fahrerprofil koppeln oder den Notbremsassistenten feinjustieren. Veecle liefert die Grundlage, die Zugriffe auf die Fahrzeugfunktionen ermöglicht. Die Kreativität und das Domänenwissen bleiben beim Hersteller.“

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Nürnberger stellt in Aussicht, dass Hersteller mit seiner Plattform die Entwicklung beschleunigen und Kosten reduzieren können. Das habe zwei Gründe: Erstens komme alles aus einer Hand beziehungsweise Plattform, und zwar „von der Idee bis zur getesteten Fahrzeugsoftware“. Zweitens kenne die von Veecle eingesetzte künstliche Intelligenz (KI) das gesamte Fahrzeugsystem und helfe Ingenieuren bei extrem komplexen Aufgaben. „Am Ende entsteht so etwas wie eine ‚Software-Fabrik‘: Auf Knopfdruck wird aus der gemeinsamen Code-Basis eine getestete Software-Version erzeugt, die sofort auf Fahrzeuge ausgerollt werden kann.“ Das spare Zeit, reduziere Abhängigkeiten von Zulieferern und ermögliche eine schnellere Produktion.

Das habe bereits viele Hersteller überzeugt. Es gebe bereits mehrere Absichtserklärungen: „Noch wird das nicht laut kommuniziert – klar, man will erst sehen, ob wir halten, was wir versprechen. Aber wir spüren den Rückenwind sehr deutlich.“ Alternative Ansätze lässt er nicht gelten: „Alle Hersteller wissen, dass Software entscheidend ist. Viele versuchen es mit Initiativen wie Eclipse SDV, wo man gemeinsam Software entwickelt. Die Idee ist gut – aber in der Praxis teilt am Ende doch jeder nur das, was für ihn selbst passt. Heraus kommt dann Stückwerk, aber keine echte Plattform.“

KI als Entwicklungshelfer und Komfortassistent

Nürnberger denkt bereits einen Schritt weiter: Sein Ansatz beschränkt sich nicht nur auf Autos, sondern soll genauso in Drohnen, Landmaschinen und Spezialfahrzeugen oder IoT-Geräten funktionieren. Auch hier gebe es bereits jede Menge Gespräche, so der Firmengründer, denn „überall gilt das gleiche Prinzip: Kunden wollen Systeme spontan anpassen können, direkt vor Ort.“

Die KI helfe an zwei Stellen: Zum einen in der Entwicklung, wo sie komplexe Funktionen über viele Steuergeräte hinweg koordiniere. Nürnberger führt das Beispiel einer Klimaanlage an, die im geparkten Auto weiterlaufen soll, wenn das Fahrzeug verriegelt ist. „Das betrifft gleichzeitig die Stromsparlogik, die Zentralverriegelung und die Alarmanlage – eine perfekte Aufgabe für KI-gestützte Entwicklung.“

Zum anderen bediene die KI den Endkunden: „Künftig könnte man sagen: ‚Mach die Musik leiser, wenn ich das Fenster an der Parkhaus-Schranke öffne.‘ Solche kleinen, aber nützlichen Ideen lassen sich auf Zuruf umsetzen – und der Fahrer hat echte Gestaltungsmacht“, so Nürnberger.

Mit Porsche und Hyundai: Erste Projekte in der Praxis

Veecle hat bereits Projekte mit Partnern wie Hyundai, Magna und Infineon umgesetzt. Das Bekannteste ist das mit Porsche, befindet Nürnberger: „Dort haben wir Testfahrzeuge auf unsere Software umgerüstet. Ein spannendes Beispiel ist die Kopplung mit einem Fitnessarmband des Fahrers. Das Auto kann so in Stresssituationen mehr unterstützen oder im Notfall sogar selbstständig anhalten, Warnblinker einschalten und den Notruf absetzen.“

Bei diesem und allen anderen Testprojekten sei aber vor allem klar geworden: „Software-First ist die Zukunft. Der Weg dorthin variiert: Manche OEMs setzen schon heute konsequent auf Cloud-Entwicklung und rollen neue Funktionen direkt auf Testfahrzeuge aus. Andere gehen vorsichtiger vor und schreiben zunächst nur einzelne Funktionen selbst, während zentrale Fahrfunktionen noch von Zulieferern als Black Box kommen. Aber bei allen ist klar: Ohne eine gemeinsame Basis wie Veecle wird es langfristig nicht gehen.“

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