Kill-Switch, Preisexplosion, Datenzugriff: Für Informatikprofessor Harald Wehnes ist Europas Cloud-Abhängigkeit eine digitale Gefahr. Die „souveräne Cloud“ der Hyperscaler ist für ihn ein Etikettenschwindel. Seine Forderung: Schluss mit Souveränität als Marketing-Märchen.
Europas digitale Gerechtigkeit im Sog der Hyperscaler: Justitia wird zum Spielball globaler Datenmächte. Das Bild symbolisiert die zunehmende Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Cloud-Anbietern.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Immer mehr Hyperscaler werben mit „souveränen Cloud-Angeboten“. Doch was auf den ersten Blick nach sicherer Datenhoheit klingt, ist für Kritiker wie Professor Harald Wehnes nichts anderes als Etikettenschwindel – und eine reale Gefahr für Europas digitale Selbstbestimmung. Im Interview mit CloudComputing-Insider analysiert der Hochschulprofessor und IT-Experte, warum die Versprechen oft trügen und was jetzt passieren muss.
Für Wehnes ist klar: Was US-Anbieter wie Microsoft, Google oder Oracle als „souveräne Cloud“ verkaufen, sei häufig nichts anderes als „Souveränitäts-Washing“. Dahinter stecke ein gezieltes Täuschungsmanöver, um politische und wirtschaftliche Kontrolle zu behalten. „Die US-Konzerne haben längst erkannt, dass digitale Souveränität zum Verkaufsargument geworden ist“, sagte er. „Also etikettieren sie ihre Angebote als souverän, ohne es wirklich zu sein.“
Das Problem liegt für ihn neben der Technik, auch im Recht: „Solange ein Cloud-Anbieter dem US Cloud Act unterliegt, kann keine Rede von echter Souveränität sein. Die US-Regierung kann weltweit auf Daten zugreifen.“ Auch in Europa gespeicherte Daten seien nicht sicher.
Kill-Switch und Log-in-Falle: Abhängigkeiten mit System
Wehnes warnte vor zu großer Abhängigkeit von US-Cloud-Diensten: „Wir laufen Gefahr, uns digital zu kolonialisieren“, sagte er. Die USA habe aus seiner Sicht die Möglichkeit, Druck auf Europa auszuüben. Dies könne durch das das Abschalten von Cloud-Diensten (Kill-Switch) passieren. Dies sei ein Szenario, das Wehnes nicht für unrealistisch hält.
Neben der politischen Hebelwirkung sieht er auch wirtschaftliche Risiken: „Wer sich in proprietäre Umgebungen einbindet, verliert jede Verhandlungsposition.“ Die jüngste Preisexplosion nach der VMware-Übernahme durch Broadcom sei nur ein Beispiel. „In Kliniken in Deutschland sind die Lizenzkosten für Microsoft-Software teilweise um das 16-Fache gestiegen.“
Airgap als Modebegriff: Warum isolierte Regionen kein Schutz sind
Auch die von Hyperscalern beworbenen „Airgaps“ oder „isolierten Regionen“ sind laut Wehnes trügerisch. „Das sind gefährliche Illusionen“, erklärte er. „Solange die Hyperscaler Software und Wartung bereitstellen, bleiben diese Umgebungen abhängig, und zwar auch rechtlich.“ Daher sei die sogenannte isolierte Region laut Wehnes ein Modebegriff, der nur auf dem Papier existiere und fern der Realität sei.
Was macht eine souveräne Cloud aus?
Wehnes verweist auf den Kriterienkatalog der Datenschutzkonferenz. Demnach brauche es:
Rechenzentren in Europa,
Betrieb nach EU-Recht,
keine Abhängigkeit von nicht-europäischer Technologie,
Transparenz über Datenflüsse und Zugriffsrechte,
Interoperabilität und offene Schnittstellen.
Open Source sei dabei hilfreich, aber nicht zwingend notwendig: „Auch proprietäre Software kann souverän betrieben werden. Aber nur solange Infrastruktur, Kontrolle und Rechtsrahmen in Europa liegen.“ Umgekehrt nütze die beste Open-Source-Lösung nichts, wenn sie auf einem Hyperscaler laufe.
Wehnes nannte mehrere europäische Alternativen, darunter Stackit (Lidl), Ionos, OVHcloud oder Scaleway. Für lokale Anforderungen gebe es zudem regionale Anbieter mit souveränen Hosting-Modellen. Entscheidend sei, dass diese Lösungen technisch konkurrenzfähig seien und politisch bevorzugt würden: „Warum speichert der Staat Milliardenprojekte auf US-Servern, wenn er europäische Alternativen fördern will?“
Mit der Ausbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) stehe Europa laut Wehnes vor der nächsten Souveränitätskrise. „Wir dürfen nicht dieselben Fehler wiederholen wie bei der Cloud“, warnte er. Es brauche europäische KI-Modelle – trainiert und betrieben unter europäischer Kontrolle.
Über den Interviewpartner Prof. Dr. Harald Wehnes verfügt über 30-jährige IT-Praxiserfahrung (Wirtschaft, Öffentliche Verwaltung, Großforschung). Er lehrt am Institut für Informatik der Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind modernes Projektmanagement, digitale Unternehmensgründungen und digitale Nachhaltigkeit. Er ist Mitglied des Präsidiums der Gesellschaft für Informatik e.V. und Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität“.
Bildquelle: Wehnes (priv.)
Bestenfalls werden diese „in einem geschlossenen Umfeld betrieben.“ Das heißt in einem eigenen Rechenzentrum. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Daten nicht in falsche Hände geraten würden.
Gaia-X: Ein gescheitertes Projekt?
Was ist mit Gaia-X, dem einst groß angekündigten Projekt für eine europäische Dateninfrastruktur? Wehnes zeigte sich ernüchtert: „Die Idee war gut, die Umsetzung schwach.“ Der Professor für Informatik erläuterte, dass spätestens im Moment in dem „Palantier, eine Überwachungsfirma mit im Boot war“, das Projekt seine eigenen Werte verraten habe.
Stand: 08.12.2025
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Für Wehnes liegt die Lösung in einer klaren politischen Entscheidung: „OpenDesk statt Microsoft Office, und zwar flächendeckend in Europas Verwaltungen. Das würde viele Milliarden sparen.“ Darüber hinaus könne so verhindert werden, dass die Daten von europäischen Bürgern bei Big-Tech-Unternhemen landen.
Sein Appell lautetet ganz klar: Souveränität soll kein Marketingbegriff sein – sondern eine Frage der technologischen Selbstbehauptung. Für Wehnes ist die Richtung eindeutig: raus aus der Abhängigkeit, rein in die europäische Verantwortung.