Nachhaltigkeit Cloud-only? SAP Green Ledger bilanziert den CO2-Ausstoß

Von Jürgen Frisch 4 min Lesedauer

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Wollen Unternehmen nachhaltig wirtschaften, müssen sie künftig eine Umweltbilanz vorweisen. „SAP Green Ledger“ erfasst die Emissionen entlang der Lieferkette. Während Marktbeobachter den Funktionsumfang der Applikationen loben, kritisieren Anwendervertreter den alleinigen Cloud-Fokus.

Statt Finanzbilanz sollen Unternehmen auch mithilfe von „SAP Green Ledger“ eine Bilanz aus ihren Umweltdaten erstellen (können) - jedenfalls, wenn sie das in der Cloud erledigen. (Bild:  megaflopp - stock.adobe.com)
Statt Finanzbilanz sollen Unternehmen auch mithilfe von „SAP Green Ledger“ eine Bilanz aus ihren Umweltdaten erstellen (können) - jedenfalls, wenn sie das in der Cloud erledigen.
(Bild: megaflopp - stock.adobe.com)

Ökologie als Ziel: Mit der auf der diesjährigen Hausmesse „Sapphire“ vorgestellten Initiative Green Ledger unterstützt SAP die Unternehmen dabei, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren. Die Umweltbilanz soll künftig nach Meinung der Walldorfer genauso wichtig werden wie die Finanzberichterstattung. Michael McComb, Global Head of Sustainability Communications bei SAP, sagt dazu: „Der Green Ledger unterstützen Kunden dabei, Nachhaltigkeitsdaten zu erfassen, damit sie über eine genaue und gemeinsam nutzbare Aufzeichnung verfügen.“

Der Green Ledger besteht zunächst aus einer aktualisierten Version der Applikation SAP Sustainability Footprint Management, mit der sich Emissionsdaten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg berechnen lassen, und dem „SAP Sustainability Data Exchange“ für den Austausch von Nachhaltigkeitsdaten mit Lieferanten und Partnern. Beide Produkte sollen noch in diesem Jahr in „SAP S/4 HANA Cloud“ verfügbar sein.

Nachhaltigkeit ist für die SAP kein völlig neues Thema. Bereits auf der „Sapphire 2020“ hat CEO Christian Klein dieses Thema in seiner Keynote fokussiert. Unter dem „Banner Climate 21“ sollten SAP-Applikationen den Unternehmen dabei helfen, ihre Treibhausemissionen zu erfassen und zu reduzieren.

In einer auf mehrere Jahre angelegten Roadmap will SAP mit Innovationspartnern zusammenarbeiten, um Nachhaltigkeitskennzahlen in das Lösungsportfolio von SAP zu integrieren. So sollen Kunden helfen die CO2-Bilanz ihrer Produkte und ihres Geschäftsbetriebs analysieren und zu optimieren.

Der Softwarehersteller sieht sich hier in einer guten Position. Laut Klein nutzen 85 Prozent der Betriebe mit den höchsten CO2-Emissionen SAP-Systeme, und das betrachtet er als Chance: „Wenn Branchen wie Versorger, Landwirtschaft und Transport ihre Emissionen mit IT reduzieren, entspricht das einer möglichen Einsparung von 26 Gigatonnen CO2.“

EU-Richtlinien erzwingen künftig das CO2-Reporting

Richtlinien und Taxonomien der EU verpflichten die Unternehmen künftig dazu, Nachhaltigkeit und soziale Standards in ihrem Geschäftsbetrieb und bei ihren Zulieferern nachzuweisen. Die Unternehmen ziehen dabei mit, wie die Studie ‚ERP in der Praxis 2022/2023‘ des IT-Consultinghauses Trovarit zeigt: Das erstmals abgefragte Thema „Nachhaltigkeit“ ist auf Platz 5 von 18 Themen gelandet.

Trovarit Vorstandsvorsitzender Karsten Sontow. erläutert: „Obwohl die gesetzlichen Regularien dazu großenteils noch in der Vorbereitung sind, befassen sich die Unternehmen schon heute damit, wie sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zukünftige Vorgaben erfüllen können. So fordern beispielsweise Automobilhersteller von ihren Lieferanten, dass sie ihre Aktivitäten in Richtung CO2-Neutralität nachweisen, damit sie künftig als Geschäftspartner akzeptiert werden.“

Die Bilanzierung des CO2-Ausstoßes könne kaum ohne die Stamm- und Bewegungsdaten aus dem ERP-System erfolgen: „Viele Informationen zur Ermittlung des CO2-Ausstoßes in der Lieferkette lagern in den ERP-Stammdaten, zum Beispiel: Welche Materialien werden gekauft, wie schwer sind sie und wo haben die Lieferanten ihren Sitz. Darüber hinaus können ERP-Systeme einen relevanten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leisten, wenn diese im Zuge von Dispositionsentscheidungen mitberücksichtigt werden.“

Datenerfassung und Daten-Management sind große Hürden

Die Hürden für ein exaktes CO2-Reporting sind allerdings hoch. „Die Bilanzierung von Emissionen ist ungenau, solange sie sich auf Branchenschätzungen stützt und nicht auf tatsächliche Daten“, berichtet SAP-Manager McComb. Die SAP-Tools, die in den Green Ledger integriert sind, sollen im Vergleich dazu einen überprüfbaren Datensatz liefern: „Wir erhöhen die Genauigkeit und Granularität der Daten und gehen von den Top-Down-Durchschnittswerten zu einem Bottom-Up-Ansatz über, der dem Finanzstrom in einem Unternehmen ähnelt.“

Eine weitere Hürde ist das Zusammenführen der Daten, wie Nikolaus Hagl, Leiter des Geschäftsbereichs Public & Energie bei SAP Deutschland berichtet: „Das Daten-Management muss bei einem solchen Reporting im Mittelpunkt stehen. Die Schlüsselkennzahlen werden idealerweise nicht nur unternehmensintern, sondern entlang der gesamten Lieferkette berechnet.“

Auch, wenn die Details zu Green Ledger noch unklar sind, erscheint dieses Konzept nach Ansicht von Marktbeobachtern durchaus glaubwürdig. So formuliert es Rohit Chandrasekhar, Director SHIFT (Business Transformation/Wandel) bei PWC UK: „Sobald Unternehmen ihre Emissionen genau bilanzieren können, haben sie die Möglichkeit, den Schaden für die Umwelt zu reduzieren, indem sie nachhaltig wirtschaften und auf erneuerbare Energien setzen, um den Planeten für künftige Generationen zu erhalten.“

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Die aktuell verfolgten Wege würden dieses Ziel nicht erreichen. Unternehmen müssten stattdessen den Faktor Nachhaltigkeit in ihren Kernapplikationen abbilden.

Hohe Funktionsvielfalt versus alleiniger Cloud-Fokus

Das Lösungsportfolio der SAP bietet den Unternehmen laut Chandrasekhar viele Funktionen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Die Applikation „Sustainability Footprint Management“ erlaube es, CO2-Emissionen sowohl in einzelnen Produkten als auch in der gesamten Lieferkette nachzuverfolgen. So könnten Unternehmen diejenigen Bereiche identifizieren, wo sie dank einer gesteigerten Effizienz nachhaltiger wirtschaften. „Die Green-Ledger-Initiative integriert sich mit SAP S/4HANA Cloud und ermöglicht es Unternehmen, die den CO2-Ausstoß bis auf die Ebene der Transaktionen nachzuhalten“, lobt der PWC-Analyst.

Bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe, kurz: DSAG, steht der alleinige Cloud-Fokus heftig in der Kritik, seit SAP CEO Christian Klein angekündigt hat, dass Innovationen wie Künstliche Intelligenz und Green Ledger künftig ausschließlich für Kunden verfügbar sein sollen, die „S/4 HANA Cloud Public Edition“ oder „S/4 HANA Cloud Private Edition“ über Verträge im Rahmen von „Rise with SAP“ oder „Grow with SAP“ nutzen. Kunden, die eine gehostete Hyperscaler-Implementierung außerhalb von Rise with SAP verwenden, hätten ebenso das Nachsehen wie On-Premises-Anwender.

DSAG-Vorstandsvorsitzender Jens Hungershausen äußert: „Wir fordern, dass die SAP sämtliche Innovationen für S/4 HANA Public Cloud oder S/4HANA Private Cloud in gleichem Umfang auch für S/4 HANA on Premises zur Verfügung stellt.“ Darüber hinaus habedie DSAG mit SAP Gespräche aufgenommen, um Anwendern Wege in die Cloud aufzuzeigen und gleichzeitig ihre On-Premises-Investitionen zu schützen.

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